Myasthenia gravis (MG), auch als Myasthenia gravis pseudoparalytica bekannt, ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die durch Muskelschwäche gekennzeichnet ist. Der Name leitet sich von den griechischen Wörtern "mys" (Muskel) und "asthenia" (Krankheit) ab, während "gravis" lateinisch für schwer ist. Diese neurologische Erkrankung wird durch Autoantikörper verursacht, die der Körper selbst bildet und die fälschlicherweise körpereigene Strukturen angreifen.
Betroffene Altersgruppen und Ursachen
Die Erkrankung betrifft vor allem Menschen im vierten sowie im siebten bis achten Lebensjahrzehnt. Frauen sind eher im jüngeren Alter betroffen, während Männer eher mit steigendem Alter erkranken. In vielen Fällen kann die genaue Ursache der seltenen Erkrankung nicht festgestellt werden. Die Prognose ist jedoch gut, da durch erfolgreiche Therapien meist eine normale Lebenserwartung erreicht werden kann.
Autoimmunprozesse bei Myasthenia Gravis
Normalerweise richten sich vom Körper gebildete Antikörper gegen körperfremde Substanzen wie Bakterien oder Viren. Bei einer Autoimmunerkrankung wie Myasthenia gravis kommt es jedoch zu einer Fehlfunktion des Immunsystems, bei der Autoantikörper gegen körpereigene Strukturen gebildet werden. Im Falle von Myasthenia gravis richten sich diese Autoantikörper gegen den Acetylcholin-Rezeptor an der Synapse (Kontaktstelle) zwischen Nervenzelle und Muskel, genauer gesagt an der motorischen Endplatte.
Rezeptoren sind Zellbestandteile, die für bestimmte Reize empfindlich sind und als Andockstellen für Botenstoffe (Neurotransmitter) dienen. Acetylcholin-Rezeptoren sind spezifische Rezeptoren für den Neurotransmitter Acetylcholin. Sie kommen nicht nur an der motorischen Endplatte vor, sondern auch an vielen anderen Stellen im Körper.
An der motorischen Endplatte wird Acetylcholin von den Nervenzellen ausgeschüttet und bindet normalerweise an die Acetylcholin-Rezeptoren der Muskelzellen. Dies führt zur Öffnung des Rezeptors und zum Einstrom von Natrium- und Kaliumionen in die Muskelzelle, was eine Erregung und Kontraktion der Muskelzelle zur Folge hat. Vereinfacht gesagt, senden die Nerven ein Signal, das über einen Botenstoff und einen Rezeptor zu den Muskeln gelangt, woraufhin diese sich anspannen.
Lesen Sie auch: Kinder-Alzheimer: Ein umfassender Überblick
Bei Myasthenia gravis blockieren die Autoantikörper jedoch die Rezeptoren, sodass Acetylcholin nicht andocken kann und eine Erregung sowie die Kontraktion der Muskelzellen ausbleiben. Die genaue Ursache für die Entstehung dieser Acetylcholin-Rezeptor-Antikörper ist noch nicht vollständig geklärt.
Rolle des Thymus
Bei den meisten Betroffenen sind krankhafte Veränderungen des Thymus (Thymusdrüse) nachweisbar. Der Thymus ist Teil des lymphatischen Systems und spielt eine Rolle beim Aufbau des Immunsystems. Normalerweise bildet er sich nach der Pubertät zurück, da er dann nicht mehr benötigt wird.
Symptome der Myasthenia Gravis
Das Hauptsymptom der Myasthenia gravis ist Muskelschwäche. Daraus ergeben sich weitere Symptome, die sich je nach betroffener Muskelgruppe unterscheiden. Es werden folgende Formen unterschieden:
- Okuläre Muskulatur: Herabhängen des Augenlids (Ptosis) auf einer oder beiden Seiten, Sehen von Doppelbildern (Diplopie), Lähmung von Augenmuskeln.
- Bulbäre Muskulatur: Schwierigkeiten beim Sprechen (Dysarthrie) und Schlucken (Dysphagie), schlaffe Gesichtszüge (Facies myopathica).
- Skelettmuskulatur: Schwäche der Extremitäten, Kopfhalteschwäche, in schweren Fällen: Schwäche der Atemmuskulatur mit Luftnot (Dyspnoe).
Die Symptome treten insbesondere bei wiederholter Belastung auf und nehmen im Tagesverlauf, bei Infekten, der Menstruation und Stresssituationen zu. Die Erkrankung kann also in Schüben verlaufen. Schmerzen sind möglich, gehören aber in der Regel nicht zu den Hauptsymptomen.
