Einführung
Neurologische Störungen, die sich in Form von Bewegungsstörungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Epilepsie manifestieren, können bei Kindern vielfältige Ursachen haben. Diese Symptome können auf eine Vielzahl von Erkrankungen hinweisen, von denen einige selten und schwer zu diagnostizieren sind. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die möglichen Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsansätze für diese komplexen neurologischen Probleme bei Kindern.
Seltene Erkrankungen als Ursache neurologischer Störungen
Schätzungen zufolge gibt es weltweit etwa 8.000 seltene Erkrankungen. Einige dieser seltenen Erkrankungen können sich durch neurologische Symptome wie Bewegungsstörungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Epilepsie äußern. Hier sind einige Beispiele:
- CAD (Cold Agglutinin Disease): Eine seltene Autoimmunhämolyse, bei der das Immunsystem bei Kälteeinwirkung Antikörper gegen rote Blutkörperchen bildet. Dies kann zu Blutarmut, Müdigkeit und Durchblutungsstörungen führen.
- Dunbar-Syndrom: Eine seltene chronische Durchblutungsstörung des Darms, die Übelkeit, Erbrechen, Krämpfe und Schmerzen im Oberbauch verursacht.
- Hereditäre Fruktoseintoleranz: Eine sehr seltene, autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung, die durch einen genetisch bedingten Enzymdefekt verursacht wird.
- MEN (Multiple Endokrine Neoplasie): Eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, bei der es durch Genveränderungen zur Bildung mehrerer Tumoren in hormonbildenden Drüsen kommt.
- Phenylketonurie (PKU): Eine seltene, erbliche Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper die Aminosäure Phenylalanin nicht richtig abbauen kann, was zu einer Anhäufung im Blut führt.
- Roberts-Syndrom: Eine sehr seltene genetische Erkrankung, die durch Mutationen im ESCO2-Gen verursacht wird und zu schweren Wachstumsstörungen, Fehlbildungen der Gliedmaßen, Gesichtsauffälligkeiten und inneren Organanomalien führt.
- Tay-Sachs-Krankheit: Eine seltene genetische Stoffwechselerkrankung, bei der ein Enzymmangel dazu führt, dass eine Substanz in den Nervenzellen nicht abgebaut werden kann.
- Treacher-Collins-Syndrom: Eine seltene genetische Erkrankung, die das Gesicht und den Schädelknochen betrifft und zu charakteristischen Gesichtszügen führt.
- Turner-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die nur bei Frauen auftritt und durch das Fehlen oder teilweise Fehlen eines X-Chromosoms gekennzeichnet ist.
- Van-der-Woude-Syndrom: Eine seltene genetische Störung, die Fehlbildungen im Gesicht verursacht.
Autoimmunenzephalitis
Autoimmunenzephalitiden gewinnen in der Neuropädiatrie zunehmend an Bedeutung. Diese Krankheitsgruppe kommt in jedem Alter vor und wird immer häufiger diagnostiziert. Noch vor 30 Jahren war sie weitgehend unbekannt. Inzwischen sind Autoantikörper gegen Nervenzelloberflächen, Synapsen, Transmitter, Gefäße, Bindegewebe des Gehirns und Nervenscheiden bekannt. Oft treten die Antikörper infolge von Virusinfekten oder entzündlichen Erkrankungen auf und verursachen neurologische Störungen, wie:
- Bewegungsstörungen
- Kognitive Einbußen
- Verhaltensstörungen
- Psychosen
- Epileptische Anfälle
- Lähmungen
- Kopfschmerzen
- Sehstörungen
Das EEG zeigt recht zuverlässig Störungen an, während das MRT anfangs öfters unauffällig bleibt. Die Antikörpersuche kann im Blut oder erst im Liquor gelingen. Typische Auslöser der Autoimmunphänomene sind Herpesviren, Enteroviren, Epstein-Barr, Bakterien wie Mykoplasmen und Tumoren wie Lymphome und Teratome. Die Diagnostik gelingt meist nur in großen Zentren. Ein Teil der plötzlich auftretenden schwersten Epilepsien wird hierdurch erklärt. Manchmal hilft Immuntherapie, manchmal versucht man eine Operation. Etliche Antikörper lassen sich bereits definierten Krankheitsverläufen zuordnen.
