Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der etwa 10 % der Erwachsenen betroffen sind. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, aber auch Kinder und Jugendliche können betroffen sein. In der „Global Burden of Disease Study“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt Migräne, was die weltweite krankheitsbedingte Belastung betrifft, unter mehr als 300 Erkrankungen an sechster Stelle. Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, die sich durch chronische beziehungsweise wiederkehrende Inflammationsherde und eine progressive Neurodegeneration in Gehirn und Rückenmark auszeichnet. Die Epidemiologie ist ähnlich zur Migräne, von der ebenfalls häufiger Frauen mit einer ähnlichen Altersverteilung betroffen sind. In einer Kohorten-Studie mit weiblichem Klinikangestellten zeigte sich bei Migräne-Patientinnen im Vergleich zu Frauen ohne Migräne eine 1,39-fach höhere Wahrscheinlichkeit, auch an MS zu leiden.
Copaxone: Ein Medikament zur Behandlung von Multipler Sklerose
Copaxone (Glatirameracetat) ist ein Arzneimittel, das zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS) angewendet wird. Der Wirkstoff Glatiramer gehört zu den immunmodulierenden Substanzen und beeinflusst die Funktionsweise des körpereigenen Immunsystems. Es wird angenommen, dass MS durch einen Defekt im Immunsystem ausgelöst wird. Dadurch entstehen Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark. Das von Teva selbst entwickelte MS-Medikament war 1996 auf den Markt gekommen und ist bis heute der wichtigste Umsatzbringer des Generikakonzerns. Aktuell kämpft Teva um sein wichtigstes Produkt, das MS-Mittel Copaxone (Glatirameracetat). Im Mai 2014 war zunächst in den USA das Patent abgelaufen. Um seinen Blockbuster zu retten, hatte Teva schon einige Monate zuvor das hauseigene Nachfolgeprodukt eingeführt, das seit kurzem patentgeschützt ist. Das neue Copaxone enthält mit 40 mg/ml doppelt soviel Wirkstoff wie das ursprüngliche Produkt und muss nur noch dreimal pro Woche statt täglich subcutan gespritzt werden. Laut Teva werden 60 Prozent der Injektionen eingespart; injektionsbedingte Nebenwirkungen werden um 50 Prozent reduziert.
Dosierung und Anwendung von Copaxone
In Absprache mit Ihrem Arzt, abhängig von dem Stadium der Behandlung, wird das Arzneimittel in der Regel folgendermaßen dosiert: Erwachsene nehmen eine Einzeldosis von 1 Fertigspritze, was einer Gesamtdosis von 3-mal wöchentlich entspricht. Der Zeitpunkt der Anwendung sollte im Abstand von mindestens 48 Stunden, unabhängig von der Tageszeit erfolgen. Die Anwendung sollte durch Fachpersonal oder nach den Anweisungen des Arztes erfolgen. Wenn Sie das Arzneimittel zum ersten Mal selbst anwenden, wird Ihr Arzt Sie entsprechend anweisen und in den auf die Selbstinjektion folgenden 30 Minuten überwachen. Für die Injektion geeignete Körperstellen sind Bauchdecke, Arme, Hüften und Oberschenkel. Dabei sollte die Injektionsstelle bei jeder Injektion gewechselt werden. Die Anwendungsdauer richtet sich nach Art der Beschwerde und/oder Dauer der Erkrankung und wird deshalb nur von Ihrem Arzt bestimmt.
Gegenanzeigen und wichtige Hinweise zu Copaxone
Immer: Überempfindlichkeit gegen die Inhaltsstoffe. Unter Umständen - sprechen Sie hierzu mit Ihrem Arzt oder Apotheker: Bestehende Herzerkrankung, beeinträchtigte Nierenfunktion. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Das Arzneimittel darf nicht angewendet werden. Schwangerschaft: Wenden Sie sich an Ihren Arzt. Es spielen verschiedene Überlegungen eine Rolle, ob und wie das Arzneimittel in der Schwangerschaft angewendet werden kann. Stillzeit: Es gibt nach derzeitigen Erkenntnissen keine Hinweise darauf, dass das Arzneimittel während der Stillzeit nicht angewendet werden darf. Es kann Arzneimittel geben, mit denen Wechselwirkungen auftreten. Sie sollten deswegen generell vor der Behandlung mit einem neuen Arzneimittel jedes andere, das Sie bereits anwenden, dem Arzt oder Apotheker angeben.
