Chronischer Durchfall ist ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Von chronischem Durchfall spricht man, wenn die Beschwerden immer wieder auftreten und über einen Zeitraum von mehr als vier Wochen bestehen. Es gibt viele mögliche Ursachen für chronischen Durchfall - und ebenso verschiedene Ansätze, um das Risiko zu verringern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen von chronischem Durchfall, insbesondere im Zusammenhang mit nervlichen Einflüssen, und bietet einen umfassenden Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist chronischer Durchfall?
Durchfall (Diarrhoe) wird definiert als mehr als drei Entleerungen von zu flüssigem Stuhl pro Tag. Akuter Durchfall klingt in der Regel innerhalb von 14 Tagen ab. Hält er länger an, spricht man von anhaltendem oder persistierendem Durchfall (mehr als 14 Tage) oder chronischem Durchfall, wenn die Beschwerden über vier Wochen bestehen. Chronischer Durchfall kann verschiedene Ursachen haben, darunter Infektionen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und das Reizdarmsyndrom.
Ursachen von chronischem Durchfall
Die Ursachen für chronischen Durchfall sind vielfältig und reichen von organischen Erkrankungen bis hin zu psychischen Belastungen. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:
Reizdarmsyndrom (RDS)
Das Reizdarmsyndrom (RDS), auch nervöser Darm oder Reizkolon genannt, ist eine funktionelle Störung des Verdauungssystems, die bis zu 20 % der Menschen weltweit betrifft. Es ist eine der häufigsten Diagnosen im Magen-Darm-Bereich und eine häufige Ursache für Krankschreibungen. Die Symptome des RDS umfassen anhaltende Bauch- oder Unterleibsschmerzen, Krämpfe sowie einen veränderten Stuhl (Durchfall, Verstopfung oder beides).
Die genauen Ursachen des RDS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass eine Kombination aus überempfindlichen Darmnerven, Störungen der Darmmuskulatur, Veränderungen der Darmflora, Entzündungen der Darmwand, psychischen Belastungen, Stress, Ernährungsgewohnheiten und Lebensmittelunverträglichkeiten eine Rolle spielen könnte.
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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED)
Der Begriff chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) umfasst zwei eigenständige Erkrankungen: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Beide Erkrankungen sind durch chronische Entzündungen des Darms gekennzeichnet, die zu Durchfall, Bauchschmerzen, Gewichtsverlust und anderen Symptomen führen können. Die Beschwerden treten typischerweise schubweise auf.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption oder Zöliakie können ebenfalls chronischen Durchfall verursachen. Bei Zöliakie handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem beim Verzehr von Gluten körpereigenes Gewebe angreift. Die Symptome können weit über den Magen-Darm-Trakt hinausgehen.
Infektionen
Bestimmte chronische Infektionen des Darms, wie z.B. eine Infektion mit dem Parasiten Giardia lamblia, können ebenfalls zu chronischem Durchfall führen.
Medikamente
Einige Medikamente können als Nebenwirkung anhaltenden Durchfall verursachen. Dazu gehören beispielsweise Antibiotika, bestimmte Antidepressiva und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR).
Erkrankungen von Leber und Bauchspeicheldrüse
Erkrankungen der Leber und der Bauchspeicheldrüse können die Verdauung beeinträchtigen und zu chronischem Durchfall führen.
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Die Rolle der Nerven bei chronischem Durchfall
Der Darm ist eng mit dem Nervensystem verbunden, insbesondere über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Diese Achse ermöglicht eine bidirektionale Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Darm, wodurch psychische Faktoren wie Stress, Angst und Depressionen einen erheblichen Einfluss auf die Darmfunktion haben können.
Das enterische Nervensystem
Der Darm besitzt ein eigenes Nervensystem, das enterische Nervensystem (ENS), auch "Bauchhirn" genannt. Das ENS befindet sich in allen Abschnitten des Magen-Darm-Trakts: von der Speiseröhre über den Magen, den Dünn- und den Dickdarm bis hin zum Enddarm. Es steuert den kompletten Funktionsablauf der Verdauung - inklusive Schlucken, Verdauung im Magen sowie im Dünn und Dickdarm und der (Stuhl-)Entleerung nicht verwertbarer Nahrungsbestandteile.
