Chloralhydrat in der Kinderheilkunde: Dosierung und Anwendung bei Epilepsie

Chloralhydrat ist ein seit den 1830er Jahren bekanntes und verwendetes Sedativum und Hypnotikum aus der Gruppe der Aldehydhydrate. Es wird hauptsächlich zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt. In Deutschland ist Chloralhydrat in Form von Weichkapseln erhältlich. Es wirkt, indem es die hemmenden Effekte körpereigener Botenstoffe verstärkt. Die Wirkung setzt nach der Einnahme schnell ein und hält für rund sieben Stunden an.

Wirkungsweise von Chloralhydrat

Chloralhydrat wirkt sedierend und schlaffördernd. Es beeinflusst die hemmenden Eigenschaften des körpereigenen Botenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (GABA). GABA ist der wichtigste Botenstoff von hemmenden Synapsen im Gehirn. Bindet GABA an seinen Rezeptor, wirkt dies beruhigend, angstlösend und schlaffördernd. Chloralhydrat verstärkt diese Effekte. Chloralhydrat verursacht nur selten paradoxe Reaktionen (wie Erregtheit, Schlaflosigkeit) und beeinflusst kaum den normalen Schlafverlauf.

Chloralhydrat wird im Körper rasch zu Trichlorethanol (dem eigentlichen Wirkstoff) und unwirksamer Trichloressigsäure abgebaut. Die Wirkung setzt rasch ein und hält für ungefähr sieben Stunden an.

Anwendungsgebiete von Chloralhydrat

Chloralhydrat ist in Deutschland und der Schweiz zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen zugelassen. In der Schweiz darf es darüber hinaus bei nervöser Unruhe eingesetzt werden.

Anwendung und Dosierung von Chloralhydrat

Chloralhydrat ist in unterschiedlichen Darreichungsformen verfügbar. In Deutschland sind Chloralhydrat-Weichkapseln registriert. In der Schweiz befindet sich eine Lösung im Handel.

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Chloralhydrat-Weichkapseln (Erwachsene)

Erwachsene mit Schlafstörungen nehmen anfangs ein bis zwei Weichkapseln (entsprechend 0,25 bis 0,5 Gramm Chloralhydrat) etwa eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen mit einem Glas Wasser ein. Wenn diese Dosis keine ausreichende Wirkung zeigt, kann sie auf bis zu vier Weichkapseln gesteigert werden. Die tägliche Höchstdosis beträgt 1,5 Gramm. Falls Sie Probleme beim Schlucken der Weichkapseln haben, tauchen Sie diese vorher kurz in lauwarmes Wasser ein.

Chloralhydrat-Lösung

Die übliche Dosierung als Schlafmittel liegt laut Schweizer Fachinformation zwischen 0,5 und ein Gramm Chloralhydrat (ein bis zwei Messlöffel zu fünf Milliliter). Die tägliche Höchstdosis darf zwei Gramm nicht überschreiten. Für Unruhezustände werden 0,25 Gramm (ein halber Messlöffel) der Lösung dreimal täglich nach dem Essen empfohlen. Wenn Sie der bittere Geschmack stört, verdünnen Sie die Lösung vor der Einnahme gut mit kaltem Wasser.

Chloralhydrat bei Kindern

Die in der Schweiz registrierte Chloralhydrat-Lösung ist auch für Kinder zugelassen, auch Babys. Es gibt keine untere Altersgrenze. Die Dosierung orientiert sich am Körpergewicht. Als Schlafmittel beträgt die übliche Dosis zwischen 30 bis 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht vor dem Schlafengehen. Wird Chloralhydrat als Beruhigungsmittel eingesetzt, reichen für Minderjährige 25 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Diese Menge wird auf drei bis vier Gaben während des Tages verteilt. Die empfohlene maximale Einzeldosis liegt bei einem Gramm Chloralhydrat.

