Cannabis bei Multipler Sklerose: Linderung von Symptomen und neue Perspektiven

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben von Millionen Menschen weltweit prägt. Trotz bedeutender medizinischer Fortschritte in der Therapie von MS suchen viele Betroffene nach natürlichen Möglichkeiten, ihre Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu steigern. Medizinisches Cannabis rückt zunehmend in den Fokus als ergänzende Behandlungsoption bei MS. Doch wie wirksam ist Cannabis bei MS wirklich? Kann es tatsächlich Symptome lindern und den Alltag erleichtern? In punkto Cannabis scheiden sich die Geister. Das gilt nicht nur für die generelle politische Freigabe des Cannabiskonsums, sondern auch für den medizinischen Einsatz. Für die einen ist es Teufelszeug, der Einstieg in härtere Drogen oder schlicht unwirksam, für andere gar Heilsbringer und Balsam. Die Antwort ist irgendwo dazwischen zu suchen und auch nicht für jeden Anwender gleich. D. h., man sollte sich ernsthaft theoretisch mit der Materie auseinandersetzen, bevor man „einfach so“ einen Versuch wagt.

Multiple Sklerose: Eine komplexe Erkrankung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Millionen von Menschen weltweit betrifft. In Deutschland leiden nach Zahlen des Bundesversicherungsamtes mehr als 240.000 Menschen an MS. MS ist keine Erbkrankheit, allerdings spielt offenbar eine genetische Veranlagung eine Rolle. Zudem wird angenommen, dass Infekte in Kindheit und früher Jugend für die spätere Krankheitsentwicklung bedeutsam sind. Welche anderen Faktoren zum Auftreten der MS beitragen, ist ungewiss. Die Krankheit kann jedoch heute im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Deutschlandweit sind schätzungsweise 280.000 Menschen an Multipler Sklerose erkrankt, weltweit etwa 2,8 Mio. Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Nervenzellen angreift. Die Folge sind Entzündungen und Vernarbungen an den sogenannten Myelinscheiden - der schützenden Hülle der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark. Ein Heilmittel für MS gibt es bislang nicht. Die genaue Ursache ist noch nicht abschließend geklärt. Äußere Einflüsse, sogenannte Umweltfaktoren: Experten vermuten, dass Rauchen, zu viel Vitamin D sowie Virusinfektionen (z. B.

Die Forschung zu Multipler Sklerose hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, insbesondere in der Identifikation von genetischen und immunologischen Faktoren, die die Krankheit beeinflussen. Dennoch bleiben viele Fragen offen, insbesondere zur individuellen Prognose und Prävention.

Symptome und Diagnose

Symptome einer MS sind vielfältig und bei jedem Individuum anders: Keine Erkrankung gleicht der anderen. Bei einigen Symptomen sprechen Mediziner von Frühsymptomen. Sehstörungen, bei denen die Patient*innen ein Sehausfall im Blickfeld auftritt oder die Sicht getrübt ist. Wenn während eines Schubes auch das vegetative Nervensystem angegriffen wird, verlieren Patienten häufig die Kontrolle über ihre Blasen- und Darmfunktion. Ein Großteil der Symptome entwickelt sich in der Regel zurück, sobald der Schub vorbei ist. Zu den häufigsten Symptomen zählen spastische Lähmungen, Empfindungsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln, Sehstörungen, Koordinationsprobleme, rasche Ermüdbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. MS kann die Lebensqualität von Patienten stark negativ beeinflussen. Als besonders belastend werden dabei nicht nur die körperlichen Einschränkungen, sondern vor allem Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme, Depressionen oder Angst erlebt. Kognitive Symptome der MS werden in der ärztlichen Praxis häufig unterschätzt oder bleiben unerkannt; für die Betroffenen haben sie jedoch eine hohe Relevanz.

Es gibt kein vereinzeltes klinisches Merkmal oder Diagnoseverfahren, um Multiple Sklerose festzustellen. Die Diagnose MS wird per Ausschlussverfahren gestellt. Einen ersten Hinweis auf das Vorliegen einer entzündlichen Erkrankung können während eines Schubes erhöhte Entzündungswerte (CRP) im Blut sein. Der Wert allein ist aber zu unspezifisch, um tatsächliche Schlüsse zu ziehen, schließlich lassen auch viele im Vergleich harmlose Krankheiten den Wert steigen. Ein wichtiger Bestandteil der Diagnosestellung ist die Untersuchung der Flüssigkeit im Gehirn- und Rückenmark, dem sogenannten Liquor. Anhand des Liquors werden bestimmte Eiweiße und Zellen untersucht. Dazu kommt ein MRT (Kernspintomographie, Magnetresonanztherapie), um etwaige Veränderungen im Gehirn feststellen zu können. Wenn MS-typische Veränderungen zum ersten Mal via MRT oder Liquoruntersuchung nachgewiesen werden, sprechen Neurologen von einem klinisch isolierten Syndrom (KIS). Ist die Diagnose sicher, teilen Neurologen die Erkrankung in verschiedene Verlaufsformen ein.

