Borderline-Symptome: Neurologische Ursachen und Behandlungsansätze

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine komplexe psychische Erkrankung, die durch Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild, in den Affekten und durch deutliche Impulsivität gekennzeichnet ist. Betroffene erleben oft ein Leben zwischen Extremen, was zu erheblicher seelischer Belastung führt und sich in verschiedenen Lebensbereichen wie Beruf und Partnerschaft manifestieren kann. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen, wobei die Symptome typischerweise zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr am stärksten ausgeprägt sind.

Was ist Borderline?

Borderline zählt zu den Persönlichkeitsstörungen, die als extreme Ausprägung eines Persönlichkeitsstils betrachtet werden können. Diese Störungen beeinträchtigen die Betroffenen sowie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und führen zu erheblichem Leid und Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Bereichen - etwa familiär, sozial, beruflich oder schulisch. Menschen mit Borderline neigen zu instabilen Beziehungen, starken Stimmungswechseln und Impulsivität. Die Bezeichnung "Borderline" (Grenzlinie) entstand vor etwa 100 Jahren und deutete darauf hin, dass sich die Störung im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose bewegt. Inzwischen wird der Begriff "emotional instabile Persönlichkeitsstörung" bevorzugt.

Ursachen von Borderline

Die genauen Ursachen der Borderline-Störung sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel mehrerer biologischer, sozialer und psychischer Faktoren eine Rolle spielt.

Genetische Faktoren

Heute geht man davon aus, dass genetische Faktoren einen erheblichen Anteil an der Entstehung der Borderline-Störung haben. Zwillingsstudien haben gezeigt, dass genetische Faktoren einen großen Einfluss auf die Entstehung des Borderline-Syndroms haben. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist zwar nicht direkt vererbbar, aber die Veranlagung dazu kann vererbt werden. So kann das Zusammenwirken von frühkindlichen Traumata in Kombination mit einer genetischen Veranlagung Auslöser für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) hervorrufen.

Traumatische Erfahrungen

Bestimmte Lebenserfahrungen fördern die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Persönlichkeitsstörung. Besonders häufig finden sich in der Biografie der Betroffenen sexuelle Gewalterfahrungen (65%), körperliche Gewalterfahrungen (60%) und/oder schwere Vernachlässigung (40%). Oftmals werden diese Erfahrungen bereits in der (frühen) Kindheit gemacht. Zu den traumatischen Erfahrungen zählen körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und verbaler Missbrauch wie extreme Kritik, Beleidigungen oder Drohungen. Auch negative Beziehungen zu den Eltern, die wenig Fürsorge zeigen, aber gleichzeitig überbehütend sind und sich dem Kind gegenüber widersprüchlich verhalten, sowie Mobbingerfahrungen in Kindheit und Jugend können Risikofaktoren sein.

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Neurologische Ursachen

Es konnte gezeigt werden, dass das Gehirn von Borderline-Patienten teilweise anders arbeitet als das von gesunden Menschen. Beobachtet wurden Aktivitätsveränderungen in der Amygdala (Mandelkern), einer Region im Gehirn, die u.a. für die Verarbeitung von Stress, Gefahrensignalen und von Ängsten zuständig ist. Diese Gehirnstruktur ist bei Borderline-Patienten kleiner und zusätzlich übererregbar. Studien berichten von einer Beeinträchtigung im Frontalhirn. In diesem Teil des Gehirns werden die Impulse gesteuert, Handlungen geplant oder auch gehemmt. Die eingeschränkte Funktion des Frontal-Lappens hängt eventuell mit den impulsiven Aktionen von Borderline-Patienten zusammen. Die Forschung kann zum jetzigen Stand belegen, dass die Kommunikation der Hirnzentren, die die emotionale Verarbeitung kontrollieren, bei Menschen mit Borderline-Symptomen gestört ist.

Psychische Risiken

Unter den biologischen und sozialen Rahmenbedingungen können Betroffene bestimmte Fähigkeiten nicht vollständig ausbilden - zum Beispiel sich selbst zu steuern, mit ihren Gefühlen umzugehen oder eine Identität zu entwickeln und stabile Beziehungen aufzubauen.

