Begleiterkrankungen bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft von einer Vielzahl von Begleiterkrankungen begleitet wird. Diese Komorbiditäten können sowohl den Körper als auch die Psyche der Betroffenen erheblich belasten und den Verlauf der MS ungünstig beeinflussen. Die Erkennung und Behandlung dieser Begleiterkrankungen ist daher von großer Bedeutung, um die Lebensqualität der MS-Patienten zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Psychische Begleiterkrankungen

Viele MS-Patienten leiden unter psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen und Angstzuständen. Diese treten unabhängig von der Form der MS auf, ob schubförmig oder fortschreitend. Tatsächlich ist die Depression die häufigste Begleiterkrankung bei MS. Eine Analyse deutscher Patienten zeigte, dass besonders häufig Personen mit sekundär-progressiver MS (SPMS, 44 %) betroffen waren, aber auch etwa jeder dritte Patient mit schubförmig-remittierender MS (RRMS, 35 %) oder primär-progressiver MS (PPMS, 37 %) litt an depressiven Symptomen.

Die Verbindung zwischen Depressionen und dem Ausmaß von Behinderungen bei MS ist evident. Es gibt Hinweise darauf, dass die psychische Erkrankung die körperlichen Beeinträchtigungen verschlimmern kann, zumindest bei Frauen. Daher ist es umso wichtiger, dass Betroffene sich rechtzeitig professionelle Hilfe suchen.

Kognitive Störungen

Neben psychischen Erkrankungen treten bei MS-Patienten häufig kognitive Störungen auf. Studien haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller MS-Patienten Anzeichen von kognitiven Störungen aufweisen. Diese können sich in verschiedenen Bereichen äußern, wie z.B. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutiven Funktionen.

Eine Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen kognitiven Störungen, psychischen Begleiterkrankungen und Schmerzen bei MS-Patienten. Die Forscher fanden heraus, dass MS-Patienten mit einer Anfälligkeit für kognitive Störungen deutlich häufiger seelische Leiden wie Depressionen oder Angstzustände angaben als die Kontrollgruppe.

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen und metabolisches Syndrom

Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen eine weitere wichtige Gruppe von Begleiterkrankungen bei MS dar. Zu diesen zählen Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie) und das metabolische Syndrom (MetS). Das metabolische Syndrom, das etwa jeden vierten Menschen (27 %) mit MS betrifft, umfasst mehrere gesundheitliche Probleme: Adipositas, speziell in der Bauchregion (abdominelle Adipositas), Insulinresistenz, einen gestörten Fettstoffwechsel und Bluthochdruck. Diese Faktoren tragen zu chronischen Entzündungsprozessen im Körper bei und können den Krankheitsverlauf der MS negativ beeinflussen. Eine neue Studie berichtete, dass Menschen mit sekundär-progressiver MS häufiger an MetS litten.

Studien haben gezeigt, dass das Vorliegen von Gefäßerkrankungen bei MS mit einem höheren Risiko für eine Zunahme körperlicher Einschränkungen verbunden ist. So verkürzte sich bei Vorliegen mindestens einer Gefäßerkrankung bei MS-Erstdiagnose statistisch die mittlere Zeit, bis jemand im statistischen Durchschnitt eine Gehhilfe brauchte, um sechs Jahre von 18 auf zwölf Jahre im Vergleich zu einer Person mit MS ohne eine Gefäßerkrankung.

Infektiöse Erkrankungen

Bei MS-Patienten, die immunsupprimierende Wirkstoffe erhalten, kann es zu einer erhöhten Anfälligkeit für infektiöse Erkrankungen kommen. Eine Analyse in Deutschland ergab, dass besonders oft bakterielle oder parasitische Infektionen oder Infektionen des Harn- und Geschlechtsbereichs auftraten.

Schmerzerkrankungen

Schmerzen sind ein häufiges Symptom bei MS und können verschiedene Ursachen haben. Sie können durch die MS selbst verursacht werden, aber auch durch Begleiterkrankungen wie Migräne oder Trigeminusneuralgie. Eine Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Begleiterkrankungen und Schmerzintensität bei MS-Patienten. Die Forscher fanden heraus, dass körperliche Begleiterkrankungen zwar Rückschlüsse darauf zulassen, dass sich Schmerzen auf den Alltag auswirken, aber keine Rückschlüsse auf die Intensität der Schmerzen erlauben. Ein möglicher Grund dafür ist, dass sowohl die körperliche Begleiterkrankung als auch die erlebten Schmerzen Stress bedeuten, der den Alltag der MS-Patienten zusätzlich negativ beeinflusst.

Weitere Autoimmunerkrankungen

Eine von Prof. Pul vorgestellte Auswertung zeigte, dass 16,1 % der MS-Patient*innen mindestens eine weitere Autoimmunerkrankung haben - in der Allgemeinbevölkerung sind es nur 4 %. Besonders häufig tritt die autoimmune Thyreoiditis (Hashimoto), eine Erkrankung der Schilddrüse, auf. Eine Studie zeigte, dass eine gleichzeitig auftretende rheumatoide Arthritis die Schubrate der MS erhöhen könnte.