Diagnostik und Therapie der Autoimmunenzephalitis
Die Diagnosestellung einer Autoimmunenzephalitis erfordert in der Regel eine Lumbalpunktion zur Entnahme von Liquor, der anschließend auf Autoantikörper untersucht wird. In einigen Fällen können die Autoantikörper auch im Blut nachgewiesen werden.
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Die Therapie der Autoimmunenzephalitis zielt darauf ab, die Produktion der krankmachenden Autoantikörper einzudämmen. Hierfür werden in der Regel immunsuppressive Medikamente eingesetzt, wie hochdosierte Steroidpulse, intravenöse Immunglobulin-Gaben, Plasmapherese oder Immunadsorption. In einigen Fällen können auch moderne Biologika wie der Anti-B-Zell Antikörper Rituximab eingesetzt werden.
MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung
Die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper gegen das Myelinscheidenprotein Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG-AK) gebildet werden. Die Antikörper wandern über die Bluthirnschranke in das Gehirn ein und führen zu Entzündungsherden. Am häufigsten sind dabei der Sehnerv und das Rückenmark betroffen. Ist der Sehnerv betroffen, treten Sehstörungen auf. Entzündungen des Rückenmarks führen meist zu Taubheit oder zu Schwäche. Insbesondere bei Kindern ist häufig auch das Großhirn betroffen und es können vielfältige Symptome auftreten.
Der Verlauf der MOG-Antikörper-assoziierten Erkrankung kann monophasisch oder rekurrierend sein. Die Diagnose wird durch eine neurologische Untersuchung, eine Nervenwasserpunktion, Blutuntersuchungen und eine Magnetresonanztomografie von Kopf und Rücken gestellt. Der akute Schub wird mit Cortison behandelt. Patienten mit einem rekurrierenden Verlauf können, wenn die Schübe häufig auftreten, mit Medikamenten behandelt werden, die dazu führen, dass die Schübe seltener und weniger schwer sind.
Erkrankungen der Nervenbahnen und Myelinschicht
Erkrankungen der Nervenbahnen und insbesondere der isolierenden Nervenscheiden, der Myelinschicht, führen zu Störungen, die im MRT gut sichtbar werden, die kognitiven Funktionen aber anfangs nicht beeinträchtigen. Handelt es sich um ein einmaliges Ereignis, so gelingt insbesondere bei Kindern oft eine gute, weitreichende Erholung. Ist die Erkrankung wiederkehrend aktiv, so handelt es sich um eine Multiple Sklerose (MS).
Akute disseminierte Encephalomyelitis (ADEM)
Die akute Form oder akute disseminierte Encephalomyelitis (ADEM) zeigt sich erstmals meist im Schulalter, verursacht durch Erreger, meist Viren (besonders oft Epstein-Barr-Virus) oder Impfungen: Gesichert sind Fälle nach Impfungen gegen Windpocken, Masern, Röteln, Mumps, Tetanus, Diphtherie, Polio, Pertussis, Influenza, Tollwut, Meningokokken, japanische Encephalitis. Wichtig: Die Impfmyelitis ist deutlich seltener als die virusverursachte Myelitis. Die Abwägungsentscheidung „Impfen oder nicht?“ bleibt rational eindeutig für Impfung, aber die Behauptung, dass Impfen keine schweren Schäden verursachen kann, ist schlicht falsch.
