OnabotulinumtoxinA: Eine wirksame Therapieoption bei chronischer Migräne

Migräne ist weit mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz. Sie kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu sozialem Rückzug, Arbeitsausfällen sowie psychischer Erschöpfung führen. Insbesondere bei chronischer Migräne, definiert als mehr als 15 Kopfschmerztage pro Monat, reichen klassische Medikamente oft nicht aus, um eine zufriedenstellende Linderung zu erzielen. Eine moderne und gut verträgliche Behandlungsmöglichkeit stellt hierbei die Migräneprophylaxe mit Botulinumtoxin Typ A (OnabotulinumtoxinA) dar. Diese Therapie ist wissenschaftlich anerkannt, wird durch Leitlinien empfohlen und bietet vielen Betroffenen eine nachhaltige Besserung ihrer Beschwerden.

Was ist chronische Migräne?

Laut Definition der International Headache Society (IHS) liegt eine chronische Migräne vor, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

  • ≥ 15 Kopfschmerztage pro Monat
  • Davon ≥ 8 Tage mit migräneartigen Symptomen
  • Über mindestens 3 Monate hinweg

Chronische Migräne geht häufig mit Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen einher. Daher ist ein ganzheitlicher Therapieansatz, der körperliche und seelische Aspekte berücksichtigt, von großer Bedeutung.

Wie wirkt Botulinumtoxin bei Migräne?

Botulinumtoxin Typ A (Handelsname z. B. Botox®) wirkt nicht nur muskelentspannend, sondern beeinflusst auch die Schmerzweiterleitung. Es hemmt die Freisetzung von schmerzvermittelnden Botenstoffen wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) und Glutamat an den Nervenendigungen und reduziert so die Übererregbarkeit des trigemino-vaskulären Systems - ein zentraler Mechanismus bei Migräne. Das Ergebnis ist eine Reduktion der Migräneanfälle, eine Abschwächung der Schmerzintensität und somit eine Steigerung der Lebensqualität.

Botox®, auch Botulinum genannt, wird seit vielen Jahren erfolgreich in der ästhetischen Medizin eingesetzt, insbesondere zur Reduktion von Falten und zur Verlangsamung des Alterungsprozesses der Haut. Die Behandlung erfolgt durch die Injektion von Botox® in bestimmte Muskelgruppen im Gesicht und Nacken.

Lesen Sie auch: Nervensystem und chronischer Stress

Anerkanntes Verfahren laut Leitlinie

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt in ihrer Leitlinie von 2018 (ergänzt 2019) Botulinumtoxin ausdrücklich zur Prophylaxe der chronischen Migräne, insbesondere wenn andere Prophylaxe-Medikamente nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.

Was sagen Studien?

Die Wirkung von Botulinumtoxin bei chronischer Migräne wurde in zwei großen, internationalen Studien eindeutig nachgewiesen: PREEMPT 1 und 2 (Phase-III-Studien). Beide Studien zeigten, dass OnabotulinumtoxinA die Anzahl der Kopfschmerztage signifikant reduziert und die Lebensqualität verbessert.

Ablauf der Behandlung

Die Behandlung mit Migräne-Botox® erfolgt in Form von Injektionen an bestimmten Stellen des Kopfes, Gesichts und Nackens. Die Injektionen dauern in der Regel nur wenige Minuten. Stirn, Zornesfalte, Krähenfüße, Schläfen/Temporalregion und Nacken sind typische Stellen, in denen das Botox® injiziert wird. Die Behandlung erfolgt ambulant nach einem ausführlichen Gespräch und neurologisch-psychiatrischer Einschätzung. Botulinumtoxin wird nach einem standardisierten Schema in definierte Muskelareale im Kopf- und Nackenbereich injiziert (nach dem PREEMPT-Protokoll). Die Behandlungsdauer beträgt ca. 15-20 Minuten. Der Wirkungseintritt erfolgt nach ca. 1-2 Wochen, die Wirkdauer beträgt ca. 12 Wochen, danach ist eine erneute Injektion möglich.

Vorteile der Migränebehandlung mit Botox

  • Reduktion der Migränetage pro Monat
  • Besserung von Begleitsymptomen (Lichtempfindlichkeit, Übelkeit etc.)
  • Keine tägliche Medikamenteneinnahme notwendig
  • Gut verträglich, auch bei psychischen Begleiterkrankungen
  • In Kombination mit psychotherapeutischer Begleitung besonders effektiv

Nebenwirkungen und Sicherheit

Die Behandlung gilt als sehr sicher und gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind vorübergehende Muskelschwäche oder Spannung im Nackenbereich sowie leichte Kopfschmerzen oder Rötung an den Injektionsstellen. Ernsthafte Nebenwirkungen sind äußerst selten.

