Morbus Parkinson ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen weltweit. Die Forschung konzentriert sich auf verschiedene Aspekte, von aktivierenden Therapien bis hin zu neuen Medikamenten und technologischen Hilfsmitteln, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Aktivierende Therapien und ihre Bedeutung
Das neurologische Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen/Parkinson in Beelitz-Heilstätten bei Berlin betont die Bedeutung aktivierender Therapien. Tanzen, Tai-Chi, Sprach- oder Musiktherapie können den Verlauf der Parkinson-Erkrankung positiv beeinflussen. Diese Therapien trainieren Funktionen wie Gleichgewicht, Gehen, Sprechen, Schlucken und Kognition, die durch die Erkrankung häufig beeinträchtigt sind.
Professor Dr. Georg Ebersbach, Chefarzt des Neurologischen Fachkrankenhauses, betont, dass Übungsbehandlungen einen hohen Stellenwert für den Erhalt der Lebensqualität haben und neben der individuellen Einstellung der Medikation zum Standard der Parkinson-Behandlung gehören. Es wird immer deutlicher, dass Parkinson-Patienten bereits früh im Krankheitsverlauf von aktivierenden Therapien profitieren können. Körperliches Training kann die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern.
Individualisierte Behandlungen
Aktivierende Therapien sind immer individualisierte Behandlungen, die sich an den Beschwerden und Einschränkungen des einzelnen Patienten orientieren. Betroffene üben mit speziell ausgebildeten Therapeuten beispielsweise lautes Sprechen (LSVT-LOUD) oder das Ausführen von Bewegungen mit großer Amplitude (LSVT-BIG).
Musiktherapie
Musik kann Menschen mit Parkinson helfen, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern. Allein das Hören von lauter und rhythmischer Musik führt zu einer messbaren Verbesserung der Beweglichkeit. Viele Parkinson-Patienten kennen dies aus eigenem Erleben, wenn sie sich spontan zu anregender Musik bewegen, obwohl ihre Füße sich zuvor wie mit Blei beschwert anfühlten.
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Tai-Chi
Tai-Chi ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die ihren Ursprung im China des 17. Jahrhunderts hat. Sie zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.
Angebote in Beelitz-Heilstätten
In der Parkinson-Fachklinik in Beelitz-Heilstätten werden mit Unterstützung verschiedener Organisationen künstlerische Therapien und Tai-Chi/Keep Moving angeboten, gelehrt und in wissenschaftlichen Studien untersucht. Für Betroffene und Therapeuten wurden zahlreiche Lehrmaterialien entwickelt.
Neue Medikamente und Forschungsergebnisse
Die Parkinson-Forschung konzentriert sich auch auf die Entwicklung neuer Medikamente. Obwohl Parkinson mit Medikamenten behandelt werden kann, verlieren diese Mittel mit der Zeit an Wirkung. Daher wird intensiv an neuen Medikamenten geforscht, und es gibt vielversprechende Ergebnisse.
Diabetesmittel als Hoffnungsträger?
Eine französische Studie untersuchte einen Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung, der möglicherweise auch bei Parkinson helfen könnte. An der Studie nahmen Probanden mit leichtem bis mittelschwerem Parkinson teil, die entweder das Diabetesmittel oder ein Placebo erhielten. Alle Teilnehmer schluckten außerdem weiter ihre Standardmedikamente. Nach einem Jahr hatte sich die Parkinson-Erkrankung in der Placebogruppe verschlechtert.
Parkinson entsteht durch einen Mangel an Dopamin im Gehirn, da immer mehr Nervenzellen, die diesen wichtigen Botenstoff produzieren, absterben. Dies führt zu Muskelzittern und hemmt die Beweglichkeit. Die Ursachen von Parkinson sind noch nicht vollständig verstanden, es wird jedoch vermutet, dass eine Kombination aus genetischen, Umwelt- und Lebensstilfaktoren eine Rolle spielt.
