Chronische Migräne und Marihuana: Aktuelle Studien und Therapieansätze

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die für viele Betroffene eine erhebliche Belastung darstellt. Konventionelle Medikamente und Therapien sind oft nicht ausreichend wirksam oder werden schlecht vertragen, was zu einem langwierigen Prozess des Ausprobierens verschiedener Optionen führt. In den letzten Jahren hat medizinisches Cannabis (MC) zunehmend Aufmerksamkeit als alternative Behandlungsoption für Migräne erlangt. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung zu chronischer Migräne und Marihuana, die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis, die Verfügbarkeit in Deutschland und mögliche Nebenwirkungen.

Migräne: Eine Herausforderung für Patienten und Ärzte

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGP) betont, dass es zwar eine Vielzahl zugelassener Medikamente und Therapien gegen Migräne gibt, diese jedoch oft individuell angepasst werden müssen. Da einige Medikamente schlecht vertragen werden oder nicht die gewünschte Wirkung zeigen, ist ein längerer Prozess des Ausprobierens erforderlich, was für Patienten frustrierend sein kann.

Medizinisches Cannabis gegen Migräne: Der Stand der Forschung

Die medizinische Wirkung von Cannabis ist noch nicht vollständig erforscht. Eine zentrale Rolle spielt das Endocannabinoid-System, das Teil des Nervensystems ist. Es reagiert auf die Wirkstoffe von Cannabis, insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Das Endocannabinoid-System scheint mit der Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusammenzuhängen, auch bei Migräneattacken.

Übersichtsarbeiten und Studien

Eine Übersichtsarbeit, die mehrere medizinisch-wissenschaftliche Portale (PubMed, EMBASE, PsycINFO, CINAHL, Web of Science) durchsuchte, wählte insgesamt 12 Publikationen mit 1.980 Patienten aus. Die Studien umfassten Teilnehmer ab 18 Jahren, wobei nur 7 der 12 Artikel einem Peer-Review-Prozess unterzogen wurden. Die Studienformate variierten von einer experimentellen, randomisiert-kontrollierten Untersuchung bis hin zu Beobachtungsstudien, Fallstudien und Konferenzbeiträgen.

Ergebnisse der Studien

Die ausgewerteten Studien deuten darauf hin, dass medizinisches Cannabis (MC) nach sechsmonatiger Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren kann. Bereits nach 30 Tagen konnte eine Reduktion der Migränehäufigkeit und -frequenz festgestellt werden. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei einigen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen oder die Frequenz reduzieren. Allerdings traten bei Nutzern von MC auch häufiger Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch auf.

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Die Autoren der Übersichtsarbeit schlussfolgern, dass medizinisches Cannabis positive Effekte auf die Häufigkeit und Frequenz von Migräne haben kann. Sie betonen jedoch, dass weitere experimentelle Studien zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne notwendig sind, um dies verlässlich einschätzen zu können.

Aktuelle Studie aus San Diego

Eine aktuelle Studie des San Diego Center for Pain Medicine untersuchte die Wirkung von inhaliertem Cannabis bei beginnenden Migräneattacken. Dabei wurden 92 Migränebetroffene in vier Gruppen eingeteilt:

  1. Gruppe: Kapseln mit 6 % THC
  2. Gruppe: Kapseln mit 11 % CBD
  3. Gruppe: Kapseln mit gleichen Mengen THC und CBD
  4. Gruppe: Placebo

Die Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus THC und CBD gegen Migräneattacken am wirksamsten zu sein scheint. Nach zwei Stunden waren in der THC/CBD-Gruppe 34,5 % der Teilnehmer schmerzfrei, verglichen mit 15,5 % in der Placebogruppe. Auch andere unangenehme Migränesymptome wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit konnten durch die Cannabistherapie gelindert werden.

Weitere Forschungsergebnisse

Frühere Studien haben mögliche Wirkmechanismen von Cannabis aufgedeckt. Es reduziert bestimmte Eiweißstoffe, die mit Migräne in Verbindung stehen, und beeinflusst spezielle Nerven, die auf den Blutfluss im Gehirn einwirken.

Verfügbarkeit von Cannabis gegen Migräne in Deutschland

Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen sind nicht explizit formuliert, aber die Fachliteratur geht von einem breiten therapeutischen Spektrum aus. Da chronische Schmerzen zu den etablierten Indikationen zählen, ist das Interesse von Migränepatienten naheliegend.

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Medizinisches Cannabis kann inhaliert (geraucht, verdampft) oder oral eingenommen werden (Tropfen, Kapseln, Öl, Spray). Wenn die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung mit medizinischem Cannabis übernehmen soll, ist eine Genehmigung erforderlich. Die Ablehnung ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich.

