Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die oft mit unangenehmen Symptomen wie Brennen, Kribbeln, Taubheitsgefühlen oder Schmerzen in den Füßen und Beinen einhergeht. Diese Nervenerkrankung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und betrifft schätzungsweise fünf Prozent aller älteren Menschen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Polyneuropathie, von den Ursachen und Symptomen bis hin zu Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten, um Betroffenen und Interessierten einen umfassenden Überblick zu bieten.
Was ist Polyneuropathie?
Der Begriff „Polyneuropathie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „poly“ (viele) und „Neuropathie“ (Nervenkrankheit) zusammen und bedeutet somit „Erkrankung vieler Nerven“. Dabei sind die peripheren Nerven betroffen, also alle Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks. Diese Nerven sind für die Weiterleitung von Informationen zwischen dem Gehirn und den verschiedenen Körperteilen verantwortlich. Sind sie geschädigt, kann dies zu vielfältigen Beschwerden führen.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können je nach betroffenem Nervenabschnitt variieren. Da die Enden langer Nerven besonders anfällig für Schäden sind, beginnen die Beschwerden oft in den Füßen. Typische Symptome sind:
- Kribbeln: Ein Gefühl von Ameisenlaufen unter der Haut.
- Taubheitsgefühle: Ein Gefühl der Gefühllosigkeit oder Pelzigkeit.
- Vermindertes Temperaturempfinden: Schwierigkeiten, Wärme oder Kälte zu unterscheiden.
- Verminderte Sensibilität: Reduzierte Wahrnehmung von Berührungen.
- Schmerzen: Oft als brennend oder stechend beschrieben.
- Überempfindlichkeit: Bereits leichte Berührungen können als schmerzhaft empfunden werden.
- Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Muskelzucken: Beeinträchtigung der Muskelkraft und -funktion.
- Gangschwierigkeiten: Unsicherheiten beim Gehen, Gefühl, auf Watte zu laufen.
Die Symptome treten häufig beidseitig und symmetrisch auf, beginnend in den Füßen und sich dann strumpfförmig auf die Unterschenkel ausbreitend. Seltener sind Hände und Arme oder der Körperstamm betroffen.
Auch autonome Nerven können geschädigt werden, was zu Symptomen wie Verdauungsstörungen, Blasenentleerungsstörungen und Störungen der Herzfunktion führen kann.
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Ursachen der Polyneuropathie
Die Ursachen für eine Polyneuropathie sind vielfältig. In etwa einem Viertel der Fälle bleibt die Ursache trotz intensiver Suche unklar. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
- Diabetes mellitus: Die diabetische Neuropathie ist eine der häufigsten Ursachen. Hohe Blutzuckerwerte schädigen die Nerven und beeinträchtigen die Durchblutung.
- Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum kann zu einer alkoholischen Polyneuropathie führen.
- Medikamente: Insbesondere Chemotherapien können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie verursachen (Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie).
- Grunderkrankungen: Nierenerkrankungen, Tumorerkrankungen und andere Grunderkrankungen können ebenfalls eine Polyneuropathie auslösen.
Weitere mögliche Ursachen sind:
- Autoimmunerkrankungen: Guillain-Barré-Syndrom und andere Autoimmunerkrankungen.
- Infektionen: Borreliose, HIV-Infektion und andere Infektionen.
- Vergiftungen: Schwermetalle wie Thallium oder Arsen.
- Stoffwechselstörungen: Schilddrüsenstörungen.
- Vitaminmangel: Insbesondere Vitamin-B12-Mangel oder eine Überdosierung von Vitamin B6.
- Erbliche Formen: Selten können auch genetische Faktoren eine Rolle spielen.
- Schwere Krankheit mit Therapie auf Intensivstation: Zum Beispiel bei einer Blutvergiftung.
Diagnose der Polyneuropathie
Die Diagnose einer Polyneuropathie beginnt in der Regel mit einem ausführlichen Gespräch mit dem Arzt, in dem die Krankengeschichte und die aktuellen Beschwerden erfragt werden. Anschließend erfolgt eine neurologische Untersuchung, bei der Sensibilität, Muskelreflexe und andere neurologische Funktionen geprüft werden.
