Wenn ein Baby den Kopf nur zu einer Seite dreht, die Bauchlage meidet oder auffällig oft schreit, suchen Eltern und Therapeuten oft nach den Ursachen. Eine mögliche Erklärung ist das sogenannte KISS-Syndrom (kopfgelenkinduzierte Symmetrie-Störung). Dieser Artikel beleuchtet die möglichen neurologischen Ursachen von Kopfbewegungsauffälligkeiten bei Babys, das umstrittene KISS-Syndrom, Diagnosemethoden und Therapieansätze.
Einführung
Die Geburt eines Kindes ist ein einschneidendes Erlebnis, das auch den Körper des Neugeborenen betrifft. Kompressionen oder Fehlstellungen im Bereich der oberen Halswirbelsäule können Auswirkungen auf die Körperhaltung, das Verhalten und die Entwicklung des Säuglings haben. Hier setzt das Konzept des KISS-Syndroms an.
Das KISS-Syndrom: Eine kopfgelenkinduzierte Symmetrie-Störung
Der Begriff KISS-Syndrom stammt aus der manuellen Medizin und wurde maßgeblich durch den deutschen Orthopäden und Manualmediziner Dr. Heiner Biedermann geprägt. Laut dieser Hypothese liegt beim KISS-Syndrom eine funktionelle Blockierung oder Fehlstellung der oberen Kopfgelenke (meist Atlas und Axis) vor, die eine „Schieflage“ des gesamten Körpers verursachen kann. Laut Dr. Biedermann hat dies Folgen für die Motorik, das Nervensystem und sogar das Verhalten.
Welche Symptome treten beim KISS-Syndrom auf?
Folgende Anzeichen können auf eine mögliche Symmetriestörung im Bereich der Halswirbelsäule hindeuten:
- Eine bevorzugte Kopfhaltung zur Seite (Schiefhals)
- Vermeidung der Bauchlage
- Asymmetrien im Gesicht oder in der Bewegungsentwicklung
- Schlafprobleme, vermehrtes Schreien („Schreibaby“)
- Probleme beim Stillen, z. B. nur auf einer Brust
- Eingeschränkte Kopfrotation oder Neigung
- Verzögerte Entwicklung der Grobmotorik
Die Symptome treten nicht immer in gleicher Ausprägung auf - manchmal sind sie subtil, manchmal deutlich sichtbar.
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Wie entsteht das KISS-Syndrom?
Die Ursachen für das KISS-Syndrom werden in der Fachwelt als vielschichtig und individuell unterschiedlich beschrieben. Besonders häufig werden Geburtstraumata genannt. Dabei handelt es sich um körperliche Belastungen, die während des Geburtsvorgangs auftreten können. Dazu zählen etwa die Anwendung von Geburtshelfern wie Zange oder Saugglocke, aber auch eine lang andauernde Pressphase, bei der starker Druck auf den empfindlichen Bereich der Halswirbelsäule wirken kann. Selbst ein Kaiserschnitt steht hierbei in der Diskussion, da dem Kind hierbei ein wichtiger Impuls fehlt - nämlich der „Reset-Reiz“, der beim Durchtritt durch den engen Geburtskanal normalerweise auf das Nervensystem wirkt und die Anpassung an die Außenwelt fördert.
Auch vorgeburtliche Faktoren wie eine ungünstige Lage des Kindes im Mutterleib - zum Beispiel eine Beckenendlage - können die Entstehung von Haltungsasymmetrien begünstigen. In solchen Fällen vermutet man, dass bestimmte Bewegungsmuster oder Gelenkstellungen im Uterus dauerhaft einseitig belastet werden. Darüber hinaus können Blockierungen oder muskuläre Verspannungen im Bereich der oberen Kopfgelenke die freie Beweglichkeit des Kopfes einschränken und so zu einer asymmetrischen Körperhaltung führen. Seltener liegen den Symptomen angeborene strukturelle Fehlbildungen zugrunde, etwa beim sogenannten Klippel-Feil-Syndrom - einer Entwicklungsstörung der Halswirbelsäule, bei der einzelne Wirbel verschmolzen sind.
