Die COVID-19-Impfung ist ein entscheidender Schritt zur Eindämmung der Pandemie. Viele Menschen, die an Migräne leiden, haben jedoch Bedenken hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen der Impfung und deren Auswirkungen auf ihre Migränebehandlung. Dieser Artikel soll diese Bedenken ausräumen und umfassende Informationen zu diesem Thema bieten.
Einführung
Seit dem Beginn des Jahres 2020 hat sich die durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Infektionskrankheit Covid-19 pandemisch nahezu weltweit ausgebreitet. Neben Verhaltensregeln ist die seit Dezember 2020 verfügbare Impfung eine der wichtigsten Gegenmaßnahmen zur Weiterverbreitung des Virus. Am 22.12.2020 erteilte nach der Zulassung durch die EU-Kommission das Paul-Ehrlich-Institut die erste Freigabe eines Impfstoffs in Deutschland.
Migräne und COVID-19-Impfung: Was ist bekannt?
Die Schmerzklinik Kiel erhält täglich hunderte Anfragen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen einer Impfung gegen Covid-19 und dem Vorgehen bei einer parallel bestehenden Migränebehandlung. Es gibt aktuell keine Datengrundlage, dass die Migränebehandlung die Wirksamkeit oder Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe beeinträchtigt. Es gibt bisher keine Daten, die zeigen, dass die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein das Medikament Onabotulinumtoxin A unwirksam machen würden.
Viele Betroffene mit Migräne machen sich Gedanken, ob sie sich impfen lassen sollen, denn sie haben Angst vor den Kopfschmerzen nach (Booster-)Impfung. Die American Migraine Foundation hat die wichtigsten Fragen zur Covid-19-Impfung in Zusammenhang mit Migräne beantwortet.
Häufige Nebenwirkungen der COVID-19-Impfung
Wie bei anderen Impfungen auch, können Kopfschmerzen bei über 50 % der Geimpften auftreten. Am Beispiel des ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222) AstraZeneca Impfstoffes sind die häufigsten Nebenwirkungen Schmerzen an der Injektionsstelle (54.2%), Kopfschmerzen (52.6%), Müdigkeit (53.1%), Muskelschmerzen (44.0%), Gelenkschmerzen (26.4%), Unwohlsein (44.2%), Übelkeit (21.9%), Schüttelfrost (31.9%) oder Fieber> 38 °C (7.9%).
Lesen Sie auch: Demenzrisiko: Was die Forschung über Corona-Impfungen sagt
In den klinischen Zulassungsstudien zum AstraZeneca-Impfstoff wurde die Verwendung von Paracetamol vor der Impfung in allen Studien vorbeugend empfohlen (außer in der Studie COV005; sie wurde als Änderung während der Studie COV001 eingeführt). Den Geimpften wurde empfohlen, nach der Impfung 1000 mg Paracetamol einzunehmen und über 24-Stunden im Intervall von sechs Stunden vorbeugend fortzufahren, um durch den Impfstoff verursachte Nebenwirkungen zu verringern. Es ist daher anzunehmen, dass durch die prophylaktische Verabreichung von Paracetamol Nebenwirkungen wie Fieber und Kopfschmerzen gemildert wurden.
Es ist richtig, dass bei einer Impfung Nebenwirkungen auftreten können. Dabei handelt es sich jedoch größtenteils um ganz normale Impfreaktionen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Diese Symptome spiegeln die anfängliche Immunantwort des Körpers auf den Impfstoff wider. Der Körper tut also was er soll, wenn er so reagiert: Er bildet Antikörper! Bei den meisten Menschen fallen diese Symptome jedoch mild aus und dauern in der Regel nur ein oder zwei Tage an.
Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom von COVID-19-Infektionen, und bei manchen Menschen können die Kopfschmerzen auch nach Abklingen der Krankheit anhalten. Dies ist nicht überraschend, da auch andere Infektionskrankheiten Kopfschmerzen verursachen können, die noch lange nach dem Abklingen der Infektion anhalten.
Spezifische Aspekte für Migränepatienten
Viele Patient:innen mit Migräne reagieren verständlicherweise empfindlich, wenn sie nur das Wort Kopfschmerz hören. Und da im Zusammenhang mit den Impfreaktionen Kopfschmerzen immer wieder erwähnt werden, fragen sich viele Migräne-Betroffene zu recht, inwiefern eine Impfung Auswirkungen auf ihre Migräne haben kann und ob die Impfung sich mit den von ihnen eingenommenen Akut- oder Prophylaxe-Medikamenten wie z.B. die CGRP-Antikörper verträgt.