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Es ist noch offen, wie sich der positive Effekt des Diabetesmittels bei Parkinson erklären lässt. Möglicherweise liegt es daran, dass der Wirkstoff Entzündungen bekämpft. Ob Menschen mit Parkinson dieses oder ein anderes Diabetesmittel einmal verordnet bekommen, ist im Moment noch fraglich, da der Unterschied zur unbehandelten Gruppe eher klein war und es unerfreuliche Nebenwirkungen, vor allem Übelkeit, gab.
GLP-1-Rezeptor-Agonisten
Für David Standaert, einem Neurologen an der University of Alabama in Birmingham, ist es vor allem wichtig, ob der Effekt länger als ein Jahr anhält und ob er mit den Behandlungsjahren zunimmt oder klein bleibt. Das sind alles sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Wenn sich Parkinson mit dieser Klasse von Diabetesmitteln über mehrere Jahre stoppen ließe, wäre das ein Riesenfortschritt.
GLP-1 steht für "Glucagon-like peptide 1". Das ist ein Hormon, das natürlich im Körper vorkommt. Es stimuliert die Insulinproduktion und senkt den Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten.
Tolcapon als Virulenzblocker gegen Krankenhauskeime
Forschende des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) haben herausgefunden, dass der zugelassene Parkinson-Wirkstoff Tolcapon dazu in der Lage ist, die Aktivität von LecA gezielt zu hemmen. LecA ist ein Protein, das der Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa nutzt, um sich an menschliche Zellen anzuheften und diese zu befallen. Diese Erkenntnis erlaubt es dem Forschungsteam, neue Strategien zur Bekämpfung von Pseudomonas-Infektionen zu entwickeln.
Pseudomonas aeruginosa verfügt über ausgefeilte Mechanismen, um den menschlichen Körper effizient zu befallen und einer Bekämpfung durch das Immunsystem oder Antibiotika zu entgehen. Mithilfe des Proteins LecA kann er an komplexe Zuckerstrukturen auf menschlichen Zellen andocken und diese anschließend infizieren. Gelingt es, die Aktivität von LecA einzuschränken, verliert der Erreger seine krankmachenden Eigenschaften und kann leichter durch vorhandene Antibiotika abgetötet werden.
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Das Team um HIPS-Gruppenleiter Alexander Titz identifizierte im bereits zugelassenen Parkinson-Wirkstoff Tolcapon einen neuen Ansatzpunkt für die Entwicklung solcher Virulenzblocker. Durch Analysen der Kristallstruktur von LecA zusammen mit Tolcapon konnte das Team zeigen, dass der Parkinson-Wirkstoff an derselben Stelle des Proteins bindet wie natürliche Zuckerstrukturen. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen prüfte das Team über 3200 Substanzen aus einer Wirkstoffbibliothek des Pharmaunternehmens Roche auf ihre Fähigkeit, LecA zu binden. Dabei identifizierten die Forschenden mehrere Derivate, die LecA deutlich stärker hemmen als Tolcapon.
Innovative Technologien und Hilfsmittel
Neben Medikamenten und Therapien werden auch innovative Technologien und Hilfsmittel entwickelt, um den Alltag von Parkinson-Patienten zu erleichtern.
Neuroprothese
Einem französischen Parkinson-Patienten kann dank einer neuartigen Neuroprothese zum ersten Mal seit Jahren wieder weitgehend normal laufen. Eine Chirurgin in Lausanne hat dem Mann mehrere kleine Pulsgeber direkt am Rückenmark implantiert, und zwar genau an den Stellen, an denen die Nervensignale für die Beinbewegungen abgehen. Das Forschungsteam hat diese Information durch elektrische Signale korrigiert.
Rollatoren mit sensorischen Hinweisen
Der Rollz Motion Rhythm wurde entwickelt, um einen aktiven Lebensstil für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson und MS zu fördern. Er verfügt über ein rhythmisches Tonsignal, vibrierende Griffe und eine auf den Boden projizierte Laserlinie. Außerdem ist der Rollator mit einer mobilen App verbunden, mit welcher die Signale eingestellt und personalisiert werden können.
Da Parkinson die Funktion des Gehirns beeinträchtigt, ist es schwierig, die Muskelbewegungen zu kontrollieren. Welches Signal am besten geeignet ist, um das Gangbild von Parkinson-Patienten zu unterstützen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von der Schwere der Erkrankung ab.
