Das Belohnungssystem des Gehirns: Mechanismen, Auswirkungen und Manipulation

Smartphones und das Internet sind fester Bestandteil unseres Lebens geworden, nicht zuletzt, weil sie Dopamin-Schübe auslösen. Das sogenannte Dopamin-Fasten soll vor Reizüberflutung schützen. Aber was genau steckt hinter diesem System, und wie beeinflusst es unser Verhalten?

Das Belohnungssystem im Gehirn: Eine Definition

Das Belohnungssystem ist ein Teil des Gehirns, in dem durch die Ausschüttung von Hormonen Zustände ausgelöst werden, die vom Menschen als angenehm und deshalb als Belohnung für etwas empfunden werden. Es ist ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen. Es besteht aus einer Reihe von Arealen und Nervenverbindungen. Das Ganze funktioniert wie ein Schaltkreis: Ein Auslöser von außen lässt das limbische System reagieren. Es generiert einen Drang, den die Großhirnrinde als bewusstes Verlangen erfasst. Sie gibt dem Körper daraufhin die Anweisung, dieses Verlangen zu stillen. Ist der erste Happen im Mund und später der Magen gefüllt, treten das Tegmentum und die Substantia nigra im ventralen Teil des Mittelhirns in Aktion. Die Neuronen projizieren zum Striatum und zum limbischen System, etwa zum Nucleus accumbens, in dem das Glücksgefühl entsteht, und zur Amygdala, die Erregung verarbeitet, also affekt- oder lustbetonte Empfindungen, und schütten dort Dopamin aus. Außerdem gelangt der Botenstoff in den Hippocampus. Hier fließen die Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammen, werden verarbeitet und an den Cortex zurückgesandt. Der Hippocampus ist daher wichtig für das Gedächtnis und das Lernen. So kommt es, dass ein Kleinkind, nachdem es das erste Mal Schokolade genascht hat, immer wieder nach einer süßen Leckerei verlangt. Bitteres oder Saures wird es dagegen meiden.

Ein Hauptakteur des Belohnungssystems ist der Botenstoff Dopamin. Wann immer ein Mensch sich etwas Gutes tut - ein Stück Torte isst oder eine befriedigende Arbeit abschließt -, schütten die Nervenzellen seines Belohnungssystems Dopamin aus.

Schlüsselkomponenten des Belohnungssystems

  • Dopamin: Dieser Neurotransmitter spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Belohnungsreizen. Dopaminerge Neuronen im Mittelhirn reagieren auf die Verfügbarkeit und Darbietung einer Belohnung.
  • Limbisches System: Dieses System bewertet eingehende Informationen und erzeugt Gefühle wie Freude, Glück, Trauer, Ärger oder Wut. Es dient ursprünglichen, arterhaltenden Zielen, wobei lebens- oder arterhaltende Erfahrungen wie Essen, Trinken oder Sex positiv bewertet werden.
  • Nucleus accumbens: Dieser Bereich im Vorderhirn ist der Sitz des menschlichen Belohnungssystems. Wenn Dopamin an die Rezeptoren des Nucleus accumbens andockt, sendet dieser Erregungspotenziale an andere Gehirnstrukturen, die Zufriedenheit und Freude auslösen.
  • Amygdala und Hippocampus: Diese Strukturen im medialen Temporallappen verarbeiten Informationen und sind an der motivationalen Verarbeitung beteiligt. Sie speichern Erinnerungen und verknüpfen diese mit Emotionen, insbesondere positiven Emotionen, die als Belohnung wahrgenommen werden.
  • Präfrontaler Kortex: Dieser Bereich ist an der Handlungsregulation beteiligt und ermöglicht die kognitive Kontrolle der Belohnung. Er hilft, unmittelbare Belohnungen von langfristigen Zielen abzulenken.

Die Funktion des Belohnungssystems

Das Belohnungssystem funktioniert wie ein Schaltkreis: In der Großhirnrinde entsteht ein Verlangen. Gibt man ihm nach, gehen Signale unter anderem an das limbische System und den Hippocampus und zuletzt an die Großhirnrinde - als Rückmeldung, dass der Befehl ausgeführt wurde. Wichtigster Mitspieler im System ist das Dopamin. Es generiert Verlangen und Belohnungserwartung und ist damit ein wichtiger Motivator.

