Babygröße, Elterliche Sorgen und die Entwicklung des kindlichen Gehirns

Die Größe und Entwicklung eines Babys sind oft Anlass zur Freude, aber auch zu Verunsicherung bei Eltern. Nicht selten werden Eltern mit Kommentaren zur Größe ihres Kindes konfrontiert, die sowohl positiv als auch negativ behaftet sein können. Dieser Artikel beleuchtet die körperliche Entwicklung von Babys und Kleinkindern im Kontext der Gehirnentwicklung und geht auf die damit verbundenen elterlichen Sorgen ein.

Die Grundlagen: Das Gehirn von Babys und Kleinkindern

Um die Entwicklung von Babys und Kleinkindern besser zu verstehen, ist es wichtig, sich zunächst mit der Struktur und Entwicklung des Gehirns auseinanderzusetzen.

Das Gehirn eines Erwachsenen wiegt durchschnittlich 1.245 g bei Frauen und 1.375 g bei Männern. Es besteht hauptsächlich aus dem Großhirn, das in zwei Hemisphären unterteilt ist, die durch den Balken miteinander verbunden sind. Die linke Hemisphäre ist primär für Sprache, den Umgang mit Symbolen und Sequenzen (Mathematik, Musik) sowie Denkprozesse zuständig, während die rechte Hemisphäre visuell-räumliche Wahrnehmung, Gefühle, Kreativität, Fantasie und Körperkoordination steuert. Zum Großhirn gehört auch das limbische System, das emotionale Reaktionen verarbeitet.

Das Kleinhirn, ebenfalls in zwei Hemisphären unterteilt, steuert unbewusst Muskulatur, Motorik und Körperhaltung (Gleichgewicht), ermöglicht die Orientierung im Raum und erhält über die Brücke willkürliche Bewegungsimpulse aus dem Großhirn. Das Zwischenhirn umfasst den Thalamus (der Input "sortiert" und an spezialisierte Teile des Gehirns weiterleitet) und den Hypothalamus (der lebenswichtige vegetative Funktionen wie Wärme-, Wasser- und Energiehaushalt steuert). Der Hirnstamm kontrolliert Atmung, Blutkreislauf, Aufmerksamkeit und Schlaf, während das verlängerte Mark automatisch ablaufende Vorgänge wie Herzschlag und Reflexe steuert.

Das Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Jede Nervenzelle hat ein Axon, das Nachrichten versendet (Output), und viele Dendriten, über die sie Botschaften empfängt (Input). Die Kommunikation zwischen den Neuronen erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern (komplexe Aminosäuren wie Serotin, GABA, Dopamin, Adrenalin usw.) bzw. von Ionen in den Synapsen. Das Gehirn produziert hierzu jederzeit rund 20 Watt an Elektrizität und benötigt viel Energie - beim Erwachsenen rund 18 % seines täglichen Kalorienbedarfs, bei Kleinkindern sogar bis zu 50 %.

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Die rasante Entwicklung des kindlichen Gehirns

Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits im Mutterleib. Beim Fötus entsteht zunächst eine große Anzahl von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt abgebaut wird. Ein Neugeborenes startet mit 100 Milliarden Neuronen (der gleichen Anzahl wie bei Erwachsenen), die aber noch klein und wenig vernetzt sind. Daher beträgt das Gewicht seines Gehirns nur etwa ein Viertel des Gewichts eines Erwachsenen.

In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu. Eine Gehirnzelle kann bis zu 10.000 Synapsen ausbilden. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viele (200 Billionen). Diese Anzahl bleibt bis zum Ende des ersten Lebensjahrzehnts relativ konstant. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht ist.

Diese rasante Entwicklung der Synapsen geht mit einer schnellen Gewichtszunahme des Gehirns einher: von 250 g bei der Geburt über 750 g am Ende des ersten Lebensjahres bis 1.300 g im fünften Lebensjahr. In der Pubertät wird schließlich das Endgewicht erreicht. Die doppelt so hohe Zahl von Synapsen erklärt auch, warum das Gehirn eines Dreijährigen mehr als doppelt so aktiv ist wie das eines Erwachsenen. Außerdem enthalten die Gehirne von (Klein-) Kindern größere Mengen bestimmter Neurotransmitter und verbrauchen fast doppelt so viel Glukose wie die Gehirne von Erwachsenen.

