Das ganze Gehirn nutzen: Chip-Test-Studien und die Zukunft der Neurotechnologie

Einführung

Die Fortschritte in der Neurotechnologie versprechen, die Art und Weise, wie wir mit unserem Gehirn interagieren, grundlegend zu verändern. Von Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCIs), die es gelähmten Menschen ermöglichen, Computer allein durch Gedanken zu steuern, bis hin zu KI-Modellen, die die Energieeffizienz des Gehirns nachahmen, eröffnen sich bahnbrechende Möglichkeiten. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien und Entwicklungen im Bereich der Gehirnchips und BCIs, untersucht ihre potenziellen Anwendungen, ethischen Implikationen und die damit verbundenen Herausforderungen.

Paradromics und die Erzeugung von Sprache aus Gedanken

Das US-amerikanische Unternehmen Paradromics steht kurz vor dem Start einer klinischen Studie Anfang 2026, die das Potenzial hat, die Kommunikation für Menschen mit Sprachstörungen zu revolutionieren. Ihr Brain-Implantat, das in den motorischen Kortex eingesetzt wird, soll Sprache aus Gedanken erzeugen. Die Teilnehmer werden dazu aufgefordert, sich vorzustellen, wie sie bestimmte Sätze aussprechen, die ihnen auf einem Bildschirm gezeigt werden. Wenn die Teilnehmenden sich vorstellen zu sprechen und die genauen Sätze vor Augen haben, können die neuronalen Muster in Text umgewandelt werden, der auf einem Bildschirm angezeigt wird. Die Genehmigung der US-Arzneimittelbehörde FDA für diese erste langfristige klinische Studie mit dem Gehirn-Computer-Interface markiert einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung von BCIs.

Das Implantat ist ungefähr 7,5 mm groß. Der Chip ist mit einem Kabel an eine Energiequelle und einen drahtlosen Sender gebunden, welcher im Brustkorb des Individuums platziert wird. Mithilfe des Implantats kann dann die Gehirnaktivität in eben diesem Bereich gemessen werden.

Neuralink und hochauflösende Gehirnsignale

Das US-amerikanische Neurotechnologie-Unternehmen Neuralink hat sich auf ein Gehirnimplantat spezialisiert, welches besonders viele und genaue Signale aus dem Gehirn auslesen soll. Dafür werden 64 dünne, flexible Fäden ins Gehirn eingesetzt. Auf jedem dieser Fäden sitzen kleine Sensoren, die messen, welche Nervenzellen gerade aktiv sind. So kann das Implantat sehr viele Informationen gleichzeitig erfassen. In der ersten Studie des Unternehmens wurde der Bereich des motorischen Kortex ins Visier genommen, der für die Steuerung der Hand zuständig ist.

Synchron und minimalinvasive BCI-Technologie

Paradromics ist derzeit eines von mehreren Unternehmen, die ein implantiertes BCI-System in einer Langzeitstudie testen. Am weitesten fortgeschritten ist Synchron, ein BCI-Unternehmen in New York City, mit seinem Gerät Stentrode. Beim Stentrode-Implantat werden zwölf bis 16 kleine Elektroden in einen winzigen Metallstent eingebaut, der über ein Blutgefäß ins Gehirn geschoben wird. Von dort aus messen die Elektroden, wie aktiv die umliegenden Nervenzellen sind, ohne dass das Gehirn direkt geöffnet werden muss.

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Präklinische Daten und langfristige Funktionalität

Paradromics verweist aktuell auf präklinische Daten, die durch die Implantation des Chips in Schafen gewonnen wurden. Nach dreijähriger Implantation in Schafen funktionieren die BCIs weiterhin ohne nennenswerte Veränderung der Signalqualität.

KI-Modelle nach dem Vorbild des Gehirns: Energieeffizienz und prädiktive Kodierung

Ein innovatives KI-Modell, das auf dem menschlichen Gehirn basiert, bietet die Möglichkeit, den Energieverbrauch um bis zu 80 Prozent zu reduzieren. Das menschliche Gehirn ist ein Vorbild in Sachen Energieeffizienz. Mit lediglich 20 Watt - vergleichbar mit einer kleinen Glühbirne - steuert es Funktionen wie Bewegung, Sprache, Erinnerung und Gefühle. Im Gegensatz dazu benötigen künstliche Intelligenzen Tausende Watt für ähnliche Aufgaben. Große KI-Systeme wie Sprachmodelle oder Bildgeneratoren verlangen nach erheblichen Ressourcen, sodass ihr Energiebedarf mit dem von ganzen Ländern mithalten kann.

