Die Corona-Impfung hat weltweit Millionen von Menschen vor schweren COVID-19-Verläufen geschützt. Trotzdem gibt es Berichte über Nebenwirkungen, die Anlass zur Besorgnis geben. Einige dieser Nebenwirkungen betreffen das Nervensystem und reichen von vorübergehenden Beschwerden bis hin zu schwerwiegenden neurologischen Komplikationen wie Spastiken. Dieser Artikel beleuchtet das mögliche Risiko von Spastiken und anderen neurologischen Symptomen im Zusammenhang mit der Corona-Impfung, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Fallberichten.
Neurologische Symptome nach COVID-19-Infektion und Impfung
COVID-19-Patienten mit schweren Verläufen können neurologische Beschwerden wie Lähmungserscheinungen, epileptische Anfälle, Schwindel, Verwirrtheit oder Schädigungen des Gehirns entwickeln. Auch Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns sind bekannt. Ein Team aus Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Charité-Universitätsmedizin Berlin hat eine mögliche Erklärung gefunden: Bestimmte Antikörper, die Gehirnzellen angreifen, könnten mit den neurologischen Symptomen im Zusammenhang stehen. Brisant ist, dass Forscher mit einigen dieser Antikörper auch einen Impfstoff entwickeln wollten.
Antikörper sind ein wichtiger Teil des körpereigenen Immunsystems. Sie werden vom Organismus beim Kontakt mit Viren oder Bakterien gebildet und haben die Aufgabe, Infektionen abzuwehren. Im Blut zirkulierende Antikörper binden an die Krankheitserreger, um sie unschädlich zu machen. Bei sogenannten Passiv-Impfungen macht man sich diesen Effekt zu Nutze. Die Idee: Antikörper, die sonst nur im Blut von Genesenen vorkommen, werden unter Laborbedingungen künstlich hergestellt und dann akut Erkrankten oder präventiv verabreicht. Das könnte vor einer Infektion schützen und den Krankheitsverlauf abmildern.
Die Forscher von DZNE und Charité versuchten, einen solchen Impfstoff zu entwickeln. Sie hatten dazu fast 600 verschiedene Arten von Antikörpern aus dem Blutplasma von COVID-19-Patienten gewonnen und im Tierversuch an Hamstern getestet. Dabei zeigte sich, dass gleich vier von 18 gut wirksamen Antikörpern nicht nur an das Virus banden, sondern auch an Nervengewebe aus dem Gehirn. Einige banden zusätzlich an das Gewebe von Lunge, Herz, Niere oder Darm. Im lebenden Organismus würde das einen Angriff des Immunsystems auf diese Organe auslösen - und auf das Gehirn.
Jakob Kreye, beteiligter Charité-Forscher, betont, dass noch überprüft werden muss, ob die Antikörper tatsächlich diesen Effekt haben. Die Antikörper-Studie macht aber die Risiken von Impfstoffen und Medikamenten auf Antikörperbasis deutlich. Wenn solche Antikörper in hoher Konzentration verabreicht werden und an körpereigenes Gewebe binden, könnte das zu schweren Nebenwirkungen führen. Aus den Antikörpern, die an körpereigenes Gewebe banden, soll keine passive Impfung entwickelt werden.
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Fallbeispiele und Erfahrungsberichte
Die 31-jährige Lehrerin Vera Rieder leidet seit ihrer Corona-Impfung an heftigen Nebenwirkungen. Nach ihrer ersten Impfung bekam sie einen Hautausschlag mit Beulen, gefolgt von Muskelzuckungen und Taubheitsgefühlen. Ihre Hand entwickelte eine Spastik, und sie hatte heftige Herzrhythmusstörungen. Sie berichtet von massiven Pulsschwankungen und einem Zusammenkrampfen des Herzens über viele Wochen. Die Suche nach einer Erklärung für ihre Symptome gestaltete sich schwierig.
Rieder suchte mehrere Ärzte auf und wurde mehrmals im Krankenhaus behandelt. Seit fünf Monaten ist sie arbeitsunfähig, mit der Diagnose Impfkomplikationen. Sie meldete ihre Nebenwirkungen dem Paul-Ehrlich-Institut, erhielt jedoch nur Standardantworten. Sie kritisiert, dass sich niemand für ihre Beschwerden zu interessieren scheint und dass es sich um ein gesellschaftliches Tabu-Thema handelt.
Eine große Blutuntersuchung ergab, dass Rieder sogenannte Autoantikörper im Blut hat, die das körpereigene Gewebe angreifen. Autoantikörper werden häufig auch bei Long-COVID-Patienten festgestellt. Marion Bimmler, die in Berlin ein Forschungslabor leitet, hat Autoantikörper bei 300 Patienten nach einer COVID-19-Impfung nachgewiesen und die zuständigen Behörden informiert.
