Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise acht bis zwölf Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Migräne als eine der Krankheiten ein, die den Alltag der Betroffenen am stärksten beeinträchtigen. Charakteristisch sind anfallsartige, wiederkehrende, pochend-pulsierende, meist einseitig beginnende Kopfschmerzen.
Symptome und Verlauf einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann bis zu drei Tage dauern und wird meist in drei Phasen eingeteilt:
- Vorboten (Prodromalphase): Hochstimmung, gesteigerte Leistungsfähigkeit, Reizbarkeit, depressive Verstimmung, Appetit auf Süßigkeiten, vermehrter Hunger, Verstopfung, Schläfrigkeit und Durstigkeit.
- Schmerzphase: Kopfschmerz beginnt häufig einseitig und breitet sich auf Stirn, Schläfe und Augenbereich aus. Der Schmerz kann sich auch auf die andere Körperhälfte ausdehnen. Die Schmerzen sind pulsierend, pochend oder stechend. Im Unterschied zum Spannungskopfschmerz verschlimmern sich bei Migräne die Schmerzen bei körperlicher Aktivität.
- Rückbildungsphase: Der pulsierende Schmerz geht in einen gleichbleibenden Schmerz über.
Weitere typische Symptome einer Migräne sind:
- Übelkeit (80 Prozent)
- Erbrechen (40-50 Prozent)
- Lichtscheu (60 Prozent)
- Lärmempfindlichkeit (50 Prozent)
- Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen (10 Prozent)
- Appetitlosigkeit
Bei etwa zehn bis 15 Prozent der Migränepatienten tritt vor der Kopfschmerzphase eine sogenannte Aura auf. Diese neurologischen Störungen entwickeln sich innerhalb von fünf bis zehn Minuten und äußern sich meist visuell in Form von Lichtblitzen, Farben, flimmernden Zick-Zack-Linien oder Doppelbildern.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen für Migräne sind noch nicht restlos geklärt. Forscher gehen davon aus, dass eine Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm eine verstärkte Freisetzung von Botenstoffen verursacht, die Migräne auslöst. Dies führt zu einer Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute (neurogene Entzündung), die den typischen pochend-pulsierenden Kopfschmerz verursacht.
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Genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräne. Insbesondere Veränderungen auf dem Chromosom 1 und dem Chromosom 8 konnten bei Migränepatienten nachgewiesen werden. Diese Veränderungen führen zu einer Übererregbarkeit von Nervenzellen. Man kennt heute etwa 38 Migräne-Gene, die einen Einfluss auf die Entstehung der Krankheit haben. Fest steht: Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr sind Frauen bis zu dreimal häufiger von Migräne betroffen als Männer.
Neben den Ursachen gibt es auch Auslöser (Trigger) für Migräne, wie zum Beispiel:
- Stress
- Schlafmangel
- Unregelmäßige Essenszeiten
- Hormone (z.B. Menstruation)
- Bestimmte Lebensmittel (z.B. Histamin in Tomaten, Zitrusfrüchten, Rotwein)
- Grelles Licht
- Lärm
- Übermüdung
- Alkohol
Diagnose von Migräne
Die Diagnostik einer Migräne ist komplex, da sich eine Attacke bei verschiedenen Patienten unterschiedlich äußern kann. Eine umfangreiche Anamnese ist erforderlich, um die individuellen Symptome, die Häufigkeit und Schwere der Attacken sowie mögliche Auslöser zu erfassen. Ergänzend kann eine neurologische Untersuchung Gewissheit bringen und andere Ursachen ausschließen.
Ein Migränetagebuch kann helfen, Muster zu erkennen und die Therapie besser auf den Patienten abzustimmen.
Behandlung von Migräne
Die Behandlung von Migräne umfasst verschiedene Bausteine:
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Akutbehandlung
- Kopfschmerztabletten: Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können klassische Kopfschmerztabletten wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol in ausreichend hoher Dosierung helfen.