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Die ADEM-Krankheit verläuft rasch und manchmal schwer, das MRT zeigt zuverlässig erhebliche Störungen in der weißen Substanz, das Labor hilft oft nicht weiter, die Lumbalpunktion mit Untersuchung des Hirnwassers auf Entzündungszeichen auch nicht. Das macht die Ursachenzuschreibung gerne spekulativ. Entscheidend für ADEM ist der Verlauf, die Erkrankung sollte sich bessern, manchmal komplett binnen vier Wochen, manchmal bleiben Schäden.
Transverse Myelitis
Im Bereich des Rückenmarks gibt es eine ähnliche Krankheitsform, die transverse Myelitis. Hierbei entsteht, erneut oft nach Virusinfekt und sehr selten nach einer Impfung, eine abrupte Sehstörung, manchmal mit Augenbeschwerden und Kopfschmerzen. Augenärztliche Kontrollen sind oft unergiebig, Spezialuntersuchungen zur Nervenleitgeschwindigkeit des optischen Systems sind selten möglich und aufwendig, zeigen jedoch eine Verlangsamung und manchmal erkennt das MRT die diskrete Schwellung des Sehnervs. Das MRT hat auch die Aufgabe, Multiple Sklerose mit diffusen, wechselnden Entmarkungsherden auszuschließen. Angesichts verschiedenster möglicher Ursachen wird bei Optikusneuritis viel Labor abgenommen mit umfangreicher Suche nach speziellen Antikörpern. Behandelt wird mittels Cortison und oft erfolgreich.
Multiple Sklerose (MS)
Sie betrifft die weiße Substanz, also die Bahnen und Nervenscheiden von Gehirn, Rückenmark und Sehnerv, nicht jedoch die Hirnrinde, es kommt meist nicht zu akuten kognitiven Störungen und das EEG kann unauffällig sein. Im Verlauf entwickeln sich aber neben Sensibilitätsstörungen, Lähmungen und Schwäche auch Sprach-, Denk- und Merkstörungen. Dachte man früher, die MS sei eine Erkrankung des Erwachsenenalters, so finden sich inzwischen zunehmend Kinder und Jugendliche. Das Epstein-Barr-Virus scheint bei der Entstehung der MS eine entscheidende Rolle zu spielen.
Als erste Krankheitszeichen werden Sensibilitätsstörungen, Sprachstörungen Sehminderungen und Lähmungen angenommen, das entscheidende MRT erfolgt nicht selten wegen einer unklaren Wesensänderung mit Kopfschmerzen. Zur sicheren Diagnose sind zumindest zwei demyelinisierende Episoden mit gut sichtbaren neuen Entmarkungsherden im MRT im Abstand von mindestens vier Wochen nötig, also zweimal MRT-Diagnostik und eine Liquorpunktion mit typischen Entzündungszeichen im Hirnwasser. Die Therapie verzichtet zunehmend auf Cortison (außer im akuten Schub) und setzt Immunmodulatoren ein, die meist off-label und nur in Spezialzentren verordnet werden dürfen - mit guter Wirkung.
Schlaganfälle bei Kindern
Schlaganfälle bei Kindern gelten irrtümlicherweise als gänzlich ungewöhnlich. Ein Schlaganfall um die Geburt ereignet sich bei 0,3 Promille der Kinder und ergibt einen wichtigen Grund für die spastische Hemiparese (Zerebralparese mit halbseitiger, armbetonter, spastischer Lähmung nach Verschluss der mittleren Gehirnarterie). Schlaganfälle sind auch während der späteren Kindheit möglich. Grund sind angeborene Engstellen oder Erweiterungen von Arterien oder Entzündungen, z. B. nach Varizellen, Kawasaki, Corona, und bei genetischen Krankheiten wie Mitochondriopathie (Funktionsstörungen der Mitochondrien), Migräne, Fettstoffwechselstörungen und Sichelzellanämien. Infarkte durch Embolien oder Thrombosen sind möglich bei Herzerkrankungen, Gerinnungsstörungen oder durch Medikamente (Verhütungsmittel).
