Die Brennnessel, oft als lästiges Unkraut abgetan, ist in Wahrheit eine vielseitige Heilpflanze mit einem breiten Spektrum an gesundheitlichen Vorteilen. Von der traditionellen Anwendung bei Harnwegsbeschwerden bis hin zu potenziellen neurologischen Wirkungen bietet die Brennnessel ein breites Feld für Forschung und Anwendung.
Was ist die Brennnessel?
Die Brennnessel (Urtica dioica L. - große Brennnessel und Urtica urens L. kleine Brennnessel) ist eine seit Jahrhunderten geschätzte Heilpflanze, die sowohl in der Schulmedizin als auch in der Naturheilkunde ihren festen Platz hat. Sie enthält eine Vielzahl wertvoller Inhaltsstoffe wie Flavonoide, Mineralstoffe, Kieselsäure, Sterole und organische Säuren, die ihr eine entwässernde, entzündungshemmende und stoffwechselanregende Wirkung verleihen.
Als Pionierpflanze ist die Brennnessel weltweit in gemäßigten Zonen verbreitet, sie gedeiht an Garten- und Wegrändern, Unkrautfluren und vielen anderen Standorten. Die große Brennnessel wird bis 150 cm groß, die kleine Brennnessel bis 50 cm. Ihre Blätter sind mit Brennhaaren überzogen, diese langen und spröden Röhren sind unter anderem mit Ameisensäure gefüllt. Bei Berührung knicken die Brennhaare ab und befördern dadurch Substanzen in die Haut, die Schmerzen und Schwellungen auslösen. Die Brennnessel blüht von Juli bis September. Von der Blütezeit ab und später, brennt die Brennnessel am stärksten.
Inhaltsstoffe und ihre Wirkung
Die Blätter der Pflanze sind ein kalorienarmer Lieferant für Proteine. Das liegt am sehr geringen Fett- und Kohlenhydratanteil. Aus diesem Grund eignet sich die Brennnessel (natürlich in Maßen) für Diäten und kann auch sonst immer Verwendung finden. Ein weiterer Grund, weshalb man die Brennnessel häufiger in den Speiseplan integrieren sollte, ist das Vorkommen wichtiger Mikronährstoffe in großen Menge. Das grüne Gewächs enthält mehr Vitamin C als Zitrusfrüchte oder die Paprika und mehr Beta-Carotin als Karotten. Des Weiteren decken 100g Brennnessel mehr als ein Drittel des Tagesbedarfs an Calcium, Mangan und Eisen. Da Vitamin C bekanntlich die Aufnahme von Eisen unterstützt gilt die Brennnessel als eine optimale Quelle für das Spurenelement.
Neben den Makro- und Mikronährstoffen besitzt die Brennnessel auch noch einige sekundäre Pflanzenstoffe, allen voran Polyphenole und Flavonoide. Die sekundären Pflanzenstoffe, die den Pflanzen vor allem als Farb- und Abwehrstoffe dienen, haben für den Menschen verschiedenste gesundheitsförderliche Wirkungen. Die in der Brennnessel vorkommenden Flavonoide werden mit einem verringerten Risiko für bestimmte Krebs- und Herz-Kreislauf-Krankheiten assoziiert. Grund dafür sind ihre vermutlich antioxidative, antithrombothische, blutdrucksenkende, entzündungshemmende, immunmodulierende, antibiotische und neurologische Wirkungen, die in verschiedenen Tier- und in-vitro-Versuchen bereits nachgewiesen werden konnten. Die Lignane, die den Phytoöstrogenen zugeordnet werden, haben wohl auch eine antioxidative und eine immunmodulierende Wirkung und sollen so die Blutgefäßfunktion und den Blutdruck verbessern können und somit vor Krebs- und Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen.