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Verlaufsformen der MS

  • Schubförmig-remittierende MS:
  • Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS): Der überwiegende Teil der MS-Betroffenen entwickelt mit Voranschreiten der Krankheit eine sekundär progrediente MS.
  • Primär Progrediente Multiple Sklerose (PPMS): Die primär progrediente MS zeichnet sich dadurch aus, dass die Patient*innen gleich zu Beginn von einer schleichenden Behinderung betroffen sind.
  • Benigne (gutartige) Multiple Sklerose: Ein kleiner Teil der MS-Patient*innen bleibt über mehrere Jahrzehnte nach der Diagnose von nennenswerten Beeinträchtigungen verschont.

Medizinisches Cannabis bei MS: Eine vielversprechende Option?

Medizinisches Cannabis bezeichnet Arzneimittel auf Basis der Cannabispflanze, die bestimmte Anforderungen an Qualität und Reinheit erfüllen. Beide Substanzen ähneln körpereigenen Endocannabinoiden, die auf das sogenannte Endocannabinoid-System (ECS) einwirken - ein Netzwerk aus Rezeptoren, das u.a. Studien und Erfahrungsberichte legen nahe, dass Cannabinoide gezielt MS-Symptome lindern können. Medizinisches Cannabis wird in der MS-Therapie zunehmend beforscht, insbesondere im Hinblick auf Spastik und Schmerzen. Multiple Sklerose (MS) betrifft das zentrale Nervensystem und kann weitreichende Auswirkungen auf die körperlichen und kognitiven Fähigkeiten haben.

Das Endocannabinoid-System

Das (körpereigene) Endocannabinoid-System ist Teil des Nervensystems im menschlichen Körper. Zu ihm gehören die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Während sich die CB1-Rezeptoren vorwiegend in den Nervenzellen an verschiedenen Stellen des Gehirns sowie im peripheren (umliegenden) Nervensystem befinden, kommen die CB2-Rezeptoren vor allem im Immunsystem vor, aber auch an anderen Stellen im Körper. Bei Patienten, die an spastischen Störungen aufgrund von Multipler Sklerose leiden, kann das Endocannabinoid-System verändert sein. Es wird vermutet, dass ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoiden), zum Beispiel an Anandamid, vorliegt. Das System ist an Prozessen wie der Entzündung von Nervengewebe, neuronalen Reparaturmechanismen und dem Schutz von Nervenzellen (Neuroprotektion) beteiligt, die allesamt wichtige Prozesse im Zusammenhang mit Multipler Sklerose darstellen. Die Cannabis-Wirkung auf den Körper beruht darauf, dass auch die Cannabis-Pflanze Cannabinoide enthält, die an den jeweiligen Rezeptoren andocken können. Die bekanntesten dieser Wirkstoffe sind THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). THC kann euphorisierend, aber auch unter anderem schmerzlindernd wirken. CBD ist nicht berauschend, wirkt entzündungshemmend, neuroprotektiv und angstlösend. Das Endocannabinoid-System ist ein Teil des Nervensystems und reguliert zahlreiche Prozesse wie Schmerz, Entzündungen und Spastik.

Wirkungsweise von Cannabis bei MS

Mehrere Studien konnten zeigen, dass die in Cannabis enthaltenen Cannabinoide THC und CBD schmerzlindernd, krampflösend und stimmungsaufhellend wirken können. Die entzündliche Krankheit bringt schmerzhafte Muskelkrämpfe und -Spasmen als Hauptsymptome mit sich. So kann medizinisches Cannabis die Multiple Sklerose zwar nicht heilen, aber wirksam gegen ihre Symptome sein. Da viele Betroffene im Laufe der Zeit unter depressiven Verstimmungen leiden, kann auch hier die Wirkung von Cannabis ein Thema sein. Studien deuten darauf hin, dass Cannabispräparate mit THC oder einer Kombination aus THC und CBD insbesondere bei spastischen Symptomen und chronischen Schmerzen eine lindernde Wirkung haben können. Auch depressive Verstimmungen, die häufig bei MS auftreten, können positiv beeinflusst werden.

