Epileptische Anfälle können das Leben der Betroffenen und ihrer Familien innerhalb von Sekunden verändern. Die ständige Angst vor dem nächsten Anfall überschattet oft den Alltag. Doch die Forschung zu medizinischem Cannabis, insbesondere zu Cannabidiol (CBD), bietet vielversprechende Ansätze zur Kontrolle von Epilepsie und zur Steigerung der Lebensqualität. In Deutschland tritt Epilepsie ohne ersichtlichen Auslöser bei etwa einem von 100 Menschen auf. Werden Gelegenheitsanfälle hinzugerechnet, erleiden schätzungsweise zehn von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einen Anfall.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch unprovozierte Anfälle aufgrund von abnormalen, übermäßigen und synchronisierten elektrischen Entladungen im Gehirn gekennzeichnet ist. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig: Genetische Veränderungen, Hirnschäden durch Schlaganfall oder Tumore können Anfälle auslösen. Die Diagnose basiert auf der Anamnese, Berichten von Angehörigen und diagnostischen Tests wie EEG, CT/MRT oder Lumbalpunktion.
Epilepsie ist keine klare und einheitliche Erkrankung, sondern eine Mischung vielfältiger Störungen der Gehirnfunktion unterschiedlichster Ursache, die epileptische Anfälle auslösen. Genetische Defekte, Aufbaustörungen des Gehirns, Folgen von Unfällen, Hirntumore, Schlaganfälle, Blutungen und Entzündungen können ursächlich in Betracht kommen. Die Anfälle können nur Teile der Hirnrinde (fokale Anfälle) oder die gesamte Hirnrinde (generalisierte Anfälle) betreffen. Häufigkeit und Ausprägung variieren von Patient zu Patient stark.
Die Rolle von medizinischem Cannabis
Weltweit sind Millionen von Menschen von Epilepsie betroffen, und für viele bleibt die Krankheit trotz medikamentöser Behandlung unkontrolliert. Hier kommt medizinisches Cannabis ins Spiel. Cannabidiol (CBD) hat in Studien gezeigt, dass es die Häufigkeit und Schwere von Anfällen reduzieren kann, insbesondere bei schweren Formen wie dem Dravet-Syndrom oder dem Lennox-Gastaut-Syndrom.
Cannabinoide können krampflösende und neuroprotektive Eigenschaften haben und die neuronale Aktivität durch Interaktionen mit Cannabinoidrezeptoren und anderen Rezeptoren im Gehirn beeinflussen. Durch die Bindung an CB1-Rezeptoren verringert THC die neuronale Erregbarkeit. CBD bindet verschiedene neuronale Komponenten, einschließlich den GPR55-Rezeptor. Insbesondere bei medikamentenresistenten Epilepsien können Cannabinoide eine wirksame Therapieoption darstellen.
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Die Behandlung der Epilepsie bei Erwachsenen zielt darauf ab, Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität zu verbessern. Der Hauptansatz ist der Einsatz von Antiepileptika, welche die elektrische Aktivität des Gehirns modulieren, um übermäßige Entladungen zu verhindern. Antiepileptika können helfen, Anfälle zu kontrollieren, die Nebenwirkungen können jedoch sehr schwerwiegend sein und die Lebensqualität beeinträchtigen.
CBD im Fokus: Wirkung und Anwendung
Cannabidiol (CBD) wird eine krampflösende Wirkung nachgesagt. Im Gegensatz zu THC ist CBD bei Epilepsie nicht als wirksam anerkannt. Studien zeigen, dass THC Nebenwirkungen wie eine mögliche Verschlimmerung von Anfällen hervorrufen kann, weshalb es in der Epilepsie-Therapie kaum eine Rolle spielt. CBD bei Epilepsie interagiert mit dem Endocannabinoid-System, das die neuronale Aktivität reguliert. Dadurch kann Cannabidiol Epilepsie-Anfälle dämpfen und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Epidyolex, ein zugelassenes CBD-Öl bei Epilepsie, wird in Form einer oralen Lösung verabreicht. Die Dosierung beginnt niedrig und wird individuell angepasst, abhängig von Gewicht und Verträglichkeit. Konkrete Dosierungs-Pläne erstellt der behandelnde Arzt, da eine enge Überwachung erforderlich ist.
Studienlage und Evidenz
Die Epilepsie-Studienlage zu Cannabis ist vielversprechend, aber unterschiedlich je nach Patientengruppe. Bei Kindern mit seltenen Epilepsieformen wie Dravet- oder Lennox-Gastaut-Syndrom zeigen Studien klare Vorteile von CBD bei Epilepsie, mit signifikanter Reduktion der Anfälle. Bei Erwachsenen ist die Evidenz schwächer, da groß angelegte Studien fehlen. Cannabis-Studien zu Epilepsie bei Erwachsenen zeigen zwar positive Einzelfälle, aber keine breite Bestätigung.