Forscher am Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS) entwickelten in Zusammenarbeit mit Kollegen aus Frankreich ein KI-Modell namens Predictive Coding Light (PCL), das nach dem Vorbild des Gehirns arbeitet und deutlich weniger Energie erfordert. Das neuartige Modell trägt den Namen Predictive Coding Light (PCL). Es soll das Verständnis dafür vertiefen, wie Gehirne und neuronale Netze Informationen verarbeiten, ohne unnötig Energie aufzuwenden. Die Wissenschaftler orientierten sich hierbei an zwei wesentlichen Prinzipien des Gehirns:

  • Kommunikation über elektrische Impulse: Nervenzellen geben keine kontinuierlichen Signale, sondern kurze Spannungsstöße ab, sogenannte "Spikes".
  • Energiesparende Informationsübertragung: Das Gehirn leitet Informationen nur weiter, wenn eine unerwartete Änderung eintritt und blendet Vorhersehbares aus.

Durch den Einsatz hemmender Synapsen - also Verbindungen, die andere Nervenzellen verlangsamen -, werden vorhersehbare Impulse erkannt und unterdrückt. "Wir vermuten, dass hemmende Synapsen eine zentrale Rolle dabei spielen, wie das Gehirn sensorische Informationen energiesparend verarbeitet", sagt Studienleiter Jochen Triesch. "Bisher betrachtete man sie oft nur als unspezifische Bremse."

Die Simulationen mit dem PCL-Modell zeigten, dass es möglich ist, lediglich neue Informationen weiterzugeben. Anstatt wie traditionelle KI-Systeme alle Daten umfassend zu verarbeiten, filtert das System bekannte Muster aus. Dadurch reduziert sich die Anzahl der benötigten Rechenoperationen erheblich. Das Team schulte sein Modell mit Bilddaten und bewertete anschließend seine Fähigkeit, Gesten und handgeschriebene Ziffern zu erkennen. Dabei blieb die Präzision hoch, obwohl das System deutlich weniger "Spikes" erzeugte und somit weniger Energie benötigte. Das PCL-Netzwerk konnte stabile Bilder daraus generieren und benötigte dabei bis zu 80 Prozent weniger Energie als konventionelle KI-Systeme.

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Das Kernstück des Modells ist das sogenannte "prädiktive Kodieren". Es basiert auf der Annahme, dass das Gehirn ständig Vorhersagen über die Umwelt trifft und nur dann reagiert, wenn diese Vorhersagen nicht zutreffen. Vorhersehbare Ereignisse werden gedämpft oder unterdrückt. Bei unerwarteten Ereignissen erzeugt das System ein Signal und leitet es weiter.

Akzeptanz und ethische Bedenken

Eine Studie untersuchte die Haltung der Bevölkerung gegenüber neuen Technologien. Das Warten auf ein Spenderorgan könnte in Zukunft obsolet werden, stattdessen werden benötigte Organe ganz einfach im 3-D-Drucker hergestellt: Laut der Zukunftsstudie hätte eine große Mehrheit der befragten Deutschen (70 Prozent) damit kein Problem. Auch der permanente Körperscan, bei dem Bluthochdruck, Puls und Hormonhaushalt gemessen werden und direkt Auskunft über den aktuellen Gesundheitsstatus gegeben wird, stößt bei mehr als der Hälfte der Befragten auf Akzeptanz, ähnlich sieht es bei Nanobots aus: Mini-Roboter, die in menschliche Adern eingebracht werden, um dort Zellen zu reparieren.

Zurückhaltender zeigen sich die Befragten dagegen bei den Punkten DNA-Hacking und Chips im Gehirn. Dennoch würde immerhin jeder Dritte von der Möglichkeit Gebrauch machen, sein Erbgut am Computer zu verändern oder durch ein Gehirn-"Upgrade" Konzentration, Kreativität oder Intelligenz zu verbessern. Bei den weiblichen Befragten ließ sich allgemein mehr Zurückhaltung für sämtliche technologischen Optimierungen des eigenen Körpers feststellen. Mit steigendem Alter der Befragten nimmt zudem die Zustimmung zu Organen aus dem 3-D-Drucker ab: In der Altersgruppe über 60 Jahren wären nur noch knapp 50 Prozent mit dieser Technologie einverstanden.