Bulbäre Symptome im Detail
Die bulbären Symptome der Myasthenia gravis umfassen vor allem Schwierigkeiten beim Sprechen (Dysarthrie) und Schlucken (Dysphagie). Betroffene können eine verwaschene oder näselnde Sprache entwickeln. Schluckbeschwerden können dazu führen, dass sich Betroffene häufig verschlucken oder Schwierigkeiten haben, Nahrung und Flüssigkeiten sicher zu transportieren. Auch schlaffe Gesichtszüge (Facies myopathica) können auftreten, was das Gesicht ausdruckslos erscheinen lässt.
Lesen Sie auch: Korsakow-Demenz: Ein umfassender Überblick
Myasthene Krise
Eine gefürchtete Komplikation der Myasthenia gravis ist die myasthene Krise, eine krisenhafte Verschlechterung der Symptome. Ursachen hierfür können Medikamente sein, die die neuromuskuläre Übertragung beeinflussen, aber auch Infektionen, Fieber sowie Narkosen bei Operationen. Im Vordergrund steht die Schwäche der Atemmuskulatur, die zu respiratorischer Insuffizienz und der Gefahr der Aspiration führen kann.
Die Behandlung einer myasthenen Krise erfordert eine intensivmedizinische Therapie mit Sicherung der Atemwege und Verabreichung entsprechender Medikamente.
Diagnose von Myasthenia Gravis
Bei Verdacht auf Myasthenia gravis werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um die Diagnose zu stellen.
Beurteilung der Muskelfunktion
Die Diagnostik beginnt mit der körperlichen Untersuchung des Patienten. Hierbei wird vor allem auf die Muskelkraft und eine Muskelermüdung bei wiederholter Beanspruchung geachtet. Es existieren mehrere Tests zur Beurteilung der Muskelfunktion:
- Simpson-Test: Durch Aufwärtsblick für eine Minute wird eine Ptosis, als das Herabhängen des Augenlids, provoziert.
- Halteversuch der Arme: Der Betroffene ist nicht dazu in der Lage, die Arme für 180 Sekunden gerade von sich wegzustrecken und in der Waagerechten zu halten.
- Halteversuch der Beine: Der Betroffene ist nicht dazu in der Lage, im Liegen die Beine für 45 Sekunden in einem 45°-Winkel zu halten.
- Halteversuch des Kopfes: Der Patient ist nicht dazu in der Lage, im Liegen den Kopf für 90 Sekunden in einem 45°-Winkel zu halten.
- Mimik-Test: Beurteilung des Lidschlusses je nach Stärke.
Edrophonium-Test
Ein weiterer Test ist der Edrophonium-Test, bei dem die Auswirkung eines Cholinesterasehemmers auf die Symptomatik überprüft wird. Dem Betroffenen wird dabei Edrophonium intravenös verabreicht. Es handelt sich dabei um einen Hemmer des Enzyms Cholinesterase. Die Cholinesterase ist dafür verantwortlich, den Botenstoff Acetylcholin abzubauen. Wird dieses Enzym gehemmt, kommt es zu einer höheren Konzentration von Acetylcholin an der motorischen Endplatte und damit zu einer besseren Muskelfunktion. Dementsprechend sollte sich die Muskelschwäche unter Edrophonium innerhalb von 30 bis 60 Sekunden bessern.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
Die Injektion von Cholinesterasehemmern ist mit einigen Risiken und Nebenwirkungen verbunden und sollte nur von einem erfahrenen Mediziner und unter Bereithaltung von Notfallausrüstung durchgeführt werden.
Labordiagnostik, elektrophysiologische Untersuchung und Bildgebung
Die letzte Säule der Diagnostik umfasst die Labordiagnostik, die elektrophysiologische Untersuchung der Muskulatur und die Bildgebung:
- Labordiagnostik: Im Labor werden Antikörper gegen den Acetylcholin-Rezeptor nachgewiesen. Es können über fünf verschiedene Arten von Antikörpern nachgewiesen werden. Außerdem werden Routineparameter wie Blutbild, Schilddrüsenwerte und Entzündungswerte bestimmt.