In Zulassungsstudien konnte belegt werden, dass bei schwerstbehandelbaren Epilepsien, wie z. B. dem Dravet-Syndrom, die krampfartigen Anfälle um 40 bis 50 Prozent reduziert werden. Für Sturzanfälle beim Lennox-Gastaut-Syndrom zeigte sich eine Reduktion von ca. 40 Prozent. Der Erfolg ist dosisabhängig, ebenso wie die Nebenwirkungen.
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Ein Fallbeispiel
Eine 35-jährige Patientin mit therapieresistenter Epilepsie litt seit Jahren unter wöchentlichen Anfällen. Nach einem Gespräch mit einem Neurologen begann sie eine Therapie mit Epidyolex. Die Dosis wurde langsam gesteigert, und nach drei Monaten sank die Anfallshäufigkeit um die Hälfte. Regelmäßige Blutkontrollen waren nötig, um Cannabis Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu überwachen. Dieser Fall zeigt: Cannabis Erfahrungen bei Epilepsie können positiv sein, erfordern aber Geduld und ärztliche Begleitung.
Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
CBD Nebenwirkungen bei Epilepsie umfassen Schläfrigkeit, Appetitverlust, Durchfall oder selten eine Zunahme von Anfällen. Cannabis Wechselwirkungen mit Medikamenten wie Clobazam oder Valproat sind häufig, da CBD deren Blutspiegel erhöhen kann. Regelmäßige Kontrollen von Leberwerten und Medikamentenspiegeln sind unerlässlich.
Als Nebenwirkungen werden u.a. Durchfall und Schläfrigkeit berichtet. Der Durchfall beruht wahrscheinlich auch auf der Darreichungsform als Öl. Nebenwirkungen geben über alle Studien hinweg ungefähr 90 Prozent der Patientinnen an, meist werden diese jedoch nur als milde oder moderat eingestuft. Schwerwiegende Nebenwirkungen berichten etwa 20 Prozent der Patientinnen, aber abgesetzt haben es nur wenige.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Kosten
Die Kosten für Epidyolex oder andere Cannabis-Medikamente können 2000-3000 Euro monatlich betragen. In Deutschland ist eine Cannabis Kostenübernahme durch Krankenkassen möglich, erfordert aber einen Antrag mit ärztlicher Begründung.
Medizinisches Cannabis unterlag in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und wurde durch das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) ersetzt. Seit April 2024 kann es auf ein einfaches Rezept von qualifizierten Ärzten, meist Neurologen, verschrieben werden, ohne die bisher erforderliche Betäubungsmittelrezeptierung. Die Cannabis Verschreibung bei Epilepsie setzt eine genaue medizinische Indikation voraus, etwa für zugelassene Präparate wie Epidyolex bei seltenen Epilepsieformen.
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Das Cannabisgesetz (CanG) und das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) von 2024 haben den Zugang zu medizinischem Cannabis erleichtert. Cannabis auf Rezept ist nun schneller verfügbar, da Ärzte es auf ein einfaches Rezept verschreiben können und Telemedizin für Beratungen anerkannt ist. Dennoch bleibt eine ärztliche Diagnose entscheidend, um die richtige Cannabis-Therapie bei Epilepsie sicherzustellen.
Vorsicht vor Selbstmedikation
Selbstmedikation über den Schwarzmarkt birgt hohe Risiken: Ungeprüfte Produkte können Verunreinigungen wie Pestizide oder Schwermetalle enthalten und unklare Wirkstoffgehalte aufweisen, was die Anfallskontrolle gefährden kann. Epilepsie und Selbstmedikation mit frei verkäuflichem CBD-Öl oder Hanföl bei Epilepsie ist gefährlich. Diese Produkte sind nicht standardisiert, nicht medizinisch geprüft und können unwirksam oder schädlich sein.
Ein häufiger Mythos ist, dass Cannabis jede Epilepsie heilt oder THC genauso wirksam wie CBD ist. Tatsächlich ist CBD bei Epilepsie nur für bestimmte Formen zugelassen, und THC zeigt keine Vorteile.
Es ist wichtig zu beachten, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen frei verfügbaren und rezeptpflichtigen CBD-Produkten darin besteht, dass bei Letzteren auch nur das drin ist, was draufsteht. Bei den nichtrezeptpflichtigen Mitteln wurden immer wieder auch Begleitsubstanzen, beispielsweise THC (Tetrahydrocannabinol), festgestellt. Außerdem wird von den rezeptfreien CBD-Ölen abgeraten, da diese auch bei geringer Dosierung schon Stoffwechselveränderungen erzeugen können.
Alkoholkonsum und Epilepsie
Ein riskantes Trinkverhalten sollte von Epilepsiepatienten vermieden werden. Alkoholkonsum kann epileptische Anfälle akut provozieren. Es ist besonders wichtig, das Risiko für Anfälle im Zusammenhang mit Alkohol zu kennen und gegebenenfalls auf Alkohol zu verzichten.