Bewegung und Kognitive Prozesse bei Alzheimer: Ein Überblick

Das Altern bringt oft Veränderungen in Gehirnstruktur und -funktion mit sich, was sich auf motorische und kognitive Fähigkeiten auswirken kann. Bei pathologischem kognitiven Altern sind diese Veränderungen jedoch deutlich ausgeprägter und erhöhen das Risiko für Demenz. Die Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass körperliche Aktivität und Bewegung eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der kognitiven Funktionen spielen können, insbesondere im Hinblick auf die Prävention und Behandlung von Alzheimer-Demenz.

Das Spektrum kognitiver Beeinträchtigungen

Es ist wichtig, zwischen normalem Altern, leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) und Demenz zu unterscheiden.

  • Normales Altern: Stereotype Assoziation mit einem universellen Rückgang in Gehirnstruktur und -funktion und damit einhergehend nachlassenden motorischen und kognitiven Funktionen.
  • Leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI): Ein Zustand zwischen normalem Altern und früher Demenz, gekennzeichnet durch einen Rückgang der kognitiven Fähigkeiten, der über das normale Maß hinausgeht, aber nicht schwerwiegend genug ist, um als Demenz eingestuft zu werden. MCI ist durch einen Rückgang der kognitiven Fähigkeiten (insbesondere des Gedächtnisses) gekennzeichnet, der größer ist als derjenige, der im normalen Alter auftritt, aber nicht schwer genug ist, um als Demenz eingestuft zu werden.
  • Demenz: Ein allgemeiner Begriff für Erkrankungen, die Veränderungen des Gedächtnisses und/oder der Denkfähigkeiten hervorrufen, die so stark sind, dass sie die alltäglichen Aktivitäten einer Person beeinträchtigen. Demenz ist ein allgemeiner Begriff für jede Krankheit, die eine Veränderung des Gedächtnisses und/oder der Denkfähigkeiten hervorruft, die schwerwiegend genug ist, um die Alltagstätigkeiten einer Person zu beeinträchtigen (Autofahren, Einkaufen, das Ausbalancieren eines Tablets, Arbeit, Kommunikation usw.).

Lebensstilfaktoren als Schutzmechanismen

Da eine wirksame Prävention von MCI und Alzheimer-Demenz noch nicht Realität ist, rücken potenziell protektive Lebensstilfaktoren wie Schlaf, Ernährung und Bewegung in den Fokus. Diese Faktoren könnten dazu beitragen, das Risiko kognitiver Störungen zu verringern.

Definitionen: Körperliche Aktivität, Inaktivität und Sedentariness

Es ist wichtig, die verschiedenen Dimensionen von Bewegung zu verstehen:

  • Körperliche Aktivität: Jedes menschliche Verhalten, die Bewegung z. B. in Haushalt, Sport oder Freizeit mit sich bringt, die von den Skelettmuskeln erzeugt wird, zu einem erhöhten Energieverbrauch (gemessen über Grundumsatz, Thermogenese und aktivitätsbezogenen Energieverbrauch) und verbesserter körperlicher Fitness führt.
  • Körperliche Inaktivität: Ein unzureichender Umfang an moderater bis hoher Aktivität, der als das größte Gesundheitsproblem des 21. Jahrhunderts gilt. Nachweislich sterben mehr Menschen an inaktivitätsbedingten Folgen als durch Rauchen, Diabetes und Fettleibigkeit zusammen. Sie wird als viertgrößter Ri­sikofaktor für die weltweite Sterblichkeit eingestuft, wobei in Deutschland jährlich ~ 7,5 % der gesamten Todesfälle darauf zurück­geführt werden.
  • Sedentariness (Sitzendes Verhalten): Jegliche Art von Verhalten, die im Wachzustand in sitzender, zurücklehnender oder liegender Haltung mit geringem Energieaufwand (≤ 1.5 metabolisches Äquivalent der Aufgabe) durchgeführt wird. Sie gilt als unabhängiger Prädiktor für das metabolische Risiko, selbst wenn eine Person die aktuellen Richtlinien für körperliche Aktivität erfüllt.