Der Anbau von medizinischem Cannabis wird in Deutschland von der Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überwacht. Das BfArM erteilt auch Genehmigungen für den Import von medizinischem Cannabis und daraus gefertigten Produkten. Die über Apotheken vertriebene Menge Cannabis ist seit 2017 kontinuierlich gestiegen.

Voraussetzungen für die Verordnung von medizinischem Cannabis

Prinzipiell kann Cannabis jedem Patienten verschrieben werden, da der Gesetzgeber auf eine spezielle Indikation verzichtet. Es gibt jedoch Voraussetzungen, die Ärzte erfüllen müssen:

  • Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung.
  • Es gibt keine anerkannte medizinische Leistung oder eine anerkannte Therapie kommt für den Patienten nicht in Frage.
  • Es besteht Aussicht, dass Cannabis die Beschwerden bessert.

Konkret heißt es in § 31 Absatz 6 SGB V:

"Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon, wenn

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  1. eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistunga) nicht zur Verfügung steht oderb) im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärztin oder des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann.
  2. eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht."

Indikationen für die Anwendung von Cannabisarzneimitteln

Laut dem Abschlussbericht der Begleiterhebung zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln erhielten Patienten Cannabisarzneimittel am häufigsten zur Behandlung von:

  • Chronischen Schmerzen (76,4 %)
  • Tumorerkrankungen (14,5 %)
  • Spastik (9,6 %)
  • Multipler Sklerose (5,9 %)
  • Anorexie/Wasting (5,1 %)
  • Depression (2,8 %)
  • Übelkeit/Erbrechen (2,2 %)
  • Migräne (2,0 %)

Weitere Erkrankungen/Symptomatiken umfassten Appetitmangel, entzündliche Darmerkrankungen, ADHS, Restless-Legs-Syndrom, Epilepsie, Insomnie/Schlafstörungen, Tics inklusive Tourette-Syndrom und Cluster-Kopfschmerzen.

Wirkungsweise von Cannabis

Zu den Hauptinhaltsstoffen der Hanfpflanze gehören Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC fungiert als Partialagonist an den Cannabinoid(CB)-Rezeptoren CB1 und CB2. THC vermittelt seine psychoaktiven Wirkungen über zentrale CB1-Rezeptoren im Gehirn, die vor allem im Cortex und Hippocampus vorkommen. CB2 wird hauptsächlich auf Immunzellen exprimiert und ist an inflammatorischen Prozessen beteiligt.

Nebenwirkungen von Cannabis

Bei der Anwendung von Cannabis können unerwünschte Wirkungen auftreten. Am häufigsten kommt es durch THC-bedingte Einwirkung zu Schwindel, Sedierung, Schläfrigkeit und Benommenheit. Cannabis kann die Aufmerksamkeit einschränken, Übelkeit und Erbrechen verursachen und die Stimmung beeinträchtigen. Längere Anwendung kann zur Gewöhnung führen. Heranwachsende und junge Erwachsene mit hohem Cannabiskonsum sind besonders gefährdet für psychische und kognitive Störungen. CBD hingegen ist besser verträglich, wobei zur Sicherheit von Cannabidiol keine Langzeitstudien vorliegen.

OCEAN-Studie zur Wirksamkeit von Cannabis bei Chemotherapie-induzierten neuropathischen Schmerzen (CINP)

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) und Avextra kooperieren in der OCEAN-Studie, um die Wirksamkeit und Sicherheit eines THC/CBD-Vollspektrumextraktes bei CINP-Patienten zu untersuchen. CINP tritt als eigenständige Schmerzerkrankung neben einer bestehenden Tumorerkrankung in Erscheinung und wird durch die toxische Schädigung peripherer Nerven durch Chemotherapie ausgelöst. Die Studie analysiert die Schmerzintensität, schmerzbedingte Beeinträchtigungen, Schlafqualität und den Phänotyp der neuropathischen Schmerzen.

Cannabis und Kopfschmerzen: Geschlechterunterschiede und Darreichungsform

Eine Studie der Washington State University analysierte Daten der medizinischen App „Strainprint“ und fand heraus, dass Cannabis bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome verbesserte. Die Schwere der Kopfschmerzen wurde nach Gebrauch im Durchschnitt um drei Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala reduziert, was in etwa einer Halbierung entsprach. Frauen reagierten empfindlicher auf die schmerzlindernde Wirkung von Cannabinoiden, während Männer in der Kopfschmerzgruppe etwas mehr vom Cannabis profitierten. Mit der Zeit schienen sich die Probanden an den Konsum zu gewöhnen, zumindest an die Wirkung von Cannabisblüten, und benötigten zunehmend höhere Dosen, um die Beschwerden zu lindern.

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