Bauer Epilepsie Bonn: Erfahrungen, Forschung und Behandlungsansätze

Einführung

Die Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Die Klinik und Poliklinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) hat sich seit über 40 Jahren der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit neu aufgetretenen oder chronischen Epilepsien verschrieben. Darüber hinaus bietet das UKB Beratung bei unklaren Anfallsleiden und forscht intensiv zu Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Komplikationen von Epilepsien.

Differenzierung von Anfällen: Epileptisch vs. Psychogen

Ein wichtiges Problem in der Epileptologie ist die Unterscheidung zwischen epileptischen und psychogenen nicht-epileptischen Anfällen (PNEA). Reuber und Bauer aus Bonn betonen den diagnostischen Wert der Anfallsbeobachtung sowie der Anamnese und Fremdanamnese. Klinische Merkmale psychogener NEA umfassen längere Dauer, undulierende motorische Aktivität mit asynchronen Arm- und Beinbewegungen, geschlossene Augen, reagierende Pupillen und schnellere postiktale Reorientierung. Weniger geläufige Merkmale sind fehlende Zyanose, Widerstand bei passiver Lidöffnung, iktale Vokalisation/Weinen und die Neigung der PNEA, exzessiv und statusartig aufzutreten. Zungenbiss und Verletzung sowie iktaler Harn- und Stuhlgang sind hingegen nicht sicher diskriminativ.

Individualisierte Therapieentscheidung bei Epilepsie

Für eine medikamentöse Epilepsie-Therapie ist heute eine breite Auswahl von Antiepileptika verfügbar. Nach den Erfahrungen von Prof. Dr. Jürgen Bauer, Bonn, verringert sich die Auswahl jedoch deutlich, wenn man für einen Patienten in einer konkreten Therapiesituation das „optimale“ Antiepileptikum sucht. Auf einer Fortbildungsveranstaltung von Janssen-Cilag im März 2007 diskutierte er Chancen und Möglichkeiten einer individualisierten Therapieentscheidung im Praxisalltag.

Konservatives Beharrungsvermögen in der Pharmakotherapie

In der Pharmakotherapie zeigt die Epileptologie in Deutschland ein großes konservatives Beharrungsvermögen; rund zwei Drittel der verschriebenen Antiepileptika sind ältere Wirkstoffe. Neben einem - gut begründbaren - Vertrauen zu Wirkstoffen, für die ein großer Erfahrungsschatz vorliegt, besteht jedoch auch der Verdacht, dass zu oft nach „Schema F“ behandelt wird. Auch die Therapiekosten - alte vs. neue Antiepileptika - mögen eine Rolle spielen.

Metaanalyse zur Anfallsfreiheit nach Ersttherapie

Eine Metaanalyse von Kwan und Brodie (2006) schätzt die Chancen auf Anfallsfreiheit nach der Ersttherapie eher pessimistisch ein. Demnach werden mit der ersten Monotherapie nur 47% der Patienten anfallsfrei, mit einer zweiten Monotherapie weitere 14%, und eine gegebenenfalls erforderliche dritte Mono- (oder Kombinations-)therapie erreicht lediglich bei weiteren 3% Anfallsfreiheit. Bauer ist jedoch der Meinung, dass der erzielbare Anteil anfallsfreier Patienten nach der Zweit- und auch nach der Dritttherapie höher ist. Die Erfolgschancen sind umso höher, je besser man die Medikation an das individuelle Patientenprofil anpasst.

