Die Behandlung von Rückenmarktumoren mittels Strahlentherapie ist ein komplexer Prozess, der darauf abzielt, Tumorzellen zu zerstören und das Wachstum zu kontrollieren. Obwohl die Strahlentherapie eine wirksame Methode sein kann, ist sie nicht ohne Risiken. Da Kinder und Jugendliche sich noch in der körperlichen und geistigen Entwicklung befinden, sind ihre Organe besonders strahlensensibel. Die Exposition gegenüber Strahlung kann sowohl akute als auch chronische Nebenwirkungen verursachen, die die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Strahlentherapie bei Rückenmarktumoren, einschließlich der potenziellen Nebenwirkungen und der verfügbaren Behandlungsstrategien.
Einführung
Die Strahlentherapie ist eine gängige Behandlungsmethode für Rückenmarktumoren, insbesondere wenn eine Operation nicht möglich ist oder der Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte. Das Ziel der Strahlentherapie ist es, die Tumorzellen abzutöten oder ihr Wachstum zu verlangsamen, während gleichzeitig das umliegende gesunde Gewebe geschont wird. Trotz moderner Techniken und präziser Behandlungsplanung kann die Strahlung das gesunde Gewebe in und um den Tumorbereich beeinträchtigen und somit Nebenwirkungen verursachen.
Akute Nebenwirkungen der Strahlentherapie
Akute Nebenwirkungen treten während oder kurz nach der Strahlentherapie auf und sind in der Regel vorübergehend. Sie entstehen dadurch, dass oberflächliche Gewebeschichten der gesunden Organe, die nahe dem oder im Bestrahlungsfeld liegen, vorübergehend zerstört werden und sich aufgrund der Bestrahlung nur relativ langsam erholen können. Art und Intensität akuter Nebenwirkungen einer Strahlentherapie hängen von zahlreichen Faktoren ab, zunächst vor allem von der Art und dem Ausmaß der zugrundeliegenden Krebserkrankung und damit dem zugehörigen Behandlungsprotokoll. Es ist wichtig zu wissen, dass akute Nebenwirkungen einer Strahlentherapie behandelbar und vorübergehend sind. Mit bestimmten unterstützenden Behandlungsmaßnahmen (Supportivtherapie) können akute Nebenwirkungen einer Strahlentherapie erfolgreich behandelt oder zumindest gelindert werden. Welche Supportivmaßnahmen im Einzelnen in Frage kommen und auf welche Weise genau (zum Beispiel hinsichtlich Art und Dosierung der Medikamente), richtet sich nach der Art der Nebenwirkung, der Krebserkrankung, dem zugehörigen Behandlungs-/Bestrahlungsplan sowie nach individuellen Faktoren. Bei manchen Patienten mit starken akuten Nebenwirkungen kann die Strahlentherapie auch kurzfristig unterbrochen werden.
Einige häufige akute Nebenwirkungen sind:
- Hautreaktionen: Jede Bestrahlung, die von außen durchgeführt wird, geht durch die Haut des Patienten. Man spricht deshalb auch von perkutaner Bestrahlung. Die Haut im Bestrahlungsfeld kann rot, trocken und empfindlich werden. In schweren Fällen können sich Blasen bilden oder die Haut kann sich ablösen.
- Schleimhautentzündungen (Mukositis): Entzündliche Veränderungen der Schleimhäute sind nahezu unvermeidlich. Sie führen zu Schluckbeschwerden und können die Nahrungsaufnahme erschweren. Dadurch wird gelegentlich eine spezielle Form der Ernährung notwendig; z. B. wird mitunter eine Sonde (PEG) durch die Bauchwand in den Magen gelegt, um die Nahrungsaufnahme sicherzustellen. Bei Bedarf sind auch Spülungen mit dem Wirkstoff Benzydamin möglich. Bei kleineren Kindern sind Spülungen oft nicht möglich.
- Geschmacksstörungen: Viele Patienten berichten, „alles schmecke nach gar nichts“.
- Müdigkeit (Fatigue): Viele Krebspatienten kennen Gefühle wie innere Unruhe, Nervosität und Angst nur zu gut. Abgeschlagenheit, körperliche Verspannungen sowie Anspannung während und nach einer Krebstherapie sind belastend. Entspannungstechniken können Krebspatienten helfen, Verspannungen und Verkrampfungen zu lösen, Ängste zu mildern und die eigenen Kräfte zu stärken.
