Die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist eine faszinierende Reise, die eng mit der Evolution der Menschheit verbunden ist. Von den ersten einfachen Nervensystemen bis zum komplexen Denkorgan des modernen Menschen hat das Gehirn eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Stationen dieser Entwicklung, von den frühen Homininen bis zum modernen Homo sapiens, und untersucht die Faktoren, die diese Entwicklung beeinflusst haben.
Die Anfänge: Einfache Nervensysteme und die Entstehung des Gehirns
Vor mehr als einer halben Milliarde Jahren machte die Natur eine geniale Erfindung: Sie schuf Neurone, Zellen, die Reize empfangen, verarbeiten und weiterleiten können. Die stammesgeschichtlich alten, wirbellosen Quallen haben kein Gehirn. Selbst eine so simple Kreatur wie das Darmbakterium Escherichia coli ist fähig, auf Reize in seiner Umgebung sinnvoll zu reagieren. Werden diese Rezeptoren gereizt, erzeugen sie chemische Signale. Sie veranlassen den Einzeller, sich mit seinen propellerartigen Geißeln in die günstigste Richtung zu bewegen - etwa hin zum Futter oder weg von der Gefahr.
Vielmehr brauchen sie eine Instanz, welche die Informationen aus unterschiedlichen Körperregionen zusammenführt, ein Ergebnis daraus ableitet und die Reaktion steuert. Konsequenterweise führte die Evolution im Verlauf der Entwicklung zwischen Schwämmen und Quallen eine Neuerung ein: die Nervenzellen (Neurone). Ein Schwamm, der weder auf die Jagd geht noch vor Feinden flüchten kann, benötigt keine Signalleitungen - folglich hat er keine Neurone. Die mobilen, räuberischen Quallen hingegen gehören zu den ältesten heute noch existierenden Organismen, die über ein einfaches Nervensystem verfügen.
Die Entwicklung des Gehirns bei Wirbellosen und Wirbeltieren
Diese Konstruktion erprobte die Natur erst bei den Würmern. Im Gegensatz zu radialsymmetrischen Tieren wie Quallen oder Seesternen lassen sich bei ihnen bereits vorn und hinten unterscheiden - und das bedeutete einen gewaltigen Sprung bei der Evolution des Gehirns. Schlägt ein Tier bevorzugt eine Richtung ein, also vorwärts, ist es sinnvoll, wenn sich ein Großteil seiner Nerven und Sinneszellen am vorderen Ende konzentriert. Die Plattwürmer zählen zu den einfachsten Kreaturen, bei denen sich dieser Bauplan beobachten lässt: Vorn sitzt ein Kopf, und darin ruht das Gehirn. Volumen zu. Ursache dieser Entwicklung waren Mutationen - also Veränderungen des Erbguts, die sich als vorteilhaft für den Organismus erwiesen.
Eine Schlüsselrolle spielten dabei Erbgutveränderungen, bei denen wichtige Gene doppelt an die nächste Generation weitergegeben wurden. Natürlich konnte das Hinterteil des Wurms nicht ganz auf Nervenzellen verzichten, schließlich musste auch dieses dem Gehirn Signale aus seiner Umwelt melden. Etwas weiter entwickelte Tiere wie die Ringelwürmer und die später entstandenen Insekten besitzen in Segmente gegliederte Körper. Jeder Abschnitt hat zwei Nervenknoten (Ganglien), die wie Minihirne das jeweilige Segment steuern. Die Ganglien sind zu einer strickleiterartigen Struktur verknüpft, die in den Kopf führt.
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Die ersten Wirbeltiere, die vor etwa 500 Millionen Jahren auftraten, hatten Ähnlichkeit mit den heutigen, fischähnlichen Neunaugen. Sie besaßen bereits eine Schädelkapsel, die das empfindliche Gehirn schützte. Bei allen äußeren Unterschieden ist das Hirn bei Fisch und Vogel, Ratte und Mensch grundsätzlich ähnlich konzipiert: Der Hirnstamm steuert lebenserhaltende Funktionen wie Herzschlag und Atmung, das Kleinhirn koordiniert unter anderem Bewegungen, und das Vorderhirn dient anspruchsvollen Aufgaben wie Planen, Bewerten von Informationen und Entscheiden. Während sich der Hirnstamm im Verlauf der Evolution relativ wenig veränderte, erkor die Baumeisterin Natur das Vorderhirn zu ihrer Lieblingsbaustelle.