Da im Einzelfall auch ausgeprägte Nebenwirkungen auftreten können, empfiehlt die Schmerzklinik Kiel zur Vermeidung additiver Effekte bzgl. der Nebenwirkungen (Summation von Nebenwirkungen beider Arzneimittel) einen möglichst großen Abstand zwischen der Impfung gegen Covid-19 und der Gabe von monoklonalen Antikörpern zur Migränevorbeugung einzuhalten. Da die Gabe der monoklonalen Antikörper zur Migränevorbeugung in der Regel im Abstand von vier Wochen erfolgt, entspricht dies einem möglichen Abstand von 14 Tagen.
Lesen Sie auch: Aktuelle Erkenntnisse zum Schlaganfall nach Corona-Impfung
In den klinischen Studien zum Impfstoff durften die Teilnehmer:innen innerhalb von zwei Wochen vor oder nach der Verabreichung des COVID-Impfstoffs keine anderen Impfstoffe erhalten. Wechselwirkungen mit den monoklonalen CGRP-Antikörper-Behandlungen bei chronischer Migräne wurden daher nicht untersucht. Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein theoretisches Risiko besteht, dass die Immunantwort auf den Impfstoff die Wirkung des CGRP-Antikörpers abschwächen könnte. Dafür gibt es aber derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten Patient:innen den Zeitpunkt der CGRP-Injektionen vor und nach der Impfung mit ihren Ärzt:innen besprechen.
Botox-Spezialist:innen vermuten auch hier, dass der Impfstoff die Wirksamkeit von Botox® möglicherweise abschwächen könnte. Hierfür gibt es jedoch derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten auch hier Patient:innen den Zeitpunkt der Botox®-Injektionen mit ihren Ärzt:innen besprechen. Bei beiden Behandlungsmethoden würde ich jedoch denken, dass eine vorübergehende Abschwächung der Wirkung der Medikamente immer noch besser als eine COVID-19-Erkrankung ist.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass migränespezifische Medikamente wie Triptane, Ditane oder Gepants die Wirksamkeit des Impfstoffs verringern würden.
Behandlung von Kopfschmerzen nach der Impfung
Treten Kopfschmerzen nach der Impfung auf, können diese mit Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol behandelt werden. Treten Migräneattacken nach der Impfung auf, können diese wie sonst auch mit der empfohlenen Akutmedikation behandelt werden.
Treten Kopfschmerzen als Teil der Impfreaktion auf, wird davon abgeraten vor oder innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Impfung rezeptfreie Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin einzunehmen. Diese Medikamente können die Immunreaktion auf den Impfstoff verringern. Am besten besprichst du dich im Einzelfall mit deinen Ärzt:innen oder versuchst alternative, nicht-medikamentöse Maßnahmen anzuwenden.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Was hilft gegen Impfkopfschmerzen?
Ob Kopfschmerzen nun als Reaktion der Impfung auftreten oder zum Beispiel durch Anspannung oder Verspannung, die Gegenmaßnahmen sind fast dieselben. Der große Vorteil bei Impfkopfschmerzen ist, dass sie zumeist schnell wieder verschwinden, manchmal innerhalb von ein paar Stunden.
Forscher der Schmerzklinik Kiel, des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein sowie der Universitäten Riyadh und Sharjah (Vereinigte Arabische Emirate) haben herausgefunden, dass es sich hierbei offenbar um eine neue Art von Kopfschmerzen handelt, die sich in der Regel besonders effektiv mit klassischen Schmerzmitteln wie z. B. Aspirin® (Wirkstoff: Acetylsalicylsäure) oder Aktren (Wirkstoff: Ibuprofen) behandeln lassen. Die Aspirin® Tablette ist hier besonders schnell wirksam durch die MicroAktiv-Technologie. Das heißt, dass sich die Tablette durch einen zusätzlich enthaltenen Zerfallsbeschleuniger sehr schnell auflöst und der Wirkstoff entsprechend rasch vom Körper aufgenommen wird. Bei den plötzlich einsetzenden Impfkopfschmerzen erweist sich die Aspirin® Tablette daher als schnelle und effektive Hilfe. Dabei bleibt sie gut verträglich, was durch klinische Studien belegt ist.
