Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist ein fundamentales Thema, das seit langem das Interesse von Forschern weckt. Neurowissenschaftliche Studien haben in den letzten Jahren erstaunliche Erkenntnisse darüber geliefert, wie die Elternschaft das Gehirn von Müttern und Vätern verändert und wie diese Veränderungen die Bindung zum Kind beeinflussen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung zusammen und beleuchtet die komplexen neuronalen Prozesse, die dieser besonderen Beziehung zugrunde liegen.
Veränderungen im Gehirn von Müttern während der Schwangerschaft
"Seit sie Kinder hat, ist sie einfach nicht mehr die Alte." Diese Aussage mag vertraut klingen, und tatsächlich gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass sich das Gehirn von Frauen während der Schwangerschaft verändert. Dr. Julia Zwank, Professorin für Business Psychology und Expertin für Entwicklungspsychologie, erklärt, dass die Veränderungen im Gehirn, die mit der Elternschaft einhergehen, die bedeutendsten im gesamten Erwachsenenleben sind und mit denen während der Pubertät verglichen werden können.
Abnahme und Zunahme der grauen Hirnsubstanz
Schon in der Schwangerschaft lässt sich beobachten, dass die graue Hirnsubstanz in bestimmten Arealen abnimmt und in anderen zunimmt. Diese Veränderungen setzen sich nach der Geburt fort. Eltern haben im Vergleich zu Nicht-Eltern stärkere neuronale Netzwerke, die beispielsweise mit einer erhöhten Wachsamkeit für Bedrohungen verbunden sind. Diese Veränderungen im Gehirn sind so deutlich, dass ein Computeralgorithmus anhand der neuroanatomischen Veränderungen sogar treffsicher voraussagen kann, ob eine Frau Mutter ist oder nicht.
Synchronisation von Körper und Geist
Die Anpassung des Gehirns an den Elternschaftsmodus beginnt bereits während der Schwangerschaft und setzt sich über die Geburt hinaus fort. Studien zeigen, dass sich in Momenten der Nähe zwischen Babys und ihren Eltern ihre körperlichen Funktionen synchronisieren. Dies geschieht immer dann, wenn wir gemeinsam glücklich sind, wenn wir einander in die Augen sehen und gemeinsame Freude empfinden. Diese Synchronisation unterstützt nicht nur die Entwicklung des Gehirns, sondern lässt auch die körperlichen Funktionen reifen.
Die Rolle von Oxytocin
In diesen Momenten schlagen die Herzen wahrhaftig „im gleichen Takt“. Eltern und Babys weisen einen ähnlichen Spiegel von Oxytocin, dem „Liebeshormon“, auf, was ihre Bindung weiter stärkt. Sogar die Gehirnwellen scheinen sich in diesen Momenten der Nähe anzugleichen. Diese Synchronität unterstützt dann die kindliche Entwicklung grundlegend und hilft dem Stresssystem, nach und nach zu reifen. Wenn wir nun weiterdenken, beeinflusst sie auch die Fähigkeit des Kindes, eines Tages selbst zu liebevollen und einfühlsamen Eltern für die nächste Generation zu werden.
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Veränderungen im Gehirn von Vätern
Die Forschung hat gezeigt, dass Gehirnveränderungen nicht nur bei Müttern auftreten, sondern auch bei Vätern, Adoptiveltern und engsten Bezugspersonen. Hier kommt es auf die Qualität der Interaktion an. Denn die Verhaltensweisen, die diese Synchronisierung zwischen Erwachsenem und Kind und damit die Gehirnentwicklung bei Eltern und Kind fördern, haben alle eines gemeinsam: Sie treten bei Verbindung und in positiven sozialen Interaktionen auf. Nähe, Augenkontakt und sanfte Berührungen.
