Blindzeichnen: Eine Reise in die Tiefen des Gehirns und der Kreativität

Das Blindzeichnen, eine Technik, bei der man zeichnet, ohne auf das Papier zu schauen, mag zunächst bizarr erscheinen. Doch hinter dieser einfachen Übung verbirgt sich ein tiefgreifender Einfluss auf unser Gehirn und unsere kreativen Fähigkeiten. Dieser Artikel beleuchtet die faszinierenden Aspekte des Blindzeichnens, von seiner Verbindung zu den Gehirnhemisphären bis hin zu seiner praktischen Anwendung zur Förderung von Kreativität und Konzentration.

Die Wissenschaft hinter dem Blindzeichnen

Die Rolle des visuellen Kortex

Studien mit Hirnscannern haben gezeigt, dass der visuelle Kortex, ein normalerweise für die Verarbeitung visueller Reize zuständiger Bereich des Gehirns, bei blinden Menschen anders genutzt wird. Die Forschung von Josef Rauschecker vom Georgetown University Medical Center in Washington ergab, dass bei blinden Versuchspersonen die "Was-Bahn" (zur Erkennung von Gegenständen) und die "Wo-Bahn" (zur Positionsbestimmung) im visuellen Kortex auch bei der Verarbeitung von Hör- und Tastreizen aktiv sind. Je besser die Probanden bei diesen Aufgaben abschnitten, desto ausgeprägter war ihre Aktivierung in den entsprechenden Arealen. Dies deutet darauf hin, dass die brachliegende Kapazität des visuellen Kortex bei Blinden genutzt wird, um ihre Wahrnehmungsfähigkeiten zu verbessern.

Aktivierung der rechten Gehirnhälfte

Das Blindzeichnen wird häufig mit der Aktivierung der rechten Gehirnhälfte in Verbindung gebracht, die für den visuellen, intuitiven und nonverbalen Bereich zuständig ist. Wenn man sich beim Zeichnen ausschließlich auf die Vorlage konzentriert und nicht auf das Papier schaut, wird der analytische und logische L-Modus (linke Gehirnhälfte) weniger beansprucht, während der R-Modus (rechte Gehirnhälfte) verstärkt aktiviert wird.

Die Verbindung zwischen den Gehirnhemisphären

Eine gleichmäßige Nutzung und Verbindung beider Gehirnhemisphären (links, verbal und rechts, nonverbal) führt zu einer optimalen Gehirnfunktion, die Kreativität und Wohlbefinden fördert. Unser Bildungssystem bevorzugt jedoch oft die linke Gehirnhälfte, was dazu führen kann, dass die Fähigkeit, mühelos zwischen dem bildlichen R-Modus und dem sprachlichen L-Modus umzuschalten, im Laufe des Lebens verloren geht.

Die Technik des Blindzeichnens

Die Grundlagen

Für das Blindzeichnen benötigt man lediglich ein Blatt Papier, einen Stift (HB oder 2B) und ein Objekt oder eine Person, die man zeichnen möchte. Man setzt sich an einen Tisch, fixiert den Blick auf das Objekt und beginnt, die Konturen auf das Papier zu übertragen, ohne dabei auf das Papier zu schauen.

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Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. Vorbereitung: Wähle ein Objekt oder eine Person als Vorlage und platziere es/sie so, dass du es/sie gut sehen kannst.
  2. Stift ansetzen: Setze den Stift auf das Papier, ohne auf das Papier zu schauen.
  3. Konturen verfolgen: Beginne, die Konturen des Objekts mit den Augen zu verfolgen und gleichzeitig mit dem Stift auf dem Papier nachzuzeichnen. Bewege den Blick langsam und gleichmäßig entlang der Linien.
  4. Nicht absetzen: Versuche, den Stift während des gesamten Prozesses nicht abzusetzen.
  5. Konzentration: Konzentriere dich ausschließlich auf die Vorlage und versuche, die Form und Linie genau zu erfassen.

Varianten des Blindzeichnens

  • Blind Contouring: Hierbei wird die Kontur des Objekts ohne Hinsehen gezeichnet.
  • Blind-Selbstportraits: Mit Hilfe eines kleinen Handspiegels wird ein Selbstportrait erstellt, ohne auf das Blatt zu schauen.

Die Vorteile des Blindzeichnens

Förderung der Kreativität

Das Blindzeichnen hilft, sich von festen Vorstellungen zu lösen und Unerwartetes zuzulassen. Es ermöglicht ein gelöstes Erforschen von Konturen, Raum und Fläche und fördert die Kreativität, indem es den Fokus von der realistischen Wiedergabe auf den Prozess des Sehens und Erfassens verlagert.

Schulung der Koordination von Hand und Auge

Die Übung schult die Koordination zwischen Hand und Auge, da man lernt, das, was man sieht, direkt auf das Papier zu übertragen, ohne es logisch zu analysieren.

Verbesserung der Konzentration

Das Blindzeichnen erfordert eine hohe Konzentration, da man sich intensiv mit dem zu zeichnenden Gegenstand auseinandersetzen muss.

Abbau von Leistungsdruck

Da es beim Blindzeichnen nicht um perfekte Ergebnisse geht, kann es helfen, den Leistungsdruck abzubauen und den Spaß am Zeichnen wiederzuentdecken.

Zugang zu einer neuen Wahrnehmung

Durch die Abschaltung des L-Modus (kritischer Modus) ermöglicht das Blindzeichnen einen Zugang zu einer neuen Wahrnehmung und kann die Angst vor dem Zeichnen reduzieren.

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Blindzeichnen im Alltag

Kennenlernübung

Das Blindzeichnen kann als lockere Kennenlernübung in Kursen oder Gruppen verwendet werden, um die Kreativität anzuregen und die Teilnehmer miteinander in Kontakt zu bringen.

Kreatives Mittel gegen Langeweile

Das Blindzeichnen ist eine kreative Möglichkeit, Langeweile zu bekämpfen und gleichzeitig die Konzentration und Kreativität zu verbessern.

Einstieg in das Zeichnen von Menschen und Portraits

Für viele Menschen ist das Blindzeichnen ein guter Einstieg, um sich zeichnerisch an Menschen und Portraits zu wagen.

Über den Tellerrand hinaus: Weitere kreative Zeichentechniken

Neben dem Blindzeichnen gibt es noch weitere kreative Zeichentechniken, die die räumliche Vorstellungskraft und Kreativität fördern können:

  • Negative Raumzeichnung: Hierbei wird nicht der Gegenstand selbst gezeichnet, sondern der Raum um ihn herum.
  • Sphärisches Zeichnen: Alle Formen werden als Kugeln gezeichnet, unabhängig von ihrer tatsächlichen Form.
  • Zeichnen nach Musik: Musik dient als Inspiration für das Zeichnen.

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