Das Belohnungssystem im Gehirn wandelt sich im Laufe des Lebens. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der Pubertät und im Alter. Eine Studie von Jessica R. Cohen von der University of California in Los Angeles etwa zeigte, dass junge Menschen in der Pubertät besonders viel Dopamin in ihrem Striatum ausschütten, wenn sie riskante Handlungen erfolgreich abschließen. Dies motiviert sie dazu, ähnliche Situationen erneut zu suchen - und erklärt das mitunter merkwürdige risikobetonte Verhalten von Teenagern. Ursache der hohen Dopamin-Ausschüttung im Gehirn der Jugendlichen ist nach Ansicht der Forscher der massive Umbau des Gehirns in der Pubertät. Er setzt manche Kontrollmechanismen für einige Zeit außer Kraft, während andere noch nicht vollständig aufgebaut sind.

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Auch im Alter wandelt sich die Reaktion des Gehirns auf Dopamin. Das zeigen Studien von Jean-Claude Dreher vom französischen Institute des Sciences Cognitives in Bron und Karen Berman vom amerikanischen National Institute of Mental Health in Bethesda. Die Forscher ließen Probanden im Alter von 25 und 65 Jahren zu einem Spiel antreten, bei dem man finanzielle Belohnungen gewinnen konnte, und untersuchten dabei deren Gehirnaktivität per Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Dabei zeigte sich, dass zwar in beiden Altersgruppen je nach Belohnung etwa gleich viel Dopamin ausgeschüttet wurde. Das Gehirn der älteren Teilnehmer reagierte darauf aber weniger intensiv als das der jüngeren. Vor allem der präfrontale Cortex antwortete auf das Dopamin in sehr unterschiedlicher Weise. Bei den jüngeren Probanden nahm die Aktivität in diesem Bereich mit steigender Dopamin-Ausschüttung zu. Bei den älteren beobachteten die Forscher den gegenteiligen Effekt: Je höher der Dopaminspiegel, desto weniger aktiv war der präfrontale Cortex.

Die Rolle von Dopamin

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Ausschüttung des Dopamins den Lustgewinn verursachen würde. Tiere und Menschen würden demnach zu Handlungen angetrieben, weil Dopamin ihnen ein Hochgefühl beschert, nach dem sie immer wieder verlangen. Studien des Neurologen Kent Berridge von der University of Michigan brachten diese Theorie jedoch 1996 ins Wanken: Berridge zerstörte bei Laborratten Nervenverbindungen nahe dem lateralen Hypothalamus. Verbindungen zwischen dopaminergen Mittelhirnneuronen zum Striatum und zum Nucleus accumbens wurden dadurch unterbrochen, was zu einer verminderten Dopaminkonzentration in diesen Arealen führte. Als Folge darauf hörten die Ratten auf zu fressen. Legte der Forscher ihnen aber einen Bissen auf die Zunge, reagierten sie wie normale Nager und verzehrten die Nahrung. Berridge folgert daraus, dass die Tiere die Nahrung zwar mögen, aber kein Verlangen mehr danach haben. Ihnen fehlt schlicht die Motivation, nach Futter zu suchen. Tests mit gesunden Ratten verstärken diesen Eindruck noch: Wurden bei ihnen die dopaminergen Axonen im lateralen Hypothalamus gereizt, entwickelten die Tiere ein intensives Verlangen nach Futter, ohne dass dabei ihr Lustgewinn zunahm. Dieses Verhalten erinnert nicht von ungefähr an das Verhalten von Süchtigen: Zahlreiche Drogen wirken direkt oder indirekt auf die Ausschüttung von Dopamin ein.