Die Zahl der Nervenzellen und die Komplexität der Verknüpfungen im ENS sind vergleichbar mit unserem Gehirn. So wie unser Gehirn das zentrale Steuerorgan für all unsere Sinneseindrücke und Muskeln im Körper ist, steuert das enterische Nervensystem die Empfindungen und Muskeln im Magen-Darm-Trakt.
Stress und die Darm-Hirn-Achse
Stress, Ärger und Angst aktivieren das zentrale Nervensystem. Die freigesetzten Stresshormone wiederum aktivieren die Nervenzellen in der Darmwand. Das wirkt sich auf die Verdauungsprozesse im Darm aus und Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Unwohlsein sind die Folge.
Eine Umfrage unter Patient:innen mit Reizdarmsyndrom ergab, dass 42 % ihren Durchfall auf Stress und Angst zurückführen, 78 % sich allgemein gestresst fühlen und 53 % angeben, heute gestresster zu sein als vor zehn Jahren.
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Wie Stress den Durchfall beeinflusst
Wenn man nervös ist, produziert der Körper Adrenalin - ein körpereigenes Hormon, das Angst, Kampf oder Flucht auslöst. Der Blutdruck wird erhöht, der Puls steigt, das Nackenhaar sträubt sich und die Darmbewegungen werden vermindert. Aber der Sympathikus hat einen Gegenspieler, den Parasympathikus, der schlagartig gegenreagiert und durch seine Überreaktion zu Durchfall führen kann.
Andere bei Stress vermehrt freigesetzte Hormone führen dagegen zu einem vermehrten Einstrom von Flüssigkeit und Elektrolyten in den Darm. Die Aufnahme von Flüssigkeit und Elektrolyten aus dem Darm in den Körper dagegen wird vermindert. Es kommt zu wässrigem Stuhl und häufigerem Stuhldrang - Sie bekommen Durchfall.
Schon eine geringfügige Verminderung der vom Darm resorbierten Flüssigkeitsmenge kann ausreichen, um zu einer Durchfallattacke zu führen. Und wenn Sie an einem Reizdarm (Irritable Bowel Syndrome - IBS) leiden, ist die Wahrscheinlichkeit von stressbedingtem akuten Durchfall noch höher.
Neurogastroenterologie
Die Neurogastroenterologie ist ein medizinischer Fachbereich, der sich mit der Erforschung und Behandlung von Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt befasst, die durch Störungen des Nervensystems des Magen-Darm-Trakts verursacht werden. Typische neurogastroenterologische Erkrankungen sind Schluckstörungen, Refluxerkrankung, Reizmagen, Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung sowie Stuhlinkontinenz.
Diagnose von chronischem Durchfall
Die Diagnose von chronischem Durchfall umfasst in der Regel eine gründliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests.
Anamnese
Die Ärztin oder der Arzt wird zunächst nach den Beschwerden fragen und nach bekannten Unverträglichkeiten oder Erkrankungen. Folgende Fragen werden in der Regel gestellt:
- Wie lange besteht der Durchfall schon?
- Wie häufig ist der Stuhlgang?
- Wie ist die Beschaffenheit des Stuhls (wässrig, breiig, blutig)?
- Treten weitere Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit oder Gewichtsverlust auf?
- Gibt es bekannte Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Allergien?
- Werden Medikamente eingenommen?
- Gab es kürzlich Reisen in fremde Länder?
Körperliche Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung wird der Bauch abgetastet, um mögliche Schmerzen oder Verhärtungen festzustellen. Außerdem wird der Allgemeinzustand des Patienten beurteilt.
Diagnostische Tests
Je nach Verdacht werden verschiedene diagnostische Tests durchgeführt, um die Ursache des Durchfalls zu ermitteln. Dazu gehören:
- Bluttests: Um Entzündungen, Infektionen oder andere Erkrankungen auszuschließen.
- Stuhluntersuchung: Um Bakterien, Viren, Parasiten oder Blut im Stuhl nachzuweisen.