Nebenwirkungen von Copaxone
Die häufigsten Nebenwirkungen von COPAXONE® sind Erythem, Schmerzen, Schwellung, Juckreiz oder ein Knoten an der Injektionsstelle, Hautrötung, Ausschlag, Kurzatmigkeit und Brustschmerzen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind: Infektion, Grippe, Angst, Depression, Kopfschmerzen, Gefäßerweiterung (Vasodilatation), Kurzatmigkeit (Dyspnoe), Übelkeit, Hautausschlag, Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen durch Medikamente, Kraftlosigkeit bzw. Schwäche, Brustkorbschmerzen, Reaktion an der Einstichstelle, Schmerzen, Entzündung der Bronchien, Infektiöse Entzündung des Magen-Darm-Traktes, Herpes (Herpes-simplex-Infektion), Mittelohrentzündung, Schnupfen, Abszess an einem Zahn, Hefepilzinfektion (Candidose) der Scheide und Schamlippen durch Medikamente, Gutartige Neubildung der Haut, Gut- oder bösartige Neubildung von Körpergeweben (Tumor), Vergrößerung der Lympknoten, Überempfindlichkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtszunahme, Nervosität, Geschmacksverzerrung (Dysgeusie), Erhöhte Muskelspannung, Migräne durch Medikamente, Sprachstörung, Ohnmachtsanfall, Zittern, Doppeltsehen, Funktionsstörungen der Augen, Ohrerkrankung, Herzklopfen, Beschleunigter Puls (Tachykardie), Husten, Jahreszeitbedingte Allergie, Erkrankung im Bereich des Darmausgangs (anorektal), Verstopfung, Karies, Verdauungsbeschwerden durch Medikamente, Schwierigkeiten beim Schlucken, Unfreiwilliger Stuhlgang, Erbrechen, Abweichende Leberfunktionswerte, Fleckenartige Hautblutung (Ekchymose), Schwitzen (Hyperhidrose) durch Medikamente, Juckreiz (Pruritus), Hauterkrankung, Nesselausschlag (Urtikaria) durch Medikamente, Nackenschmerzen, Harndrang, Verstärkter Harndrang, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Schüttelfrost, Gesichtsödem, Gewebeschwund an der Einstichstelle der Injektion, Örtlich begrenzte Reaktion, Wassereinlagerungen in den Beinen, Wassereinlagerung (Ödem), Fieber, Eiteransammlung (Abszess), Entzündung des Unterhautzellgewebes (Zellulitis), Eitrige Entzündung eines Haarfollikels (Furunkel), Gürtelrose (Herpes-zoster-Infektion), Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis), Hautkrebs, Blutbildungsstörung mit mehr weißen Blutkörperchen im Blut (Leukozytose), Verminderte Zahl an weißen Blutkörperchen (Leukopenie), Milzvergrößerung (Splenomegalie), Verminderte Zahl an Blutplättchen (Thrombozytopenie), Formveränderung weißer Blutkörperchen (atypische Lymphozyten-Morphologie), Schilddrüsenvergrößerung, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) durch Medikamente, Alkoholunverträglichkeit, Gicht durch Medikamente, Fettstoffwechselstörung (Hyperlipidämie), Erhöhter Natriumgehalt im Blut, Erniedrigter Gehalt an eisenspeicherndem Eiweiß (Ferritin) im Blut, Ungewöhnliche Träume, Verwirrtheit, Hochstimmung, Sinnestäuschung (Halluzination), Feindseligkeit, Krankhaft gesteigerte Aktivität oder Heiterkeit (Manie), Störung der Persönlichkeit, Selbstmordversuch, Karpaltunnelsyndrom, Beeinträchtigung der Denkleistung (kognitive Störung), Krampfanfälle, Schreibstörung, Lese- und Verständnisschwäche (Dyslexie), Bewegungsstörung mit Muskelkontraktionen, Gestörter Bewegungsablauf (motorische Störung).
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Der mögliche Zusammenhang zwischen Copaxone und Migräne
Einige Patienten, die Copaxone zur Behandlung von MS einnehmen, berichten über das Auftreten von Migräne. Es gibt jedoch keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Copaxone Migräne verursacht. Es ist möglich, dass die Migräne bei diesen Patienten durch andere Faktoren ausgelöst wird, wie z. B. Stress, Wetterwechsel oder bestimmte Nahrungsmittel. Einige Anwender in Foren berichten, dass sie seit der Einnahme von Copaxone vermehrt unter Migräne leiden, während andere keine negativen Auswirkungen feststellen konnten oder sogar eine Verbesserung ihrer Migräne festgestellt haben.