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Eine angeborene Halbseitenlähmung wird in den ersten Monaten beim Kind öfters nicht erkannt. Dann ist der Gefäßverschluss deutlich vor der Geburt entstanden, das Neugeborene wirkt nicht krank und die Bewegungsstörung wird erst ab dem vierten bis fünften Monat deutlich. Eine akute Hemiparese während oder nach der Geburt führt zu einem kranken Kind und kann eigentlich nicht übersehen werden.
Abrupte heftigste Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit und rasche Bewusstseinsstörung sind die klinischen Zeichen der akuten Hirnblutung - bei Kindern und bei Erwachsenen. Auslöser sind meist angeborene Fehlbildungen der großen Hirngefäße. Beim Schütteltrauma des Säuglings finden sich andere Blutungsorte und oft Netzhautblutungen (Augenhintergrund dringend prüfen!).
Migräne kann kurzfristige Lähmungen, Sehstörungen oder Schwindelzustände im Rahmen der Aura auslösen. Selten entwickelt sich ein bleibendes Defizit im Sinne eines diskreten Schlaganfalls. Fieberkrämpfe oder fokale Epilepsien mit langen, halbseitigen Krampfanfällen können ebenfalls ein motorisches Defizit hinterlassen. Selten sind genetische Ursachen, z. B. die alternierende Hemiplegie, das Gen ist präzise bekannt, es führt zu seitwechselnden schlaffen Lähmungen, anhaltenden Krampfanfällen und zunehmender Behinderung.
Gefäßentzündungen im Gehirn
Seit Corona wird die Möglichkeit einer Gefäßentzündung von Hirngefäßen öffentlich diskutiert. Seit Langem weiß man um diese seltene Komplikation nach Varizellen (Windpocken), Zytomegalie und Parvoviren (Ringelröteln) sowie bei Borrelien (Zecken) und Mykoplasmen (Bronchitiserreger). Die sogenannte Immunvaskulitis (allergische Gefäßentzündung) ist bei Kindern bekannt als Purpura Schönlein-Henoch (Haut, Darm, Nieren) oder Kawasaki-Syndrom (Haut, Herzkranzgefäße). Manche der Gefäßentzündungen betreffen das Gehirn und es kommt zu verwirrenden neurologischen Symptomen mit Kopfschmerzen, Wesensänderung oder Krampfanfällen. Die Diagnostik ist schwierig, öfters bleibt sie unsicher, aktuell von großem Interesse wegen Corona und Long bzw. Postcovid mit vermuteter oder gesicherter Entzündung kleiner Hirngefäße.
Meningitis und Enzephalitis
Meningitis
Die wahrscheinlich von den Eltern meistgefürchtete Komplikation beim schwer kranken Kind. Sie entsteht einmal im Verlauf eines Infekts oder Durchfalls mit zunehmenden Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Berührungsempfindlichkeit, Erbrechen, Benommenheit und Krampfanfällen. Die zweite Variante ist der abrupte Beginn aus voller Gesundheit heraus mit schockartiger Beeinträchtigung, rascher Bewusstseinsstörung und manchmal Hautveränderungen, typisch ausgelöst durch Meningokokken.
Immer sollte es schnell gehen: Die Eltern sollen mit dem Kind schnell zur Ärztin / zum Arzt; sie/er weist schnell in die Klinik ein, die Klinik macht unverzüglich die diagnoseweisende Lumbalpunktion (notwendiger Nachweis der Infektion und des Erregers im Hirnwasser). Im Bereich der Lendenwirbelsäule wird unterhalb des Rückenmarks ein Raum mit Hirnflüssigkeit angestochen (technisch schwierig).Die Hirnwassergewinnung mit Kultur ist ein Schritt, die unverzügliche Therapie der zweite. Als Erreger kommen verschiedene Bakterien, aber auch Viren und Pilze infrage. Selten entwickelt sich eine Meningitis im Rahmen einer Entzündungskrankheit ohne Erreger. Die Therapie versucht, die wichtigsten und gefährlichen Erreger zu stoppen, also Antibiotikum und im Zweifelsfall zusätzlich ein Medikament gegen Viren. Weiterhin soll die Entzündungsreaktion das Gehirn nicht zusätzlich schädigen, also Cortison. Anhand der Klinik gelingt die Trennung zwischen Bakterien und Viren oft nicht sofort zuverlässig, meist verläuft die Virusmeningitis leichter.