Weitere Maßnahmen gegen Kopfschmerzen nach der Impfung
- Ruhe: Nichts befeuert den Schmerz im Kopf mehr als Lärm, Stress und Unruhe. Betroffene sollten sich zurückziehen, für Ruhe sorgen und sich etwas hinlegen. Nicht auf den Bildschirm schauen, denn das strengt an. Eine Reizabschirmung ist wichtig, um andere Gegenmaßnahmen wirksam nutzen zu können.
- Entspannende Massagen: Sanfte Massagen der Schläfen regen die Durchblutung an und wirken dem Schmerz im Kopf entgegen. Auch eine Massage der Nasenwurzel kann entspannen und dabei helfen die Kopfschmerzen zu reduzieren.
- Verzicht auf Alkohol und Nikotin: Ein erhöhter Konsum von Alkohol und Nikotin kann dem Körper schaden, bei akuten Kopfschmerzen merkt man den Effekt aber besonders schnell.
- Frische Luft und Bewegung: Etwas Bewegung an der frischen Luft macht im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf frei. Hilfreicher Tipp: Während eines Spaziergangs aktiv auf die Atmung achten, tiefe Atemzüge machen und ganz bewusst und achtsam den Atem steuern. Sport bei Impfkopfschmerzen ist übrigens keine gute Idee.
- Aspirin® Tablette: Die Aspirin® Tablette kann schon mal einigen Druck rausnehmen, andere Maßnahmen zur Selbsthilfe können aber ebenfalls dafür sorgen, dass der Kopf nach der Corona-Impfung nicht so stark pocht.
Sinusvenenthrombose (SVT) als seltene Komplikation
Kopfschmerzen, die in der Folge einer Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca auftreten, sind meist Symptom einer banalen Impfreaktion. Selten können sie auf einer schwerwiegenden Impfkomplikation in Form einer potenziell letal verlaufenden Sinusvenenthrombose (SVT) beruhen (Stand: 12. April 2021).
SVT sind eine seltene, nicht immer leicht zu diagnostizierende Ursache für sekundäre Kopfschmerzen, da sie sich klinisch sehr unterschiedlich manifestieren können und auch einen sehr variablen Verlauf aufweisen können. Ihre Inzidenz wird auf ca. 1-2/100.000 pro Jahr geschätzt, wobei viele Autoren von einer erheblichen Dunkelziffer durch blande Verläufe ausgehen. Am häufigsten erkranken Frauen im jungen bis mittleren Alter. Bei der überwiegenden Zahl Betroffener lässt sich ein klassischer Risikofaktor für eine Thrombose erfragen.
Symptome einer SVT
Kopfschmerzen sind das häufigste und in der Regel erste klinische Symptom einer SVT. Es gibt allerdings kein pathognomonisches oder für die SVT typisches Kopfschmerzsyndrom. Meist nimmt der Schmerz allmählich und undulierend über wenige Tage oder sogar Wochen an Intensität zu. Er kann sogar auch in Form eines Donnerschlagkopfschmerzes ganz abrupt einsetzen. In aller Regel ist der Schmerz anhaltend und spricht nicht suffizient auf einfache Schmerzmittel und nicht-steroidale Antirheumatika an. Valsalva-Manöver oder Bücken führt häufig zur Zunahme der Schmerzen.
Weitere häufige Symptome einer SVT sind bei ca. 45 Prozent der Patienten Übelkeit sowie, in Abhängigkeit von der Lokalisation, der Schwere und dem Verlauf der Thrombose, flüchtige oder anhaltende neurologische Ausfallsymptome wie Lähmungen, Sehstörungen (Verschwommensehen), Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen.
Wann besteht ein begründeter Verdacht auf eine SVT?
Allein die Klage über neu aufgetretene, bislang so nicht bekannte Kopfschmerzen, kann unabhängig von deren Lokalisation bereits ein Hinweis auf eine SVT sein. Der Verdacht erhärtet sich, wenn der Kopfschmerz nicht gut auf Akutschmerzmittel anspricht, im Verlauf über Tage zunehmend heftiger wird und mehr als drei Tage anhält.