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Dosierung und rasches Eingreifen

Die Notwendigkeit, das Dosierungsfenster bis an die obere Grenze auszureizen, gilt nicht in der Monotherapie, sondern in späteren Behandlungsphasen in der Kombinationstherapie. Auch Bauer plädiert - nicht nur beim Lamotrigin - für ein vorsichtiges Aufdosieren, da die Patienten es besser vertragen und sich besser an die Medikation gewöhnen. Bei repetitiven Anfällen können Levetiracetam und Topiramat „punktuell rasch“ eingesetzt werden. Eine neue Studie am Epilepsiezentrum Kork zeigt, dass man hier mit initial 100 mg/d Topiramat beginnen kann und die Dosis über die folgenden drei Tagen um weitere 100 mg steigern kann, ohne dass im Vergleich zu einer Niedrigdosis-Gruppe deutlich höhere Nebenwirkungen oder Abbruchraten beobachtet wurden. Zum Einsatz von Topiramat beim refraktären Status epilepticus gibt es mehrere nicht-kontrollierte Studien. Dort wurden Dosierungen zwischen 400 und 1600 mg über eine Nasen-Schlund-Sonde appliziert, die Wirkung trat innerhalb von Stunden bis Tagen ein.

Forschung am UKB: epi-center.ai und Ultra-Niedrigfeld-MRT

Ein Forschungsteam der Klinik für Neuroradiologie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) hat für die Entwicklung eines intelligenten Interaktionssystems für Betroffene und Behandelnde von Epilepsie über eine halbe Million Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten. Das Projekt trägt den Namen "epi-center.ai".

epi-center.ai: Ein intelligentes Interaktionssystem

Etwa ein Drittel aller Menschen mit Epilepsie haben trotz medikamentöser Behandlung weiterhin epileptische Anfälle. Etwa die Hälfte dieser Gruppe könnte durch einen epilepsiechirurgischen Eingriff behandelt werden, in dem die Anfallsursprungszone operativ entfernt wird. Zusammen mit Dr. Rüber, der auch Geschäftsführer am Zentrum für medizinische Datennutzbarkeit und Translation (ZMDT) der Universität Bonn und des UKB ist, plant für die Realisierung von epi-center.ai u.a. die Einrichtung einer Datentreuhandschaft zur rechtssicheren Speicherung und Nutzung von Betroffenen-Daten. Möglich wird dies durch die transdisziplinäre Zusammenarbeit von Forschenden der medizinischen und juristischen Fakultät, wie sie am ZMDT stattfindet. „epi-center.ai ganz generell ist allerdings ein Musterbeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit“, sagt Prof. Alexander Radbruch, Direktor der Klinik für Neuroradiologie des UKB und Direktor am ZMDT. Prof. Rainer Surges, Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie des UKB, ergänzte: „Dank epi-center.ai können von Epilepsie betroffene Menschen durch alle Phasen der prächirurgischen Diagnostik bis hin zur Operation durch vielfältige digitale Anwendungen unterstützt werden. Besonders gefällt mir, wie die Betroffenen-Behandelnden-Beziehung durch epi-center.ai ergänzt, nicht ersetzt werden soll.

Ultra-Niedrigfeld-MRT: Neue Perspektiven in der Diagnostik

Dr. Tobias Bauer, BSc, Clinician Scientist an der Klinik für Neuroradiologie und Preisträger des Dieter-Janz-Preises, forscht an der Anwendung der Ultra-Niedrigfeld-MRT in der Epilepsiediagnostik. Ultra-Niedrigfeld-MRT ist eine spezielle Form der Magnetresonanztomographie, bei der extrem schwache Magnetfelder - typischerweise unter 0,1 Tesla - verwendet werden. Für ihre Studie nutzten die Forschenden das Hyperfine® Swoop System, ein transportables MRT-Gerät mit 0,064 Tesla. Insgesamt wurden 23 Patientinnen und Patienten mit 24 epilepsietypischen Läsionen untersucht - zusätzlich zur klinischen 3-Tesla-MRT auch im Ultra-Niedrigfeld. 17 der 24 Läsionen - fast drei Viertel - konnten auch im Ultra-Niedrigfeld identifiziert werden. In elf Fällen reichte diese Untersuchung sogar aus, um die vollständige Diagnose ausschließlich anhand der Ultra-Niedrigfeld-Bilder zu stellen. Insbesondere für die Versorgung von Menschen mit Epilepsie in ressourcenlimitierten Ländern ist diese Studie wichtig, da hier der Zugang zur MRT besonders begrenzt ist. Auch in ressourcenstarken Ländern wird die Ultra-Niedrigfeld-Bildgebung zukünftig eine größere Rolle spielen.

