Die Pubertät, oft als eine Zeit des Wandels und der Herausforderungen wahrgenommen, ist von tiefgreifenden Veränderungen im Gehirn geprägt. Lange Zeit wurden die Verhaltensweisen von Jugendlichen hauptsächlich auf hormonelle Veränderungen zurückgeführt. Doch die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass während der Adoleszenz ein umfassender Umbau des Gehirns stattfindet, der das Verhalten von Heranwachsenden über Jahre hinweg beeinflusst. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Prozesse, die im pubertierenden Gehirn ablaufen, und gibt Einblicke in die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft.
Die Adoleszenz: Mehr als nur Pubertät
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Pubertät nur ein Teil der Adoleszenz ist. Während sich die Pubertät auf die Phase der sexuellen Reifung und die damit verbundenen körperlichen Veränderungen konzentriert, ist die Adoleszenz eine umfassendere psychosoziologische Phase, in der die Entwicklung einer eigenen Identität im Vordergrund steht. Sie wird auch als "psychosoziale Pubertät" bezeichnet.
Der Umbau des Gehirns: Von Trappelpfaden zu Autobahnen
Die Umbauarbeiten im pubertierenden Gehirn sind enorm. Eveline Crone, eine renommierte Entwicklungspsychologin, vergleicht diesen Prozess mit dem Bau von mehrspurigen Autobahnen aus kleinen, gemütlichen Trappelpfaden. Diese Metapher verdeutlicht, wie sich die Funktionsweise und Organisation des Gehirns während der Adoleszenz grundlegend verändern.
Veränderungen in verschiedenen Hirnarealen
Während der Adoleszenz verändern sich verschiedene Hirnareale in unterschiedlichem Umfang. Besonders stark betroffen ist der präfrontale Kortex, der im vorderen Stirnbereich liegt und für das Abwägen und Einschätzen von Risiken sowie die Kontrolle von Impulsen zuständig ist. Dieser Bereich ist zwischen dem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr besonders stark im Umbau.
Gleichzeitig ist das Belohnungszentrum im Gehirn, der Nucleus accumbens, bei Heranwachsenden hyperaktiv. Dies führt dazu, dass der Wunsch nach Belohnung und Anerkennung durch Freunde enorm groß ist, während die Risikoabwägung noch nicht voll funktionsfähig ist.
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Die Rolle des Arbeitsgedächtnisses
Für die schulischen Kompetenzen von Jugendlichen ist das Arbeitsgedächtnis und seine Entwicklung von großer Bedeutung. Eveline Crone erklärt eindrücklich, dass es vom Gehirn her ein großer Unterschied ist, ob sich Jugendliche Informationen "nur" merken oder sie auch verarbeiten sollen, denn hierbei werden unterschiedliche Gehirnregionen angesprochen. Die Gehirnregion, die für das Merken zuständig ist, entwickelt sich schneller als die Gehirnregion, die für das Verarbeiten von Informationen zuständig ist.
Individuelle Unterschiede in der Gehirnentwicklung
Es ist wichtig zu beachten, dass die Gehirnentwicklung nicht bei jedem Jugendlichen gleich schnell abläuft. Wie auch bei der kindlichen Entwicklung gibt es auch bei der Gehirnentwicklung während der Adoleszenz längere, schnellere oder spätere Wachstumsschübe.
Auswirkungen des Gehirnumbaus auf das Verhalten
Der Umbau des Gehirns während der Adoleszenz hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Verhalten von Jugendlichen. Einige der häufigsten Verhaltensweisen, die mit dieser Phase in Verbindung gebracht werden, sind:
- Veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus: In der Pubertät verändert sich der Schlaf-Wach-Rhythmus von Jugendlichen. Der Körper schüttet das Schlafhormon Melatonin immer später aus, wodurch sich der Schlaf-Wach-Rhythmus dahingehend verändert, dass Jugendliche erst spät einschlafen können.
- Risikobereitschaft: Jugendliche sind bekannt für ihr teilweise riskantes Verhalten. Dies liegt daran, dass das Belohnungszentrum im Gehirn hyperaktiv ist, während die Risikoabwägung noch nicht voll funktionsfähig ist.
- Emotionale Schwankungen: Gefühle und Emotionen spielen während der Adoleszenz eine zentrale Rolle. Jugendliche erleben ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, was zu Stimmungsschwankungen und emotionaler Instabilität führen kann.
- Soziale Neuorientierung: Das soziale Umfeld mit Gleichaltrigen gewinnt mehr Einfluss, und die Rolle der Eltern verändert sich. Das Interesse am anderen Geschlecht wird größer.
Entscheidungsfindung im Jugendalter
Wie treffen Jugendliche Entscheidungen? Eveline Crone erklärt aus der Sicht der Hirnforschung, dass Entscheidungen von Erwachsenen meist gar nicht durch das rationale Abwägen von Vor- und Nachteilen getroffen werden, sondern tatsächlich durch Gefühle. Dieses Entscheidungssystem ist so effizient, dass Erwachsene im Bruchteil von Sekunden richtige Entscheidungen fühlen und treffen können.