Nicht immer steckt eine komplexe Gelenkproblematik hinter den Beschwerden. In vielen Fällen entsteht ein muskulärer Schiefhals (medizinisch: Torticollis) durch eine Verkürzung oder funktionelle Störung des Musculus sternocleidomastoideus - jenes langen, schräg verlaufenden Halsmuskels, der für das Drehen und Neigen des Kopfes zuständig ist. Besonders nach einem Geburtstrauma kann dieser Muskel in Mitleidenschaft gezogen werden, sei es durch Blutergüsse, Narbenbildung oder einseitige Beanspruchung. Die Folge: Das Baby hält den Kopf bevorzugt zu einer Seite, bewegt ihn ungern oder entwickelt eine asymmetrische Körperspannung - ein mögliches erstes Anzeichen für eine kopfgelenkinduzierte Symmetrie-Störung.
Ist das KISS-Syndrom wissenschaftlich anerkannt?
Hier scheiden sich die Geister. Während viele manuell arbeitende Therapeuten, wie etwa Osteopathen, Chiropraktiker oder Physiotherapeuten, von positiven Behandlungsergebnissen berichten, gilt das KISS-Syndrom aus Sicht der evidenzbasierten Medizin nicht als gesicherte Diagnose. Es ist nicht in der ICD (International Classification of Diseases) gelistet und wird in pädiatrischen Leitlinien nicht als eigenständige Erkrankung geführt.
Dennoch gibt es reale funktionelle Auffälligkeiten bei Säuglingen, die - unabhängig von der Begrifflichkeit - einer fachkundigen Abklärung und ggf. Behandlung bedürfen.
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KISS-Syndrom - So diagnostizieren Osteopathen
In der osteopathischen Praxis steht zu Beginn eine ausführliche Anamnese: Wie verlief die Geburt? Gab es Auffälligkeiten in der frühen Entwicklung? Gibt es Hinweise auf strukturelle Fehlbildungen oder neurologische Auffälligkeiten?
Danach folgt eine körperliche Untersuchung (Palpation), bei der Spannungen in der Muskulatur, Beweglichkeit der Kopfgelenke sowie die Lage von Schädel- und Wirbelknochen beurteilt werden. Manche Osteopathen nutzen „Listening“-Techniken, also das feinfühlige Ertasten rhythmischer Spannungsmuster.
Ergänzend können pädiatrische Tests durchgeführt werden, etwa zur Überprüfung von Reflexen, Muskeltonus oder Bewegungsmustern. In unklaren Fällen können auch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder 3D-CT zur Abklärung von Fehlbildungen zum Einsatz kommen.
Andere Ursachen für Kopfbewegungsauffälligkeiten
Neben dem KISS-Syndrom gibt es weitere mögliche Ursachen für Kopfbewegungsauffälligkeiten bei Babys:
- Muskulärer Schiefhals (Torticollis): Eine Verkürzung oder Verspannung des Musculus sternocleidomastoideus.
- Lagerungsbedingte Schädelasymmetrie (Plagiozephalie): Eine Verformung des Schädels durch bevorzugte Lagerung auf einer Seite.
- Kraniosynostose: Ein vorzeitiger Verschluss der Schädelnähte.
- Neurologische Erkrankungen: In seltenen Fällen können neurologische Erkrankungen wie Zerebralparese oder andere Bewegungsstörungen die Ursache sein.
- Angeborene Fehlbildungen: Strukturelle Anomalien der Halswirbelsäule, wie das Klippel-Feil-Syndrom.
- Mikrozephalie: Ein ungewöhnlich kleiner Kopfumfang, oft verbunden mit einer Verringerung des Gehirnvolumens.