Bewegungsempfehlungen für ältere Erwachsene

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Empfehlungen für verschiedene Bewegungsdimensionen für ältere Erwachsene ab 65 Jahren ab. In Deutschland erfüllen etwa 42 % der Erwachsenen ab 65 Jahren die Empfehlungen für Ausdauer- und 26 % für Krafttraining.

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Exekutive Funktionen (EF) und ihre Bedeutung

EF sind ein Überbegriff für die übergeordneten „top-down“ kognitiven Prozesse, die die Koordination von Denken und Handeln ermöglichen und die mit verhaltens- und neurophysiologischen Methoden gemessen werden. Die EF bestehen aus einer Reihe von Grundfähigkeiten, die die Hemmung präpotenter Reaktionen (Inhibition), den Wechsel zwischen mentalen Repräsentationen (kognitive Flexibilität) und die Aktualisierung von im Arbeitsgedächtnis gehaltenen Repräsentationen umfassen. Die Leistungsfähigkeit in jedem dieser verschiedenen Bereiche wurde als wichtige Determinante für das Gesundheitsverhalten identifiziert. Die Fähigkeit, unerwünschte Reaktionen zu hemmen, kann beispielsweise dazu beitragen, gesundheitsschädliche Verhaltensweisen, wie z. B. Rauchen oder übermäßigen Alkoholkonsum, zu vermeiden. Eine altersbedingte Beeinträchtigung in den Bereichen Arbeitsgedächtnis und Hemmung von Impulsen ist weitgehend nachgewiesen.

Studienlage: Bewegung und Kognition

Studien bei gesunden älteren Erwachsenen

Studien, die die Auswirkungen von langfristiger, körperlicher Aktivität auf die kognitive Funktionen bei gesunden älteren Erwachsenen untersuchten, belegen bestenfalls moderate Effekte für Aktivitäten mit mittlerer bis starker Intensität auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Die Effektstärken sind am größten bei den Maßen der EF, der globalen Kognition und der Aufmerksamkeit. In einer Metaanalyse von 39 RCT verbesserte das zumeist durchgeführte Ausdauertraining die EF, das episodische Gedächtnis, die visuell-räumliche Funktion, die Wortflüssigkeit, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die globale kognitive Funktion. Zudem fallen die Effekte für das aerobe Training im Vergleich zu Krafttraining oder multimodalen Interventionen (Kraft und Ausdauer) meist höher aus. Ein kürzlich erschienenes systematisches Review bestätigt jedoch, dass sich durch Krafttraining erhebliche Veränderungen in der funktionellen Hirnfunktion hervorrufen lassen, insbesondere im PFC, die wiederum mit Verbesserungen der EF einhergingen. Darüber hinaus führt Krafttraining zu einer geringeren Atrophie der weißen Substanz und zu kleineren Läsionsvolumen der weißen Substanz. Studien mit bildgebenden Verfahren zeigen, dass aerobes Training das rechte und linke anteriore Hippocampusvolumen vergrößern. Allerdings dürfen auch hier Befunde nicht überinterpretiert werden, da bislang nur wenige langfristig angelegte Studien mit ausreichender Stichprobengröße die Auswirkungen von Trainingsinterventionen auf das Hippocampusvolumen bei ­älteren Erwachsenen untersucht haben. Ältere Erwachsene, die sich mit einer geringeren Anzahl an sitzenden Aktivitäten beschäftigen, schneiden bei einer Vielzahl von EF als auch Gedächtnisaufgaben besser ab als ihre überwiegend sitzenden Altersgenossen. Darüber hinaus scheint die Zeit, die in verschiedenen Arten von sitzenden Aktivitäten (Fernsehen, Lesen, Musik hören usw.) verbracht wird, unterschiedlich mit den EF zu korrelieren.