- Triptane: Bei schwereren Migräneattacken können spezielle schmerzstillende Medikamente wie Triptane eingenommen werden. Diese sind als Spritze, Tablette oder Nasenspray erhältlich. Es gibt schneller einsetzende und dafür kürzer anhaltende sowie langsamer einsetzende und dafür länger anhaltende Triptane.
- Gepante und Ditane: Seit kurzem stehen mit Gepanten und Ditanen auch neue Wirkstoffklassen zur Verfügung, die auch von denjenigen genommen werden können, die auf Triptane nicht ansprechen oder Kontraindikationen haben.
Wichtig ist, die Einnahme von Schmerzmitteln nicht zu lange hinauszögern und den Übergebrauch zu vermeiden. Experten empfehlen, Schmerzmittel höchstens an zehn Tagen pro Monat einzunehmen.
Migräneprophylaxe
- Medikamentöse Prophylaxe: Zur Vorbeugung von Migräneattacken können Medikamente wie Betablocker, Calciumantagonisten, Antidepressiva oder Antiepileptika eingesetzt werden. Diese Mittel wirken allerdings nicht bei allen Patienten und können Nebenwirkungen haben.
- Botox: Für chronische Migräne (mindestens 15 Kopfschmerztage im Monat, davon mindestens acht Migränetage) ist das Nervengift Botox zur Behandlung zugelassen.
- Antikörper-Spritze: Eine vorbeugende Therapie ist auch mithilfe einer Antikörper-Spritze möglich, die einmal im Monat gespritzt wird. Voraussetzung ist, dass der Patient über 18 Jahre alt ist und mindestens viermal im Monat unter Migräneattacken leidet. Diese Antikörper blockieren den Botenstoff CGRP, der bei der Entstehung von Migräne eine Rolle spielt.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Vermeidung von Triggern: Bekannte Auslöser von Migräneanfällen sollten vermieden werden.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein strukturierter Tagesablauf mit geregelten Mahlzeiten und einem festen Tag-Nacht-Rhythmus ist wichtig.
- Entspannungstechniken: Entspannungsübungen, Yoga, Meditation und Achtsamkeitstraining können helfen, Stress zu bewältigen und den Umgang mit Schmerzen zu erleichtern.
- Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport kann die Anfallshäufigkeit und die Stärke des Schmerzes senken.
- Physiotherapie: Verspannungen in der Schulter- und Nackenmuskulatur können als Auslöser und/oder Treiber bei den Attacken ausschlaggebend sein.
- Psychologische Beratung: Eine psychologische Beratung kann helfen, Strategien und Methoden zu erlernen, um besser mit dem Schmerz umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Multimodale Schmerztherapie: In schweren Fällen kann eine multimodale Schmerztherapie in einer Migräneklinik sinnvoll sein.
Neue Therapieansätze
Eine vielversprechende neue Therapieoption sind Antikörper, die gegen den Botenstoff CGRP gerichtet sind. Diese Medikamente werden einmal im Monat unter die Haut gespritzt und können die Häufigkeit und Schwere von Migräneattacken deutlich reduzieren.
Susanne Burkhart, eine 53-jährige Migränepatientin, berichtet von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität durch die Antikörper-Spritze: "Das hat komplett mein Leben verändert. Für mich ist es wie ein zweites Leben. Ich hatte vor der Spritze zirka 20 Anfälle im Monat." Auch bei Antonia, einer Medizinstudentin, schlägt die Spritze an: "Es sind gut die Hälfte bis zu zwei Drittel der Patienten, die profitieren, das heißt, die eine Reduktion der Attacken um die Hälfte haben."
Die Spritzen werden in der Regel gut vertragen. Häufigste Nebenwirkung sind Schmerzen oder Reaktionen an der Einstichstelle.
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Migräne tritt auch bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger auf. Spezielle Medikamente für Kinder mit Migräne gibt es nicht. Die Behandlung konzentriert sich auf nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physiotherapie, Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren.
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