Der Aufstieg des Vorderhirns und die Entstehung des Neokortex
Der Fortschritt hin zu immer mehr Leistung, Lernbereitschaft und zu komplexeren Fähigkeiten ist in erster Linie dem Aufblähen einer äußeren Schicht des Vorderhirns, der Großhirnrinde, zu verdanken. Ihr stammesgeschichtlich jüngster Teil wird Neokortex genannt und existiert nur bei Säugetieren. Könnte man die Großhirnwindungen im menschlichen Kopf glätten, würden sie eine Fläche von vier DIN-A4-Blättern bedecken - viermal so groß wie beim Schimpansen.
Diese assoziativen Areale ermöglichen Wirbeltieren erst ein flexibles Reagieren. Viele Vögel besitzen ein massiges Kleinhirn (rosafarben), das ihnen eine präzise Orientierung in der Luft ermöglicht. Kraken etwa stehen in Bezug auf Intelligenz an der Spitze aller wirbellosen Tiere. Das Hirn eines Oktopus ist zwar völlig anders gebaut als das eines Wirbeltieres. Das Denkorgan von Säugern mit höher entwickelten Gehirnen (etwa von Katzen) ist von der zerfurchten Großhirnrinde geprägt.
Die rasante Entwicklung des menschlichen Gehirns in den letzten Millionen Jahren
Erst vor etwa zwei Millionen Jahren beschleunigte sich sein Wachstum rasant: Nahm das Organ des damals lebenden Homo habilis etwa 600 Kubikzentimeter ein, so brachte es der Homo sapiens vor 190 000 Jahren schon auf etwa 1400 Kubikzentimeter. Der Auslöser war möglicherweise ein Klimawandel vor 2,3 Millionen Jahren, der die frühen Menschen vor neue Herausforderungen stellte. Für die Herstellung und Bedienung dieser Hilfsmittel waren erhöhte geistige Fähigkeiten und eine gesteigerte Geschicklichkeit der Hände notwendig. Auch die Entstehung der Sprache und der damit verbundene Nutzen im täglichen Überlebenskampf förderte vermutlich die Entwicklung großer Gehirne. Die erhöhte Energiemenge, die dem menschlichen Körper damit zur Verfügung stand, erlaubte es der Evolution, größere Gehirne auszuprobieren.
Für die Eltern bedeutet dies, dass sie viel Zeit und Aufwand in ihren Nachwuchs investieren müssen, ihr Fortpflanzungserfolg also zahlenmäßig gering bleibt. Tatsächlich haben die Menschen in den vergangenen 35 000 Jahren sogar an Hirnmasse verloren. Im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte nahm vor allem der stirnnahe Teil der Großhirnrinde zu. Die Natur als Architekt baute nicht nur immer neue Zimmer und Säle an ihre Gehirnkomplexe - sie riss ungenutzte Räume auch kompromisslos wieder ab.
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Die treibenden Kräfte hinter der Hirnvergrößerung: Ökologische und soziale Faktoren
Das menschliche Gehirn hat sich in den letzten rund drei Millionen Jahren drastisch vergrößert. Warum sind unser Gehirn und unsere geistigen Fähigkeiten, verglichen mit denen der übrigen Tierwelt, so groß? Während sich Hirnforscher und Evolutionsbiologen vor drei Jahrzehnten diese Frage kaum zu stellen trauten, scheint ihnen die Antwort heute so leicht zu fallen wie einst dem amerikanischen Schriftsteller Mark Twain, das Rauchen aufzugeben - er tat es über hundertmal… Und fast so häufig wurde inzwischen versucht, das zentrale Rätsel der Menschwerdung zu lösen: Mal galt die kooperative Jagd oder die Verteidigung gegen Raubtiere oder gegen andere Vormenschen als treibende Kraft, dann wieder Werkzeuggebrauch oder -herstellung, eine bessere Kühlung des Gehirns durch eine veränderte Blutzufuhr, größere soziale Gruppen oder Reviere, Sprache, Gedächtnis, symbolisches Denken oder Kunst.