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Die Stoffe, die den brennenden Schmerz auslösen, sind offenbar die gleichen, die auch die heilende Wirkung haben. Wenn Sie die Brennnessel berühren, dann brennt das deshalb, weil die Brennnesselhaare auf kleinen Bläschen sitzen, die mit Nesselgift gefüllt sind. Die beiden letztgenannten Stoffe könnten insofern die Schmerzen lindern, als sie die Durchblutung in den Gelenken fördern. Acetylcholin und Serotonin kennen wir aus ganz anderen Zusammenhängen: Beides sind wichtige Botenstoffe in unserem Nervensystem. Vor allem das Acetylcholin ist der zentrale Botenstoff überhaupt. Was passiert also, wenn wir die Brennnessel berühren? Das Acetylcholin gelangt unter die Haut und regt dort die Blutgefäße an, sodass die Durchblutung steigt. Das Serotonin wiederum fördert die Durchblutung in der Skelettmuskulatur. Welcher der Stoffe der entscheidende ist, ist noch nicht endgültig geklärt.
Wie wirkt die Brennnessel?
Die Brennnessel fördert die Ausscheidung von Wasser über die Nieren und hilft so, den Körper zu entlasten und Stoffwechselendprodukte auszuleiten. Diese Wirkung ist vor allem auf ihre mineralstoffreichen Inhaltsstoffe - insbesondere Kalium und Magnesium - zurückzuführen. Darüber hinaus hemmen bestimmte Pflanzenstoffe entzündungsfördernde Botenstoffe im Körper, wie Prostaglandine und Zytokine, und wirken damit schmerzlindernd bei entzündlich-rheumatischen Beschwerden. In Studien wurde gezeigt, dass Extrakte der Brennnesselwurzel auch hormonelle Prozesse beeinflussen, indem sie die Bindung von Testosteron an bestimmte Proteine hemmen - ein Effekt, der vor allem bei gutartiger Prostatavergrößerung (BPH) genutzt wird.
Es werden leicht harntreibende, entzündungshemmende, schmerzstillende, durchblutungsfördernde und immunmodulierende Wirkungen beobachtet.
Anwendung bei neurologischen Erkrankungen
Potenzielle Rolle bei Neuropathie
Neuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Dazu gehören alle Nerven im Körper, außer diejenigen in Rückenmark und Gehirn. Betroffene leiden unter brennenden, schmerzenden Gliedern oder tauben Händen und Füßen.
Forscher der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Düsseldorf machen Neuropathie-Patienten Hoffnung auf eine weitere Heilungsmethode. Das Team untersuchte die heilende Wirkung von Mutterkraut. Die Pflanze wird bereits als traditionelles Migränemittel eingesetzt. Neuropathie-Patienten soll sie helfen, indem sie die normalerweise sehr langsame Regeneration geschädigter Nervenfasern beschleunigt.
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Die Wissenschaftler behandelten Mäuse mit geschädigten Ischiasnerven mit dem Wirkstoff Parthenolide, der in Mutterkraut steckt. Nach weniger als einer Woche konnten die Tiere ihre durch die Krankheit gelähmten Zehen wieder bewegen - im Gegensatz zu Tieren, die den Wirkstoff nicht bekamen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Forschung noch in einem frühen Stadium ist. Studienleiter Dietmar Fischer erklärt: „Dieser therapeutische Ansatz ist völlig neu. Bis zur Entwicklung zu einem einsatzfähigen Medikament sind allerdings noch weitere Untersuchungen notwendig."Dass der Wirkstoff des Mutterkraut Nervenschäden heilen könnte, bedeute allerdings nicht, dass das reine Pflanzenextrakt wirksam sei, betont Fischer.
Traditionelle Anwendung bei Gelenkerkrankungen
Die Brennnessel ist seit alters her dafür bekannt, dass sie bei ganz unterschiedlichen Beschwerden hilft, speziell auch bei Gelenkerkrankungen.