Wie bei jeder medizinischen Behandlung gibt es aber auch bei Migränebotulinum mögliche Risiken und Nebenwirkungen. Dazu zählen vorübergehende Rötungen, Schwellungen oder blaue Flecken an den Injektionsstellen sowie Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Die meisten Nebenwirkungen sind jedoch mild und verschwinden innerhalb weniger Tage nach der Behandlung. Langzeitfolgen sind nicht bekannt.

Lesen Sie auch: Parkinson und chronischer Husten

Personen mit einer Störung der Muskelaktivität sollten vor der Behandlung einen Arzt konsultieren. Nach der Behandlung ist es empfehlenswert, den Kopf für ca. 3 Stunden nach der Behandlung aufrecht zuhalten, damit sich das Botox® gleichmäßig verteilt und keine Asymmetrien auftreten.

Wann bekommt man Botox® bei Migräne?

Botox® kann als eine Behandlungsoption für chronische Migräne in Betracht gezogen werden. Botox ist nur zur Behandlung der chronischen Migräne zugelassen und nur dann, wenn die Patienten auf orale prophylaktische Medikamente nicht ausreichend angesprochen oder diese nicht vertragen haben. Eine Migräne gilt dann als chronisch, wenn ein Patient an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leidet und davon an mindestens acht unter Migräne. In bestimmten Fällen darf Botox nicht eingesetzt werden: beispielsweise, wenn der Patient an einer Erkrankung leidet, die die neuromuskuläre Übertragung beeinflusst, wie z.B. die Myasthenia gravis oder wenn der Patient eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber Botulinumtoxinen hat.

Wie lange dauert es, bis Botox® bei Migräne wirkt?

Die Wirkung von Botulinumtoxin bei der Behandlung von Migräne kann von Person zu Person variieren. In der Regel kann eine Besserung der Migräne-Symptome oft schon nach einer Woche nach der Behandlung festgestellt werden. Die Wirksamkeit von Botox in der Migräne-Therapie hält ungefähr drei Monate an.

Preise und Kostenübernahme

Die Preise für die Behandlung werden nach der GOÄ abgerechnet. Die Behandlung kann unter Umständen von der Krankenkasse übernommen werden.

Weitere Anwendungsgebiete von Botulinumtoxin A

Neben der Behandlung der chronischen Migräne wird Botulinumtoxin A auch in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt, beispielsweise zur Behandlung von:

Lesen Sie auch: Cannabis gegen chronische Migräne

  • Überaktiven Muskeln (Dystonie oder Spastik)
  • Übermäßiger Schweißsekretion (Hyperhidrose)
  • Übermäßiger Speichelsekretion (Hypersalivation)
  • Hemispasmus facialis (unwillkürliche einseitige Gesichtszuckungen)
  • Blepharospasmus (unwillkürliches Augenzukneifen)
  • Zervikale Dystonie, Torticollis spasmodicus (der Schiefhals)
  • Umschriebene fokale Dystonien, wie Schreibkrampf, Fingerdystonie, Fuß- und Beindystonie
  • Muskuläre Spastik (Verkrampfung) z.B. nach Schlaganfall
  • Infantile Cerebralparese

Aktuelle Entwicklungen und Studien

Neuere Studien vergleichen Onabotulinumtoxin A indirekt mit Anti-CGRP-Antikörpern oder untersuchen die Effekte einer Zusatztherapie mit Anti-CGRP-Antikörpern zu einer „BOTOX-Prophylaxe“.

Eine offene, randomisierte Studie zeigte, dass OnabotulinumtoxinA bei Patienten mit chronischer Migräne besser wirksam war als Topiramat. In der FORWARD-Studie war OnabotulinumtoxinA signifikant wirksamer als Topiramat bezüglich der 50%-Responderrate. Der wesentliche Unterschied lag aber in den Abbruchraten wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen.

Inzwischen liegen auch für alle vier monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor Wirksamkeitsstudien bei Patienten mit chronischer Migräne vor. Diese neuen monoklonalen Antikörper sind alle wirksamer als Placebo und in indirekten Vergleichen etwa genauso wirksam wie OnabotulinumtoxinA und Topiramat.

Multimodaler Therapieansatz

Wichtig ist, bei so schwer von Migräne betroffenen Patienten zu bedenken, dass eine reine Pharmakotherapie meist unzureichend ist. Ziel der Behandlung sollte immer sein, in einem multimodal angelegten Therapiekonzept zu behandeln. Das heißt, dass nicht nur der Arzt Medikamente verschreibt, sondern auch Psychologen und Physiotherapeuten in die Therapie miteinbezogen werden.

Neben der medikamentösen Therapie gibt es auch nicht-medikamentöse Verfahren, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können. Dazu gehören zum Beispiel Entspannungs-Übungen und / oder ein regelmäßiger Ausdauersport. Oft helfen auch gewisse Lebensstil-Modifikationen, wie regelmäßig zu essen, regelmäßig zu schlafen und ein gutes Stress-Management.

tags: #onabotulinumtoxina #bei #chronischer #migrane