Doch die Evolution kann es sich nicht leisten, Luxusgüter zu produzieren - denn die zwischen- und innerartliche Konkurrenz ist erbarmungslos. Unser Gehirn ist neunmal so groß wie bei Säugetieren unserer Größe zu erwarten wäre. Es besitzt zwar nur zwei Prozent unserer Körpermasse, doch sein Stoffwechselumsatz ist über 20-mal so hoch wie der der Skelettmuskulatur. Es verbraucht insgesamt rund 20 Prozent der mit der Nahrung aufgenommenen Energie, 15 Prozent des Sauerstoffs und 40 Prozent des Blutzuckers. Noch extremer sind die Verhältnisse bei Embryonen und Kleinkindern, da ihr Gehirn nicht nur arbeitet, sondern bis zum Ende des ersten Lebensjahres auch wächst. Dabei beträgt der Energieverbrauch 60 bis 70 Prozent des gesamten Organismus.
Dieses Hirnwachstum ist auch der Grund dafür, dass Menschen so unreif und hilfsbedürftig auf die Welt kommen - später würde der Kopf einfach nicht mehr durch den Geburtskanal passen. Im Vergleich zu den Menschenaffen sind Menschen also eine „physiologische Frühgeburt“ (so der Basler Zoologe Adolf Portmann), was wiederum hohe biologische Kosten verursacht, denn die Kleinkinder müssen ständig versorgt werden. All das zeigt, dass das Großhirn nicht einfach ein großzügiges Geschenk der Evolution gewesen sein kann, sondern sich im Lauf harter Selektionsprozesse rentiert haben muss. Doch worin bestand der enorme Evolutionsvorteil?
Wissenschaftler sind auf indirekte Indizien und pfiffige Ideen angewiesen, um wie Detektive das Puzzlespiel der Menschwerdung zu lösen. „Die aufregende Epoche hat begonnen, in der wir die Teile zusammenfügen“, sagt Leslie Aiello, Anthropologie-Professorin an der University of London. In den letzten drei bis vier Millionen Jahren haben sich Masse und Volumen des Gehirns unserer Vorfahren verdrei- bis vervierfacht, und zwar in mehreren Sprüngen. Bei den Vormenschen der Gattung Australopithecus (oder Paranthropus) waren es rund 450 Gramm beziehungsweise Kubikzentimeter - vergleichbar mit den heutigen Schimpansen. Die Zahl erhöhte sich auf 600 bis 700, als vor zwei Millionen Jahren Homo habilis die irdische Bühne betrat. Der archaische Homo sapiens brachte es auf 1200. Und beim modernen Menschen schwanken die Werte zwischen 1100 und 1800; typisch sind 1300 bis 1400. Neandertaler-Gehirne hatten sogar 1400 bis knapp 2000 Gramm beziehungsweise Kubikzentimeter. Anatomischen Vergleichen mit Menschenaffen-Gehirnen zufolge sind vor allem die relativ unspezifischen Stirn- und Schläfenlappen der Großhirnrinde überproportional angewachsen. Sie gehen mit Denken, Planen, Arbeitsgedächtnis und auch Sprachfähigkeit einher.
Die Forscher streiten sich vor allem über zwei Klassen von Selektionsfaktoren: ökologische und soziale. Allerdings müssen sich diese nicht notwendig gegenseitig ausschließen, sondern sie können durchaus in koevolutionären Beziehungen zueinander gewesen sein, sich also gegenseitig immer weiter aufgeschaukelt haben. Eine Wesentliche Randbedingung ist das Klima. Es hat unsere affenähnlichen Vorfahren aus den Regenwäldern Afrikas in die Savanne getrieben und wohl auch für den aufrechten Gang gesorgt - als Schutz vor starker Sonneneinstrahlung. Mit dem Beginn des Eiszeitalters vor 2,5 Millionen Jahren und rapiden Klimawechseln alle paar Jahrtausende von kalt-trocken zu warm-feucht oft innerhalb weniger Jahre, bedingt vor allem durch Änderungen der Meeresströmungen im Nordatlantik, wurde flexibles Verhalten immer wichtiger.