Der Einfluss des Vaters
Lange wurde geglaubt, ein Kind bräuchte „nur eine liebevolle Mutter“. Doch das ist weit gefehlt. Der Einfluss des Vaters ist größer, als viele denken. Kinder, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, brechen deutlich seltener die Schule ab oder landen im Gefängnis als Kinder, deren Vater abwesend ist und die kein anderes männliches Vorbild haben. Wenn Kinder enge Beziehungen zu Vaterfiguren haben, sind sie seltener in riskante Verhaltensweisen involviert und in der Pubertät deutlich weniger aggressiv oder kriminell. Als Erwachsene haben sie deutlich häufiger gut bezahlte Jobs und gesunde, stabile Beziehungen. Außerdem haben sie schon im Alter von drei Jahren tendenziell höhere IQ-Testergebnisse und leiden im Laufe ihres Lebens weniger an psychischen Problemen.
Die Bedeutung von liebevoller Zuwendung
Hier geht es vor allem um gemeinsam verbrachte Zeit, wobei die Qualität der Zeit jedoch wichtiger ist als die Quantität. Es zählen gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse, bei denen positive Emotionen entstehen. Studien zeigen, dass Väter, die mit ihren Kindern zusammenleben und an wichtigen Ereignissen teilnehmen, einen weitaus größeren positiven Einfluss als Väter haben, die viel unterwegs sind oder woanders wohnen.
Neuronale Synchronie bei Eltern-Kind-Paaren
Während des gemeinsamen (versus individuellen) Puzzelns war bei den Eltern-Kind-Paaren die neuronale Synchronie erhöht und während der Unterhaltung nahm die neuronale Synchronie mit zunehmender Gesprächsdauer zu. Zudem fanden die Forscher Anzeichen dafür, dass eine höhere Beziehungsqualität mit stärkerer neuronaler Synchronie einherging. Interessanterweise fanden sie in den Ergebnissen der Mutter-Kind-Daten im Vergleich zu den Vater-Kind-Daten nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch ein paar Unterschiede. So war die neuronale Synchronie nicht immer in den gleichen Gehirnarealen am stärksten.
Das globale Elternnetzwerk
Es entwickelt sich eine Art Netzwerk im Gehirn, das manche Forschende sogar als „globales Elternnetzwerk“ bezeichnen. Das sorgt dafür, dass Eltern sich auf ihre Babys einstellen können und ihre Bedürfnisse lesen lernen. Viele Eltern beginnen, plötzlich alle potenziellen Gefahren im Alltag zu sehen - die scharfe Kante, das hohe Gerüst, die zu große Traube, die das Kind verschlucken könnte. Das ist die Wachsamkeit und die Sensibilität, die in einem Elternhirn erhöht ist. Das Elterngehirn ist wie eine Art Superkraft, mit der uns die Natur ausstattet. Mit der wir das Überleben eines kleinen, hilflosen Wesens sichern können.
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Bindung und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Kindes
Die emotionale Bindung zwischen einem Kleinkind und seinen Eltern sichert nicht nur das Überleben, sondern beeinflusst auch die Persönlichkeit. Säuglinge haben ein angeborenes Bedürfnis nach einer engen emotionalen Bindung und versuchen diese durch Augenkontakt, Schreien oder Lächeln zu stärken. Je nach Umgang der Bezugspersonen mit den Säuglingen entwickeln diese unterschiedliche Bindungstypen: Sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent oder desorganisiert. Eine gute Bindung zu einem oder mehreren Bezugspersonen stärkt die Persönlichkeit und macht zeitlebens stressresistenter. Vernachlässigung in frühester Kindheit wiederum kann zu schwerwiegenden Veränderungen in der kindlichen Emotionalität und Stressregulation führen.
Die Rolle von Oxytocin bei der Bindung
Ein wichtiges Bindungshormon ist das Oxytocin, das dazu beiträgt, ein Band zwischen Kind und Bezugsperson zu knüpfen. Sowohl in der frühen als auch späteren Bindung ist bei den beteiligten Personen die Oxytocin-Ausschüttung erhöht - da genügt manchmal schon der Anblick der geliebten Person oder das Hören ihrer Stimme. Zudem beeinflusst Oxytocin die Stressbewältigung von jungen (stillenden) Müttern positiv, senkt die Menge an Stresshormonen und fördert eine ausgeglichene Mutter-Kind-Interaktion, die wiederum dieses hormonelle System stimulieren.