Langjährige Nutzung von Technik und Demenzrisiko

Eine Studie zeigt: Langjährige Nutzung von Technik senkt das Demenzrisiko - entgegen der bisherigen Annahme, dass digitale Medien dem Gehirn schaden. Das Team untersuchte 136 Studien mit über insgesamt 411.000 Erwachsenen. Ihr überraschendes Ergebnis: Regelmäßige Nutzung von digitalen Technologien ist mit einem deutlich geringeren Risiko für kognitive Beeinträchtigungen im Alter verbunden. Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte regelmäßig digitale Geräte nutzen, sind seltener von geistigen Einschränkungen betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, kognitive Probleme zu entwickeln, sinkt laut der Studie um 58 Prozent. Auch der geistige Abbau verlangsamt sich im Schnitt um 26 Prozent. Die Forscher berücksichtigten viele mögliche Einflussfaktoren wie Bildung, Gesundheit oder soziale Einbindung. Selbst nach diesen Korrekturen bleibt der positive Effekt der Technik bestehen.

Die Studie spricht von einer "technologischen Reserve" - ähnlich dem geistigen Training durch regelmäßiges Lesen oder Rätsellösen. Die Nutzung von Computern, Smartphones oder Online-Diensten erfordert stetiges Lernen und Anpassung. Wer Updates installiert, neue Funktionen ausprobiert oder technische Probleme löst, trainiert dabei unbewusst seine geistigen Fähigkeiten. Dank solcher Hilfsmittel können viele ältere Menschen länger selbstständig bleiben und ihr Selbstbewusstsein stärken. Digitale Technologien bieten nicht nur geistige Stimulation, sondern auch emotionale Nähe. Soziale Bindungen, selbst digital, schützen das Gehirn.

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Neuralink und die ersten Erfahrungen mit Gehirnmikrochips

Chips im Kopf klangen noch vor Kurzem wie eine Idee aus Science-Fiction-Romanen. Doch heute ist es Realität. Die ersten Nutzer mit Gehirnmikrochips können den Cursor nur mit Gedanken steuern oder Schach spielen. Menschen mit Lähmungen können dank ihnen wieder an Aktivitäten teilnehmen, die vorher unmöglich waren, vom Surfen im Internet bis zum Streamen oder 3D-Modellieren. Elektroden, die im Gehirn implantiert sind, erfassen neuronale Aktivität in Bereichen, die mit Bewegung verbunden sind. Wenn sich ein Nutzer vorstellt, einen Finger oder eine Hand zu bewegen, entsteht ein charakteristisches Muster elektrischer Signale im Gehirn. Der Computer interpretiert dann das Signal ähnlich, als käme es von der Tastatur oder Maus - etwa durch Bewegen des Cursors, Schreiben eines Buchstabens oder Ausführen eines Klicks. Das Gerät selbst besteht nicht nur aus Elektroden, sondern auch aus einem winzigen Chip, einer Batterie und einem Sender.

Der erste Mensch mit einem Implantat von Neuralink wurde Nolad Arbaugh, der seit 2016 querschnittsgelähmt ist, nach einem Tauchunfall. Vor dem Eingriff konnte er ein Tablet nur mit einem speziellen Stift im Mund bedienen, was langwierig und ermüdend war. Nach der Implantation des Chips konnte er das Gehirn nutzen, um den Cursor auf dem Bildschirm zu bewegen, Schach zu spielen oder im Internet zu surfen. Im Laufe der Zeit traten jedoch Komplikationen auf - ein Teil der feinen Fasern, die den Chip mit dem Gehirngewebe verbinden, begann sich zu lösen. In den Jahren 2024 und 2025 kamen zwei weitere Patienten hinzu, bekannt unter den Namen Alex und Brad. Alex, gelähmt vom Hals abwärts, kehrte mit dem Implantat zur Arbeit in Grafikprogrammen und 3D-Modellierung zurück. Laut Neuralink nutzen die ersten drei Teilnehmer ihre Implantate durchschnittlich mehr als sechs Stunden täglich und berichten von einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität.

Potenzial und Herausforderungen von Gehirnimplantaten

Neuralink und andere Forschungsteams sehen in Gehirnimplantaten ein enormes Potenzial. In Zukunft wird erwartet, dass die Technologie es ermöglicht, Blinden das Sehen zurückzugeben, Gelähmten beim Gehen zu helfen oder robotische Prothesen zu steuern. Ein Teil der Visionen ist auch die Verbindung des menschlichen Gehirns mit künstlicher Intelligenz und die Fähigkeit, Gedanken direkt zwischen Menschen zu übertragen.