Erfahrungen von Patienten mit der Behandlung in Bonn

Die Erfahrungen von Patienten mit der Behandlung in der Klinik für Epileptologie in Bonn sind vielfältig. Einige Patienten berichten von einer liebevollen und ernstnehmenden Behandlung, genauen Untersuchungen und ausführlichen Erklärungen. Andere loben die Kompetenz des medizinischen Fachpersonals und die Wirksamkeit der Medikamente. Es gibt auch Berichte über lange Wartezeiten und das Gefühl, dass Ärzte überarbeitet sind. Insgesamt scheint die Klinik jedoch einen guten Ruf zu genießen und wird von vielen Patienten weiterempfohlen.

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Bonner Epilepsie Seminar: Ein Forum für Experten und Interessierte

Das Bonner Epilepsie Seminar bietet regelmäßig spannende Vorträge von internationalen Referenten zu verschiedenen Themen rund um die Epilepsie. Die Vorträge werden online übertragen und im Anschluss an den Vortrag werden den Referenten drei Fragen gestellt. Im Rahmen des Bonner Epilepsie Seminars wurden bereits Vorträge zu Themen wie "Epilepsie und Hirntumore", "Connectome-based approaches in the pediatric epilepsy surgical context" und "From encephalitis to epilepsy. The neuropathology of CD8-mediated autoimmun disorders" gehalten.

Podcast "Scharfe Welle": Informationen und Einblicke rund um die Epilepsie

Die Klinik und Poliklinik für Epileptologie des UKB betreibt den Podcast "Scharfe Welle", in dem regelmäßig über verschiedene Aspekte der Epilepsie informiert wird. In den Podcastfolgen werden Themen wie Fieberkrämpfe, EEG-Befunde, Medikamentenwirkungen, Nebenwirkungen, Führerschein, Mobilität, Berufswahl, Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt und immunvermittelte Epilepsien behandelt.

Weitere Angebote der Klinik für Epileptologie in Bonn

Die Klinik für Epileptologie in Bonn bietet eine Vielzahl von weiteren Angeboten für Patienten und Angehörige, darunter:

  • Prächirurgische Epilepsiediagnostik
  • Differenzialdiagnostik bei neu aufgetretenen Anfällen
  • Multimodale Komplexbehandlung schwer behandelbarer Epilepsien
  • Beratung zu speziellen Aspekten (Epilepsie und Schwangerschaft, Epilepsie und Kfz-Fahreignung /Verkehrsmedizin, Epilepsie und Berufswahl bzw.
  • Ätiologiediagnostik: Wodurch wird eine neu aufgetretene Epilepsie verursacht?
  • Syndromdiagnose: Welche Form der Epilepsie liegt vor?
  • Indikationsprüfung für weitere Therapieverfahren (z.B.
  • Neue Verfahren in Erprobung: z.B.
  • Multimodale Komplexbehandlung schwer behandelbarer Epilepsien: Medikamentenumstellung und nach Bedarf Ergotherapie, Physiotherapie, Neuropsychologie/Verhaltensmedizin, Sozialkonsil und/oder Logopädie (mind.

Fragen an Professor Dr.

Im Rahmen eines Interviews beantwortete Professor Dr. Fragen zum Thema Epilepsie. Eine Frage war, ob es sinnvoll ist, nach einer Hirntumoroperation ein Medikament gegen Epilepsie einzunehmen, obwohl nie ein epileptischer Anfall aufgetreten ist. Professor Dr. erklärte, dass Antiepileptika bei Patienten mit Hirntumoren das Wiederholungsrisiko für weitere Anfälle verringern können. Es mag eine Phase nach der Operation geben, in der der Operateur das Auftreten eines Anfalls verhindern will (etwa um Stürze im Anfall zu vermeiden), doch sollte daraus nicht automatisch eine Dauerbehandlung werden. Viele medizinische Entscheidungen erfolgen aufgrund individueller Risikoabwägungen.

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