Die Überproduktion von Synapsen in den ersten Lebensjahren ist ein Zeichen für die große Plastizität des Gehirns und die enorme Lern- und Anpassungsfähigkeit des Säuglings bzw. Kleinkinds. Das Neugeborene beginnt geistig praktisch bei Null und ist weitgehend auf Wahrnehmung und Reaktion beschränkt. Die Regionen des Gehirns, die später für komplexe Funktionen wie Sprechen oder Denken zuständig sind, liegen weitgehend brach. Dies ermöglicht es dem Neugeborenen, sich an ganz unterschiedliche Kulturen und Milieus anzupassen.

Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren. So bestimmt letztlich die Umwelt - das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene - zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns. Diese Entwicklung setzt sich bis zum Tode des Menschen fort: Unbenötigte Synapsen werden eliminiert, häufig benutzte verstärkt. Zugleich werden aber immer wieder neue Synapsen gebildet, insbesondere im Rahmen von Gedächtnisprozessen.

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Entwicklungsfenster und sensible Phasen

Die Überproduktion und Selektion von Synapsen erfolgen in verschiedenen Regionen des Gehirns mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität und erreichen ihren Höhepunkt zu jeweils anderen Zeiten. Beispielsweise wird in den Hinterhauptslappen, die für die visuelle Wahrnehmung zuständig sind, die höchste Dichte von Synapsen schon in den ersten Lebensmonaten erreicht. Hingegen ist das Wachstum in den Stirnlappen (Planen von Handlungen, Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit) zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr am größten.

In diesem Zusammenhang wird oft von "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" gesprochen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich sei, da dann die relevanten Synapsen ausgewählt und miteinander verknüpft, also die entsprechenden Regionen des Gehirns strukturiert würden. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere.

Ein bekanntes Beispiel ist die "sensible Phase" für den Spracherwerb, die bis zum 6. oder 7. Lebensjahr dauert. Das Baby kann schon alle Laute jeder Sprache dieser Welt unterscheiden, das Kleinkind alle Phoneme korrekt nachsprechen. Innerhalb weniger Lebensjahre werden aber die Synapsen eliminiert, die diese Leistung ermöglichen, aber nicht benötigt werden, da sich das Kind in der Regel ja nur eine Sprache mit einer sehr begrenzten Zahl von Phonemen aneignet. Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.

Es ist jedoch wichtig, das Konzept der "kritischen Phasen" nicht zu überbetonen, da die Lernfähigkeit des Menschen außerhalb der sensiblen Periode oft unterschätzt wird. So kann ein Schulkind oder ein Erwachsener durchaus eine zweite, dritte oder vierte Sprache lernen, wenn auch zumeist nur mit einem (leichten) Akzent.

Individuelle Unterschiede und das elterliche Nervenkostüm

Trotz der allgemeinen Entwicklungsmuster gibt es erhebliche individuelle Unterschiede in der Gehirnentwicklung und im Wachstum von Babys und Kleinkindern. Diese Unterschiede sind sowohl genetisch bedingt als auch durch Umwelteinflüsse geprägt.

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Rund 60 % aller menschlichen Gene wirken auf die Gehirnentwicklung ein. Der IQ ist aber nur zu etwa 50 % genetisch bedingt, der Schulerfolg sogar nur zu 20 %. Die Umgebung wirkt schon vor der Geburt auf die Gehirnentwicklung ein (z.B. die Stimme der Mutter, Musik und andere Geräusche), insbesondere über den Körper der Mutter. Negative Einflussfaktoren sind beispielsweise Fehlernährung, Rauchen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Stress oder der Umgang mit giftigen Substanzen am Arbeitsplatz während der Schwangerschaft.

Nach der Geburt wird die Gehirnentwicklung z.B. gehemmt durch längere Krankenhausaufenthalte oder Heimunterbringung, da dann Säuglinge bzw. Kleinkinder zu wenig Stimulierung erfahren. Dasselbe gilt für den Fall, dass die Mutter depressiv ist oder die Eltern ihr Kind vernachlässigen. Einen negativen Effekt können ferner frühkindliche Traumata oder Misshandlungen haben. Eine positive Wirkung wird hingegen beispielsweise dem Stillen zugesprochen, da hier das Gehirn besonders gut mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen versorgt wird.

Diese individuellen Unterschiede führen dazu, dass manche Babys schneller wachsen und größer sind als andere. Eltern werden oft mit Kommentaren zur Größe ihres Kindes konfrontiert, die von wohlmeinenden Bemerkungen bis hin zu unangebrachten Vergleichen reichen können. Es ist wichtig zu verstehen, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat und sich individuell entwickelt.