Bei der entzündlich progressiven Rheumatoiden Arthritis (RA) proliferiert die Gelenkinnenhaut fast wie ein bösartiger Tumor, infiltriert Knorpel und Knochen und zerstört die Gelenke. Häufig sind extraartikuläre Organe mit betroffen wie Augen (Episkleritis), Lunge (Amyloidose) oder Herz (Kardiomegalie).
Der Brennesselextrakt IDS-23 (Rheuma-Hek®) zeige ex vivo und in vitro dosisabhängige Hemmung der TNFalpha- und IL-1-Synthese. In einer Anwendungsbeobachtung an 8 955 Patienten mit RA und OA nahmen 3 250 Patienten den Extrakt zusätzlich zu NSAR, weitere 444 Patienten zusätzlich zu anderen Wirkstoffen. 4 742 Patienten bekamen IDS-23Monotherapie, jeweils über drei Wochen, zweimal zwei Kapseln täglich. Anhand eines Symptom-Score konnten die NSAR-Dosen reduziert und teils (bei 37,8 Prozent) ganz durch IDS-23 ersetzt werden. Die Responserate lag bei 82 Prozent, die "deutliche Response" bei 50 Prozent, und der Grad der Besserung durchschnittlich bei 45 Prozent, bei Wirkbeginn nach elf Tagen. Die Verträglichkeit wurde in 96 Prozent als "gut" und "sehr gut" angegeben. Hauptnebenwirkung war eine forcierte Diurese. In einer weiteren Studie anhand von 718 Patienten mit Gonarthrose über ein Jahr (zweimal zwei Kapseln täglich), bewertet nach dem WOMAC-Fragebogen ("Western Ontario and McMaster Universität OsteoarthritisIndex"), zeigte sich eine deutliche Reduktion der Zahl schmerzhafter Gonarthrose-Schübe.
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Zur Wirksamkeit bei Gelenkbeschwerden, entzündlichen Gelenkerkrankungen oder rheumatoider Arthritis liegen vor allem Anwendungsbeobachtungen und Post-Marketing-Studien vor, die eine deutliche Besserung der Symptome (40%-90%) nach drei Wochen zeigen.
Weitere Anwendungsgebiete
Brennnesselpräparate werden insbesondere bei funktionellen Harnwegsbeschwerden, wie Reizblase oder leichten Harnwegsinfekten, unterstützend eingesetzt. Auch bei Gelenkschmerzen, Arthrose oder rheumatischen Beschwerden kann die Pflanze eine wertvolle Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung sein. Sie unterstützt die Durchblutung, fördert den Abtransport entzündlicher Stoffe und kann so die Beweglichkeit verbessern. Darüber hinaus wird Brennnessel traditionell zur Entwässerung bei leichter Ödembildung und zur allgemeinen Stoffwechselaktivierung im Rahmen von Frühjahrskuren verwendet. Bei Prostatabeschwerden kann Brennnesselwurzelextrakt die typischen Symptome wie häufigen Harndrang oder Nachträufeln mildern.
Eine anerkannte medizinische Hauptindikation der Brennnesselblätter ist die Anwendung zur Durchspülung der ableitenden Harnorgane bei entzündlichen Erkrankungen. Die Brennnesselwurzel dagegen wird als Tee oder Extrakt (in Fertigpräparaten) zur therapiebegleitenden Behandlung bei gutartigen Prostataerkrankungen eingesetzt.
Darreichungsformen und Einnahme
Je nach Präparat kann Brennnessel als Tee, Tablette, Kapsel oder flüssiger Extrakt eingenommen werden. Bei Teezubereitungen empfiehlt es sich, zwei- bis dreimal täglich eine Tasse frisch aufgegossenen Brennnesseltee zu trinken, der aus etwa zwei bis vier Gramm getrockneter Blätter besteht. Standardisierte Extrakte werden meist in einer Dosierung von 300 bis 600 Milligramm pro Tag eingenommen. Für eine gute Wirkung ist es wichtig, ausreichend zu trinken - idealerweise mindestens anderthalb bis zwei Liter Flüssigkeit täglich. Die Einnahme erfolgt am besten zu den Mahlzeiten, um den Magen zu schonen.