Diagnose von Kopfbewegungsauffälligkeiten
Eine umfassende Diagnose ist entscheidend, um die Ursache der Kopfbewegungsauffälligkeit zu ermitteln und eine geeignete Behandlung einzuleiten. Die Diagnose umfasst in der Regel:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Geburtsverlauf, Entwicklung und Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Kopfhaltung, Beweglichkeit, Muskulatur und Reflexe.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der neurologischen Funktionen.
- Bildgebende Verfahren: Ultraschall, Röntgen, CT oder MRT zur Abklärung von Fehlbildungen oder anderen Ursachen.
- 3D-Scan: Moderne Diagnosemethoden wie 3D-Scans können zusätzlich eingesetzt werden, um präzise Messwerte und Visualisierungen der Kopfform zu erhalten.
- Vermessung des Kopfes: Die Schwere der Kopfasymmetrien können wir eindeutig bestimmen, indem wir den Schädeldurchmesser Ihres Kindes an zwei Stellen des Kopfes messen und vergleichen. Zur Bestimmung der Schwere können wir die Asymmetrie des Schädels (CVA = Cranial Vault Asymmetry) bei Ihrem Kind messen. Dabei vergleichen wir zwei Schrägdurchmesser des Kopfes miteinander, die auf beiden Schädelseiten jeweils diagonal von der Stirn zum Hinterkopf gemessen werden. Liegt der Unterschied bei weniger als 3 mm, liegt keine Kopfasymmetrie vor. Bei einem Unterschied zwischen 3 mm und 12 mm liegt eine mild moderate Kopfverformung vor, bei über 12 mm Unterschied eine moderat schwere Asymmetrie.
Therapieansätze
Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Kopfbewegungsauffälligkeit. Mögliche Therapieansätze sind:
- Manuelle Therapie: Osteopathie, Chiropraktik oder Physiotherapie zur Lösung von Blockaden und Verspannungen.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung und Dehnung der Muskulatur.
- Lagerungstherapie: Anpassung der Lagerung des Säuglings, um den Druck auf den Schädel zu reduzieren.
- Helmtherapie: Bei ausgeprägten Schädelasymmetrien kann eine Helmtherapie helfen, die Kopfform zu korrigieren.
- Operation: In seltenen Fällen, z. B. bei Kraniosynostose, kann eine Operation erforderlich sein.
- Atlastherapie: Der behandelnde Therapeut konzentriert sich hierbei auf den Atlaswirbel. Ein schneller und präziser Druck sorgt dafür, dass das Gelenk wieder in die korrekte Form gebracht wird. Die Behandlung dauert nur wenige Sekunden.
- HIO: Das Ziel der HIO ist es ebenfalls, das Gelenk wieder in eine korrekte Position zu bringen. Dabei wird ein stärkerer Druck auf das Gelenk als im Vergleich zur Atlastherapie ausgeübt. Die Therapiemaßnahme wird nur durch einen qualifizierten Therapeuten oder einem Kinderarzt ausgeführt. Die Behandlung dauert wenige Minuten. In den meisten Fällen sind zwei Sitzungen notwendig.
- Therapie nach Biedermann: Diese Therapieform behandelt die obere Halswirbelsäule von der Schädelbasis bis zum unteren Halswirbel C3. Die Stimulation erfolgt dreidimensional. Das heißt, dass nicht nur Abweichungen von links nach rechts und von vorne nach hinten berücksichtigt werden, sondern auch Rotationsabweichungen der betroffenen Wirbel.
- Craniosacrale Therapie: Ziel der Therapie ist es, dass die Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung korrigiert und Bewegungseinschränkungen behoben werden. Dabei wird sanfter Druck auf die betroffenen Stellen ausgeübt, um Einschränkungen und Blockaden zu lösen und die Selbstheilungskräfte des Immunsystems anzuregen. Die Therapie ist eine osteopathische Behandlungsform.
Was passiert, wenn das KISS-Syndrom nicht behandelt wird?