Studien bei älteren Erwachsenen mit MCI oder AD

Zahlreiche prospektive Beobachtungsstudien, die Personen über längere Zeiträume verfolgten geben Hinweise darauf, dass größere Umfänge an körperlicher Aktivität mit einem verringerten Risiko für kognitive Beeinträch­tigungen und Demenz verbunden sind. In diesen Studien werden kognitiv gesunde Personen über einen längeren Zeitraum verfolgt, um zu bestimmen, ob körperliche Inaktivität und Sedentariness mit einem Risiko für die Entwicklung kognitiver Beeinträchtigung verbunden ist. Beispielsweise ergab eine Metaanalyse von Sofi et al. mit 15 prospektiven Studien mit einer Dauer von 1 bis 12 Jahren und mehr als 33.000 Teilnehmern, dass höhere Umfänge von körperlicher Aktivität mit einem um 38 % verringerten Risiko für kognitive Beeinträchtigung verbunden sind. Eine weitere Metaanalyse von 10 prospektiven Studien mit mehr als 20.000 Teilnehmern berichtete, dass höhere Aktivitätsumfänge mit einem um 40 % verringerten Risiko, an Demenz zu erkranken, assoziiert war. Bewegung ist ebenso ein möglicher Ansatz zur Behandlung der Symptome von Demenz, was darauf hindeutet, dass Bewegungsinterventionen zur Verbesserung der Kognition bei Personen mit einer klinischen Demenzdiagnose beitragen können. Beispielsweise ermitteln Groot und Kollegen über 18 RCTs von 802 Demenzpatienten hinweg einen standardisierten Gesamtmittelwertsunterschied von 0,42 für hochfrequente als auch niederfrequente Interventionen; dieser Effekt war auch signifikant für Personen mit AD oder in Studien, die AD und Nicht-AD-Demenz kombinierten.

Schrittzahl und Alzheimer

Regelmäßige Bewegung könnte die Ansammlung von Tau-Proteinen im Gehirn verlangsamen und so den kognitiven Abbau bremsen, der mit Alzheimererkrankungen einhergeht. Das legt eine Studie im Fachjournal »Nature Medicine« nahe. Schon 3000 Schritte täglich zeigen diesen Effekt. Die größte Wirkung tritt jedoch bei mehr als 5000 Schritten ein. Besonders profitieren ältere Menschen, die zuvor wenig aktiv waren.

Ein Forschungsteam des Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School begleitete im Rahmen der Harvard Aging Brain Study (HABS) 296 Erwachsene im Alter von 50 bis 90 Jahren über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren. Alle Teilnehmer waren zu Beginn der Studie geistig gesund. Erst durch Hirnscans zeigten sich bei 88 Personen vermehrt Beta-Amyloid-Plaques, die als frühes Alzheimerrisiko gelten.

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Bei einer Alzheimererkrankung entsteht der kognitive Abbau dadurch, dass Nervenzellen nach und nach absterben. Ursächlich dafür scheinen unter anderem Proteinklumpen zu sein, die sich ansammeln - in Form von Beta-Amyloid-Plaques außerhalb der Zellen und sogenannten Tau-Fibrillen innerhalb der Zellen.

Zu Beginn der Studie trugen alle Probanden sieben Tage lang einen Schrittzähler. Entsprechend der Aktivität teilten die Fachleute sie in vier Gruppen ein: inaktiv (≤ 3000 Schritte/Tag), niedrig aktiv (3001-5000), moderat aktiv (5001-7500) und aktiv (> 7500). Männer bewegten sich im Schnitt mehr als Frauen, ältere Teilnehmer weniger als jüngere. Eine langfristige Erfassung der Schritte erfolgte jedoch nicht.

Das Team prüfte jährlich die Gedächtnisleistung der Probanden mit kognitiven Tests. Zudem ermittelte es zu Beginn sowie nach drei, fünf, acht und elf Jahren die Beta-Amyloid- und Tau-Ablagerungen im Gehirn mithilfe der Positronenemissionstomografie (PET).

Das Ergebnis war eindeutig: Aktivere Teilnehmer schnitten in den Gedächtnis- und Alltagstests über die Jahre hinweg besser ab. Zudem wiesen sie weniger Ansammlungen von Tau-Proteinen im Temporallappen auf, einer Hirnregion, die von dem voranschreitenden Alzheimerprozess schon früh betroffen ist. Besonders stark von körperlicher Bewegung profitierten Menschen, die bereits anfangs erhöhte Amyloid-Werte aufgewiesen hatten. Für Amyloid selbst fand die Studie dagegen keinen Zusammenhang mit der Schrittzahl.

Schon bei Personen, die als »niedrig aktiv« eingestuft wurden, verringerte sich der Rückgang der Gedächtnisleistung und Alltagskompetenz deutlich. Der größte Schutz zeigte sich jedoch bei Teilnehmern, die mit 5001 bis 7500 Schritten pro Tag »moderat aktiv« waren. Höhere Schrittzahlen brachten keinen zusätzlichen Effekt.