In Deutschland und Österreich können Ärzte für Kinder einen magistralen Chloralhydrat-Sirup (Saft) verordnen. Er wird in der Apotheke hergestellt. Verweigert Ihr Kind die Einnahme des bitteren Sirups, verdünnen Sie diesen mit kaltem Wasser. Außerdem ist es hilfreich, Wasser nachzutrinken.

Gegenanzeigen von Chloralhydrat

Chloralhydrat darf man im Allgemeinen in folgenden Fällen nicht anwenden:

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  • wenn man überempfindlich oder allergisch auf den Wirkstoff oder einen der Bestandteile des Medikaments reagiert
  • bei schweren Leber-, Nieren- oder Herzerkrankungen
  • bei gleichzeitiger Behandlung mit Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ (z.B. Warfarin, Phenprocoumon)
  • bei schweren Störungen der Atemfunktion
  • bei obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom
  • bei der Stoffwechselstörung Porphyrie (gilt für die Chloralhydrat-Lösung)
  • bei Magenschleimhautentzündung = Gastritis (gilt für die Chloralhydrat-Lösung)
  • in der Schwangerschaft und Stillzeit
  • bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren (gilt für die Chloralhydrat-Weichkapseln)

Wechselwirkungen von Chloralhydrat

Chloralhydrat beeinflusst den blutgerinnungshemmenden Effekt oraler Antikoagulanzien vom Cumarin-Typ. Zu Beginn der Behandlung verstärkt Chloralhydrat deren Wirkung, was das Blutungsrisiko erhöht. Bei länger dauernder Therapie vermindert es diese, sodass das Risiko für Blutgerinnsel ansteigt.

Wegen seiner dämpfenden Eigenschaften sind zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen dämpfend wirkenden Arzneimitteln bekannt. Dazu gehören:

  • Opioide (starke Schmerzmittel wie Hydromorphon und Fentanyl)
  • Mittel gegen Psychosen (wie Olanzapin und Clozapin)
  • Mittel gegen Angst (wie Pregabalin und Alprazolam)
  • Mittel gegen Epilepsie (wie Primidon und Carbamazepin)
  • ältere Antiallergika (wie Diphenhydramin und Doxylamin)

Chloralhydrat steht im Verdacht, das QT-Intervall des Herzens zu verlängern. Das ist ein bestimmter Zeitabschnitt im EKG. Die Kombination mit anderen QT-Intervall verlängernden Arzneimitteln ist deshalb zu vermeiden. Dazu zählen:

  • Mittel gegen Herzrhythmusstörungen (wie Chinidin und Sotalol)
  • gewisse Antibiotika (wie Makrolide und Fluorchinolone)
  • Malaria-Mittel (wie Halofantrin und Chinin)
  • Mittel gegen Psychosen (wie Sertindol, Haloperidol und Melperon)

Chloralhydrat beschleunigt die Verstoffwechslung von Amitriptylin (Antidepressivum). Es kann auch den Blutspiegel von Phenytoin (Mittel gegen Epilepsie) senken.

Bei Menschen, die bestimmte Antidepressiva (Fluoxetin oder Monoaminooxidase-Hemmer = MAO-Hemmer) anwenden, kann sich die Chloralhydrat-Wirkungsdauer verlängern.

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Alkohol verstärkt die einschläfernde Wirkung von Chloralhydrat und weitet die Gefäße.

Nebenwirkungen von Chloralhydrat

Gelegentliche Nebenwirkungen sind Verwirrtheit, Übelkeit und allergische Reaktionen. Wie alle halogenierten Kohlenwasserstoffe kann Chloralhydrat die Nieren, die Leber und das Herz schädigen. Es besteht die Gefahr, dass das Herz empfindlicher auf Katecholamine (aktivierende Botenstoffe) reagiert. Weil Chloralhydrat seinen eigenen Abbau beschleunigt, kann seine Wirkung schon nach wenigen Tagen deutlich nachlassen. Wie fast alle Schlafmittel kann auch Chloralhydrat abhängig machen. Man sollte es deshalb nur kurzfristig einnehmen. Chloralhydrat schränkt das Reaktionsvermögen ein. So kann es die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr und zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigen. Das gilt insbesondere bei gleichzeitigem Alkoholkonsum.