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Einfluss von Geschlecht und Hormonen

Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat das Wissen zum Einfluss des Geschlechts auf Verlauf und Begleiterkrankungen bei MS zusammengetragen. Frauen sind doppelt so oft von Multipler Sklerose betroffen wie Männer, während die Erkrankung selbst bei Männern häufiger schwerer zu verlaufen scheint. Diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass das Geschlecht beziehungsweise die entsprechenden Hormone bei der MS eine wichtige Rolle spielen.

Für die Autoimmunerkrankung MS sind zwei Prozesse charakteristisch, die sich im zentralen Nervensystem (ZNS) abspielen: Immunreaktionen (Neuroinflammation) und das Absterben von Nervenzellen (Neurodegeneration). Eine wichtige Rolle für die bei MS feststellbare Entzündungsaktivität spielt das Östrogen 17ß-Östradiol (E2). E2 ist das biologisch aktive Hormon, das bei Frauen vorwiegend in den Eierstöcken, beim Mann in den Hoden und der Nebennierenrinde gebildet wird. Es wird aber auch von Gehirnzellen, einschließlich der Immunzellen des ZNS, den sogenannten Mikroglia, produziert. In experimentellen Studien konnte gezeigt werden, dass die Verabreichung von E2 die Aktivität der Immunzellen im Gehirn hemmt, also antientzündlich wirkt.

Auswirkungen von Komorbiditäten auf den MS-Verlauf

Komorbiditäten können sich negativ auf die Lebensumstände und die Lebensqualität von Menschen mit MS auswirken. Zudem belegen Daten, dass durch Komorbiditäten die Diagnosestellung der MS verzögert werden kann. Das gilt besonders für junge Menschen unter 25 Jahren und Menschen mit Gefäßrisikofaktoren. Als Konsequenz einer verspäteten MS-Diagnosestellung kann sich die Einleitung einer MS-Therapie verzögern.

Abgesehen von einer möglicherweise verzögerten Diagnosestellung der MS können sich Komorbiditäten auch direkt ungünstig auf den Verlauf einer MS auswirken. Durch Komorbiditäten haben Menschen mit MS statistisch ein höheres Risiko für Schübe und - insbesondere bei Vorliegen von Gefäßerkrankungen - ein höheres Risiko für eine Zunahme körperlicher Einschränkungen.

Rauchen als besondere Komorbidität

Da Herz-Kreislauf-Erkrankungen den größten Einfluss auf den Verlauf und die Prognose der MS haben, ist es wichtig, die Aufmerksamkeit auf das Rauchen zu lenken. Rauchen ist nicht nur ein Risikofaktor für die Neuentstehung einer MS, sondern eindeutig auch für deren Voranschreiten bei bereits bestehender Erkrankung. Rauchen hat einen deutlichen negativen Einfluss auf die MS. Deshalb sollten gerade auch Raucher mit MS alles daransetzen, ihre Suchterkrankung in den Griff zu bekommen und dafür nötigenfalls auch professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.

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Behandlung von Komorbiditäten bei MS

Am wichtigsten ist zunächst einmal, dass Komorbiditäten erkannt werden, denn „ohne Diagnose keine Therapie“. Es ist wichtig, dass beispielsweise routinemäßig Blutdruckwerte gemessen und Blutfette bestimmt werden und bei Menschen mit Übergewicht Blutzuckermessungen stattfinden. Zudem sollte die Wahrnehmung für Symptome psychischer Erkrankungen bei Menschen mit MS, deren Umgebung und deren Ärzten geschärft werden. Die Behandlung der jeweiligen Begleiterkrankungen erfolgt dann entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Stand, der sich in den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften findet.

Therapien von Komorbiditäten können positive Einflüsse auf die MS und deren Symptome haben, aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Bei der Therapie von Komorbiditäten ist also die MS immer mitzubedenken. Umgekehrt können MS-Therapien Komorbiditäten verschlechtern. Es wird deshalb empfohlen, während der Behandlungen mit bestimmten MS-Medikamenten den Blutdruck regelmäßig zu messen. Im Qualitätshandbuch des Kompetenznetzes Multiple Sklerose finden behandelnde Ärzte detaillierte Hinweise zu allen zugelassenen MS-Medikamenten, wie sich deren Risiken durch geeignete Kontrollen minimieren lassen.

Individuelle Therapieplanung

Die Behandlung von MS folgt oft noch dem Prinzip „One size fits all“. Doch jeder Mensch ist anders - und Faktoren wie Biomarker, Vortherapie, Alter, Adipositas und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) sollten eine größere Rolle in der individuellen Therapieplanung spielen. Es lohnt sich, aktuelle Studien im Blick zu behalten, um neue Erkenntnisse zu Medikamenten zu gewinnen, die bei mehreren Autoimmunerkrankungen gleichzeitig helfen könnten.

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