Die ayurvedische Lehre, eine traditionelle indische Heilkunst, bietet einen ganzheitlichen Ansatz zur Stärkung des vegetativen Nervensystems und zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Ayurveda betrachtet den Menschen als Mikrokosmos, der alle Elemente des Makrokosmos (der Welt) in sich vereint. Diese Elemente manifestieren sich in den fünf Sinnen: Hören (Raum), Sehen (Feuer), Riechen (Erde), Fühlen (Luft) und Schmecken (Wasser).
Die Doshas: Grundlage der ayurvedischen Konstitution
Die Grundlage für die individuelle Heilbehandlung im Ayurveda stellen die sogenannten Doshas dar. Sie kennzeichnen etwa die körperliche, geistige und seelische Beschaffenheit eines Menschen. Man kann auch sagen, dass sie auf eine Art unseren Charakter formen. Die Grundkonstitution eines Menschen wird im Ayurveda über die Doshas beschrieben. Man spricht von Vata, Pitta und Kapha.
- Vata: Besteht aus den Elementen Luft und Raum und gilt als Lebensenergie. Es reguliert alle Aktivitäten im Körper, wie Atmung, Nervensystem und Bewegung. Im Gleichgewicht sorgt Vata für Flexibilität, Kreativität und Leichtigkeit, während ein Ungleichgewicht Nervosität, Schlaflosigkeit oder Blähungen hervorrufen kann.
- Pitta: Besteht aus den Elementen Feuer und Wasser und gilt als Energie der Erhitzung. Es reguliert biochemische Vorgänge, Stoffwechsel und Verdauung. Im Gleichgewicht sorgt Pitta für Aufnahmebereitschaft, Verständnis und Lernfähigkeit.
- Kapha: Besteht aus den Elementen Wasser und Erde und gilt als formende Energie. Es reguliert den Aufbau der Körperstrukturen und ist verantwortlich für Gelenkigkeit und Stabilität. Im Gleichgewicht sorgt Kapha für Ruhe und Liebe.
Bei den meisten Menschen dominieren ein oder zwei dieser Doshas. Im Idealfall befinden sich diese Doshas im Gleichgewicht, dann fühlen wir uns ausgeglichen, sind gesund und freudvoll. Gerät allerdings ein Dosha ins Übermaß, so führt dies zu einer Imbalance im gesamten Organismus. Vor allem Stress kann die Doshas aus dem Gleichgewicht bringen. Davon betroffen sind vor allem Vata und Pitta.
Stress als Vata-Störung
Stress wird im Ayurveda oft als Vata-Störung betrachtet. Unruhe und kreisende Gedanken reizen den Sympathikus, was zu einer Überstimulation führt, während der Parasympathikus unterdrückt wird. Diese Vata-Störung verbraucht viel Energie und kann zu Müdigkeit, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche führen. Typische Symptome sind Anspannung im Körper, Rückenschmerzen und Schlafprobleme.
In diesem Zustand sind Betroffene oft "durch den Wind", gekennzeichnet durch übersteigertes Denken und viele Emotionen. Es ist wichtig, sich zu erden, sich im Körper zu verankern und Ruhe und Entspannung zu finden. Fehlende Ruhe und mangelnde Erdung sind eine schlechte Kombination, und es wird geschätzt, dass 80 % aller Krankheiten Luft- oder Vata-Störungen sind.
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Yoga als ausgleichende Praxis
Yoga bietet einen idealen Ansatzpunkt hinsichtlich Stressbewältigung und Stressmanagement. Entscheidend ist, wie man atmet und sich bewegt. Langsame, ruhige Bewegungen und Rhythmus, idealerweise durch tiefe Atmung, sind wichtig, um Vata zu beruhigen. Tiefenentspannungstechniken wie Shavasana, Meditation und Atemübungen sind ebenfalls sehr hilfreich.