- Elektrophysiologische Untersuchung: Die elektrophysiologische Untersuchung bezeichnet die Stimulation von Nerven mittels elektrischer Impulse. Diese Stimulationen haben normalerweise eine Muskelkontraktion, also eine Muskelanspannung, zur Folge, die gemessen wird. Die Muskelantwort nimmt bei der Myasthenia gravis von Stimulation zu Stimulation immer weiter ab. Dieses Phänomen wird als Dekrement bezeichnet. Eine Kombination mit dem Edrophonium-Test ist möglich.
- Bildgebung: Bildgebende Verfahren wie CT oder MRT des Brustraums können eingesetzt werden, um Veränderungen des Thymus (z.B. Thymom) zu erkennen.
Therapie von Myasthenia Gravis
Die Basis der Therapie einer Myasthenia gravis stellen die Cholinesterasehemmer dar, um die Muskelfunktion zu verbessern. Das Mittel der Wahl ist Pyridostigmin. Es kann in Tablettenform eingenommen werden. Die Einstellung, also die Festlegung der richtigen Dosis, sollte durch einen Spezialisten mit entsprechender Erfahrung erfolgen. Die Patienten müssen über die korrekte Einnahme sowie über mögliche Gefahren und Risiken aufgeklärt werden. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören vor allem Übelkeit, Bauchkrämpfe, Durchfall, starkes Schwitzen und ein verlangsamter Herzschlag (Bradykardie).
Eine Rückbildung der Symptome durch einen Cholinesterasehemmer allein ist nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen zu erreichen. In den meisten Fällen ist eine Kombination mit einem das Immunsystem unterdrückendem Medikament (Immunsuppressivum) notwendig. In erster Linie werden Glucocorticoide (Kortison) wie Prednisolon verwendet. Auch hierbei sind Nebenwirkungen zu beachten, insbesondere bei der längerfristigen Anwendung. Die Dosierung sollte dementsprechend mit einem erfahrenen Spezialisten abgesprochen werden. Eine weitere Option stellt das Immunsuppressivum Azathioprin dar. Es kann sowohl allein als auch in Kombination mit Prednisolon angewendet werden.
Viele Betroffene profitieren außerdem von der operativen Entfernung der Thymusdrüse, unabhängig davon, ob sie krankhaft verändert ist oder nicht. Die Beratung sollte hierzu im Einzelfall durch einen Arzt erfolgen.
Generell sollten Betroffene auf eine gesunde Lebensweise und ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen achten. Außerdem können begleitende Therapien und Hilfsmittel sinnvoll sein. Dazu gehören zum Beispiel Logopädie bei Sprachstörungen, eine Halskrause bei Kopfhalteschwäche und Gehhilfen (Rollator, Rollstuhl).
Neue Therapien bei Myasthenia Gravis
Neue Ansätze in der Therapie der Myasthenia gravis zielen auf eine gezieltere Unterdrückung der Immunreaktion. Infrage kommt zum Beispiel ein Antikörper, der gegen bestimmte Abwehrzellen des Körpers (B-Zellen) gerichtet ist. Es handelt sich um Rituximab, das bereits bei anderen Erkrankungen (unter anderem Leukämien und Autoimmunerkrankungen) eingesetzt wird.
Außerdem kann Eculizumab zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um einen Antikörper gegen einen anderen Bestandteil des Immunsystems, den Komplementfaktor C5.
Medikamente, die vermieden werden sollten
Es existieren einige Medikamente, die bei Myasthenia gravis gemieden oder nur mit äußerster Vorsicht eingenommen werden sollten. Jeder behandelnde Arzt ist unbedingt über die eigene Erkrankung zu informieren.
Leben mit Myasthenia Gravis
Die Einnahme der Medikamente ist in den meisten Fällen lebenslang notwendig. Damit gehen gewisse Risiken und Nebenwirkungen einher. Allerdings kann durch die Medikation eine Remission (Rückbildung) der Symptome erreicht werden, sodass eine normale Lebenserwartung und eine gute Lebensqualität möglich sind.
Lebensgefährlich ist vor allem die myasthene Krise bei dramatischer Verschlechterung der Symptomatik mit Beeinträchtigung der Atmung.
Differenzialdiagnose
Die Differenzialdiagnose der CPEO umfasst endokrine Orbitopathie, chronische orbitale (Pan)Myositis, okuläre Manifestation einer Myasthenia gravis, okulopharyngeale Muskeldystrophie, myotone Dystrophie Typ 1, Abetalipoproteinämie sowie die Refsum-Krankheit. In seltenen Fällen können HIV-Erkrankte, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, ein CPEO-ähnliches Syndrom entwickeln.
tags: #bulbare #symptome #myasthenia #gravis