Die tägliche Maximaldosis darf - je nach Präparat - 1,5 bis zwei Gramm nicht überschreiten. Bei einer Chloralhydrat-Überdosis sind Bewusstseinsstörungen, Herzrhythmusstörungen und Atemprobleme die Folge. Die tödliche Dosis liegt zwischen sechs und zehn Gramm Chloralhydrat.

Chloralhydrat und Epilepsie

Epilepsie ist eine Störung des Gehirns, die durch eine dauerhafte Neigung zur Entwicklung epileptischer Anfälle, sowie die neurobiologischen, kognitiven, psychologischen und sozialen Konsequenzen gekennzeichnet ist. Von Epilepsie spricht man, wenn epileptische Anfälle ohne unspezifischen Auslöser (wie z. B. Trauma, Stoffwechselentgleisung, Enzephalitis) wiederholt (≥2-mal) auftreten, oder nach einem 1. Anfall bereits ein Epilepsiesyndrom diagnostiziert werden kann oder das Rezidivrisiko aufgrund von Zusatzbefunden (z. B. potenziell epileptogene MRT-Läsion) als klar erhöht (≥60 % in den kommenden 10 Jahren) angenommen werden muss.

Anfallsarten und Klassifikation

Es werden fokale und generalisierte Formen epileptischer Anfälle unterschieden. Fokale Anfälle starten in mehr oder weniger umschriebenen Regionen einer Hemisphäre. Auch subkortikale Strukturen können beteiligt sein (z. B. Hypothalamus, Thalamus). Die Erregungssteigerung kann auf die Ursprungsregion begrenzt bleiben oder sich innerhalb der Hemisphäre ausbreiten. Nach der neuen Klassifikation von Anfällen und Epilepsien der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE o. J.) werden fokale Anfälle unterschieden in solche mit komplett erhaltenem oder zu irgendeinem Zeitpunkt des Anfalls gestörtem Bewusstsein bzw. Erleben. Des Weiteren erfolgt eine Zuordnung der Anfälle basierend auf der frühesten Symptomatik, wobei es fokale Anfälle mit oder ohne motorische Phänomene gibt. Schließlich wird der mögliche Übergang in bilaterale tonisch-klonische Anfälle berücksichtigt.

Von generalisierten Anfällen spricht man bei einer so frühen Beteiligung der Netzwerke beider Hemisphären, dass ein regionaler Ursprung weder klinisch noch mit technischen Methoden (EEG, SPECT o. ä.) erfassbar ist. Es muss dabei nicht zu einer Erregungssteigerung des gesamten Kortex kommen, z. B. kann es sich um eine überwiegend primär bifrontale Erregungssteigerung handeln. Auch bei diesen Anfällen können subkortikale Strukturen (z. B. Thalamus) beteiligt sein.

Die Epilepsien werden hinsichtlich ihrer Anfallstypen (fokal, generalisiert, beides, unklar) und der Ätiologie (genetisch, strukturell, metabolisch, infektiös, immunologisch, unbekannt) klassifiziert.

Epilepsiesyndrome im Kindesalter

Wenn eine typische Kombination elektroklinischer Merkmale wie Alter bei Epilepsiebeginn, Anfallstypen, EEG-Veränderungen und Ätiologie vorliegt, kann in einem Teil der Fälle ein sogenanntes Epilepsiesyndrom diagnostiziert werden. Diese Diagnose impliziert diagnostische und therapeutische Konzepte und erlaubt die Abschätzung der Prognose.