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Die Forscher berechneten mit Modellen, dass kognitiv gesund erscheinende Teilnehmer mit erhöhten Beta-Amyloid-Werten bei inaktiver Lebensweise nach etwa 6,5 Jahren deutliche kognitive Einbußen erreichen würden, bei niedriger Aktivität nach rund 9,6 Jahren und bei moderater Aktivität erst nach etwa 12 bis 14 Jahren.

Warum Bewegung den kognitiven Abbau verlangsamen könnte, ist noch unklar. Das Forschungsteam vermutet, dass sie die Durchblutung des Gehirns verbessert, Entzündungen dämpft und die Ausschüttung schützender Botenstoffe anregt.

Wie die Autoren selbst einräumen, zeigt die Studie nur Zusammenhänge auf, keine Kausalität. Faktoren wie Bildung, der allgemeine Gesundheitszustand und Lebensstil wurden nicht oder unvollständig erfasst. Zudem zeichneten die Schrittzähler die Bewegung der Probanden lediglich zu Beginn der Studie auf. Ob und wie sich die körperliche Aktivität der Teilnehmer später änderte, ist nicht bekannt.

Alternative Therapieansätze

Bisher gibt es kaum Therapieansätze, um das Fortschreiten von Alzheimer zu verlangsamen. Eine Studie, die Daten aus 14 Jahren auswertet, kommt nun zu dem Schluss, dass bereits 3.000 bis 7.000 Schritte pro Tag ausreichen könnten. Zusätzlich zu einer Studieneinordnung geben deutsche Kolleginnen und Kollegen Empfehlungen für die Praxis.

Wie Bewegung das Gehirn schützt

Bewegung hält das Gehirn gesund. Es gibt keine „beste“ Sportart - wichtig ist, dass sie Spaß macht und regelmäßig ausgeübt wird. Gut geeignet sind:

  • Ausdauersportarten wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen für Herz und Kreislauf.
  • Ganzkörpertrainings wie Yoga oder Pilates zur Förderung von Beweglichkeit und Balance.
  • Tanzen oder Tai-Chi zur Stärkung der Koordination und des Gedächtnisses.
  • Krafttraining zur Vorbeugung von Muskelabbau und Stürzen.

Wer gesundheitliche Bedenken hat, kann sich von einer Sportmedizinerin oder einem Sportmediziner beraten lassen. Neben gezieltem Sport hält auch Bewegung im Alltag Körper und Geist fit. Ein Spaziergang, Treppensteigen oder Gartenarbeit - jede Bewegung bringt den Kreislauf in Schwung, versorgt das Gehirn mit Sauerstoff und stärkt die geistige Fitness.

Tipps für mehr Aktivität im Alltag

  • Öfter zu Fuß gehen oder das Rad nehmen - kurze Strecken aktiv zurücklegen hält in Schwung.
  • Die Treppe nehmen statt den Aufzug - das kräftigt Muskeln und verbessert das Gleichgewicht.
  • Freizeit aktiv gestalten - mit Freunden spazieren, im Garten werkeln oder draußen Zeit verbringen.

Der Einstieg fällt leichter mit kleinen Schritten. Bewegung hält das Gehirn aktiv und kann helfen, den Krankheitsverlauf von Menschen mit Demenz zu verlangsamen. Auch depressive Symptome, die oft als Begleiterscheinung einer Demenz auftreten, können durch Bewegung positiv beeinflusst werden. Wer sich bewegt, fühlt sich sicherer, spürt seinen Körper und bleibt besser in Kontakt mit seiner Umgebung. Besonders in Gruppen kann Aktivität Lebensfreude schenken und das Gefühl stärken, dazuzugehören.

  • Kraft- und Ausdauertraining verbessert die Durchblutung des Gehirns und kann helfen, kognitive Fähigkeiten länger zu erhalten.
  • Sanfte Bewegungsformen wie Yoga oder Tai-Chi fördern Balance und Konzentration und geben innere Ruhe.
  • Musik und Bewegung - etwa Tanzen oder im Takt klatschen - können Erinnerungen wecken und helfen, sich leichter zu bewegen.