- Haarausfall: In den Haarfollikeln führen Einzeldosen von etwa 4 bzw. 10 Gy zu vorübergehendem bzw. dauerhaftem Haarausfall. In fraktionierten Protokollen erlauben signifikant höhere Dosen bis zu 40 Gy noch ein Nachwachsen der Haare.
Chronische Nebenwirkungen der Strahlentherapie
Chronische Nebenwirkungen oder Spätreaktionen können Monate oder Jahre nach der Strahlentherapie auftreten und sind oft irreversibel. Sie sind mit wenigen Ausnahmen irreversibel und im Schweregrad fortschreitend. Daher erhöht sich mit der Verbesserung der Überlebensraten und der Verlängerung der Überlebenszeiten der Patienten die Zahl der Krebsüberlebenden mit einem Risiko für Spätfolgen.
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Einige mögliche chronische Nebenwirkungen sind:
- Fibrose: Chronische subkutane Fibrose, die sich klinisch als Induration manifestiert, beruht überwiegend auf einem Anstieg der Kollagenfasern und einer Reduktion des Fettgewebes.
- Lymphödem: Eine Störung des Lymphabflusses kann zu Schwellungen, vor allem unter dem Kinn führen (Lymphödem). Hier kann durch Lymphmassagen oft eine Besserung erzielt werden.
- Mundtrockenheit (Xerostomie): Wenn größere Anteile der Speicheldrüsen mitbestrahlt werden mussten, entsteht mitunter eine dauerhafte Mundtrockenheit.
- Neurologische Probleme: Das Nervensystem ist relativ unempfindlich für eine Strahlenexposition, jedoch führt eine Schädigung zu schwerwiegenden klinischen Folgen. Die wichtigsten Strahlensyndrome im zentralen Nervensystem entwickeln sich wenige Monate bis mehrere Jahre nach der Therapie. Funktionelle Defizite, wie eine Abnahme des Intelligenzquotienten (IQ), können zumindest teilweise der Strahlentherapie nach kombinierten Behandlungsprotokollen zugeschrieben werden. Die strahleninduzierten Veränderungen im Rückenmark ähneln denen im Gehirn in Bezug auf Latenzzeit, Histopathologie und Strahlentoleranz. Wie im Gehirn umfasst auch die späte Myelopathie (bis zur Querschnittslähmung) 2 Hauptsyndrome. Eine Demyelinisierung und Nekrose der weißen Substanztritt meist nach 6-18 Monaten auf.
- Herzprobleme: Die häufigste späte Strahlenfolge am Herzen ist eine Perikarditis mit unterschiedlich ausgeprägtem Perikarderguss. Diese beginnt relativ früh (6 Monate bis 2 Jahre). Die strahleninduzierte Kardiomyopathie tritt entweder als verminderter ventrikulärer Ausstoß oder als Leitungsblock auf; sie entsteht langsam über einen Zeitraum von 10-20 Jahren.
- Zweitkrebserkrankungen: Für solide Sekundärtumoren nach Strahlentherapie kann die Latenz bis zu mehreren Jahrzehnten betragen.
Spezifische Nebenwirkungen der Rückenmarksbestrahlung
Die Bestrahlung des Rückenmarks kann spezifische Nebenwirkungen verursachen, die von der Dosis, der Ausdehnung des bestrahlten Bereichs und der individuellen Empfindlichkeit des Patienten abhängen.
Einige dieser spezifischen Nebenwirkungen sind:
- Myelopathie: Wie im Gehirn umfasst auch die späte Myelopathie (bis zur Querschnittslähmung) 2 Hauptsyndrome. Eine Demyelinisierung und Nekrose der weißen Substanztritt meist nach 6-18 Monaten auf.
- Lhermitte-Zeichen: Unter den (relativ) frühen Syndromen bei der Strahlentherapie von Kopf-Hals-Tumoren ist das Lhermitte-Zeichen eine häufig vorkommende, meist reversible demyelinisierende Reaktion, die sich einige Monate nach Beendigung der Behandlung entwickelt und Monate bis länger als ein Jahr anhält. Es kann bei Dosierungen ab 35 Gy in 2‑Gy-Fraktionen auftreten, somit deutlich unter der Toleranz für die Strahlenmyelopathie, wenn lange Rückenmarkssegmente bestrahlt werden.
Behandlung und Management von Nebenwirkungen
Die Behandlung und das Management von Nebenwirkungen der Strahlentherapie sind ein wichtiger Bestandteil des Behandlungsprozesses. Ziel ist es, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Fortsetzung der Strahlentherapie zu ermöglichen.