Elterliche Sorgen und der Umgang mit Kommentaren

Viele Eltern kennen die Situation: Das Baby ist noch keine zwei Jahre alt, aber schon fast einen Meter groß und trägt Schuhgröße 27. Oder umgekehrt: Das Kind ist fast drei, wiegt gerade mal 11 kg und ist 88 cm kurz. Solche Abweichungen vom Durchschnitt können bei Eltern Unsicherheiten und Sorgen auslösen.

Oft werden Eltern mit Kommentaren konfrontiert wie: "Mensch, schau mal, wie groß deiner ist, viel größer als deiner, obwohl über ein Jahr dazwischen ist!" oder "Ach Gott, die ist aber klein!". Solche Äußerungen können verletzend sein und das Selbstwertgefühl der Kinder beeinträchtigen.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass solche Kommentare oft unbedacht sind und nicht böswillig gemeint sind. Viele Menschen wollen einfach nur ins Gespräch kommen und suchen nach einem Aufhänger. Die Größe des Babys ist dabei ein auffälliges Merkmal, das sich für einen Gesprächseinstieg anbietet.

Dennoch ist es verständlich, dass Eltern sich über solche Kommentare ärgern oder Sorgen machen. Es ist wichtig, sich nicht von den Meinungen anderer verunsichern zu lassen und auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Wenn man Bedenken hat, sollte man den Kinderarzt konsultieren und sich beraten lassen.

Tipps für Eltern im Umgang mit der kindlichen Entwicklung

  • Geben Sie sich und Ihrem Baby Zeit, sich an die Veränderungen zu gewöhnen. Jedes Kind entwickelt sich individuell und hat sein eigenes Tempo.
  • Kennen Sie die einzelnen Entwicklungsphasen, um sich zu orientieren.
  • Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung während der Stillzeit, damit Ihr Baby alle notwendigen Nährstoffe erhält.
  • Sorgen Sie für ausreichend Schlaf und Geborgenheit, da dies wichtige Faktoren für eine gesunde Entwicklung sind.
  • Nehmen Sie regelmäßig an den Kindervorsorgeuntersuchungen teil, um die Gesundheit Ihres Babys im Blick zu behalten.
  • Fördern Sie die Sprechfreude Ihres Babys, indem Sie ihm von Anfang an erzählen, was Sie machen, und benennen Sie, was es sieht.
  • Regen Sie die Bewegungsfreude Ihres Babys an, indem Sie ihm größtmögliche Bewegungsfreiheit gewähren.
  • Ignorieren Sie unangebrachte Kommentare zur Größe Ihres Kindes und lassen Sie sich nicht verunsichern.
  • Konzentrieren Sie sich auf die positiven Aspekte der Entwicklung Ihres Kindes und feiern Sie seine Fortschritte.
  • Suchen Sie sich Unterstützung bei Familie und Freunden, um den Babyalltag zu entlasten.
  • Nehmen Sie Hilfsangebote von Verwandten und Freunden an und bitten Sie in anstrengenden Zeiten um Hilfe.
  • Planen Sie die gemeinsame Zeit gut und sprechen Sie sich ab, um die Babyversorgung aufzuteilen.
  • Achten Sie auf ausreichend Schlaf und Zeit für die eigenen Bedürfnisse.
  • Vergessen Sie die Zweisamkeit nicht und nehmen Sie sich Zeit als Paar.

Die Herausforderungen des Elternseins und der Umgang mit Überforderung

Elternsein ist eine wundervolle, aber auch herausfordernde Aufgabe. Schlaflose Nächte, ständige Sorgen und die Verantwortung für ein kleines Wesen können an den Nerven zerren. Viele Eltern fühlen sich überfordert und wünschen sich manchmal einfach nur eine Auszeit.

Es ist wichtig zu akzeptieren, dass es normal ist, sich als Elternteil manchmal überfordert zu fühlen. Niemand ist perfekt, und es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Wichtig ist, sich nicht zu schämen und sich Hilfe zu suchen, wenn man sie braucht.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich als Elternteil zu entlasten:

  • Sprechen Sie mit Ihrem Partner über Ihre Gefühle und Sorgen.
  • Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst, auch wenn es nur ein paar Minuten am Tag sind.
  • Treffen Sie sich mit anderen Eltern, um sich auszutauschen und zu unterstützen.
  • Suchen Sie professionelle Hilfe, wenn Sie sich überfordert fühlen oder unter Depressionen leiden.
  • Denken Sie daran, dass Sie nicht allein sind. Viele Eltern haben ähnliche Gefühle und Erfahrungen.

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