Symptome von Borderline

Eine Persönlichkeitsstörung äußert sich zum Beispiel durch unflexible oder schlecht regulierte Muster beim Denken, Handeln und Fühlen. Die Verhaltensmuster passen nicht zum Entwicklungsstand der Betroffenen und halten über längere Zeit an. Bei Borderline ist eine starke Instabilität im Gefühlsleben eines der Kernsymptome und mögliches Anzeichen für die Erkrankung. Wiederholte Suizidabsichten, Selbstschädigungen und Selbstverletzungen können weitere Anzeichen sein. Ebenso, wenn Menschen große Schwierigkeiten in wichtigen Lebensbereichen wie Beziehungen oder Beruf haben. Wichtig: Eine Borderline-Störung ist von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt. Ob Verhaltensweisen tatsächlich für eine Persönlichkeitsstörung sprechen, muss entsprechend geschultes Fachpersonal beurteilen.

Emotionale Instabilität

Wiederholte und starke Stimmungsschwankungen können über den Tag hinweg auftreten. Sie können plötzlich einsetzen und werden oft durch äußere Stressfaktoren ausgelöst. Es wechseln zum Beispiel eine normale Stimmung mit starker Niedergeschlagenheit, Angst oder Reizbarkeit ab. Für gewöhnlich dauern die Phasen einige Stunden. Menschen mit Borderline können außerdem eine unangemessene und heftige Wut verspüren oder haben Schwierigkeiten, diese zu kontrollieren, was zu Wutausbrüchen führen kann. Nach einem Wutausbruch empfinden sie oft Scham, fühlen sich schuldig und wertlos. Bei intensiver Anspannung können dissoziative Symptome auftreten. Dabei fühlen sich Betroffene zum Beispiel körperlich oder emotional betäubt, wie im Nebel oder haben möglicherweise Schwierigkeiten, sich zu bewegen oder zu sprechen. Eventuell nehmen sie auch Dinge wahr, die eigentlich nicht da sind - sie wissen aber meist, dass die Erscheinungen oder Stimmen nicht real sind. Ein weiteres Zeichen der Erkrankung ist, dass sich Betroffene oft leer fühlen.

Schwierigkeiten in Beziehungen

Wer eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, kann zu instabilen und intensiven Beziehungen neigen. Vor allem zu nahestehenden Menschen ist die Beziehung wechselhaft. Die andere Person wird in einem Moment als vertrauenswürdig und nahezu perfekt gesehen, was aber plötzlich umschlägt. Betroffene finden den oder die andere dann etwa grausam und hinterhältig. Von Borderline Betroffene können auch Angst davor haben, verlassen zu werden. Wenn sie die vertraute Person als unterstützend erleben, fühlen sie sich stark und stabil. Das wechselt, wenn die andere Person geht - auch nur für kurze Zeit - oder sie die Bedürfnisse nicht erfüllen kann. Betroffene können als Folge sofort wütend, abwertend, fordernd, hoffnungslos und suizidgefährdet werden. Das kann auch passieren, wenn sie denken, verlassen zu werden. Neutrale Ereignisse, Worte oder Gesichter interpretieren Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung oft als negativ. Sie können dazu neigen, eher harmlose Meinungsverschiedenheiten oder negative Ereignisse, fehlzudeuten. Außerdem tendieren sie dazu, andere als ausschließlich gut oder schlecht zu betrachten.

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Impulsivität

Betroffene können unüberlegt handeln und sich dabei möglicherweise selbst schädigen. Die Impulsivität kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Sie nehmen zum Beispiel Drogen, leiden unter Essanfällen, geben leichtfertig Geld aus oder fahren rücksichtslos Auto. Die Impulsivität wird häufig auch über die Sexualität ausgelebt. Eventuell kündigen Menschen mit Borderline auch plötzlich einen Job den sie brauchen oder beenden eine aussichtsreiche Beziehung. Dadurch können sie ihren eigenen Erfolg blockieren. Es kann schwierig sein, dem Drang, die Impulsivität auszuleben, zu widerstehen. Selbst wenn Betroffene das Verhalten anschließend bereuen oder erkennen, dass es möglicherweise gefährlich ist.

Selbstmordhandlungen und Selbstverletzungen

Menschen mit Borderline-Störung denken zum Beispiel daran, sich selbst zu töten, drohen damit oder begehen Suizidversuche - teilweise auch ohne echte Selbsttötungsabsicht. Verhalten, das auf einen Suizid hindeutet, sollte immer ernst genommen werden. Selbstverletzungen, wie oberflächliches Schneiden oder Verbrennen, können ein Merkmal sein. Betroffene schaffen sich auf diese Weise Erleichterung, indem die Selbstverletzung eine innere Spannung abbaut.