Anders als die Hirnforschung lange vermutete, ist für das Hochgefühl, wenn wir bekommen, wonach wir uns sehnen, nicht das Dopamin verantwortlich. Diese Rolle kommt den körpereigenen Opiaten zu, den Endorphinen, sowie anderen Botenstoffen wie dem Oxytocin. Dopamin ist vielmehr der Neurotransmitter der Belohnungserwartung, wie auch das Stückchen Schokoladentorte auf dem Teller der Freundin beweist. Denn es ist nicht die leckere Speise selbst, die uns den Dopamin-​Kick verpasst. Vielmehr kurbelt der Anblick des genüsslich kauenden Gegenübers das Dopaminsystem an und generiert ein tiefes Verlangen. Gibt man diesem nach, reagiert das mesocortikolimbische System. Es wird immer dann aktiv, wenn wir eine Belohnung erwarten. Es geht also nicht um die Freude des Essens selbst, sondern um die Antizipation dessen, was Freude bereiten könnte.

Beispiele für die Aktivierung des Belohnungssystems

  • Essen: Der Geschmack von Süßem regt die Dopaminausschüttung an und aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Besonders intensiv wird das Belohnungssystem angeregt, wenn Zucker sich mit Fett zusammentut.
  • Soziale Interaktion: Das Bedürfnis nach sozialer Bindung und sozialem Vergleich wird in sozialen Netzwerken bedient, wo Menschen digital interagieren und soziale Bindungen entstehen.
  • Singen: Beim Singen wird das Belohnungssystem aktiviert, der Stress wird gesenkt, und das Immunsystem wird gestärkt.
  • Drogenkonsum: Drogen wie Kokain greifen künstlich in das Belohnungssystem ein, indem sie die Ausschüttung von Dopamin herbeiführen.

Die Auswirkungen von Sucht auf das Belohnungssystem

Sucht ist eine Störung des Belohnungssystems im Gehirn. Drogen setzen direkt im Gehirn an und führen dort zu einer Steigerung der Dopamin-Ausschüttung. Auch Erfolgserlebnisse bei der Arbeit, in Computerspielen oder beim Glücksspiel können das Belohnungssystem aktivieren und süchtig machen.

Alkohol und Drogen lösen durch die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin solche Belohnungseffekte aus und helfen dabei, Stress und Ängste zu bewältigen und gleichzeitig für eine gelöste Stimmung und Entspannung zu sorgen. Dieses emotionale Hoch wird als etwas Positives abgespeichert. Wann immer künftig stressige Situationen auftreten oder die eigene Gefühlslage in den Keller rutscht, erinnert sich das Gehirn an die stimmungsaufhellenden Effekte des Alkohols und aktiviert ein entsprechendes Verlangen.

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Ganz besonders gefährlich daran ist, dass die Informationen aus dem Belohnungssystem in einem Hirnareal gespeichert werden, das für die Sammlung von Reiz-Reaktions-Mustern zuständig ist. Je häufiger Alkohol oder Drogen als Problemlöser verwendet werden, umso stärker verfestigen sich diese Muster, so dass mit der Zeit bereits minimale Reize genügen, um den Suchtdruck zu aktivieren.

Wenn Suchtmittel wie Drogen und alkoholische Getränke zur Entwicklung eines Suchtgedächtnisses führen, hat dies nicht nur mit dem neutralen Abspeichern von Informationen zu tun. Tatsächlich findet durch die Veränderung des Neurotransmitter-Stoffwechsels ein regelrechter Umbau der Strukturen im Gehirn der Betroffenen statt. Dies geschieht vor allem im Vorderhirn, wo sich viele Rezeptoren, die auf Botenstoffe wie Dopamin ansprechen, befinden und dafür verantwortlich sind, dass die durch das Hormon hervorgerufene positive Stimmung tatsächlich wahrgenommen wird. Nach dem Konsum von Drogen und alkoholischen Getränken ist die Ausschüttung des Hormons besonders hoch, so dass andere Glücksgefühle auslösende Anlässe, wie zum Beispiel ein lustiger Film oder eine Verabredung mit Freunden, nicht an dieses Level heranreichen. Daher werden drogeninduzierte Glücksgefühle als besonders intensiv wahrgenommen. In der Folge bildet das Gehirn neue Rezeptoren für Dopamin aus, wodurch sich das Gleichgewicht der Botenstoffe verschiebt. Was früher ausgereicht hat, um glücklich zu sein, ist nun nicht mehr genug. Das führt zum einen unausweichlich zum wiederholten Drogenkonsum, zum anderen muss die Dosis regelmäßig erhöht werden.