- Koloskopie: Eine Darmspiegelung, bei der der Dickdarm mit einer Kamera untersucht wird, um Entzündungen, Geschwüre oder andere Auffälligkeiten festzustellen.
- Gastroskopie: Eine Magenspiegelung, bei der der Magen und der Zwölffingerdarm mit einer Kamera untersucht werden.
- Laktosetoleranztest: Um eine Laktoseintoleranz festzustellen.
- Fruktoseintoleranztest: Um eine Fruktosemalabsorption festzustellen.
- Zöliakie-Test: Um eine Zöliakie auszuschließen.
Behandlung von chronischem Durchfall
Die Behandlung von chronischem Durchfall richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Behandlung des Reizdarmsyndroms
Die Behandlung des Reizdarmsyndroms zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:
- Ernährungsumstellung: Eine FODMAP-arme Ernährung kann helfen, die Beschwerden zu reduzieren. Dabei werden bestimmte schwer verdauliche Kohlenhydrate (FODMAPs: vergärbare Mehrfach-, Zweifach-, Einfachzucker und mehrwertige Alkohole) für vier bis acht Wochen reduziert und anschließend schrittweise wieder eingeführt.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Darmfunktion zu verbessern.
- Psychotherapie: Bei psychischen Belastungen kann eine Psychotherapie sinnvoll sein. Effektiv sind insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose, Entspannungs-. und Achtsamkeitsübungen.
- Medikamente: Je nach Symptomen können Medikamente wie Antidiarrhoika, Spasmolytika oder Antidepressiva eingesetzt werden.
Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
Die Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu kontrollieren. Dazu gehören:
- Medikamente: Entzündungshemmende Medikamente wie Kortikosteroide oder Immunsuppressiva.
- Biologika: Spezifische Medikamente, die gezielt in den Entzündungsprozess eingreifen.
- Ernährungstherapie: Eine spezielle Ernährung kann helfen, die Symptome zu lindern und Mangelerscheinungen vorzubeugen.
- Operation: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den betroffenen Darmabschnitt zu entfernen.
Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Die Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten besteht in erster Linie darin, die unverträglichen Lebensmittel zu meiden. Bei Laktoseintoleranz können Laktase-Präparate helfen, die Laktose zu verdauen. Bei Zöliakie ist eine strikt glutenfreie Ernährung erforderlich.
Allgemeine Maßnahmen bei Durchfall
Unabhängig von der Ursache des Durchfalls gibt es einige allgemeine Maßnahmen, die helfen können, die Beschwerden zu lindern:
- Ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen: Um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, sollten täglich 3-4 Liter Flüssigkeit getrunken werden, am besten Wasser, Tee oder Brühe.
- Elektrolyte ersetzen: Durch den Durchfall gehen wichtige Elektrolyte verloren, die durch spezielle Elektrolytlösungen aus der Apotheke ersetzt werden können.
- Schonkost: Leicht verdauliche Lebensmittel wie Reis, Bananen, Zwieback oder Kartoffeln sind gut verträglich und belasten den Darm nicht zusätzlich.
- Hygiene beachten: Um die Ausbreitung von Infektionen zu vermeiden, ist es wichtig, regelmäßig die Hände zu waschen.
Vorbeugung von chronischem Durchfall
Die Vorbeugung von chronischem Durchfall hängt stark von der jeweiligen Ursache ab. Einige allgemeine Maßnahmen können jedoch helfen, das Risiko zu verringern:
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Ballaststoffen, Obst und Gemüse ist wichtig für eine gesunde Darmfunktion.
- Stress vermeiden: Stress kann die Darmfunktion beeinträchtigen. Entspannungstechniken und Stressmanagement können helfen, das Risiko von Durchfall zu verringern.
- Hygiene beachten: Regelmäßiges Händewaschen und eine gute Küchenhygiene können helfen, Infektionen zu vermeiden.
- Vorsicht bei Reisen: In tropischen Ländern sollte man auf rohes Obst und Gemüse, Leitungswasser und unzureichend gegartes Fleisch verzichten.
- Medikamente überprüfen: Einige Medikamente können Durchfall verursachen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie unter Durchfall leiden und Medikamente einnehmen.
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