Bindung als sicherer Hafen
Schon John Bowlby, einer der Pioniere der Bindungstheorie, vermutete, dass Säuglinge nicht nur den Kontakt zu einer Bezugsperson suchen, um Schutz zu finden. Die neuen Erdenbürger möchten die Welt erkunden. Das Explorationsverhalten, wie es die Bindungsforscher nennen, beginnt bereits damit, dass sich Babys auf die Suche nach der Brust ihrer Mutter machen. Aber das Kind braucht, um zu explorieren, die Geborgenheit und den Schutz seiner Eltern als „sicheren Hafen“, zu dem es jederzeit wieder zurückkehren kann.
Bindungstypen und ihre Auswirkungen
Sicher gebundene Kinder können ihre Impulse, Bedürfnisse und Gefühle später besser an die jeweilige Situation anpassen, als unsicher gebundene Kinder. Bei Belastungen zeigen sie zudem ein hohes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Bedeutsam für eine gute Bindung sei, dass die Mutter oder der Vater die Signale des Kindes wahrnehme und prompt und angemessen darauf reagiere.
Herausforderungen für die Bindung
Nicht immer kann die Mutter so für ihr Kind da sein, wie es eigentlich nötig wäre - etwa im Falle einer postnatalen Depression, an der nach Angaben des Ärzteblattes zwischen 10 und 15 Prozent der jungen Mütter leiden. Wird sie nicht behandelt, kann die Depression einen Risikofaktor für eine mögliche Bindungsstörung darstellen. Wer selbst als Kind einen Mangel an Bindungserfahrung erlebt hat oder traumatisiert wurde, dem kann es deshalb schwerfallen, selbst feinfühlig auf den Nachwuchs einzugehen.
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Die Plastizität des Gehirns
Das kindliche Gehirn hat eine ganz herausragende Plastizität. In den ersten Jahren ist es noch sehr „formbar“, da sich die bei der Geburt noch recht unspezifischen synaptischen Verbindungen noch optimieren. Die Reorganisation der neuronalen Netzwerke wird ganz entscheidend von den Erfahrungen mit der Umwelt gesteuert. Lerne das Kind von den Eltern keine „emotionale Grammatik“, könne es zeitlebens Probleme haben, emotionale Bindungen aufzubauen.
Die Auswirkungen von Stress
„Extreme Stresszustände, die nicht aufgelöst werden, führen dazu, dass das Gehirn des Babys mit Stresshormonen überflutet wird, die nicht durch Trost oder emotionale externe Regulation abgebaut werden können - etwa wenn das Baby immer wieder stundenlang schreiend allein gelassen wird. Dann kann es besonders in den Bereichen im Gehirn, die für die Stressregulation zuständig sind, zu nachhaltigen Schädigungen kommen“, warnt Becker-Stoll.
Forschung zu Bindungsstörungen und Neurofeedback
In einer aktuellen Studie untersucht die Psychologin Dr. Monika Eckstein, ob bei Müttern, die keine enge Bindung zu ihrem Baby aufbauen können, dieser positive Rückkopplungsmechanismus durch gezieltes Training mittels Neurofeedback aktiviert werden kann. In der Studie testet sie die Wirksamkeit eines wiederholten Neurofeedbacks mittels funktioneller MRT: Die Mütter sind während der Messung im MRT aufgefordert, die Aktivität in einem bestimmten Hirnareal willentlich zu steigern, z.B. indem sie an eine beglückende oder lustige Situation mit dem Kind zurückdenken. Gleichzeitig erhalten sie in Echtzeit eine Rückmeldung über die Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn bei diesen Gedanken.