Menschen mit Demenz müssen keine neuen Sportarten erlernen - wer schon immer gerne spazieren gegangen ist, sollte dies auch weiterhin tun. Knüpfen Sie an alte Gewohnheiten und Leidenschaften an: Jemand hat früher gern getanzt oder Gymnastik gemacht? Dann kann er oder sie auch mit Demenz davon profitieren.

Es muss nicht perfekt sein - Hauptsache, es fühlt sich gut an. Ein kurzer Spaziergang, ein paar Tanzschritte in der Küche oder gemeinsames Gärtnern: Oft sind es die vertrauten Bewegungen, die Sicherheit geben und Freude machen. Wer sich früh mit dem Thema Bewegung und Demenz auseinandersetzt, kann viel für seine eigene Gesundheit tun.

Bewegung und Muskeln: Eine neue Perspektive

Ein internationales Forschungsteam hat überraschende Belege dafür gefunden, dass das Geheimnis für den Schutz vor Gedächtnisverlust in unseren Muskeln liegt - und ein Protein bislang unterschätzt wurde. Klar ist: Körperliche Aktivität hält fit und Alzheimer gefährdet das Gedächtnis. Dass Sport jedoch in den Muskelzellen Prozesse auslöst, die die Krankheit beeinflussen könnten, ist ein vergleichsweise neuer Gedanke.

Im Mittelpunkt der aktuellen Studie steht das Muskelprotein Cathepsin B (Ctsb). Dieses Molekül war bislang eher in der Krebsforschung und im Kontext von Hirnschädigungen bekannt. Mit einem gentechnischen Trick schleusten die Forschenden das Ctsb-Gen über einen harmlosen viralen Vektor in die Muskelzellen von Mäusen, deren Genmaterial Alzheimer-typische Mutationen trägt. Diese Tiere entwickeln eigentlich Gedächtnisstörungen und zeigen Ablagerungen von Amyloid im Gehirn. Doch die Behandlung mit Ctsb brachte eine kleine Sensation: Die Mäuse behielten ihre Lernfähigkeit und das Gedächtnis schien unversehrt. Sogar die für das Lernen so zentrale Region, der Hippocampus, ließ weiter neue Nervenzellen entstehen - ein erstaunliches Resultat.

Die Muskeltherapie wirkte, obwohl die klassischen Merkmale von Alzheimer wie entzündliche Reaktionen und Plaque-Bildungen in den behandelten Tieren weiterhin vorhanden waren. Die Forschenden vermuten, dass Ctsb das Gedächtnis und die kognitive Leistung möglicherweise über bislang kaum verstandene Pfade verbessert - etwa, indem es dem Gehirn hilft, wichtige Eiweiße für das Wachstum neuer Nervenzellen und die Kommunikation zwischen ihnen wieder selbst herzustellen.

„Unsere Studie ist die erste, die zeigt, dass die spezifische Expression von Cathepsin B in Muskeln Gedächtnisverlust verhindern und die Gehirnfunktion in einem Mausmodell für Alzheimer erhalten kann“, betont Autorin und Neurowissenschaftlerin Henriette van Praag. Sie erkennt darin große Chancen: Die gezielte Modulation dieses Proteins durch Gentherapie, Medikamente oder Sport könne helfen, verlorenes Gedächtnis zurückzugewinnen.

Auch wenn sich die Ergebnisse hauptsächlich auf Mäuse beziehen, werfen sie einen Blick auf vielversprechende Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. Der sportliche Muskel scheint zum Vermittler zwischen Körper und Geist zu werden. „Muskeln sind nicht nur mechanisches Gewebe - sie sind ein leistungsstarker Kommunikator mit dem Gehirn“, erklärt Atul S. Deshmukh, einer der Hauptautoren der Untersuchung. Seine Vision: Mit gezielter Bewegung und medikamentöser Unterstützung könnten in Zukunft ganz neue Therapiewege gegen Alzheimer eröffnet werden, die natürliche Ressourcen des Körpers nutzen.