Auswirkungen des Drogenkonsums auf das Gehirn

Wie bereits erwähnt, verändert der Konsum von Drogen oder Alkohol das Gehirn des Menschen und beeinflusst dessen interne Strukturen. Es stellen sich hinreichend positive Gefühle nur noch dann ein, wenn Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert werden. Die Umprogrammierung der Hirnstrukturen ist nach neueren Erkenntnissen dauerhaft. Das bedeutet, dass selbst mit eintretender Abstinenz keine Veränderungen im einmal ausgebildeten Suchtgedächtnis entstehen. Der sogenannte Suchtdruck oder das Craving bleiben demnach ein unangenehmer Begleiter der Abhängigen. Auch viele Jahre nach der Entgiftung und Entwöhnung können einzelne Reize noch immer dafür sorgen, dass das Belohnungsgedächtnis wieder aktiviert wird. Um einen Rückfall zu vermeiden, müssen Menschen, die an einer Alkoholabhängigkeit gelitten haben, auch als trockener Alkoholiker auf alkoholhaltige Lebensmittel verzichten. Durch die Dauerhaftigkeit des Suchtgedächtnisses lässt sich außerdem schließen, dass vom Alkohol abhängige Menschen niemals kontrolliert trinken können.

Therapieansätze bei Suchterkrankungen

Der erfolgsversprechendste Weg aus der Sucht führt über einen qualifizierten Alkoholentzug oder Drogenentzug in einer Suchtklinik. Statistiken zeigen, dass eine professionelle Therapie deutlich weniger Rückfälle nach sich zieht als ein kalter Entzug oder eine ambulante Entgiftungsbehandlung. Das gilt jedoch nur für die kombinierte Methode aus Entgiftung und Entwöhnung, wie sie in einigen privaten Suchtkliniken umgesetzt wird. Ursächlich für die besseren Erfolgschancen ist, dass Patienten unter ärztlicher Aufsicht entziehen und nachfolgend an einer umfangreichen psychotherapeutischen Behandlung teilnehmen. In wöchentlichen Einzel- und Gruppentherapien werden sämtliche Ursachen und Begleiterscheinungen der Krankheit aufgearbeitet. Auch das soziale Umfeld, wie zum Beispiel der Partner oder die Kinder, kann einbezogen werden. Die Suchtkranken erlernen, wie sie in ihrem zukünftigen Leben mit dem Suchtgedächtnis umgehen und dank neuer Strategien abstinent bleiben. Darüber hinaus ist es ein wichtiges Ziel der Therapie, neuen Lebensmut zu erlangen. Begleitende Therapieangebote helfen dabei, die durch den Wegfall des Rauschmittels entstandene Lücke zu füllen.

Obwohl sich das Suchtgedächtnis nicht mehr löschen lässt, bestehen durch einen Entzug in der My Way Betty Ford Klinik sehr gute Chancen, das Verlangen nach dem Suchtmittel dauerhaft in den Griff zu bekommen.

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Dopamin-Fasten: Ein aktueller Trend

Es ist ein aktueller Trend aus dem Silicon Valley: Dopamin-Fasten. Etwas überspitzt heißt das, verzichten auf alles, was Spaß macht. Kein Handy, kein Social Media, keine sozialen Kontakte im realen Leben. Ziel des Dopamin-Fastens ist es, durch den Reizentzug einer Überstimulation des Gehirns entgegenzusteuern.

"Unser Gehirn schüttet Dopamin aus, wenn es sich in einer Erwartungshaltung befindet", erklärt Martin Korte, Neurobiologe an der TU Braunschweig. Wird die Erwartung dann bedient, schüttet der Körper zusätzlich Endorphine und körpereigene Opiate aus. Dopamin triggert also den Belohnungsmechanismus im menschlichen Körper. "Man konditioniert sich schnell selbst dazu", sagt Korte. Beim Dopamin-Fasten wird versucht, die eigene Erwartungshaltung zu drosseln, das Belohnungssystem auszubremsen und so die Stimulation zu verhindern. Erfinder ist der Psychologe Cameron Sepah von der University of California in San Francisco.