Obwohl die ersten erfolgreichen Implantationen enormes Potenzial gezeigt haben, stehen uns noch viele Unklarheiten bevor. Die Wissenschaft steht noch am Anfang und niemand kann heute mit Sicherheit sagen, welche langfristigen Auswirkungen diese Technologie haben wird. Während Patienten neue Möglichkeiten der Bewegung oder Kommunikation erhalten, weisen Ärzte gleichzeitig darauf hin, dass die Lebensdauer des Geräts selbst und die Reaktion des Gehirns auf fremde Materialien große Unbekannte sind. Noch grundlegender sind Fragen des Datenschutzes. Die neuronalen Signale, die der Chip erfasst, sind äußerst sensibel. Sie können darauf hinweisen, wie eine Person reagiert, was sie vorhat oder wie sie sich fühlt. Genau deshalb beginnt man über die Notwendigkeit neuer „Neurorechte“ zu sprechen, die die mentale Privatsphäre ähnlich schützen würden, wie heute die DSGVO unsere digitalen Daten schützt. Auch psychologische Auswirkungen treten ins Spiel. Einige Patienten beschreiben das Implantat als Teil ihrer eigenen Identität, fast wie ein neues Organ. Wenn sie es verlieren würden, könnte dies ihre Selbstwahrnehmung und psychische Stabilität erheblich beeinflussen.

Während der Einsatz bei Menschen mit Behinderungen eher Unterstützung hervorruft, ist die Frage des Einsatzes bei Gesunden viel kontroverser. Wenn sich nur die Reichsten Chips leisten könnten, könnte dies zu einer neuen Form von Ungleichheit führen - der Aufspaltung der Gesellschaft in diejenigen, die Zugang zu „verbesserten“ Fähigkeiten haben, und diejenigen, die ohne bleiben.

Wettbewerb und Innovation im Bereich der Gehirnchips

Als Elon Musk Neuralink gründete, zog er eine beispiellose Aufmerksamkeit auf Gehirnchips. Sein Projekt wurde zum Symbol von Mut und Kontroverse, von den ersten Tests an Tieren bis zur Implantation in das Gehirn des ersten Menschen. Doch Musk ist nicht der Einzige, der in diesem Bereich eine bedeutende Rolle spielt. Firmen wie Synchron, Blackrock Neurotech oder Precision Neuroscience arbeiten an eigenen Lösungen und wählen oft einen weniger invasiven Ansatz, der sicherer und zugänglicher sein soll.

PRIME-Studie von Neuralink

Ziel ist es, die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) voranzutreiben, die es Menschen mit schweren Lähmungen ermöglichen sollen, digitale Geräte allein durch Gedanken zu steuern. Aktuell sucht Neuralink Probanden für eine auf sechs Jahre angelegte Studie mit dem Namen PRIME (Precise Robotically Implanted Brain-Computer Interface). Gesucht werden Menschen mit Tetraplegie infolge einer Rückenmarksverletzung oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer unheilbaren Form der Muskellähmung. Bewerber müssen mindestens 22 Jahre alt sein und eine dauerhafte Betreuungsperson nachweisen können.

Ein zentrales Element der Studie ist die chirurgische Implantation des sogenannten N1-Implantats ins Gehirn der Teilnehmer. Der Eingriff wird von Neuralinks speziell entwickeltem Roboter R1 durchgeführt, der feine Fäden des Implantats präzise in bestimmte Hirnregionen einsetzt. Damit erklären sich die Probanden bereit, sich einer neurochirurgischen Operation zu unterziehen. Im Anschluss an die Implantation beginnt die Testphase. Die ersten 18 Monate der PRIME-Studie umfassen neun persönliche Sitzungen mit den Wissenschaftlern. Anschließend sollen die Teilnehmer mindestens zwei Stunden pro Woche an Tests mit dem Hirn-Computer-Interface teilnehmen. Zusätzlich sind im Verlauf von fünf Jahren rund 20 weitere, nicht näher spezifizierte Besuchstermine vorgesehen.