Vibrierende Socken gegen Freezing of Gait
Das von der EU geförderte Interreg VI- Projekt „Parkinson Vibrating Socks“ zielt darauf ab, die Mobilität von Menschen, die an der Parkinson-Krankheit leiden, zu verbessern. Eines der am meisten limitierenden Symptome ist das sogenannte Einfrieren des Ganges, oder auch ‚Freezing of Gait" (Freezing). Freezing wird beschrieben, als würden die Füße plötzlich am Boden kleben bleiben, sodass der nächste Schritt nicht mehr eingeleitet werden kann, was häufig zu Stürzen führt.
Ein vielversprechender nicht-pharmakologischer Ansatz ist das sog. „Cueing“. Beim Cueing wird den Betroffenen ein Reiz (ein "Cue") gegeben, um die Blockade beim Gehen zu überwinden. Vibrotaktiles Cueing hat großes Potenzial, das Freezing zu verbessern, ohne den Alltag der Betroffenen dabei einzuschränken. Das Parkinson Vibrating Socks Projekt will daher einen patientenzentrierten und klinisch-wissenschaftlich evaluierten, vibrotaktilen Prototypen eines solchen Cueing Systems entwickeln: ein kleines Gerät, das am Knöchel getragen wird und einen Sensor enthält. Das System analysiert das Schrittmuster mithilfe von Algorithmen aus dem maschinellen Lernen und gibt einen vibrotaktilen Cue, wenn Freezing erkannt wird.
Laser-Schuhe
Laufproblemen kann man abhelfen, indem sich die Patienten auf Objekte oder Muster auf dem Boden konzentrieren. So wurde schon vor langer Zeit festgestellt, dass zum Beispiel Schachbrettmuster auf dem Boden oder Zebrastreifen den Parkinson-Patienten beim Gehen helfen. Bei Experimenten hatte die Nutzung der Laserschuhe günstige Effekte. Die Zahl der „Klebeeffekte“ ließ um 46 Prozent nach. Außerdem wurde die Dauer der Anfälle halbiert.
Umgang mit Freezing of Gait
Freezing, auf Deutsch „Einfrieren“, ist eine Gangstörung, die typisch für die Parkinson-Erkrankung ist. Patienten sprechen davon, dass die Füße am Boden kleben bleiben. Im Verlauf der Parkinson-Krankheit sind fast alle Patienten davon betroffen.
Freezing entwickelt sich langsam und kann durch Medikamente beeinflusst werden. Oft tritt es beim Losgehen auf, beispielsweise wenn die Ampel auf Grün schaltet. Aber auch unter Zeitdruck oder beim Umdrehen kann es zum Freezing kommen.
Es gibt Strategien, mit denen sich Betroffene aus solchen Situationen wieder herausholen können. Der Schlüssel sind sogenannte Hinweisreize. Das sind äußere Reize, die aus der Starre hinaushelfen. Dazu gehören beispielsweise leichtes Wippen auf der Stelle, ein leichter Klaps auf den Oberschenkel oder das Hören auf das Ticken einer Uhr. Auch Striche auf dem Boden können als Hinweisreiz funktionieren.
Angehörige können den Patienten an seine erlernten Strategien erinnern oder selbst als Taktgeber einspringen. Wichtig ist aber auch, dass Angehörige darauf achten, ob Freezing vermehrt auftritt.
Weitere Aspekte der Parkinson-Behandlung
Die neue Behandlungsleitlinie betont unter anderem, dass es neben dem Zittern und den Bewegungsstörungen weitere häufige Probleme bei Parkinson gibt, die aber oft übersehen werden. Dazu gehören niedriger Blutdruck, Verstopfung, Schwierigkeiten mit der Blase und Sprach- oder Schluckstörungen.
Ganz wichtig ist, dass Parkinson sich auch mit Bewegung und Ernährung positiv beeinflussen lässt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Ausdauersport dem Abbau von körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei Menschen mit Parkinson entgegenwirkt. Wer an Parkinson leidet, könnte auch von spezieller Physiotherapie und kognitiven Übungen profitieren.