Yoga bietet einen idealen Ansatzpunkt hinsichtlich Stressbewältigung und Stressmanagement. Mit der Atmung können wir wirklich sofort das Nervensystem beeinflussen - willentlich! Wir können sie steuern. Indem wir den Atem sanft und langsam führen, verändern wir sofort die Gefühle, die Gedanken, aber auch den Muskeltonus und die Verdauung. Durch die Bewegung, durch die Asanas kommt man ins Lösen: Anspannung, gestaute Energie, Muskelverspannungen, blockierte Atmung, wodurch Druck im Herzbereich entsteht, all das darf sich im Körper lösen. Durch die Asanas kommt man auch ins Spüren, man kommt in Kontakt. Man steigt quasi vom Kopf aus und in den Körper ein - das sich wieder Wahrnehmen wird geschult. Das hilft enorm, beispielsweise in die Erdung zu kommen, zu entspannen, präsent zu sein, in der Achtsamkeit und dabei im Jetzt anzukommen. Yoga ist sanft, meditativ, achtsam und nicht auf Leistung ausgerichtet, es unterstützt das In-Kontakt-Kommen und -Sein mit sich selbst.
Wenn es gelingt, das Nervensystem mit Yoga-Techniken zu balancieren, kann sich der zerstreute Geist des Vata-Typs zentrieren. Vata-Menschen fehlt manchmal der Fokus, wenn sie nicht in Balance sind, deshalb ist neben Ruhe auch Fokus zentral.
Konkrete Übung zur Vata-Beruhigung
Eine einfache Übung zur Beruhigung von Vata ist, sich hinzulegen und sich ganz aufs Fallenlassen zu konzentrieren. Spüre den Kontakt mit dem Boden vom Fersen bis zum Kopf. In diesem Fall ist es Shavasana ohne Affirmation oder Mantra, es ist einfach ein Fallenlassen und die Ruhe in sich finden. Ein etwas aktiveres Beispiel ist die Bauchatmung, wo man ganz bewusst den Ausatem verlängert.
Die Bedeutung des Atems
Das wichtigste ist eigentlich die Atmung - das ist die eine Seite. Denn mit der Atmung können wir wirklich sofort das Nervensystem beeinflussen - willentlich! Wir können sie steuern. Indem wir den Atem sanft und langsam führen, verändern wir sofort die Gefühle, die Gedanken, aber auch den Muskeltonus und die Verdauung.
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Weitere ayurvedische Empfehlungen zur Stressbewältigung
Neben Yoga gibt es weitere ayurvedische Empfehlungen zur Stressbewältigung und Stärkung des vegetativen Nervensystems:
- Lebensrhythmus: Der Mensch ist in die Rhythmen der Natur eingebettet. Hier steht der Ayurveda in direkter Übereinstimmung mit den Prinzipien einer naturheilkundlich orientierten Ordnungstherapie.
- Körperbewusstsein: Neben der täglichen Selbstmassage, die den Körper erfrischt und belebt und zu einem positiven Verhältnis zum eigenen Körper führt, sind die ayurvedischen Manualtherapien von großer Bedeutung bei Burnout. Die warmen medizinierten Öle tragen zur Stärkung der Patienten bei. Zudem empfiehlt der Ayurveda, physische Grundfunktionen nicht zu unterdrücken, um den Aufbau belastender Spannungen zu vermeiden.
- Entwicklung eines positiven Lebensgefühls: Ayurveda ist sinnlich und strebt die Erfüllung der Sinne als Basis eines Gleichgewichts an. Alle Aktivitäten, die Freude auslösen und innere Erfüllung schrittweise zurückbringen, können Teil einer ayurvedischen Therapie sein.
- Ernährung: Ayurvedische Ernährung beinhaltet die Entwicklung einer Esskultur, die das bewusste Schmecken und Genießen der Speise in angenehmer Umgebung beinhaltet. Nährende und wärmende Speisen sind insbesondere bei Burnout zu empfehlen.
- Entspannung: Viele Aktivitäten des täglichen Lebens führen zu Anspannung und Verkrampfung, die die Vorstufen für manifeste Erkrankungen sind.