Die Impfungen haben die Häufigkeit schwerer bakterieller Meningitiskrankheiten drastisch reduziert. Die Sterblichkeit der bakteriellen Meningitis liegt unter 10 %, indes zeigen sich nicht selten leichte neurologische Spätfolgen, auch Hörminderungen und Sehstörungen. Bei manchen bakteriellen Erregern werden die engen Haushaltskontakte (Kernfamilie) prophylaktisch mit Antibiotika behandelt. Etliche Formen der Virusmeningitis können zurzeit nicht gezielt behandelt werden, der Verlauf ist oft leicht.
Der Hirnabszess ist eine Sonderform einer Meningitis, oft sind Streptokokken auslösend, oft mit unspezifischem Beginn, oft bestehen Vorerkrankungen. Das MRT hilft bei der Diagnose, die Therapie ist komplex.
Enzephalitis
Bei einer Enzephalitis handelt es sich um eine Entzündung unseres Gehirns. Meist werden solche Entzündungen durch Infektionen (Viren, Bakterien, Pilze oder Einzeller) ausgelöst. Manchmal ist dieser Auslöser jedoch keine Infektion, sondern die fehlgeleitete Antwort der körpereigenen Abwehr, unseres Immunsystems. Wenn dieses beginnt, Antikörper gegen die eigenen Nervenzellen in unserem Gehirn, sogenannte Autoantikörper, zu bilden, spricht man von einer Autoimmunenzephalitis.
Die Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Neurologie forscht im Bereich der Diagnostik und Therapie von Autoimmunenzephalitiden. Das Krankheitsbild der Autoimmunenzephalitis ist vielgestaltig und umfasst eine breite Palette an Beschwerden. Ein charakteristisches Symptom als Alleinstellungsmerkmal gibt es leider nicht. Patientinnen leiden oft an neurologischen Störungen (Bewegungsstörungen, Hirnnervenausfälle, Krampfanfälle, Sprach- und Gedächtnisprobleme); manche Patientinnen zeigen deutliche Verhaltensänderungen bis hin zu schweren psychiatrischen Störungen (Halluzinationen, Psychose, Katatonie) und im späteren Verlauf unter Umständen eine Beeinträchtigung lebenswichtiger Körperfunktionen wie Kreislauf und Atmung.
Infantile Zerebralparese (ICP)
Infantile Zerebralparesen sind die häufigsten Bewegungsstörungen bei Kindern. Die „ICP“ bezeichnet kein klar definiertes Krankheitsbild, sondern ist ein Sammelbegriff. Die Ursache liegt meistens in einer frühkindlichen Schädigungen der Gehirnareale, welche die Bewegung steuern. Schätzungen zufolge sind zwei von tausend Neugeborenen (häufig nach eine Frühgeburt mit Komplikationen) betroffen. Hauptmerkmal der zerebralen Bewegungsstörungen sind Auffälligkeiten der Körperhaltung und Beweglichkeit. Die meisten betroffenen Kinder sind durch Lähmungen an unterschiedlichen Gliedmaßen (Spastik) in ihren Bewegungen eingeschränkt.
Die infantile Zerebralparese umfasst eine Gruppe von Störungen, die durch eine nicht-progressive Schädigung des unreifen Gehirns entstehen. Der medizinische Begriff setzt sich aus "cerebral" (das Gehirn betreffend) und "Parese" (Lähmung) zusammen. Die Erkrankung manifestiert sich in den ersten Lebensjahren und bleibt lebenslang bestehen, wobei sich die Symptome mit dem Wachstum und der Entwicklung verändern können.