Cannabis bei Spastik

Über 80 % der MS-Betroffenen leiden unter Spastiken - schmerzhaften Muskelverkrampfungen, die Bewegungen einschränken. Spastiken zählen zu den häufigsten Beschwerden bei MS - Studien zeigen, dass Cannabispräparate wie Dronabinol, Cannador oder Nabiximol hier unterstützend wirken können. Mehrere placebokontrollierte Studien zeigen, dass Cannabispräparate wie Nabiximols (z.B. Sativex®) signifikant die Spastik reduzieren und gleichzeitig die Schlafqualität verbessern können.

Cannabis bei Schmerzen

MS geht häufig mit neuropathischen Schmerzen einher, die durch Nervenschäden verursacht werden. Diese Schmerzen sprechen oft schlecht auf klassische Schmerzmittel an. Auch chronische, schwer behandelbare Schmerzen bei MS wurden in mehreren Untersuchungen durch den Einsatz cannabinoidhaltiger Medikamente positiv beeinflusst. Cannabinoide beeinflussen Schmerzrezeptoren im Gehirn und Rückenmark und können dadurch Schmerzsignale abschwächen. Viele Patienten berichten auch von einer positiven Wirkung auf die chronische Erschöpfung (Fatigue) sowie auf depressive Verstimmungen.

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Studienlage und Forschungsergebnisse

Die Studienlage zur Behandlung von MS-Symptomen mit CBD ist gemischt. Während präklinische Studien und einige kleinere klinische Studien auf potenzielle Vorteile hinweisen, gibt es noch keine ausreichenden, groß angelegten klinischen Studien. Generell zeigt CBD aber vielversprechende Ansätze als ergänzende Therapie bei der Behandlung von MS-Symptomen wie Spastiken und neuropathischen Schmerzen. Es ist noch nicht vollständig geklärt, worauf diese umfassende Wirkung von CBD bei Multipler Sklerose basiert. In präklinischen Studien zeigte CBD im Tiermodell entzündungshemmende Eigenschaften, indem es T-Zell-Infiltrate im Rückenmark reduzierte. Grundsätzlich gilt: Die Forschung zur Wirkung von CBD bei Multipler Sklerose steckt noch in den Kinderschuhen, die Ergebnisse sind längst nicht eindeutig. Zahlreiche Studien und Metaanalysen belegen die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei MS, insbesondere zur Behandlung von Spastik und Schmerzen. Auch Erfahrungsberichte bestätigen die positiven Effekte auf die Lebensqualität.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit haben Wissenschaftlerinnen und Neurologinnen der Oregon Health & Science University, USA, sämtliche verfügbare Studien zu diesem Thema erfasst und ausgewertet. Ziele der Arbeit um das Team von Dr. Jessica Rice waren zum einen wirksame Cannabispräparate und Dosierungen für eine Therapie zu identifizieren, zum anderen die Effekte auf MS-induzierte Symptome wie Spastik und Schmerzen zu evaluieren. Die in dieser Arbeit ausgewerteten Studien verwendeten meist eine geteilte Dosis von 20 - 40 mg THC pro Tag und Patient. Die Überlegenheit eines bestimmten Cannabispräparats konnte nicht gezeigt werden. Das Medizinalcannabis wurde im Allgemeinen gut vertragen und insbesondere schwerwiegende Nebenwirkungen traten nur sehr selten auf.

Rechtliche Aspekte und Verordnung

In Deutschland regelt der Gesetzgeber den Cannabiskonsum sowohl in der Freizeit als auch aus medizinischen Gründen. Seit 2017 sind Cannabisprodukte, auch Cannabisblüten, in bestimmten medizinischen Fällen zugelassen. Das regelt das "Cannabisgesetz", Paragraf 31 (6) SGB V. Und es gilt neben anderen Erkrankten auch für Menschen mit Multipler Sklerose, die unter Spastik leiten. Mit der entsprechenden Indikation haben Patientinnen und Patienten Zugang zu „Cannabis auf Kasse“, d. h., die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Medizinisches Cannabis kann eingesetzt werden, wenn herkömmliche Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Die Verschreibung erfolgt nach individueller ärztlicher Einschätzung. Für die Erstverordnung durch bestimmte Fachärzte ist seit 2024 keine Genehmigung der Krankenkasse mehr erforderlich. Seit 2024 ist medizinisches Cannabis nicht mehr im Betäubungsmittelgesetz, sondern im Medizinal-Cannabisgesetz geregelt. Die Verschreibung erfolgt nun auf einem regulären Rezept durch alle approbierten Ärzte mit entsprechender Indikation, was den Zugang erleichtert.