Von der Brennnessel sind homöopathische Präparate, Fertigarzneimittel, Tees oder Zubereitungen mit getrockneten Pflanzenteilen und Frischpflanzensäfte erhältlich.
Getrockneten Blätter. Man verwendet die zerkleinerte Droge für Teeaufgüsse. Galenische Zubereitungen, die Brennnessel enthalten, wirken harntreibend (diuretisch) und entzündungshemmend (antiphlogistisch). Eine traditionelle Anwendungsform ist die »Durchspülungstherapie« bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege.
Handelsnamen und Präparate
In der Apotheke finden Sie verschiedene Präparate mit Brennnessel als Hauptwirkstoff. Bekannte Produkte sind Harntee 400®, Urtica®-Präparate und Sidroga® Brennnesselblätter-Tee. Diese sind rezeptfrei erhältlich und unterscheiden sich in Konzentration und Darreichungsform. Während die Blätterzubereitungen vor allem bei Harnwegsbeschwerden verwendet werden, kommt die Brennnesselwurzel in Kapsel- oder Tablettenform bei Prostatabeschwerden zum Einsatz.
Andere Beispiele: Rheuma-Hek® (Strathmann AG), Allrheuma-Uzl® (Weber & Weber), Urtica comp. (Wala), Urtica Trit. D3 (DHU), Cuwada® N Tropfen (Weleda).
Risiken und Nebenwirkungen
Brennnessel gilt als gut verträglich, dennoch können in seltenen Fällen leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall oder Blähungen auftreten. Bei empfindlichen Personen kann es zu Hautreaktionen wie Juckreiz oder Rötungen kommen. Wird zu wenig Flüssigkeit aufgenommen, kann es zu einer ungewollten Entwässerung und in der Folge zu Kreislaufbeschwerden oder Elektrolytverschiebungen kommen. Sollten Sie ungewöhnliche Symptome bemerken, informieren Sie bitte Ihren Arzt, um eine Anpassung der Behandlung vorzunehmen.
Größere Risiken bestehen bei sachgerechter Anwendung nicht. Wichtig ist, dass Sie die empfohlene Flüssigkeitszufuhr einhalten und auf Zeichen von Unverträglichkeit achten. Eine Überdosierung kann zu übermäßiger Harnausscheidung führen, die in seltenen Fällen zu Schwindel oder Kreislaufproblemen führt.
Wer sollte Brennnessel nicht einnehmen?
Brennnessel darf nicht eingenommen werden, wenn eine bekannte Allergie gegen die Pflanze oder einen der Inhaltsstoffe besteht. Ebenso ist Vorsicht geboten bei schweren Herz- oder Nierenerkrankungen, da hier eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr kontraindiziert ist. In der Schwangerschaft und Stillzeit wird die Anwendung nicht empfohlen, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen. Auch Kinder unter zwölf Jahren sollten Brennnesselpräparate nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden.
Achtung: Bei einer Herz- oder Nierenschwäche darf keine Anwendung der Brennnessel erfolgen, die harntreibende Wirkung kann die geschwächten Organe zu stark belasten.
Wechselwirkungen
Da Brennnessel harntreibend wirkt, kann sie die Wirkung anderer entwässernder Medikamente (Diuretika) verstärken. Dadurch besteht die Gefahr einer zu starken Entwässerung oder eines Elektrolytverlustes. Bei gleichzeitiger Einnahme von blutdrucksenkenden Mitteln kann es zu einem verstärkten Blutdruckabfall kommen. Auch die Wirkung von blutgerinnungshemmenden Medikamenten kann beeinflusst werden. Bei gleichzeitiger Einnahme von Lithium ist Vorsicht geboten, da die Pflanze dessen Ausscheidung fördern und somit den Wirkspiegel verändern kann.
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