Doch die Forschenden entdecken auch Kehrseiten: Bei Mäusen ohne Alzheimer-Symptome führte zugeführtes Ctsb sogar dazu, dass ihr Erinnerungsvermögen litt. Die Ergebnisse der Studie aus Florida fügen sich ein in ein Gesamtbild, das darauf hindeutet, dass regelmäßiges Training den Verlauf von Alzheimer beeinflussen und im Idealfall sogar verhindern könnte. Die gezielte Stärkung der Muskeln eröffnet nicht nur neue Wege für Medikamente, sondern auch für lebensnahe, bezahlbare und zugängliche Therapieoptionen.

Neun Minuten Bewegung zeigen Wirkung

Britische Forscher haben jetzt in einer neuen Studie nachgewiesen, was man mit ein wenig mehr Bewegung - eben schon mit nur 9 Minuten am Tag! Im Rahmen der „1970 British Cohort Study“ (BCS70) hatten die Forscher für ihre prospektive Studie exakt 4.481 Probanden eingeschlossen. Alle Studien-Teilnehmer waren im Jahr 1970 in England, Schottland oder Wales geboren und während ihrer gesamten Kindheit wissenschaftlich begleitet sowie im Erwachsenenalter nachbeobachtet worden*. Im Alter von 46 Jahren hatten die teilnehmenden Probanden an dieser Studie eingewilligt, einen Beschleunigungsmesser am Oberschenkel zu tragen, um ihre körperlichen Aktivitäten, aber auch die Zeit im Sitzen und die Schlafdauer zu erfassen sowie parallele Tests zum verbalen Gedächtnis und zu exekutiven Funktionen durchführen zu lassen. Die Teilnehmer waren überwiegend weiß, weiblich (52%), verheiratet (66%) und gut ausgebildet. Der Grund für die Untersuchung: Zwar hatten ältere Studien bereits mögliche Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und erhöhter kognitiven Kapazität sowie einen wohl späteren Beginn des kognitiven Verfalls mit zunehmendem Alter abgebildet. Um welche körperlichen Aktivitäten bei welcher Intensität und in welchem Umfang es sich dabei handelte, war jedoch noch nicht ausreichend erforscht worden. Die Resultate: Die Wissenschaftler stellten eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten um 1,31% im Vergleich zum Durchschnitt fest, wenn die Probanden 9 Minuten sitzende Tätigkeit durch intensive körperliche Aktivität ersetzten (95%-Konfidenzintervall: 0,09-2,50). Eine Verbesserung von 1,27% zeigte sich, wenn 7 Minuten leichte durch intensive körperliche Aktivität ersetzt wurden und bei 1,2%, wenn 7 Minuten Schlaf für intensive körperliche Aktivität genutzt wurden. Gemäß der britischen Forscher wirkte sich die körperliche Aktivität auf das Arbeitsgedächtnis und auf geistige Prozesse wie Planung und Organisation aus. Seit langem ist bekannt, das körperliche Aktivitäten nicht nur den Körper, sondern auch den Geist fit halten, denn: Durch Bewegung kann die sog. Dies geschieht gemäß aktueller Forschung wohl dadurch, dass körperliche Aktivitäten die Konzentration von sog. Wachstumsfaktoren im Blut erhöhen. So steigt etwa der Spiegel von VEGF (vascular endothelial growth factor - eine Gruppe von Proteinen, die als Signalmoleküle/Neurotransmitter unterschiedliche Aufgaben erfüllen) nach sportlicher Betätigung an. Diese können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im Gehirn die Neurogenese stimulieren. Eine ähnliche Wirkweise wird von Wissenschaftlern übrigens bei der Transkranielle Pulsstimulation in Bezug auf die Aktivierung der Neurogenese postuliert und erforscht. Auch hier wurden vermehrte Ausschüttungen von Neurotransmittern wie dem VEGF und anderen Botenstoffen beobachtet. Auch dass die TPS die Möglichkeit bieten kann, kurzfristig die Blut-Hirn-Schranke zu öffnen, um in der Folge medikamentöse Wirkstoffe zur Behandlung der Alzheimer-Demenz oder anderer neurodegenerativer Erkrankungen in das Gehirn einzubringen, wird derzeit intensiv erforscht. Doch zurück zu körperlicher Aktivität, Sport und Bewegung: Auch die britische Studie zeigt einmal mehr, dass Aktivitäten wie vermehrtes Spazierengehen in raschem Schritt, Fahrradfahren oder intensives Schwimmen dem Gehirn mehr zugutekommen können, also man bisher vielleicht annehmen mochte.