Denn die Jagd nach Dopamin-Ausschüttung ist auch eine Jagd nach Glücksgefühlen. "Diese Glücksgefühle werden immer wieder gesucht", erklärt Wissenschaftler Korte. "Aber je häufiger das passiert, desto geringer ist die Ausschüttung." Die Folge: Es werden immer stärkere Reize benötigt, um das gleiche Glücksgefühl zu empfinden. Darum sollte man beim Dopamin-Fasten nach Einschätzung von Sepah in definierten Zeitabschnitten vollständig auf Angewohnheiten mit hohem Suchtpotenzial verzichten.

Kritische Betrachtung des Dopamin-Fastens

Neurobiologe Korte empfiehlt darum, den eigenen Lebensstil grundsätzlich zu hinterfragen und bei Bedarf zu ändern. Beispielsweise schauten viele von uns zu häufig am Tag aufs Smartphone. Klare Regeln, wann wir auf reizstimulierende Technologien verzichten, können helfen.

Suchttherapeut Christian Groß hat die Sorge, dass mit dem Dopamin-Fasten ein neuer Trendbegriff definiert wird, der dann ins andere Extrem führt. "Macht man das zu exzessiv, kann man auch in depressive Episoden abrutschen", so der Therapeut. Generell sei der Umgang damit aber eine sehr individuelle Sache. "Genau wie bei der Ernährung muss jeder für sich überlegen, welche Form der Lebensgestaltung sinnvoll und gesund ist", sagt Groß.

Kurze, exzessive Phasen des Dopamin-Fastens bringen nur unwesentlich etwas, wenn wir uns danach den externen Stimulantien wieder genauso hingeben wie vorher.

Einfluss digitaler Medien auf das Belohnungssystem

Das Thema Reizüberflutung und der Umgang damit ist im Zeitalter der Digitalisierung durchaus drängend, zumal die neuen Medien immer wieder unsere Reize antriggern. Auch Psychologen empfehlen Strategien gegen die ständigen Stimulationen. "Das Herstellen einer reizarmen Umgebung halte ich in einer stressreichen Welt für sehr sinnvoll", erklärt Roman Liepelt, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie an der Fernuniversität in Hagen.

Normalerweise wechseln wir zwischen diesen Netzwerken häufig und schaffen somit einen Ausgleich. "Wenn wir nichts tun, beschäftigen wir uns mit uns selbst und nutzen unser inneres Netzwerk", so Liepelt. Doch durch die vielen äußeren Reize in der digitalisierten Welt kämen wir viel seltener dazu. Das mache es schwieriger, Erlebtes zu verarbeiten und richtig einzuordnen. Die Folge: Wir können abstumpfen und reagieren nur noch auf äußere Reize, ohne Dinge tatsächlich zu durchdenken. "Viele Menschen können heutzutage nicht gut mit Langeweile umgehen", sagt auch Suchttherapeut Christian Groß.

Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche

Der Einfluss digitaler Medien auf die kindliche Entwicklung ist anders als bei Senioren. Das zweijährige Kind hat noch keinen funktionierenden kognitiven Kontrollapparat. Bei ihm fluten die Informationen ungefiltert ins Gehirn. Erst in der Pubertät, die bis zum 26. Lebensjahr andauert, entwickeln wir nach und nach unseren kognitiven Apparat. Dieser hilft uns zum Beispiel, die virtuelle Realität als solche besser zu bewerten. Kleine Kinder sind dagegen emotional gesteuert, ihnen fehlt weitgehend diese Kontrollfunktion des Frontalhirns. Ein zehnjähriges Kind hat deshalb noch große Schwierigkeiten, eine virtuelle Welt von der eigenen zu unterscheiden.

Untersuchungen zeigen: Wenn Kinder, die jünger sind als zwei Jahre, Fernsehen schauen, verzögert sich die Entwicklung ihrer Sprache, während ihre Impulsivität und Aggressivität steigen. Die Vielfalt von Informationen bindet zwar die Aufmerksamkeit des Kindes, es kann dabei aber nichts lernen, weil das Hirn nicht dafür ausgestattet ist, diese virtuelle Welt zu verarbeiten.