Weitere diagnostische Maßnahmen können sein:
- Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um die Funktion der Nerven zu überprüfen.
- Elektromyographie (EMG): Untersuchung der elektrischen Aktivität der Muskeln, um Muskelschäden festzustellen.
- Blut- und Urinuntersuchungen: Zum Ausschluss anderer Erkrankungen und zur Identifizierung möglicher Ursachen wie Diabetes, Vitaminmangel oder Nierenerkrankungen.
- Lumbalpunktion: Entnahme und Untersuchung von Nervenwasser, um Entzündungen oder Infektionen auszuschließen.
- Genetische Untersuchungen: Bei Verdacht auf eine erbliche Form der Polyneuropathie.
- Nervenbiopsie: Entnahme und Untersuchung einer Gewebeprobe eines Nervs, um die Ursache der Schädigung zu bestimmen.
- Hautbiopsie: Analyse einer Hautprobe.
- Bildgebende Verfahren: Röntgen, Ultraschall, MRT, um andere Ursachen auszuschließen.
Therapie der Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie zielt in erster Linie darauf ab, die Ursache der Erkrankung zu behandeln. Sofern möglich, wird die Grunderkrankung therapiert, um ein Fortschreiten der Nervenschädigung zu verhindern.
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- Diabetes: Eine gute Blutzuckereinstellung ist entscheidend, um die diabetische Neuropathie zu kontrollieren. Regelmäßige Fußpflege und das Tragen geeigneter Schuhe sind ebenfalls wichtig, um Verletzungen vorzubeugen.
- Alkoholmissbrauch: Bei einer alkoholbedingten Polyneuropathie ist ein vollständiger Verzicht auf Alkohol unerlässlich. Eine ausgewogene Ernährung ist ebenfalls wichtig, um Nährstoffmängel auszugleichen.
- Entzündliche Formen: Bei entzündlichen Polyneuropathien können Glukokortikoide (Kortison) oder Immunglobuline eingesetzt werden, um die Entzündung zu reduzieren.
- Vitaminmangel: Bei einem Mangel an Vitamin B12 können spezielle Vitamin-B-Präparate eingesetzt werden.
Zusätzlich zur Behandlung der Ursache werden die Symptome der Polyneuropathie behandelt, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
- Schmerztherapie: Verschiedene Medikamente können zur Linderung neuropathischer Schmerzen eingesetzt werden. Dazu gehören Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Pregabalin), Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin) und Opioide (nur bei starken Schmerzen). Auch topische Schmerzmittel wie Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster können helfen.
- Physiotherapie: Bei Muskelschwäche oder Gleichgewichtsstörungen kann Physiotherapie helfen, die Muskelkraft zu stärken und die Koordination zu verbessern.
- Ergotherapie: Ergotherapeutische Maßnahmen können zur Verbesserung der Feinmotorik eingesetzt werden.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, besser mit Schmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen umzugehen, die durch die Polyneuropathie verursacht werden können.
Medikamentöse Therapie neuropathischer Schmerzen im Detail
Die medikamentöse Therapie neuropathischer Schmerzen zielt darauf ab, die zugrunde liegenden Pathomechanismen zu beeinflussen. Es ist wichtig zu beachten, dass mit den derzeit verfügbaren Medikamenten in der Regel keine vollständige Schmerzfreiheit erreicht werden kann. Die Medikamente sollten langsam aufdosiert und individuell titriert werden, und die Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass die analgetische Wirkung zeitverzögert eintritt.
Mittel der ersten Wahl
Die aktuelle S2-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt die Antikonvulsiva Gabapentin und Pregabalin sowie trizyklische Antidepressiva (TCA) und Duloxetin als Mittel der ersten Wahl zur Therapie neuropathischer Schmerzen.
- Gabapentin und Pregabalin: Diese Antikonvulsiva blockieren Kalziumkanäle und reduzieren die Erregbarkeit der Nervenzellen. Häufige Nebenwirkungen sind Schwindel, Schläfrigkeit, Konzentrations- und Gleichgewichtsstörungen.