Mögliche Mechanismen der Wirkung

Während die potenziellen positiven Auswirkungen von Bewegung auf die Kognition und die Gehirngesundheit bei älteren Erwachsenen gut bekannt sind, sind die Mechanismen, die dieser Assoziation zugrunde liegen, noch nicht vollständig verstanden.

Die meist untersuchte Hypothese, die die positive Wirkung habituell körperlicher Aktivität auf die kognitive Leistungsfähigkeit erklärt, ist die so genannte neuro­trophe Hypothese. Hier wird angenommen, dass Ausdauertraining auf molekularer und zellulärer Ebene Neuroplastizität anregt. So führt die trainingsbedingte erhöhte zentrale Zirkulation von neurotrophen und Wachstumsfaktoren (BDNF, IGF-1, VEGF) zur Hochregulation von Neurogenese, Synaptogenese, Gliogenese und Angiogenese. Durch die Hochregulierung der gliogenen und neurogenen Prozesse erhöht aerobes Training das Volumen der weißen Substanz, während Gliogenese, Neurogenese und Synaptogenese das Volumen der grauen Substanz erhöhen.

Diese strukturellen Veränderungen werden wahrscheinlich durch eine verbesserte zerebrovaskuläre Funktion als Folge von körperlicher Aktivität hervorgerufen. Daher kann die Angiogenese die strukturellen Veränderungen des Volumens der grauen und weißen Substanz durch eine verbesserte zerebro­vaskuläre Funktion und Perfusion vermitteln. Dies ist entscheidend für das neuronale Wachstum und die Synapsenbildung, da eine größere Blutversorgung für die Bereitstellung ausreichender Nährstoffe zur Unterstützung der neuronalen Entwicklung unerlässlich ist. Zudem führen trainingsinduzierte Strukturveränderungen zu einer erhöhten Effizienz der neuronalen Aktivierung und Kommunikation. Letztendlich führt Bewegung durch diese Mechanismen zu verbesserten kognitiven und motorischen Funktionen.

Es wurden auch alternative Hypothesen vorgeschlagen, wie z. B. die neuroinflammatorische Hypothese (Verringerung von neurodegenerativen Erkrankungen des Gehirns durch Modifikation der gliavermittelten Neuroinflammation) sowie die Aufwands[Effort] Hypothese. Letztere besagt, dass es einen bidirektionalen Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität, willentlicher Kontrolle und den EF gibt: während einerseits Übung und Training zu einer Verbesserung der Konnektivität neuronaler Ressourcen und damit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit führt, so ist andererseits die Aufnahme bzw.

Zusammenfassung und Empfehlungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass körperliche Aktivität, insbesondere aerobes Training, aber auch eine nur gering ausgeprägte sitzende Lebensweise durch eine Reihe von Mechanismen das Potenzial hat, die Gesundheit des Gehirns im Alter zu unterstützen. Zusätzlich zu den Vorteilen für das Herz-Kreislauf-System hat körperliche Aktivität positive Auswirkungen auf Biomarker im Blut, physiologische und psychologische Faktoren, die eng mit den kognitiven Funktionen verbunden sind.

Es gibt Hinweise, dass sportliche Bewegung und kognitive Aktivierung dazu beitragen können, den Erkrankungsprozess bei einer Alzheimer Erkrankung zu verlangsamen. In der Studie soll untersucht werden, ob multimodale sportliche Aktivität bei Patienten im Frühstadium der Alzheimer-Demenz zu einer klinisch relevanten Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit und der Alltagkompetenz führt.

  • Alltagstaugliche Empfehlungen: Regelmäßige Spaziergänge in leichter bis moderater Intensität, eingebettet in den Alltag (z.B. auf dem Weg zum Einkauf, bei sozialen Verabredungen oder Treppensteigen statt Aufzug).
  • Bewegung als Teil eines gesunden Lebensstils: Körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte wirken zusammen schützend, nicht nur für die kognitive Fähigkeit, sondern auch für andere chronische Krankheiten.
  • Frühzeitiger Beginn: Jede zusätzliche Bewegung zählt - Anfangen lohnt sich auch im höheren Lebensalter, selbst wenn die empfohlenen Schrittzahlen noch nicht ganz erreicht werden.

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