Kinder, die viel fernsehen, haben außerdem eine schlechtere Prognose im Hinblick auf sogenannte Exekutivfunktionen. Der Mensch muss lernen, Regeln zu verstehen, Regelwechsel zu beachten und sich kontrolliert in eine soziale Gemeinschaft einzubringen. Das nennt man Exekutivfunktion und Selbstkontrolle, deren Entwicklung mit dem Frontalhirn zusammenhängt. Das Frontalhirn wird aber nicht gefördert, wenn ein Kind drei Stunden pro Tag mit Medien verbringt. Als Ergebnis hat das Kind dann mit 28 Jahren eine wesentlich geringere Chance, einen Hochschulabschluss zu schaffen, sowie eine wesentlich geringere Wahrscheinlichkeit, zufrieden und erfolgreich zu leben.

Medienkompetenz als Schlüssel

Medienkompetenz beginnt schon im Kindesalter beim Modelllernen, wenn ich erfahre: Multitasking ist Unsinn, denn ich habe nur zwei Gehirnhälften. Ich kann nur zwei Dinge, die gleich wichtig sind, gleichzeitig gut tun. Ein wesentliches Element von Medienkompetenz ist es, Begrenzung zu lernen. Außerdem gehört dazu, einen Anfang und ein Ende zu erfahren und zu respektieren. Wir sind nicht darauf optimiert, multisensorisch stundenlang mit Medien umzugehen, die nichts weiter sind als die Weiterentwicklung von antikem Drama und Tragödie, also eine Aktivität, die Menschen verbindet, Emotionen induziert und verändert.

Die vulnerable Phase für das Gehirn ist die Zeit bis zum Ende der Pubertät, ganz besonders bis zum 17. Lebensjahr. In diesen Entwicklungszeitraum müssen wir als Gesellschaft unsere Energie stecken. Wir müssen den Eltern klarmachen, dass Medien in Abhängigkeit vom Lebensalter einen vollkommen anderen Effekt auf Kinder haben, der sich sogar auf das Ernährungsverhalten auswirken kann. So wissen wir zum Beispiel, dass Multiuser von Videospielen kontinuierlich an Gewicht zunehmen.

Videospiele und das Belohnungssystem

Videospiele kombinieren Motorik mit unerwarteten Reizen und Belohnung. Das System ist jedoch nicht darauf ausgelegt, alle zwei Minuten belohnt zu werden, sondern überraschende, nicht erwartete Ereignisse zu verarbeiten, sonst wird es desensitiviert. Leben wir als Menschen im Überfluss, können wir unser Belohnungssystem nicht mehr aktivieren, weil uns nichts mehr überrascht.

Wenn acht bis zehn Jahre alte Kinder ein Videospiel geschenkt bekommen und es regelmäßig spielen, werden innerhalb von drei Monaten ihre Leistungen in der Schule in Schreiben und Lesen signifikant schlechter, während ihre Mathematikleistungen und ihre Aufmerksamkeit gleich bleiben oder etwas besser werden.

Soziale Netzwerke und archaische Strukturen

Die sozialen Netzwerke bedienen unsere archaischen Strukturen. Jeder Mensch hat Grundbedürfnisse. Die primären Grundbedürfnisse sind Essen, Trinken, Schlafen. Außerdem besitzen wir sekundäre, zum Beispiel Sicherheit, Ordnung, Sinn, und soziale Grundbedürfnisse, wie die soziale Bindung oder den sozialen Vergleich. In sozialen Netzwerken haben sie „Freunde“, mit denen sie digital interagieren. Dadurch entsteht eine soziale Bindung. Das ist herausfordernd, sie wollen immer mehr „Freunde“, wollen gesehen werden auf Bildern und schauen, was die anderen machen. Soziale Netzwerke bedienen das uralte Bedürfnis der Menschen nach Tratsch und Klatsch, der unsere Aufmerksamkeit lenkt, aber auch schützen kann und verbindet.