Getestet werden dabei drei zentrale Komponenten: das von Neuralink entwickelte N1-Implantat, der chirurgische R1-Roboter für die Implantation sowie die N1-Benutzer-App. Letztere ermöglicht es, Computeraktionen direkt über vom Gehirn gesendete Signale auszulösen. Mit der Studie will Neuralink sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit seiner Systeme nachweisen. Das N1-Implantat verfügt über 1.024 Elektroden, die über 64 feine Fäden mit dem Gehirn verbunden sind. Der R1-Roboter übernimmt die präzise Implantation. Ziel ist es, künftig noch breitere Einsatzmöglichkeiten für die Technologie zu erschließen, darunter die Steuerung von Roboterarmen durch Gedanken und die Entwicklung des Systems „Blindsight“, das Menschen mit Sehbehinderung eine visuelle Wahrnehmung ermöglichen soll.

Ethische Überlegungen und die Zukunft der BCI-Technologie

Professor Thomas Stieglitz für Medizinische Mikrotechnik an der Universität Freiburg gibt außerdem zu bedenken, dass viele Fragen offen seien. Wenn wir jetzt mal das Gesellschaftliche, das Ethische, mal völlig ausblenden, wissen wir noch gar nicht, was so ein Gedanke ist, wie wir den Auslesen können und wie wir ihn wieder einschreiben können. Stieglitz verweist auf Hinweise, dass ein Gehirn zu einfache Reize ignoriert und diese Signale ausblendet. Ob sich die Zukunftsvisionen überhaupt technisch umsetzen lassen, ist also fraglich. Jetzt muss die Firma Neuralink erst einmal beweisen, dass sie mit anderen Konkurrenten beim medizinischen Einsatz mithalten kann.

"Human-on-a-Chip"-Technologie und die Erforschung von Gehirnfunktionen

Wissenschaftler arbeiten an der Entwicklung von "Human-on-a-Chip"-Technologien, um die komplexen Funktionen des Gehirns besser zu verstehen. Die Wissenschaftler fokussieren auf die Untersuchung der Interaktionen zwischen den Nervenzellen im Gehirn und der Reaktion auf bestimmte Wirkstoffe. Einzigartig an dem System ist, dass einzelne Hirnregionen miteinander verknüpft werden können. Entstehen kann ein solches Minihirn, indem zunächst Nervenzellen auf einem Mikroelektrodendatenträger angesiedelt werden, welche dann bis zu vier Hirnregionen ausbilden können, wie beispielsweise Hippocampus, Thalamus (Teil des Zwischenhirns), Basalganglien und Kortex (Großhirnrinde). Nach Gabe einer Substanz kann die elektrische Aktivität der Nervenzellen gemessen werden. Das iCHIP-System ermöglicht erstmalig die Untersuchung komplexer übergreifender Vorgänge in unterschiedlichen Hirnregionen.

Im Rahmen des Projektes wird diese Hirn-Blutschranke auf einem Chip dargestellt, auf dem der Blutfluss wie im menschlichen Hirn simuliert wird. Weiter arbeiten die Wissenschaftler an einem Modell für das periphere Nervensystem, welches das Gehirn und die Organe miteinander verknüpft. Das System besteht aus in Glas eingebetteten Mikroelektroden und angesiedelten menschlichen Nervenzellen. Über eine durchströmende Flüssigkeit werden die Nervenzellen stimuliert und so beispielsweise die Schmerzreaktion ganz leidfrei untersucht. Während des Reizes können elektrischen Signale aufgezeichnet und Veränderungen in der Ionenkonzentration in der Zelle mikroskopisch dokumentiert werden. Und schließlich haben die Wissenschaftler begonnen, ein Herz-auf-einem-Chip zu entwickeln. Dass Herzzellen einen Herzschlag zeigen, wenn sie elektrisch gereizt werden, konnte bereits gezeigt werden. Die Wissenschaftler haben sich zum Ziel gesetzt, die Systeme miteinander zu verknüpfen, um außerhalb des Körpers grundlegende wissenschaftliche Fragen zu untersuchen.

Mechanismus für Lernen und Gedächtnis im Gehirn entdeckt

Wissenschaftler der University of Colorado haben einen entscheidenden Mechanismus entdeckt, der das Lernen und die Erinnerung im Gehirn ermöglicht. Sie fanden heraus, dass Nervenzellen wichtige Informationen über weite Entfernungen weiterleiten, um Gene zu aktivieren, die für diese Prozesse wichtig sind. Im Zentrum der Untersuchung steht das "cAMP-response element binding protein" (CREB). Dieses Protein reguliert Gene, die dynamische Veränderungen an den Synapsen unterstützen, also den Verbindungen zwischen Nervenzellen, die für die Kommunikation im Gehirn entscheidend sind. Mit fortschrittlichen Mikroskopietechniken entdeckte Doktorandin Katlin Zent, dass Rezeptoren und Ionenkanäle Kalziumsignale erzeugen, die schnell von den Synapsen zu den Zellkernen transportiert werden. Die Forschung zeigt, welche Teile dieses Mechanismus in Krankheitsbildern wie Alzheimer gestört sein könnten, was zur Entwicklung gezielter Behandlungen beitragen könnte.