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Die Bedeutung der Evolutionären Psychologie für das Verständnis des menschlichen Geistes
Bereits Charles Darwin vermutete, dass auch der menschliche Geist der Evolution unterworfen ist. In den 1990er-Jahren etablierte sich die Evolutionäre Psychologie durch Arbeiten von Leda Cosmides und John Tooby. Dieser Ansatz versucht, menschliches Verhalten evolutionär zu erklären. Prägend für die Psyche sei das archaische Leben als Jäger und Sammler in der Altsteinzeit gewesen. An neuere Umweltbedingungen habe sich der menschliche Geist hingegen genetisch bislang nicht anpassen können, die behäbige Evolution sei dafür schlicht zu langsam. Die Evolutionäre Psychologie betrachtet den menschlichen Geist als eine Art Computer, auf dem eine Vielzahl von Programmen laufen, die an jeweils ein bestimmtes Problem angepasst sind, wie die Reaktion auf Schlangengefahr oder die Notwendigkeit, einen fruchtbaren Partner zu finden.
Die Psychologin Leda Cosmides und der Anthropologe John Tooby bringen das so auf den Punkt: “Unser moderner Schädel beherbergt einen Steinzeitgeist.” Das Forscherehepaar von der University of California hat die Evolutionäre Psychologie im späten 20. Jahrhundert mitbegründet, die evolutionstheoretisches Gedankengut auf die menschliche Psyche überträgt. Die Ursprünge dieses Ansatzes reichen weit zurück. Schon der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809-1882), ging davon aus, dass auch die mentalen Fertigkeiten des Menschen das Ergebnis von natürlicher und sexueller Selektion sind. Schließlich fänden sich schon bei höheren Säugetieren seelische Regungen wie etwa Eifersucht, Großzügigkeit oder Dankbarkeit. Einen evolutionären Blick auf mentale Phänomene warf bald 100 Jahre nach Darwins Tod der amerikanische Biologe Edward O. Wilson, der mit seinen Versuchen, das Sozialverhalten des Menschen biologisch herzuleiten, die moderne Soziobiologie begründete.
Die grundlegende Idee dieses Ansatzes ist eigentlich ganz einfach und klingt einleuchtend: Angetrieben von technischen Innovationen hätten zwar gerade die letzten Jahrtausende der Menschheitsgeschichte immense Umwälzungen wie die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht mit sich gebracht. Doch diese seien schlicht zu rasant verlaufen, um markante Spuren in unseren Genen zu hinterlassen. Das sehe man etwa daran, dass evolutionär alte Ängste vor Gefahren wie Schlangen, Spinnen oder großen Höhen viel verbreiteter seien als solche vor modernen Gefahren wie Autos oder Waffen. Die Evolution hinke letztlich solchen kulturellen Entwicklungen hinterher.
Die Aufmerksamkeit der evolutionären Psychologen gilt daher einem ganz bestimmten Zeitraum: der Altsteinzeit. Oder genauer: Bis zur Altsteinzeit, denn natürlich hatten Körper und Geist unserer Vorfahren schon vorher mit der Evolution zu tun. Doch im altsteinzeitlichen Rahmen von vor 2,6 Millionen Jahren bis vor rund 10.000 Jahren mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht seien die grundlegenden Umweltbedingungen relativ stabil gewesen, - und an diese habe sich der menschliche Geist letztlich angepasst. Der frühe Mensch betätigte sich als Jäger und Sammler und lebte als Nomade in kleinen Gruppen von 30 bis 150 Individuen. „Unsere Jäger-Sammler-Vorfahren waren auf einem Camping-Trip, der ein ganzes Leben lang andauerte“, schrieb das Ehepaar Cosmides und Tooby 2013 in einem Aufsatz. „Sie mussten dabei eine Menge unterschiedlicher Probleme lösen, um unter diesen Umständen zu überleben und sich fortzupflanzen.“ Jagen, mit anderen kooperieren, sich gegen Feinde verteidigen und fruchtbare und gesunde Partner ausfindig machen - das waren die Dinge, die unsere Vorfahren hauptsächlich umtrieben.
Kritik an der Evolutionären Psychologie
Doch seit ihrem Bestehen reißt die Kritik an der Evolutionspsychologie nicht ab: “Die Evolutionäre Psychologie hat oft veraltete Vorstellungen vom Wesen und der Geschwindigkeit der Evolution”, bemängelt etwa der kognitive Neurobiologe Johan Bolhuis von der Utrecht University. “Die Evolution geht manchmal viel schneller vonstatten als früher gedacht.” In einem viel zitierten Aufsatz von 2011 verweist Bolhuis mit Kollegen darauf, dass Menschen auch in den letzten 50.000 Jahren genetischen Veränderungen unterworfen waren. Man denke nur an Genvarianten, die es auch Erwachsenen ermöglichten, Milch zu verdauen. Diese Laktosetoleranz kam erst vor etwa 7500 Jahren im Zuge der Landwirtschaft auf. Und noch viel entscheidender: Solche Veränderungen betrafen auch Gene, die im Gehirn eine Rolle spielen und etwa an der Entwicklung des Nervensystems beteiligt sind. Außerdem kristallisierte sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten immer deutlicher heraus, dass das Gehirn äußerst plastisch ist und jede einzelne Erfahrung beeinflusst, wie sich Nervenzellen verknüpfen oder welche Gene im Gehirn aktiv werden. “Das Gehirn ist schlicht architektonisch zu komplex”, so Bolhuis, “als dass Gene im Detail seine Verschaltung festlegen”.