Der Verdacht auf eine SVT ist dann hochgradig, wenn fokalneurologische Symptome, epileptische Anfälle, quantitative oder qualitative Bewusstseinsstörungen hinzukommen.
Diagnostik und Empfehlungen
Besteht der klinische Verdacht auf eine SVT muss umgehend Schnittbildgebung mit Darstellung der Venen und Sinus mittels venöser CT-Angiografie (CTA) oder MR-Angiografie (MRA) erfolgen.
Gemäß den ersten publizierten Daten zu SVT in der Folge des AstraZeneca-Impfstoffs traten die Thrombosen vier bis 16 Tage nach der Impfung auf. Aufgrund der dargelegten Erfahrungen mit dem Impfstoff gelten derzeit folgende Empfehlungen:
- Grippeartige Symptome, wie Gliederschmerzen, Muskelschmerzen oder Kopfschmerzen, die nach der Impfung ein bis zwei Tage anhalten, sind nicht besorgniserregend.
- Warnsymptome sind nach mehr als drei Tagen nach der Impfung auftretende oder über mehr als drei Tage anhaltende Kopfschmerzen, Sehstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Kurzatmigkeit oder akute Brustschmerzen. Dann sollte die Indikation für weitere laborchemische Diagnostik (Differenzialblutbild, Blutausstrich, D-Dimere) großzügig gestellt und gegebenenfalls auch bildgebende Diagnostik zur Frage nach Vorliegen einer Thrombose angefordert werden.
- Jedes Auftreten von epileptischen Anfällen, neurologischen Herdzeichen oder klinischer Zeichen einer Thrombozytopenie erfordert umgehend die entsprechende Diagnostik und stationäre Einweisung.
Verschlechterung der Migräne nach COVID-19-Impfung?
In der klinischen Praxis berichten Patienten bisweilen über eine Verschlechterung der Migräne als Folge einer COVID-19-Impfung oder nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Bislang fehlten jedoch Analysen zu einem solchen Zusammenhang.
Wissenschaftler luden Migränepatienten, welche in einer spanischen Kopfschmerzklinik behandelt wurden, zu einer Online-Umfrage ein. Im Rahmen der Studie wurden demografische Daten sowie Informationen zu SARS-CoV-2-Infektionen und Impfungen erfasst. Von 550 Studienteilnehmern gaben 44,9 % (247/550) an, mindestens einmal an COVID-19 erkrankt zu sein. 83,3 % der Teilnehmer (458/550) waren gegen das neue Coronavirus geimpft. 61 Probanden berichteten über eine Verschlechterung ihrer Migränesymptome seit der Coronavirus-Infektion, 52 Probanden berichteten über eine Verschlechterung seit der Impfung.
Die vorläufigen Daten deuten darauf hin, dass sowohl eine SARS-CoV-2-Infektion als auch eine COVID-19-Impfung eine vernachlässigbare Rolle bei der Verschlechterung der Migräne spielt. Die Sorge der Patienten vor Verschlechterung ist mit häufigeren Attacken assoziiert.
Rechtliche Aspekte: Entschädigung bei Impfschäden
Das Landessozialgericht (LSG) Baden-Württemberg hatte über die Berufung der klagenden Frau zu entscheiden (Urt. v. Der Anspruch auf Entschädigungsleistung nach § 60 Abs. 1 Satz 1 IfSG (a.F.) setzte zunächst voraus, dass der Antragsteller einen Gesundheitsschaden als Folge einer Impfschädigung erlitten hat. Damit es aber zu einer Impfopferversorgung kommt, müsse jedoch die Impfung, eine dauerhafte Gesundheitsschädigung sowie zusätzlich eine Impfkomplikation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststehen, so der 6. Senat.
Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand träten Kopfschmerzen als Impfreaktion lediglich innerhalb von 12 bis 48 Stunden nach der Impfung auf. Ein späteres Auftreten könne nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Impfung zurückgeführt werden, so das Gericht.
Für Anträge auf Impfschadenopferversorgung, die nach dem 31. Dezember 2023 gestellt werden, gilt die neue Rechtslage. Rechtsgrundlage ist § 24 SGB XIV. Der Wortlaut des § 60 Abs. 1 Satz 1. IfSG ist im Wesentlichen deckungsgleich mit § 24 SGB XIV.
tags: #coronaimpfung #bei #migrane