Änderungen beim Rezept von medizinischem Cannabis

Was sich mit der Teillegalisierung für die Ärzteschaft wie für Patientinnen und Patienten geändert hat, ist die Verschreibung von bestimmten Cannabinoiden (z.B. Sativex) und Cannabisblüten (ab einem Tetrahydrocannabinol (THC)-Gehalt von mindestens 0,3 Prozent ): Sie fallen nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), sondern können, wie andere Wirkstoffe auch, mit elektronischem Rezept verschrieben werden, und zwar von jedem Arzt (ausgenommen Zahn- und Tierärzte). Bisher war dafür ein spezielles Betäubungsmittelrezept nötig, das nicht jede Praxis ausstellen konnte und das auch nur 7 Tage gültig war.

Was bleibt, ist der Erstantrag bei der Krankenkasse bei Schmerzen: Die Kasse (der MDK) prüft vor der allerersten Verordnung, ob der Patient/ die Patientin Anspruch auf eine Versorgung damit hat. Denn Sativex ist nur für die MS-bedingte „mittelschwere bis schwere Spastik als Add-on-Therapie“ zugelassen; für diese Anwendung ist kein Antrag bei der Krankenkasse erforderlich - wohl aber, wenn man es z. B. bei Schmerzen einsetzen will. Alle anderen Fertig- oder Rezepturarzneimittel auf Cannabis-Basis, die synthetischen Präparate sowie Blüten und Blätter, benötigen den Antrag, auch bei der Spastik.

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Auch die Voraussetzungen bleiben gleich: Die Patientin/ der Patient erhält medizinischen Cannabis/ Cannabinoide bei schweren (chronischen) Erkrankungen nur, wenn keine andere medizinische Möglichkeit besteht oder nicht eingenommen werden kann und eine Aussicht auf Besserung durch Cannabinoide besteht.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Bei einer schwerwiegenden Erkrankung wie MS übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für medizinisches Cannabis, sofern andere Therapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Die Voraussetzungen regelt das aktuelle Medizinal-Cannabisgesetz.

Anwendungsformen und Dosierung

Cannabisblüten und Cannabispräparate sollte man jedoch unterscheiden von Cannabinoiden, die nur einen Auszug davon enthalten und denen in der Regel der Teil entzogen ist, der zum Beispiel die Kognition stark beeinträchtigen kann (wie zum Beispiel beim seit 2011 für MS-bedingte Spastik und Schmerzen zugelassenen Sativex). Die Anwendung erfolgt individuell, meist in Form von getrockneten Blüten, Extrakten oder oromukosalen Sprays. Die Dosierung wird schrittweise angepasst, um die optimale Wirkung mit minimalen Nebenwirkungen zu erzielen. Die Dosierung wird vom behandelnden Arzt individuell festgelegt und langsam gesteigert, um die optimale Wirkung mit minimalen Nebenwirkungen zu erreichen.

THC und CBD: Die wichtigsten Cannabinoide

Insbesondere THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) zeigen bei MS gute Wirksamkeit. THC wirkt vorrangig krampflösend, schmerzlindernd und stimmungsaufhellend, kann aber auch euphorisierend wirken. CBD ist nicht berauschend, wirkt entzündungshemmend, neuroprotektiv und angstlösend. Besonders wirksam bei MS haben sich Kombinationen aus THC und CBD im Verhältnis von 1:1 oder 2:1 gezeigt. Nabiximols (z. B. Cannabisblüten mit ausgewogenem THC/CBD-Gehalt: z. B.

Risiken und Nebenwirkungen

Wie jedes Medikament kann auch medizinisches Cannabis Nebenwirkungen verursachen. Mögliche Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit oder Konzentrationsstörungen. Diese sind meist mild und vorübergehend. In seltenen Fällen können psychiatrische Symptome wie Angst oder Halluzinationen auftreten, insbesondere bei höheren Dosen von THC. Bei bestimmten Vorerkrankungen, wie schweren psychiatrischen Störungen oder akuten Psychosen, sollte medizinisches Cannabis nicht eingesetzt werden.