  • West-Syndrom: Beginnt im Säuglingsalter mit epileptischen Spasmen und Hypsarrhythmie im EEG. Die Ätiologie ist häufig strukturell und seltener genetisch. Es handelt sich um eine epileptische Enzephalopathie.
  • Dravet-Syndrom: Tritt im 1. Lebensjahr bei einem bis dahin gesund imponierenden Kind mit febrilen tonisch-klonischen Anfällen mit Statusneigung auf. Im weiteren Verlauf kommen unterschiedlichste Anfallsformen hinzu, die medikamentös nicht zu kontrollieren sind. Die Ätiologie ist genetisch, meist eine Mutation im SCN1A-Gen.
  • Rolando-Epilepsie: Macht etwa 10 % der kindlichen Epilepsien aus und gehört zu den selbstlimitierenden Epilepsiesyndromen. Sie beginnt im Alter von 3-9 Jahren mit nächtlichen fokalen Anfällen meist ohne Bewusstseinsstörung und mit perioralen somatosensiblen und klonischen Symptomen und teilweise Übergang in bilaterale tonisch-klonische Anfälle.
  • Kindliche Absence-Epilepsie: Ist die häufigste Epilepsie im Kindesalter. Sie ist genetisch bedingt und äußert sich mit zahllosen Absencen (Bewusstseinsstörung von meist 5-20 Sekunden ohne oder mit nur milden begleitenden motorischen Symptomen) und seltener generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.

Chloralhydrat bei Epilepsie

Die Informationen zur Anwendung von Chloralhydrat bei Epilepsie sind begrenzt. Es ist wichtig zu beachten, dass Chloralhydrat selbst keine antiepileptische Wirkung hat. Es wird hauptsächlich als Sedativum und Hypnotikum eingesetzt, um Schlafstörungen zu behandeln oder zur Beruhigung vor medizinischen Eingriffen.

In Bezug auf Epilepsie ist es entscheidend, die spezifischen Anfallstypen und das zugrunde liegende Epilepsiesyndrom zu berücksichtigen. Einige Antiepileptika können bei bestimmten Syndromen eine Verschlechterung auslösen, während andere eine gute Wirksamkeit zeigen.

Dravet-Syndrom: Bei diesem Syndrom wurde festgestellt, dass Antiepileptika, die hauptsächlich oder ausschließlich durch Hemmung von Natriumkanälen wirken, eine Verschlechterung auslösen können. Bewährt haben sich Antiepileptika, die die hemmende Effektivität der Interneuronen verstärken, wie Valproat, Clobazam, Stiripentol, Brom oder Topiramat.

Wichtiger Hinweis: Bei der medikamentösen Therapie von Epilepsie ist ein großes Durchhaltevermögen gefragt. Verschiedene Neurologen verfolgen verschiedene Therapieansätze, so dass man sich bei seinem betreuenden Neurologen gut versorgt wissen muss. Die Aufdosierung eines Antiepileptikums kann zu deutlichen Wesensveränderungen der Kinder führen. Häufig werden sie langsamer im Denken und in der Motorik, teilweise auch aggressiv.

Weitere wichtige Aspekte bei Epilepsie

  • Ketogene Diät: Diese Diät ist streng kohlenhydratlimitiert, protein- und kalorienbilanziert und deshalb fettreich. Sie kann sich bei bestimmten Epilepsieformen positiv auswirken, insbesondere bei Stoffwechselerkrankungen, die einen Defekt in der Verwertung von Glukose haben (GLUT1-Defizit-Syndrom, Pyruvatdehydrogenasemangel).
  • Vagusnervstimulation (VNS): Dies ist eine weitere Option, welche vermehrt bei therapierefraktären Epilepsien eingesetzt wird.
  • SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy): Dies ist der plötzliche und unerwartete Tod von Epilepsie-Patienten. Die genaue Ursache oder Kombination von Ursachen des SUDEPs sind noch unklar. Es gibt allerdings Vermutungen, die von einer gestörten Atmung und/oder Herzfunktion ausgehen.

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