Das Belohnungssystem und Essverhalten

Essen macht glücklich, denn es setzt unser Belohnungssystem in Gang. "Wir passen unser Belohnungsverhalten so an, dass wir immer genug zu essen haben. Wenn ich aber satt bin, ist meine Motivation reduziert. Ich habe also keinen Heißhunger, selbst auf meine Lieblingsspeise", sagt Prof. Kroemer. Denn unser Körper hat einen Regulationsmechanismus, der durch Botenstoffe wie beispielsweise dem "Glückshormon" Dopamin und dem Vagusnerv gesteuert wird. "Der Vagusnerv wirkt dabei wie ein Autopilot. Er sorgt dafür, dass wir vor allem hoch kalorienreiche Nahrungsmittel bevorzugen. Das hilft uns, unseren Energiebedarf immer zu decken", erklärt Prof. Kroemer. Oft isst man aber auch über den reinen Energiebedarf hinaus, zum Beispiel um seinen Stress zu regulieren. "Da ist es bisher schwerer Strategien zu entwickeln, die dagegenhalten", beschreibt Prof. Kroemer den Nachteil eines Autopiloten.

Neben dem Belohnungssystem gibt es ein in die Zukunft gerichtetes System im Gehirn, bei dem es um übergeordnete Ziele wie beispielweise eine langfristige Gewichtsabnahme geht. "Es ist eine Art kognitive Kontrolle der Belohnung. Ohne sie würden uns sofortige Belohnungen von unseren langfristigen Zielen ständig ablenken", sagt Prof. Kroemer, der sich unter anderem für die Prozesse im Gehirn interessiert, die eine Essattacke bei einer Binge-Eating-Störung begünstigen. Betroffene verspüren ein extremes Verlangen zu essen und können nicht von selbst aufhören: "Wie kann dieser durch einen Belohnungsimpuls gesteuerte Prozess aber gestoppt werden, bevor es zu einer Eskalation kommt? Dazu geht Prof. Kroemer im Labor Verhaltensmustern auf den Grund und misst Gehirnsignale im MRT. Zudem testet er die Motivation - ausgelöst durch verschiedene Bilder von Nahrungsmitteln - per Drucksensor. Je größer das Verlangen nach einem Eis, Käsebrötchen oder Salat ist, desto höher springt der Ball auf dem Computerbildschirm, der die Stärke des Drucks auf dem Sensor abbildet. "Wir gehen aber auch aus dem Labor heraus, um mit einer App das Entscheidungsverhalten in typischen Situationen im Alltag messen zu können", sagt Prof. Kroemer. Vor Aufgaben in der App wird die Stimmung abgefragt, ob man hungrig ist oder gerade eine Essattacke hatte. "Bei dem Mechanismus von Essanfällen stehen wir aber noch am Anfang", sagt Prof. Kroemer, der in der Vagusnerv-Stimulation eine Option sieht, körpereigene Steuermechanismen auszunutzen und beispielsweise so ein Sättigungs- oder ein stärkeres Belohnungsgefühl herzustellen.

Alkohol und das Belohnungssystem

Menschen trinken Alkohol z. B. aus Genuss, aus Streben nach Vergnügen oder aufregenden Erlebnissen, aber auch als Bewältigungsstrategie, um mit Ängsten, schlechten Gefühlen und Stress umzugehen. In geringen Mengen wirkt Alkohol entspannend, angstlösend und stimulierend. Außerdem kann er kurzfristig die Stimmungslage verbessern, hilft bei der Überwindung von Unsicherheit sowie Angst und distanziert von negativen Gefühlen. Ein weiterer Beweggrund, Alkohol zu trinken, sind soziale Einflüsse. Dies umfasst mehrere Ebenen: Die Gesellschaft und kulturelle Normen spielen eine Rolle. So ist in Deutschland Alkoholkonsum akzeptiert und sogar wie ein Ritual in zahlreiche Traditionen eingebunden. Am Geburtstag wird zum Beispiel häufig mit Sekt angestoßen. Ebenfalls haben die Familie wie auch der Freundeskreis, die Schule und das Arbeitsumfeld einen Einfluss auf das Trinkverhalten.

Durch die Aufnahme von Alkohol wird über einen Einfluss auf Botenstoffe auch das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. In geringen Mengen wirkt Alkohol dadurch stimmungshebend, entspannend und angstlösend. Ein Wohlgefühl entsteht. In großen Mengen wirkt Alkohol betäubend.

Das Gehirn „merkt“ sich, wie Alkoholkonsum in einer bestimmten Situation z. B. entspannend gewirkt hat. Dann kann schon ein Geruch oder eine bestimmte Person, die an eine solche Situation erinnert, das Verlangen nach Alkohol auslösen.

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