Vorsicht beim Autofahren

Warnen muss man ausdrücklich vor dem Autofahren unter Einfluss von Cannabinoiden. Cannabis hat und auch Sativex kann Einfluss auf die Aufmerksamkeit haben. Das Lenken von Fahrzeugen oder Maschinen unterliegt zwar dem eigenen Ermessen (ähnlich wie beim Alkoholkonsum) und es kann nach ein paar Wochen ein Gewöhnungseffekt eintreten, der einen wieder konzentrierter macht, doch was im Zweifel, also im Fall eines Unfalles oder auffälliger Fahrweise etwa, zählt, ist eine individuelle Entscheidung der beteiligten Behörden. Und: Cannabinoide sind mehrere Tage im Blut nachweisbar, d.h. auch Tage nach der Einnahme von Cannabis kann eine Kontrolle ein "Zuviel" ergeben. Bisher gilt noch der Grenzwert von 1,0 ng/ ml THC im Blut. Diskutiert wird derzeit die Anhebung auf z. B. 3,5 ng/ml.

Dazu kommt, dass Alkohol und jegliche Art von Cannabinoiden eine "schlechte" Mischung sind. Alkohol, aber auch Medikamente wie Tranquilizer oder Muskelrelaxanzien und Cannabinoide verstärken sich gegenseitig in ihrer Wirkung und Nebenwirkung. Bei einer dauerhaften Behandlung der Spastik beispielsweise mit Sativex sollte also auf den Genuss von Alkohol verzichtet werden.

Kritik und Kontroversen

Gleichwohl weist das Krankheitskompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) darauf hin, dass es in Bezug auf cannabishaltige Arzneien an evidenzbasierter Medizin mangele. Es fehlen Nachweise, die eine Überlegenheit gegenüber Placebo oder einer Vergleichsmedikation zeigen, es fehlen Daten zur Sicherheit, Verträglichkeit und Dosierungsfindung, weswegen cannabishaltige Produkte nicht grundsätzlich und in der Breite einzusetzen seien. Es ist zu befürchten, dass die Sonderregelungen für Cannabis-haltige Arzneimittel die notwendige Durchführung klinischer Studien mit einer pharmakologisch interessanten Substanzklasse auch für die Zukunft erschweren, da wirtschaftliche Anreize für solche Studien entfallen. Die Möglichkeit, Cannabis-haltige Arzneimittel ohne formale Zulassung zulasten auch der gesetzlichen Krankenkassen verordnen zu können, führt zu Kosten für die Gesamtgemeinschaft, obwohl Dosierung, Wirksamkeit und Sicherheit nicht hinreichend untersucht sind. Eine von ökonomischem Interesse z.B.

Das KKNMS und die DMSG sprechen sich daher grundsätzlich für eine Rückkehr zum Prinzip der EbM für die auf dem deutschen Markt vertriebenen und verordnungsfähigen Cannabis-haltigen Arzneimittel aus. Gerade für MS-Betroffene mit vorgeschädigtem Zentralnervensystem ist es von entscheidender Bedeutung, verlässliche Daten zu Wirksamkeit und Verträglichkeit im Zusammenhang mit dem Einsatz von Dronabinol, Nabilon und insbesondere Cannabisblüten als Basis einer etwaigen Verordnungspraxis zur Verfügung zu haben. Ohne systematische Studien kann nicht verlässlich über das Ausmaß von positiven und auch negativen Effekten aufgeklärt werden, wie sie beispielsweise von Landrigan et al.

Fazit: Eine individuelle Entscheidung mit ärztlicher Begleitung

Zusammengefasst lässt sich sagen: Nur, weil Cannabis nun teillegalisiert wurde, ist es noch lange nicht harmlos. Es kann bei manchen Menschen mit Multipler Sklerose helfen, bestimmte Symptome zu lindern. Medizinisches Cannabis ist keine Wunderwaffe, kann aber bei bestimmten Symptomen der Multiplen Sklerose eine spürbare Linderung verschaffen - besonders bei Spastiken und neuropathischen Schmerzen. Eine individuelle ärztliche Begleitung ist entscheidend, um Nutzen, Risiken und Eignung von medizinischem Cannabis im Kontext der MS symptomorientiert zu prüfen. Die Anwendung von CBD bei MS sollte stets in Absprache mit einem Arzt erfolgen, um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und individuelle Risiken auszuschließen.

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