Auch Sophie G. aus Kassel erlebte eine Wendung in ihrem Leben nach der Corona-Impfung. Die damals 19-Jährige bekam gut eine Woche später Gelenkschmerzen und einen Ausschlag an den Füßen. Später erlitt sie eine Sinusvenenthrombose, was zu Epilepsie führte. Ihr behandelnder Arzt vermutete eine Bindegewebsentzündung, eine Kollagenose, die möglicherweise durch die Impfung ausgelöst wurde.
Fazialisparese als mögliche Nebenwirkung
Eine systematische Überprüfung mit Metaanalyse untersuchte, ob eine Assoziation zwischen COVID-19-Impfung und Fazialisparese besteht. Die Analyse von vier randomisierten klinischen Phase-III-Studien ergab eine um 200 % erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Fazialisparese bei den Impfstoffempfängern im Vergleich zu den Placebogruppen. Probanden, die mit mRNA-Vakzinen geimpft wurden, hatten ein signifikant höheres Risiko für eine Fazialislähmung als Personen aus der Placebogruppe.
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Die Forschenden bewerteten auch die Rate an Fazialisparese bei SARS-CoV-2-Geimpften und -Infizierten. Das relative Risiko, nach einer Coronavirusinfektion an einer Fazialisparese zu erkranken, war 3,23-fach höher als nach Erhalt der Impfung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wahrscheinlichkeit einer Fazialisparese im Vergleich zu einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich verringern kann.
Post-Vac-Syndrom
In sehr seltenen Fällen kann die Corona-Impfung andauernde Krankheitssymptome verursachen, das Post-Vac-Syndrom. Das Risiko für starke Nebenwirkungen ist nach einer durchgemachten COVID-19-Erkrankung sehr viel höher als nach der Impfung. Nach bisherigem Kenntnisstand tritt ein Post-Vac-Syndrom nur nach 0,01 bis 0,02 Prozent aller Impfungen auf.
Es gibt mehrere Theorien dazu, was bei einem Post-Vac-Syndrom im Körper passiert: Ein Molekül im Visier der Forschenden ist ACE2, das eine wichtige Rolle bei der Blutdruckregulierung spielt und ein Rezeptor für Coronaviren ist. Auch das Immunsystem scheint beteiligt zu sein, wobei es zu überschießenden Reaktionen und der Entstehung von Autoantikörpern kommen kann.
Meldung und Anerkennung von Impfschäden
In Deutschland ist der Staat für die Versorgung zuständig, wenn ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden nach einer öffentlich empfohlenen Impfung auftritt. Die Entschädigung reicht von der Übernahme von Heil- und Krankenbehandlungen über Rehabilitationsleistungen bis hin zu einer monatlichen Rentenzahlung. Zuständig sind die Versorgungsämter, aber auch hier muss der Zusammenhang zwischen Impfung und Gesundheitsschaden belegt sein.
Viele Ärzte vermuten, dass es eine deutliche Untererfassung der Nebenwirkungen beim Paul-Ehrlich-Institut gibt. Mediziner beklagen, dass die Meldung kompliziert und zeitaufwendig sei. Betroffene fühlen sich oft allein gelassen und wünschen sich eine Anlaufstelle für ihre Probleme. Die Hürden für die Anerkennung von Impfschäden sind hoch, und die meisten Anträge werden abgelehnt.
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COVID-19 und Schlaganfall
In der Früh- als auch in der Spätphase der COVID-19-Erkrankung kann bei jüngeren Patienten ein zerebraler Gefäßverschluss auftreten. Eine Metaanalyse ergab, dass im Vergleich zu Schlaganfällen ohne COVID-19 das Risiko für einen Verschluss großer Hirnarterien, für ein größeres neurologisches Defizit und für eine erhöhte Krankenhausmortalität erhöht ist. Die Patienten waren durchschnittlich jünger und wiesen weniger kardiovaskuläre Risikofaktoren auf als Schlaganfallpatienten ohne COVID-19.
Impfen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED)
Menschen mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sollten auf einen vollständigen Impfschutz achten, da die CED selbst oder Therapien, die das Immunsystem beeinflussen, die Anfälligkeit für Infektionserkrankungen erhöhen können. Bei der Diagnose einer CED sollte der Impfstatus überprüft und bei Bedarf vervollständigt werden. Es sollten Totimpfstoffe verwendet werden, zu denen auch die in der EU zugelassenen COVID-19-Impfstoffe zählen.