Einige gängige Strategien zur Behandlung von Nebenwirkungen sind:
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- Medikamente: Bei fast allen Krebspatienten kann durch eine medikamentöse Therapie der Schmerz ausgeschaltet oder zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert werden. Medikamente können zur Linderung von Schmerzen, Übelkeit, Entzündungen und anderen Symptomen eingesetzt werden.
- Ernährungsberatung: Im Fall von Darmproblemen ist eine Diätberatung sinnvoll. Zu heiße oder zu scharf gewürzte Nahrungsmittel sowie Getränke, die sehr viel Säure enthalten, sollten Sie ebenfalls eher meiden.
- Physiotherapie: Krebspatient*innen mit Taubheitsgefühlen an Füßen und Händen können mithilfe von Physiotherapie, Ergotherapie und Elektrotherapie oder Bädern behandelt werden. Besonders wichtig ist ausreichende Bewegung, wobei das Gewebe wird unterschiedlichen Reizen ausgesetzt wird, sodass sich die Nervenfunktion in den Gliedern erholen kann. Das so genannte Funktionstraining, welches Balanceübungen, sensomotorisches Training, Koordinationstraining, Vibrationstraining und auch Feinmotorikertraining umfasst, hat sich Studien zwecks Symptomlinderung positiv hervorgetan.
- Hautpflege: Bitte halten Sie sich genau an die Anordnungen Ihres behandelnden Radioonkologen. Nassrasieren ist während der Bestrahlung und in den ersten Wochen danach verboten! Bitte verwenden Sie einen Elektrorasierer! Während der Bestrahlung sollte Ihre Kleidung im Halsbereich keinesfalls reiben oder scheuern (Hemdkragen). Am besten sind Baumwollhemden, die den Hals frei lassen, eventuell in Verbindung mit einem leichten Seiden- oder Baumwollschal. Setzen Sie sich im Bereich des Bestrahlungsfeldes keiner direkten Sonneneinstrahlung aus (Haut abdecken, aber keine Sonnenschutzcremes!). Auch in den ersten Monaten nach der Bestrahlung kann die Haut noch eine erhöhte Sonnenempfindlichkeit aufweisen.
- Psychologische Unterstützung: Viele Krebspatienten kennen Gefühle wie innere Unruhe, Nervosität und Angst nur zu gut. Abgeschlagenheit, körperliche Verspannungen sowie Anspannung während und nach einer Krebstherapie sind belastend. Entspannungstechniken können Krebspatienten helfen, Verspannungen und Verkrampfungen zu lösen, Ängste zu mildern und die eigenen Kräfte zu stärken.
- Sport: Sport hilft, die Nebenwirkungen einer Krebstherapie messbar zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Das zeigen aktuelle Studien.
Prävention von Nebenwirkungen
Obwohl nicht alle Nebenwirkungen der Strahlentherapie verhindert werden können, gibt es Maßnahmen, die ergriffen werden können, um das Risiko zu minimieren und die Schwere der Nebenwirkungen zu reduzieren.
Einige präventive Maßnahmen sind:
- Präzise Bestrahlungstechniken: Um eine ausreichend hohe Dosis im „Zielgebiet“ zu erreichen, ohne die „Toleranzdosis“ des Rückenmarks zu überschreiten, sind spezielle Bestrahlungstechniken notwendig. Auf Grund der individuellen Gegebenheiten wird auch entschieden, ob durch eine intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) eine weitere Optimierung möglich ist. In diesem Fall erfolgt die Bestrahlung über eine sehr viel aufwändigere Technik, bei der die Bestrahlungsdosis über zahlreiche kleine Feldsegmente verabreicht wird.
- Schonung der Risikoorgane: Dabei wird darauf geachtet, dass die Zielregion eine möglichst hohe Dosis erhält, während umliegende Organe, wie beispielsweise das Rückenmark, bestmöglich geschont werden.
- Regelmäßige Bewegung: Einzig ein regelmäßiges Bewegungstraining, insbesondere der Finger- und Zehenfunktionen, wird von Expert*innen empfohlen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Am wichtigsten ist: Bitte rauchen Sie nicht! Der „blaue Dunst“ ist Gift für die Schleimhäute und führt dazu, dass schon früh Nebenwirkungen auftreten, die auch meist deutlich heftiger sind als bei Nichtrauchern. Auch Alkohol sollte allenfalls in Maßen genossen werden, auf alles Hochprozentige (Schnaps) sollten Sie verzichten.
- Kälte vermeiden: Patient*innen, die mit Probleme mit Kältereizen haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten, ohne sich entsprechend zu schützen.
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