Formen der infantilen Zerebralparese
Die Formen der infantilen Zerebralparese werden nach der Art der Bewegungsstörung und der betroffenen Körperregion klassifiziert:
- Spastische Zerebralparese: Diese häufigste Form ist durch eine dauerhaft erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet. Die betroffene Muskulatur ist permanent angespannt, was zu steifen, verkrampften Bewegungen führt.
- Spastische Hemiparese: Eine Körperhälfte ist betroffen, meist Arm und Bein derselben Seite.
- Spastische Diparese: Hauptsächlich die Beine sind betroffen, während die Arme weniger oder gar nicht beeinträchtigt sind.
- Spastische Tetraparese: Alle vier Gliedmaßen sind betroffen, oft zusätzlich der Rumpf.
- Athetotische/dyskinetische Zerebralparese: Bei dieser Form wechselt der Muskeltonus ständig zwischen Anspannung und Entspannung. Die Betroffenen zeigen unwillkürliche, langsame und schraubenförmige Bewegungen, die sie nicht kontrollieren können.
- Ataktische Zerebralparese: Diese seltenste Form ist durch Störungen des Gleichgewichts und der Koordination geprägt. Betroffene haben Schwierigkeiten beim Stehen und Gehen, da ihnen die nötige Stabilität fehlt.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursache ist eine Hirnschädigung des Kindes. Die Schädigung schreitet nicht voran. Sie ist aber in der Regel dauerhaft. In etwa 30 % der Fälle findet sich keine Ursache. In mehr als 50 % der Fälle entsteht die Schädigung während der Schwangerschaft. Mögliche Ursachen während der Schwangerschaft sind z. B. ein Schlaganfall des Kindes oder eine Infektion. Oft bleibt die Ursache unbekannt.
Mögliche Ursachen kurz vor, während und kurz nach der Geburt sind z. B. bei einer komplizierten Geburt Sauerstoffmangel mit drohendem Ersticken oder eine Hirnblutung. Seltener sind Ursachen, die längere Zeit nach der Geburt auftreten. Ein Beispiel dafür ist eine Hirnhautentzündung (Meningitis) oder seltener eine schwere Gelbsucht nach der Geburt (Kernikterus). In letzter Zeit sind vermehrt genetische Ursachen bekannt geworden. Geschwister von erkrankten Kindern haben ein mindestens 4-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko.
Einige Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Zerebralparese:
- Frühgeburt
- Geburtskomplikationen
- Zu hohes oder zu niedriges Geburtsgewicht des Kindes
- Mehrlingsschwangerschaft
- Schwere Gelbsucht des Neugeborenen
- Übergewicht der Mutter während der Schwangerschaft
- Infektionserkrankungen wie Röteln, Zytomegalie, Toxoplasmose, Herpes simplex
- Genetische Veranlagung
Symptome und Begleiterkrankungen
Die Symptome der infantilen Zerebralparese sind sehr verschieden und von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Neben den motorischen Störungen treten häufig auch weitere Symptome auf, wie:
- Schmerzen
- Intelligenzminderung
- Epilepsie
- Verhaltensstörung
- Sprech- und Sprachstörung
- Harninkontinenz
- Hörminderung
- Sehstörung
Diagnose und Therapie
Die Untersuchung des Kindes konzentriert sich u. a. auf Bewegungsstörungen, die Muskelkraft und die Gelenke. Bei Verdacht auf eine Erkrankung erhalten Sie eine Überweisung an Spezialist*innen für Pädiatrie bzw. Neuropädiatrie. Die speziellen Untersuchungen umfassen:
- Ultraschall des Gehirns
- MRT
- EEG
- Blutentnahme
- Gendiagnostik
- Seh- und Hörprüfung
Die Behandlung der infantilen Zerebralparese basiert auf einem multidisziplinären Ansatz. Ziel ist es, die Funktionsfähigkeit zu verbessern und Folgeschäden zu vermeiden. Zu den wichtigsten Therapiebausteinen gehören:
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Logopädie
- Medikamentöse Therapie (z. B. zur Spastikreduzierung)
- Orthopädietechnische Versorgung
- Botulinumtoxin-Injektionen
- Operationen (in Einzelfällen)
Epilepsie bei Kindern mit ZNS-Tumoren
Bei vielen Kindern und Jugendlichen mit einem ZNS-Tumor sind Krampfanfälle das erste Anzeichen der Tumorerkrankung. Da die Epilepsie in diesen Fällen ein Symptom des Tumors ist, sprechen Fachleute von einer "symptomatischen Epilepsie". Im Zusammenhang mit einer ZNS-Tumorerkrankung kann es sich um eine so genannte fokale Epilepsie handeln. Aus fokalen können sich aber auch so genannte große beziehungsweise generalisierte Anfälle entwickeln, die sich über weite Hirnbereiche ausbreiten, immer beide Hirnhälften betreffen und mit einem Bewusstseinsverlust einhergehen.
In den Therapieprotokollen sind bis zu zehn Jahre nach Therapieende regelmäßige körperliche und neurologische Untersuchungen vorgesehen. Die Einnahme bestimmter Medikamente, so genannter Antiepileptika, vermindert das Risiko, dass die Krampfanfälle sich wiederholen.
Neurologische Probleme bei Neugeborenen
Spezielle Erkrankungen von Neugeborenen mit neurologischen Problemen:
- Asphyxie: Sauerstoffmangel bei Neugeborenen, der vor, während oder nach der Geburt auftritt.
- Schlaganfall: Eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen des Gehirns beim Neugeborenen mit mangelnder Blutversorgung von Hirnbereichen durch Gerinnsel, Blutung oder Gefäßentzündungen.
- Fehlbildungen: Angeborene Fehl- oder Missbildung entstehen durch Anlagefehler während der Schwangerschaft von Organen oder Körperteilen.
- Syndrome: Genetisch bedingte Erkrankungen, welche mit einer verzögerten körperlichen und geistigen Entwicklung des Kindes einhergehen.
- Frühgeburt: Kinder, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt kommen.
- PVL (periventrikuläre Leukomalazie): Schädigung des Gehirns beim Neugeborenen/Frühgeborenen im Bereich der weißen Substanz um die Hirnwasserräume.
- NEC (nekrotisierende Enterocolitis): Häufigste, lebensbedrohliche Erkrankung des Darmes von Früh- und Neugeborenen.
- ROP (Retinopathie des Frühgeborenen): Netzhautschädigung bei Frühgeborenen durch eine gestörte Blutgefäßentwicklung der Netzhaut aufgrund der Unreife und weiteren Risikofaktoren.
- Hirnblutung: Treten meist in den ersten Lebenstagen auf.
Frühgeborene und ihre neurologische Entwicklung
In den letzten Jahren wurden große Fortschritte in der Versorgung von Frühgeborenen erzielt. Dadurch überleben jetzt aber auch sehr frühe Frühgeborene. Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1500g haben in mehr als der Hälfte der Fälle eine normale kognitive Entwicklung, aber ca. 20% sind schwerbehindert. Die häufigste neurologische Schädigung, die bei Frühgeborenen zu finden ist, ist eine beinbetonte Spastik. Ebenfalls nicht selten ist das Auftreten einer Epilepsie.
Behandlung und Betreuung
Die Behandlung und Betreuung von Kindern mit neurologischen Störungen erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Neben Ärzten sind auch Physio-, Ergo- und Logopäden, Psychologen und Sozialarbeiter beteiligt. Ziel ist es, die Lebensqualität der Kinder und ihrer Familien zu verbessern und ihnen ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen.
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