Wird ein muskulärer Schiefhals im Säuglingsalter nicht erkannt oder behandelt, kann das - je nach Ausprägung und Dauer - Folgen für die körperliche und motorische Entwicklung haben. Oft entwickeln sich mit der Zeit sichtbare Asymmetrien im Gesicht oder im Körperbau, etwa ein schräg verlaufender Hinterkopf oder einseitig ausgeprägte Muskelpartien. Auch die Grob- und Feinmotorik kann betroffen sein: Kinder greifen seltener mit einer Hand, drehen sich nur in eine Richtung oder zeigen eine verzögerte Entwicklung beim Sitzen, Krabbeln oder Gehen. Je länger die funktionelle Einschränkung bestehen bleibt, desto größer ist das Risiko, dass der kindliche Körper die Bewegungseinschränkung kompensiert - oft mit weiteren Fehlhaltungen.
In seltenen Fällen berichten Therapeutinnen und Therapeuten von einem Übergang in das sogenannte KIDD-Syndrom - eine Abkürzung für „kopfgelenkinduzierte Dysgnosie und Dyspraxie“. Damit gemeint sind neurofunktionelle Auffälligkeiten wie Konzentrationsstörungen, Lernschwierigkeiten, Bettnässen oder ein unruhiges Verhalten, die möglicherweise auf eine anhaltende Störung im Bereich der Kopfgelenke zurückzuführen sein könnten. Allerdings: Die wissenschaftliche Grundlage für diesen Zusammenhang ist bislang schwach. Es existieren keine belastbaren Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen einem unbehandelten KISS-Syndrom und späteren Diagnosen wie ADHS oder Entwicklungsstörungen eindeutig belegen. Auch wenn die Beobachtungen in der therapeutischen Praxis ernst genommen werden sollten, ist bei solchen Langzeitprognosen also Zurückhaltung geboten. Jede kindliche Entwicklung ist individuell - und nicht jede Schieflage führt automatisch in eine Störung.
Prävention von Kopfbewegungsauffälligkeiten
Einige Maßnahmen können helfen, Kopfbewegungsauffälligkeiten vorzubeugen:
- Abwechslungsreiche Lagerung: Achten Sie darauf, dass Ihr Baby nicht постоянно auf derselben Seite liegt.
- Bauchlage: Legen Sie Ihr Baby mehrmals täglich unter Aufsicht für kurze Zeit auf den Bauch, um die Nackenmuskulatur zu stärken.
- Ergonomisches Tragen: Verwenden Sie eine ergonomische Babytrage, die den Kopf und die Wirbelsäule Ihres Babys optimal unterstützt.
- Physiotherapie: Bei einer Vorzugshaltung des Babys kann Physiotherapie helfen, die Muskulatur zu entspannen und die Beweglichkeit zu verbessern.
- Möglichst wenig beengte Nickerchen: Lasst euer Kind nicht längere Zeit in einer Position schlafen, in der es seinen Kopf nicht frei bewegen kann z. B.
- Nur ergonomische Babywippen nutzen: Ist der Stoff in einer Babywippe zu fest und verfügt diese nicht über einen Neugeborenen-Einsatz mit genug Platz und Unterstützung im Kopfbereich, kann das Baby den Kopf nicht richtig drehen. Oft kommt der Kopf dann in eine schiefe Haltung, bei der der Kopf zur Seite fällt oder sogar das Kinn auf die Brust gedrückt wird - dies kann die Atmung beeinträchtigen. Eine ergonomische Babywippe hat daher im Neugeborenen-Einsatz eine Mulde und der Stoff im Kopfbereich der Wippe (ohne Neugeborenen-Einsatz) ist nicht auf Spannung, so dass der Hinterkopf ausreichend Platz hat. So kann euer Baby seinen Kopf frei zur Seite drehen. Dafür ist nämlich vor allem am Anfang eine leichte Bewegung der Halswirbelsäule nach hinten nötig, die Platz braucht.
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