- Entgiftung und Entschlackung: Eine ayurvedische Kurmaßnahme, die zudem den Wechsel von Ort und Lebensumständen mit sich bringt, ist sehr empfehlenswert, um den Körper zu regenerieren und zu reinigen. Die sogenannte „Pancakarma Behandlung“ beinhaltet Massagen, Wärmeanwendungen, Einnahme von Kräuterextrakten, Diät u.a.
- Meditation: Meditative Prozesse öffnen den Zugang zur inneren Kraftquelle, fördern die bewusste Wahrnehmung, entwickeln Entspannung, Gelassenheit und innere Stabilität und führen auch physiologisch zur Aktivierung von Regenerationsmechanismen.
Die Bedeutung der Wahrnehmung
Der Ayurveda ist zutiefst davon überzeugt, dass Menschen in ihrem innersten Wollen das Gute und Richtige anstreben. Das für die Gesundheit zuträgliche Verhalten korreliert mit Wahrnehmungen, die als angenehm und wohltuend empfunden werden. Menschen, die diese Wahrnehmungen nicht mehr haben, die vielleicht sogar das Nichtzuträgliche als angenehm und zuträglich empfinden, sind in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit gestört. Sie leiden an einer Krankheit, die der Ayurveda „prajnaparadha“ - „Fehlgehen der Erkenntnis“ nennt. Mit der Einführung von prajnaparadha wird im Ayurveda ein besonderer Akzent auf die geistigen Ursachen von Krankheiten gelegt. Wir hatten bereits gesehen, dass falsches Verhalten als krankheitsauslösendes Moment definiert worden ist.
Ayurveda im Alltag integrieren
Um Stress besser zu bewältigen, ist es wichtig, ein gutes Maß aus Akzeptanz und bewusster Abgrenzung zu finden. Vor allem geht es im Ayurveda aber darum, das Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse zu schärfen - und, soweit es möglich ist, entsprechend den Signalen des Körpers zu handeln.
Ayurveda in dunklen Jahreszeiten
Nasskalte Tage mit wenig Licht rücken näher und damit auch die Gefahr für schlechte Laune und depressive Stimmung. Doch das ist noch lange kein Grund, um Trübsal zu blasen! Ayurveda hat hier einiges zu bieten, was dich wunderbar unterstützt, um in der dunklen Jahreszeit in Balance zu bleiben.
Vom Spätherbst bis in den frühen Winter (etwa bis Weihnachten) ist laut Ayurveda das Vata-Dosha verstärkt in der Natur zu finden. Vor allem, wenn die Tage von Kälte, Wind und Trockenheit geprägt sind. Die Eigenschaften des Vata sind kalt, beweglich, trocken, rau, leicht und subtil. In dieser Zeit kann es sein, dass du dich durch die Vata-Energie verstärkt irritiert und irgendwie getrieben fühlst. Daher ist es nun besonders wichtig, auf die gute Qualität der Nahrung zu achten. Essen wir zu wenig oder zu leichte Nahrung, so laufen wir Gefahr, unsere Kraftreserven durch den außerordentlichen aktiven Stoffwechsel zu verbrennen. Um dies zu vermeiden, dürfen wir fettig-ölige Speisen sowie salzige und süße Nahrungsmittel zu uns nehmen. Nach dieser Energie freisetzenden Zeit, also ab Weihnachten - im späten Winter, braucht unser gesamter Organismus, sowohl unser Körper als auch unser Geist, dann eine Phase der Ruhe, in der wir nachhaltig auftanken und neue Kraft schöpfen. Das Außen macht es vor und lädt zum Mitmachen ein. In der Natur kehrt Stille ein, alles wird ruhiger und langsamer. Auch wir werden ein wenig träger und bauen nach der bewegten, Vata-intensiven Zeit nun vermehrt Kapha auf, was uns körperlich und mental vor Kälte und Auszehrung wappnet und unser Immunsystem nährt.
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Regelmäßige, warme Mahlzeiten sind besonders wichtig. Sinken die Temperaturen, sinkt auch schnell die Lust und Motivation auf Sport im Freien. Dabei ist Bewegung an der frischen Luft im Winter sehr wichtig, denn es unterstützt dein Immunsystem.