Mythen und Fakten über das menschliche Gehirn

Um das menschliche Gehirn ranken sich diverse Geschichten, Sprichwörter und Mythen. Manche sind wissenschaftlich belegt, andere nicht. Zu diesen Geschichten zählt auch die Vorstellung, dass der Mensch nur etwa zehn Prozent der Gehirnkapazität nutzt. Fakt ist aber, dass bestimmte Gehirnareale je nach Aufgabe und Aktivität zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten. So wird das gesamte Gehirn auf verschiedene Weise genutzt. Charaktereigenschaften Menschen zuzuordnen, je nachdem, welche Gehirnhälfte dominanter genutzt wird, ist eine falsche Annahme. Studien zeigten zwar, dass Bereiche wie Sprache oder Aufmerksamkeit durchaus von bestimmten Gehirnarealen geführt werden, aber keine Hälfte dominanter ist als die andere. Ganz im Gegenteil: beide Gehirnhälften sind durch starke neuronale Verbindungen vernetzt. Dadurch wird kreatives und analytisches Denken ermöglicht. Ebenfalls hinfällig: das weibliche Gehirn arbeitet anders als das männliche Gehirn. Studien beweisen, dass sich Gehirne an neue Umstände anpassen.

Gehirnjogging und neuronale Plastizität

Viele ältere Menschen trainieren mit Logikrätseln, Knobelaufgaben und Zahlenspielen, um geistig fit zu bleiben und Alterskrankheiten wie Demenz oder Alzheimer aufzuhalten. "Gehirnjogging" zeigt eigentlich nur, dass regelmäßiges Üben Fertigkeiten verbessert und Aufgaben in der Wiederholung besser gelöst werden. Trotzdem kann man auch noch im hohen Alter davon Nutzen ziehen, dass das Gehirn plastisch und formbar ist - ein Leben lang. Denn das heißt, dass auch ältere Menschen ihr Gehirn trainieren können und zum Beispiel auch noch im Alter eine neue Sprache oder ein Instrument lernen können. Denn besser gegen Demenz helfen lebenslange geistige Herausforderungen.

Ernährung und Gehirnleistung

Auch der Mythos, Traubenzucker würde beim Lernen helfen, hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig. Doch leider ist das ein Trugschluss, denn Traubenzucker oder Schokolade liefer nur kurzfristig Energie - nicht länger als gerade mal 20 Minuten. Längere Konzentration erzielt man nur mit konstantem Blutzuckerspiegel. Den Blutzuckerspiegel langfristig stabil zu halten gelingt dabei nicht mit Zucker, sondern mit langkettigen Kohlenhydraten, die etwa in Vollkornprodukten zu finden sind.

Musik und Intelligenz

1993 wurde an der University of California der sogenannte Mozart-Effekt entdeckt. Seitdem glauben viele Menschen, dass Mozart - oder auch andere, vor allem klassische Musik - positive Auswirkungen auf die Intelligenz hat. Eine Vergleichs-Studie mit Nicht-Mozart-Musik zeigte einen ähnlichen Effekt. Nach dem Hören von Musik zeigten Probanden ein gesteigertes räumliches Denkvermögen. Auch Kinder, die Musikunterricht erhielten, wiesen bessere Gedächtnisleistungen auf. Doch ob die erhöhten IQ-Werte tatsächlich in Korrelation mit der Musik stehen, muss weiter erforscht werden.

Schlaf und Gedächtnis

Gesunder Schlaf ist auch für das Gehirn äußerst wichtig. Eine Studie aus der Schweiz legt sogar dar, dass im Tiefschlaf eine fremde Sprache gelernt werden kann. Doch auch hier gibt es Gegenstimmen aus der Forschung, die sagen: im Schlaf werden nur die Eindrücke vom Tag vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis gespeichert - aber keine zusätzlichen, neuen Lerninhalte wie fremde Vokabeln.

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