Neurogene Entzündungen und chronisch-entzündliche Erkrankungen
In Migräne-Studien wurden häufig neurogene Entzündungen festgestellt. Diese Migräne-assoziierten Entzündungsprozesse könnten erklären, weshalb Migräne häufig begleitend zu anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen auftritt, wie z. B. Rheuma, chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) und MS. Entzündungsprozesse im Rahmen einer Erkrankung können weitere Erkrankungen begünstigen und fördern. Da bestimmte Biomarker von Entzündungen, die bei Rheuma, CED und MS erhöht vorkommen, in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, können sie auch in Nervenzellen Entzündungen auslösen. Auch der Einfluss des Darm-Mikrobioms auf Entzündungswerte und -mediatoren spielt laut den Review-Autoren eine Rolle.
Neue Therapieansätze zur Migräneprophylaxe
Da in der Anfallsbehandlung die Triptane den Markt dominieren, gibt es zur Prävention von Anfällen derzeit keine spezielle Therapie. Als Mittel der Wahl gelten derzeit Betablocker wie Metoprolol, Calciumantagonisten sowie Antiepileptika. Die Vasodilatatoren wirken jedoch nur peripher. In Forscherkreisen gilt CGRP als eine der vielversprechendsten Zielstrukturen für die Entwicklung neuer Arzneistoffe gegen Migräne. Gerade weil die Substanz sowohl zentral als auch peripher in den Verlauf der Migräne eingreift, könnte eine Inhibition des Peptids an beiden Angriffspunkten eine signifikante Verbesserung der Beschwerden hervorrufen, so die Hoffnung. Mit der Substanz TEV-48125 verfolgt Teva einen neuen Ansatz zur Prophylaxe von Anfällen bei chronischen Migränepatienten. TEV-48125 ist ein monoklonaler Antikörper, der sich gegen das Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) richtet. CGRP ist als wichtiger Faktor in der Entstehung von Migräne gut charakterisiert. Eine periphere Freisetzung ruft im Körper eine starke Vasodilatation hervor. Außerdem gilt das Peptid als Entzündungsmediator. Im Zentralnervensystem ist CGRP an der Regulation der Körpertemperatur beteiligt und moduliert die Schmerzübertragung.
AJOVY® (Fremanezumab)
AJOVY® (Fremanezumab) ist ein humanisierter monoclonaler Antikörper (mAb), der von Teva Pharmaceuticals entwickelt wurde, wirkt gezielt auf das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). Es ist für die Prävention von Migräne bei Erwachsenen zugelassen, die mindestens vier Migränetage pro Monat haben. AJOVY® ist als Einzeldosis in einer Fertigspritze mit 225 mg/1,5mL in zwei Dosierungsoptionen verfügbar - 225 mg einmal monatlich als subkutane Einzelgabe oder 675 mg alle drei Monate (vierteljährlich), verabreicht in Form von drei Subkutaninjektionen. Wie bei allen Injektionen kann im Bereich der Injektionsstelle eine Hautreaktion wie Rötung, Verhärtung oder Juckreiz auftreten. AJOVY kann bei entsprechender Schulung einer Gesundheitsfachkraft vom Patienten selbst oder einer Pflegekraft zu Hause verabreicht werden. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) hat AJOVY® (Fremanezumab) zur Migräneprävention bei Erwachsenen mit chronischer Migräne zugelassen, die auf mindestens drei vorherige präventive medikamentöse Behandlungen nicht angesprochen haben.
Weitere Aspekte im Zusammenhang mit Migräne
Depressionen sind mit die häufigsten psychiatrischen Komorbiditäten bei Migräne. Bei Patienten mit gleichzeitig auftretenden Depressionen besteht ein erhöhtes Risiko einer "Chronifizierung" der Migräne. Die Daten der UNITE-Studie zeigen, dass AJOVY (fremanezumab) Migräneanfälle und depressive Symptome bei Migräne-Patienten mit schwerer depressiver Störung reduziert.
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Sport und Migräne
Sportmedizinsche Maßnahmen führen zu einer effizienten Symptomlinderung; hierbei werden auch hochintensive Trainingsprogramme gut vertragen. Ob regelmäßige Bewegung auch die Krankheitsprogression verlangsamen kann, ist unklar. Der positive Einfluss, den regelmäßige Bewegung auf die klinische Symptomatik bei Menschen mit MS hat, wird hauptsächlich auf antiinflammatorische Eigenschaften zurückgeführt. Akute körperliche Belastungen provozieren intensitätsabhängig zuerst einen inflammatorischen Zustand (bewegungsinduzierte Leukozytose), dem durch die Produktion und Ausschüttung von anti-inflammatorisch wirkenden löslichen Faktoren (z. B. IL-10, IL-1ra, sTNF-R) entgegengesteuert wird.
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