- Trizyklische Antidepressiva (TCA): Amitriptylin ist ein häufig verwendetes TCA, das die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmt und somit die Schmerzhemmung verstärkt. Es wirkt zudem sedierend und kann bei Schlafstörungen hilfreich sein. Nebenwirkungen sind häufig und umfassen unter anderem Müdigkeit, Mundtrockenheit, Verstopfung und Herzrhythmusstörungen.
- Duloxetin: Dieser selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) ist in Deutschland für die Behandlung der schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie zugelassen. Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit und Erbrechen.
Weitere Optionen
- Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lamotrigin und Topiramat: Diese Medikamente blockieren Natriumkanäle und können bei einschießenden Schmerzattacken in Betracht gezogen werden, wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirken. Aufgrund der geringen Evidenz und häufiger Nebenwirkungen werden sie laut Leitlinie jedoch nicht zur Behandlung von schmerzhaften Polyneuropathien empfohlen.
- Lacosamid: Wirkt ebenfalls über die Blockade von Natriumkanälen, wird aber aufgrund unzureichender Datenlage nicht generell empfohlen.
- Venlafaxin: Ein weiterer SSNRI, der in Einzelfällen "off label" eingesetzt werden kann.
- Topische Schmerzmittel: Capsaicin- und Lidocain-Pflaster können bei lokalisierten Schmerzen eingesetzt werden. Capsaicinpflaster wirken über eine selektive Bindung an TRPV1-Rezeptoren auf nozizeptiven Endigungen, während Lidocainpflaster Natriumkanäle blockieren und eine mechanische Barriere bilden.
- Botulinumtoxin (BTX): Intrakutane Injektionen von BTX können die Freisetzung proinflammatorischer Substanzen vermindern und die periphere und zentrale Sensibilisierung verhindern.
- Opioide: Opioide sollten aufgrund des Risikos der Toleranzentwicklung und Abhängigkeit nur bei starken Schmerzen eingesetzt werden, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam sind.
Neue Therapieansätze
- Cannabinoide: Wirken als Agonisten am Cannabinoidrezeptor Typ 1 (CB1). Studien haben eine Schmerzreduktion unter Cannabinoiden im Vergleich zu Placebo gezeigt, allerdings auch häufigere zentrale Nebenwirkungen.
- "Gene silencing": Mit Inotersen und Patisiran wurden kürzlich zwei Medikamente zur Behandlung der hereditären Transthyretin-Amyloidose mit Polyneuropathie zugelassen, die über ein genetisches Knock-down des betroffenen Proteins Transthyretin wirken.
Cluster-basierte Therapie
Aktuelle Forschung untersucht, ob das therapeutische Ansprechen auf bestimmte Medikamente je nach Clusterzugehörigkeit unterschiedlich ist. Eine Studie von Demant et al. [9] deutet darauf hin, dass Patienten mit einer thermischen Hyperalgesie ("irritable nociceptor phenotype") deutlicher von der Therapie mit Oxcarbazepin profitieren als die Gesamtkohorte.
Was können Sie selbst tun?
Neben der ärztlichen Behandlung können Betroffene selbst einiges tun, um die Beschwerden zu lindern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen:
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- Gesunder Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen, mäßiger Alkoholkonsum und regelmäßige Bewegung sind wichtig, um das Risiko für eine Polyneuropathie zu senken.
- Kontrolle der Grunderkrankung: Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend.
- Fußpflege: Regelmäßige Fußkontrollen und die richtige Fußpflege sind besonders wichtig, um Verletzungen und Infektionen vorzubeugen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Nikotin und übermäßiger Alkoholkonsum sollten vermieden werden.
- Anpassung an die Beschwerden: Bei Kälteempfindlichkeit sollten warme Schuhe und Socken getragen werden.
- Achtsamkeit: Bei verringertem Schmerzempfinden ist es wichtig, auf Verletzungen oder Wunden in den betroffenen Bereichen zu achten.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann hilfreich sein.
Ist Polyneuropathie heilbar?
Ob eine Polyneuropathie heilbar ist, hängt von der Ursache und dem Zeitpunkt der Diagnose ab. Kann die Ursache frühzeitig beseitigt werden, können sich die Symptome zurückbilden. Ist die Krankheit jedoch schon fortgeschritten oder die Ursache nicht behebbar, kann man zumindest versuchen, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen und die Symptome zu lindern.
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