Winter-Wellness mit Ayurveda
Elementares Gleichgewicht für das körperliche und seelische Wohlbefinden. “Gleiches verstärkt Gleiches, Wärme mindert Kälte, Feuchtigkeit hebt Trockenheit auf.” So auch in der ayurvedischen Massage. Wir empfehlen eine Abhyanga Massage mit warmen Kräuterölen. Sie nährt die Haut, regt das Immunsystem an und bringt den Energiefluss wieder ins Gleichgewicht. Die perfekte Therapie gegen den Winterblues ist der Shirodhara.
Traditionell werden Ölmassagen bereits in der Säuglingspflege eingesetzt um Motorik, Sensorik und Gewebeaufbau des Kindes zu fördern. Bei Erwachsenen wird die tägliche Ölmassage empfohlen, um Bewegungsapparat, Nervensystem und Haut zu stärken sowie um Erkrankungen in diesen Bereichen vorzubeugen.
Ayurveda und die Darm-Gehirn-Achse
Dass Darmbakterien einen zentralen Einfluss auf die Gesundheit haben, ist inzwischen weitreichend bekannt. Die Informationen zwischen Gehirn und Darm werden hauptsächlich über zwei Wege ausgetauscht. Einmal über das Rückenmark und zum Zweiten über den Nervus Vagus, der vom Hirnstamm zu den Verdauungsorganen zieht und auch Parasympathikus genannt wird. Dieser Teil des vegetativen Nervensystems ist aktiv bei Entspannung und unterstützt neben der Verdauung auch das Immunsystem und eine Vielzahl an Regenerations- und Reparaturprozessen im Körper.
Liegt nun ein gestörtes Darmmilieu vor, zum Beispiel nach gehäufter Antibiotikagabe oder langer Einnahme von Säureblockern, können neben Verdauungsstörungen mit Akkumulation von Toxinen auch Neurotransmittermängel auftreten mit direktem Einfluss auf das psychische Wohlbefinden.
Aufgrund der engen Verbindung zwischen Darm und Gehirn verwundert es nicht, dass anhaltende psychische Belastung auf den Bauch schlägt. Viele Menschen klagen in Stressphasen über Appetitlosigkeit, Heißhungerattacken oder Verdauungsstörungen, wie Verstopfung und Durchfall. Der Grund ist eine vermehrte Hormonausschüttung von Adrenalin und Cortisol, die die Verdauungsleistung beeinträchtigen. Bleibt dieser Zustand über längere Zeit hinweg bestehen, verändert sich auch das Mikrobiom. Es kommt zu einer sog. Dysbiose mit höherer Wahrscheinlichkeit für Darmerkrankungen, aber eben auch psychischem Unwohlsein.
Tipps für eine gesunde Verdauung
- Morgens auf leeren Magen ein Glas zimmerwarmes Wasser mit 1-2 Teel.
- Vor dem Essen 1 Teel.
- Beim Essen gut kauen und den Nahrungsbrei sorgfältig einspeicheln, in Ruhe essen.
- Ruhen nach dem Essen, je nach Dosha-Dominanz - Vata: 1⁄2 Std.
- Vor dem Schlafen 1-2 Tabletten MA 505 - Triphala plus.
- Jeden zweiten Abend 1 TL gemahlene Leinsamen und Flohsamen Schalen in warmem Wasser eingerührt trinken.
Insgesamt sind regelmäßige Mahlzeiten, die den individuellen Hunger- und Sättigungszeitpunkt berücksichtigen, anzustreben. Dagegen sollten Zwischenmahlzeiten vermieden werden, damit der Darm genügend Zeit hat, die vorangegangene Mahlzeit wirklich aufzuspalten. Das Essen sollte leicht verdaulich sein, ganz besonders am Abend. Dagegen kann mittags die Hauptmahlzeit erfolgen, wo kleine Sünden am ehesten verziehen werden, da um diese Zeit das Verdauungsfeuer am stärksten ist.