Diagnose von Borderline

Die Diagnose können entsprechende Fachleute stellen - zum Beispiel Psychologinnen und Psychologen oder Ärztinnen und Ärzte aus dem Bereich der Psychiatrie oder Psychosomatik. Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es definierte Diagnose-Kriterien. Die Fachleute prüfen, ob diese Kriterien erfüllt sind. Dafür nutzen sie zum Beispiel eigens entwickelte Interviews. Sie fragen also alle relevanten Merkmale ab und bewerten die Antworten. Eine Borderline-Diagnose kann ab einem Alter von zwölf Jahren gestellt werden, da sich das Verhalten bei einer Borderline-Störung für gewöhnlich von der „normalen“ Pubertät abgrenzen lässt. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass eine frühe Diagnose und Therapiebeginn bei jungen Menschen den Erfolg von Behandlungen deutlich steigern können. Steht die Diagnose fest, wird sie mit den Betroffenen besprochen, welche wirksamen Behandlungen es gibt. Oft ist es sinnvoll, Angehörige und Bezugspersonen - mit Zustimmung der Betroffenen - einzubinden.

Therapie von Borderline

Vor allem eine Psychotherapie kann bei einer Borderline-Störung helfen. Wirksam sind auf die Erkrankung zugeschnittene, strukturierte Therapieprogramme. Sie bauen auf den klassischen therapeutischen Verfahren wie Verhaltens- oder tiefenpsychologischer Therapie auf und sollen von speziell weitergebildeten Therapeutinnen und Therapeuten durchgeführt werden. Empfohlen sind sie für Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren. Die Therapien sollen Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren auch bei ausgeprägten Borderline-Symptomen angeboten werden. Jüngere sollen ebenfalls ein Angebot für psychotherapeutische Unterstützung erhalten. Borderline wird vorrangig ambulant behandelt. Das heißt, Betroffene müssen für die Therapie nicht in eine Klinik. Eine Behandlung im Krankenhaus kommt aber in Krisensituationen infrage - zum Beispiel, wenn die Menschen eine Gefahr für sich selbst darstellen - oder zeitlich begrenzt für spezielle Behandlungsprogramme. Eine Psychotherapie sollte nach Möglichkeit mindestens einmal pro Woche stattfinden, teilweise wird sie mit einer Gruppentherapie ergänzt.

Ziele der Psychotherapie

  • Sie konzentriert sich auf aktuelle Beziehungen und die Leistungsfähigkeit.
  • Sie hilft bei der Emotionsregulation, um für mehr Stabilität zu sorgen.
  • Sie hilft, Gefühle zu beobachten, anstatt nur auf sie zu reagieren, um die Impulsivität zu reduzieren.
  • Sie versucht, Beziehungsschwierigkeiten zu behandeln, indem Menschen mit Borderline lernen, Gefühle bei sich und bei anderen wahrzunehmen.
  • Sie fördert soziale Kompetenzen und die eigene Identität.

Geht es in der Therapie vor allem darum, schweres selbstverletzendes Verhalten - dazu zählt auch solches mit Selbsttötungsabsicht - zu reduzieren, werden zwei bestimmte Therapiemethoden empfohlen: Die dialektisch behaviorale Therapie (DBT), die auf der kognitiven Verhaltenstherapie aufbaut und die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Die MBT unterstützt Betroffene etwa dabei, andere Sichtweisen für ihre Erfahrungen mit sich und anderen zu entwickeln.

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Psychoedukation

Vor oder zu Beginn der Psychotherapie wird normalerweise eine Psychoedukation durchgeführt. Dabei werden Betroffenen Informationen über die eigene Erkrankung vermittelt. Zum Beispiel darüber, wie eine Borderline-Störung entsteht, wie sie sich äußert und welche Therapieansätze und Möglichkeiten zur Selbsthilfe es gibt. Sie dauert beispielsweise zwischen sechs und zwölf Sitzungen.

