Die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen COVID-19-Impfungen, insbesondere mRNA-Impfstoffen, und dem Auftreten neurologischer Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) oder der Bell-Lähmung besteht, ist Gegenstand anhaltender Diskussionen. Aufgrund der Seltenheit dieser Erkrankungen gestaltet sich der Nachweis eines solchen Zusammenhangs schwierig. Internationale Kohortenstudien mit Millionen geimpften Personen wurden durchgeführt, um mögliche Assoziationen zu evaluieren.
Studienlage und Ergebnisse
Eine umfassende Analyse von 69 Studien durch Alice Grizzel Willison und ihr Team von der Universitätsklinik Düsseldorf ergab eine mögliche Assoziation zwischen SARS-CoV-2-Impfstoffen mit Adenoviren-Vektoren und dem Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms. Ein sicherer Zusammenhang zwischen anderen SARS-CoV-2-Impfstoffen und GBS oder Bell-Lähmungen konnte nicht nachgewiesen werden. Die Autoren räumten jedoch ein, dass das seltene Auftreten von Bell-Lähmungen im zeitlichen Zusammenhang mit mRNA-Impfstoffen weiter beobachtet werden sollte, da ein Zusammenhang nicht vollständig ausgeschlossen werden kann. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der SARS-CoV-2-Impfung und anderen neurologischen Erkrankungen wie demyelinisierenden Erkrankungen des Zentralnervensystems oder Myasthenia gravis konnte weitgehend ausgeschlossen werden. Es wird jedoch in Betracht gezogen, dass die Impfung bei anfälligen Personen die Symptome einer bereits bestehenden Erkrankung verstärken könnte.
Eine US-amerikanisch-iranische Metaanalyse untersuchte die Inzidenz der Fazialisparese nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 im Vergleich zu geimpften Personen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Gesichtslähmung nach einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich häufiger auftritt. Eine Analyse von Beobachtungsstudien mit jeweils 13 Millionen geimpften bzw. ungeimpften Teilnehmern ergab keine erhöhte Inzidenz für die Gesichtslähmung.
Fazialisparese im Kontext von COVID-19 und Impfung
Es besteht die Möglichkeit, dass Patienten nach einer COVID-19-Impfung eine Fazialisparese entwickeln. Gesichtslähmungen sind im Zusammenhang mit Virusinfektionen, einschließlich COVID-19, bekannt. Auch Impfungen können in seltenen Fällen die Entwicklung von Fazialisparese auslösen.
Bisher traten Gesichtslähmungen (Fazialisparesen) im zeitlichen Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Impfung nur selten auf. Idiopathische Fazialisparesen sind häufig mit Viruserkrankungen assoziiert und können auch im Kontext von Bluthochdruck oder Diabetes mellitus auftreten.
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In einer Phase-III-Studie mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff wurden vier Fälle einer Fazialisparese in der Gruppe der Geimpften beobachtet, während in der Placebogruppe kein Fall auftrat. In einer Zwischenauswertung einer Studie mit dem Moderna-Impfstoff wurden drei Fälle in der Impfgruppe und einer in der Placebogruppe dokumentiert.
Risikobewertung und Nutzen der Impfung
Experten betonen, dass die Datenlage keine Impfskepsis rechtfertigt. Die Infektion mit SARS-CoV-2 kann ebenfalls Fazialisparesen auslösen, und zwar wahrscheinlich deutlich häufigiger als die Impfung gegen das Virus. Eine italienische Studie beobachtete einen Anstieg der Gesichtslähmungen in einer Region in Norditalien während der COVID-19-Pandemie. Eine türkische Studie konnte bei einem Viertel der Patienten mit Fazialisparese Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut nachweisen.
Eine systematische Überprüfung mit Metaanalyse ergab eine um 200 % erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Fazialisparese bei Impfstoffempfängern im Vergleich zu Placebogruppen. Probanden, die mit mRNA-Vakzinen geimpft wurden, hatten ein signifikant höheres Risiko für eine Fazialislähmung als Personen aus der Placebogruppe. Das relative Risiko, nach einer Coronavirusinfektion an einer Fazialisparese zu erkranken, war höher als nach Erhalt der Impfung.
Gemäß der Analyse der randomisierten, kontrollierten Studien ist die Inzidenz einer Fazialislähmung bei Geimpften ähnlich hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Es wird angenommen, dass die Fazialisparese eine Folge der SARS-CoV-2-Impfstoff-Exposition sein kann.
Definition, Ursachen und Diagnose der Fazialisparese
Eine periphere Lähmung des Nervus facialis ist häufig idiopathisch. Zu den nachweisbaren Ursachen zählen Infektionen, Entzündungsprozesse, autoimmune Reaktionen oder Traumen. Selten tritt eine Gesichtslähmung auch als Folge von Impfungen auf.
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Die idiopathische periphere Fazialisparese ist vermutlich durch Reaktivierung eines latenten Herpesvirus verursacht. Symptomatische periphere Fazialisparese kann durch entzündliche Erkrankungen wie Borreliose oder Zoster oticus ausgelöst werden. Weitere Ursachen sind traumatische, metabolische oder neoplastische Faktoren.
Die Diagnosestellung erfolgt anhand des klinischen Befundes, einschließlich der Unterscheidung zwischen zentraler und peripherer Fazialisparese. Weiterführende Diagnostik dient der Differenzierung symptomatischer und idiopathischer peripherer Fazialisparese.
Symptome und Differenzialdiagnosen
Die Symptome einer Fazialisparese umfassen Gesichtsasymmetrie, hängenden Mundwinkel, unvollständigen Lidschluss und Einschränkungen beim Sprechen, Essen und Trinken. Eine Geschmacksstörung im vorderen Teil der Zunge kann ebenfalls auftreten.
Differenzialdiagnosen umfassen Gesichtsasymmetrie anderer Genese und die Unterscheidung zwischen zentraler und peripherer Parese.
Therapie der Fazialisparese
Die Therapieziele umfassen die Beschleunigung der Symptomrückbildung und die Verhinderung von Hornhautschädigungen. Die Behandlung hängt von der Lokalisation und Genese der Fazialisparese ab.
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Kortikosteroide werden bei idiopathischer Fazialisparese eingesetzt, um den Verlauf zu verkürzen und den Anteil kompletter Remissionen zu erhöhen. Symptomatische Fazialisparese erfordert eine kausale Therapie, die von der Ursache abhängt. Supportive Therapie, insbesondere Hornhautprotektion, ist bei inkomplettem Lidschluss erforderlich.
Unerwünschte Ereignisse und Studien
Die Sisonke-Studie, eine klinische Phase-IIb-Real-World-Studie des Einzeldosis-Impfstoffkandidaten von Janssen, umfasste 500.000 Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Südafrika. Unerwünschte Ereignisse wurden bei 2 % der Probanden gemeldet. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten bei 50 Personen auf, darunter Fälle von allergischen Reaktionen, thromboembolischen Ereignissen und neurologischen Problemen.