Bei Jugendlichen entwickelt sich dieses Gefühls-System für Entscheidungen erst noch, und sie können ihrer Intuition noch nicht vertrauen. Sie versuchen, auf eine rationale Art und Weise über die Situation nachzudenken, wodurch sie auch nicht in der Lage sind, schnelle Entscheidungen zu treffen. Zudem müssen Jugendliche erst lernen, langfristige Entscheidungen zu treffen, denn sie sind in diesem Alter noch gar nicht dazu in der Lage, die langfristigen Folgen ihres Handelns zu überblicken.
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Die Bedeutung von Belohnungen
Belohnungen, Gewinn oder Nutzen spielen für Jugendliche bei der Entscheidung eine große Rolle. Kurzfristige und schnelle Belohnungen haben bei ihnen immer Vorrang vor langfristigem Nutzen, da das entsprechende Hirnareal in dieser Phase hyperaktiv ist. Jugendliche suchen deshalb regelrecht nach spannenden und herausfordernden Situationen; nach dem Kick in der Hoffnung auf eine "Belohnung".
Das soziale Gehirn
Ein weiteres wichtiges Thema während der Adoleszenz ist die soziale Entwicklung von Jugendlichen. Eveline Crone beschreibt in dem entsprechenden Kapitel "Das soziale Gehirn", wie sich die soziale Orientierung und die Perspektive vom Kindes- bis ins Jugendalter in Bezug auf Freundschaften verändert. Mit der sozialen Entwicklung zeigt sich auch wieder der Konflikt zwischen den Hirnregionen in Bezug auf Emotionalität und Rationalität.
Chancen und Potenziale der Adoleszenz
Obwohl die Adoleszenz oft als eine schwierige Zeit wahrgenommen wird, birgt sie auch einzigartige Chancen und Potenziale. Jugendliche können Talente entfalten, kreative und einfallsreiche Ideen entwickeln, unkonventionelle Lösungen für Probleme finden oder Höchstleistungen im Sport erbringen. Diese Potenziale entfalten sich u.a. deshalb, weil bei Jugendlichen die Hirnareale für Risiken und Mut hyperaktiv sind.
Sarah-Jayne Blakemore betont, dass die Adoleszenz ein enormes Potenzial für die persönliche Entwicklung birgt. In dieser Phase erfinden Jugendliche sich selbst und entwickeln ein Gefühl dafür, wer sie eigentlich sind.
Kritik an Stereotypen und Mythen
Sarah-Jayne Blakemore räumt in ihrem Buch mit stereotypen Schubladendenken auf, die Jugendliche als launisch, aggressiv, unzuverlässig, risikobereit, unvernünftig und antriebslos darstellen. Sie betont, dass das typische Verhalten von Heranwachsenden weder gedankenlos noch destruktiv ist, sondern seine Gründe hat.
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Implikationen für Eltern, Pädagogen und die Gesellschaft
Das Verständnis der Gehirnentwicklung während der Adoleszenz hat wichtige Implikationen für Eltern, Pädagogen und die Gesellschaft als Ganzes. Es kann dazu beitragen, das Verhalten von Jugendlichen besser zu verstehen und angemessener darauf zu reagieren.
Für Eltern
- Verständnis und Geduld: Eltern sollten sich bewusst sein, dass das Verhalten ihrer Kinder während der Adoleszenz oft auf den Umbauprozessen im Gehirn beruht. Verständnis und Geduld sind daher besonders wichtig.
- Unterstützung bei der Identitätsfindung: Eltern können ihre Kinder bei der Identitätsfindung unterstützen, indem sie ihnen Raum für Experimente und Selbstentdeckung geben.
- Gespräche über Risiken: Eltern sollten offen mit ihren Kindern über Risiken sprechen und ihnen helfen, verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen.
Für Pädagogen
- Berücksichtigung der Gehirnentwicklung: Pädagogen sollten die Gehirnentwicklung von Jugendlichen bei der Gestaltung des Unterrichts berücksichtigen.
- Förderung des Arbeitsgedächtnisses: Pädagogen können das Arbeitsgedächtnis von Jugendlichen fördern, indem sie ihnen Aufgaben stellen, die sowohl das Merken als auch das Verarbeiten von Informationen erfordern.
- Nutzung des Peer-Effekts: Pädagogen können den Peer-Effekt nutzen, um positive Verhaltensweisen zu fördern.
Für die Gesellschaft
- Investition in die Bildung von Jugendlichen: Die Gesellschaft sollte in die Bildung von Jugendlichen investieren, um ihnen die bestmöglichen Chancen für eine erfolgreiche Zukunft zu bieten.
- Förderung von Programmen zur Prävention von Risikoverhalten: Die Gesellschaft sollte Programme zur Prävention von Risikoverhalten bei Jugendlichen fördern.
- Abbau von Stereotypen: Die Gesellschaft sollte Stereotypen über Jugendliche abbauen und ihre Potenziale anerkennen.