Einbeziehung der Familie

Im Laufe der Therapie lassen sich auch nahestehende Menschen in die Behandlung einbeziehen - etwa um Krisenpläne zu erstellen, wenn Betroffene sich selbst verletzen oder töten möchten. Erwachsene können das mit der Therapeutin oder dem Therapeuten individuell besprechen. Bei sehr belasteten Beziehungen ist es eventuell nicht sinnvoll, Angehörige einzubeziehen. Vor allem bei jungen Patientinnen und Patienten ist die Arbeit mit Bezugspersonen aber wichtig. Wie Angehörige sich verhalten können, erklärt der Therapeut oder die Therapeutin. Zu einem hilfreichen Umgang gehören unter anderem:

  • eine empathische, nicht wertende Haltung zeigen
  • Betroffene dazu ermutigen, unabhängig zu sein
  • ihnen eigene Entscheidungen zuzugestehen und sie dabei zu unterstützen, jedoch einzugreifen, falls dies nötig ist, um ihre Sicherheit zu gewährleisten
  • bei Problemen und Sorgen zuzuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken

Medikamente

Medikamente spielen in der Behandlung nur eine untergeordnete Rolle. Denn sie können die Erkrankung und ihren Verlauf nicht grundlegend beeinflussen und haben nur einen mäßigen und kurzzeitigen Effekt. Eventuell erwägen Ärztinnen und Ärzte aber, Medikamente vorübergehend und ergänzend zur Psychotherapie einzusetzen, um bestimmte Symptome oder Krisensituationen zu behandeln. Die Medikamente sind nicht für die Borderline-Behandlung zugelassen, worüber Ärztinnen und Ärzte dann extra aufklären müssen. Medikamente, die vorübergehend bei einer Krise verordnet werden, sollten Ärztinnen und Ärzte nach Ende der Krise wieder absetzen. Medikamente empfehlen sie gegebenenfalls auch, wenn Patientinnen und Patienten gleichzeitig andere psychische Erkrankungen haben.

Behandlung von Begleiterkrankungen

Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung haben häufig auch weitere psychische Erkrankungen. Diese werden bei der Diagnose und in der Behandlung ebenfalls berücksichtigt. Zu den häufigsten zählen unter anderem:

  • depressive Erkrankungen
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Angststörungen
  • ADHS
  • Abhängigkeitserkrankungen, wie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit
  • Essstörungen
  • somatoforme Störungen, diese gehen mit körperlichen Beschwerden einher

Vor allem depressive Erkrankungen und Angststörungen bilden sich üblicherweise zurück, wenn sich die Borderline-Erkrankung bessert. Schwere Abhängigkeiten oder eine lebensbedrohliche Essstörung müssen unter Umständen zuerst behandelt werden. Betroffene haben außerdem ein erhöhtes Risiko für körperliche Erkrankungen - beispielsweise Adipositas, Diabetes oder COPD und einige mehr. Die Persönlichkeitsstörung kann sich auch negativ auf diese Erkrankungen auswirken. Es wird daher empfohlen, dass Fachleute aus dem psychischen und körperlichen Bereich bei der Behandlung der Erkrankungen zusammenarbeiten.

Heilungschancen bei Borderline

Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung galt lange als schwere, chronische Erkrankung mit schlechten Aussichten. Es gibt jedoch wirksame Therapien, die helfen, Symptome zu verringern und Leistungsfähigkeit sowie Lebensqualität zu verbessern. Grundsätzlich haben Betroffene aber, bis sich eine langjährige Besserung der Erkrankung eingestellt hat, ein erhöhtes Suizidrisiko. Nach Erfahrung von Expertinnen und Experten erfüllen etwa ein Drittel der Betroffenen nach einer einjährigen fachgerechten Psychotherapie nicht mehr die Kriterien für eine Borderline-Störung, ein weiteres Drittel schafft das ungefähr nach zwei Jahren und ein Drittel braucht deutlich mehr Zeit oder längere unterstützende Maßnahmen.

Umgang mit Borderline

Der Umgang mit Borderline-Betroffenen kann für Angehörige eine Herausforderung darstellen. Es ist wichtig, sich ausführlich über die Erkrankung zu informieren und zu verstehen, dass das Verhalten der Betroffenen oft Ausdruck ihrer emotionalen Instabilität ist und nicht persönlich gemeint ist. Eine empathische und nicht wertende Haltung ist entscheidend. Angehörige sollten die Betroffenen ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen und sie auf ihrem Therapieweg unterstützen. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu wahren und auf das eigene seelische Wohlbefinden zu achten.

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