Die Plastizität des Gehirns und die Bedeutung von Erfahrung
Beide Kritikpunkte wurden von der Evolutionspsychologie schon länger aufgegriffen - oder waren schlicht nie so gemeint. So haben Tooby und Cosmides die Varianz einzelner Gene schon in den 1990er Jahren anerkannt. Und dass das menschliche Gehirn plastisch ist und psychologische Adaptionen nicht sämtlich durch Gene determiniert werden, ist auch den Evolutionspsychologen klar: Auf unserem “Rechner” sind im Großen und Ganzen keine vorgefertigten Programme installiert. Vielmehr entstehen Hard- und Software durch ein ständiges Wechselspiel zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Und in vielen Fällen, etwa beim Lernen oder beim Fällen einer Entscheidung, arbeiten mehrere Hirnregionen zusammen, die in den verschiedensten Situationen flexibel eingesetzt werden. So gesehen ist der Mensch also sicherlich kein Mammutjäger in modernem Gewand, sondern ein Wesen auf der Höhe der Zeit, das letztlich aus dem Zusammenspiel von Stammesgeschichte, Genetik, Kultur und Erziehung geprägt ist.
Die Entwicklung des Gehirns im Laufe des Lebens
Auch wenn sich das Gehirn während der Kindheit am stärksten verändert, bleibt es bis ins hohe Alter wandelbar. Das ist unter Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftlern inzwischen breiter Konsens. Eine Untersuchung von Forschern um Alexa Mousley von der University of Cambridge konnte zeigen, dass sich die Veränderungen, die das Gehirn im Lauf des Lebens durchmacht, in fünf große Phasen oder »Epochen« unterteilen lassen, mit zentralen Wendepunkten im Alter von 9, 32, 66 und 83 Jahren. Die Gruppe analysierte Hirnscans von mehr als 3800 Menschen, die an ihrem Lebensanfang standen oder bis zu 90 Jahre alt waren. Bei den Aufnahmen hatten Forscher die Bewegung von Wassermolekülen durch das Hirngewebe erfasst, was ihnen später erlaubte, den Verlauf von Nervenfasern zu rekonstruieren.
Die Kindheit: Kahlschlag und Aufbau
Die erste Phase, die Phase der »Kindheit«, durchläuft das Gehirn üblicherweise von der Geburt bis zum 9. Lebensjahr, berichtet das Team im Fachmagazin »Nature Neuroscience«. Hier ist erst einmal Kahlschlag angesagt: Das Gehirn reduziert die Fülle an Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Nervenzellen, auf jene, die wirklich benötigt werden. Über das gesamte Gehirn hinweg entstehen neue Verknüpfungen, während das Volumen an grauer Substanz (die vornehmlich Nervenzellkörper enthält) und weißer Substanz (die vor allem aus den Fortsätzen der Nevenzellen, also den Nervenfasern, besteht) stark zunimmt. Gleichzeitig nimmt auch die Dicke der Großhirnrinde zu und die Faltung stabilisiert sich.
Das Jugendalter: Verfeinerung der Nervenverbindungen
Auf die Kindheit folgt die Phase, die Mousley und Kollege als das »Jugendalter« des Gehirns bezeichnen. Sie geht im Durchschnitt vom 9. bis zum 32. Lebensjahr. Hier wächst vor allem das Volumen der weißen Substanz, also der Nervenfasern, weiter an, während das Gehirn seine Nervenverbindungen immer weiter verfeinert. Dadurch, dass Nervenzellen innerhalb einzelner Hirnareale und Areale miteinander immer effizienter kommunizieren, nimmt unsere Denkfähigkeit zu.
Das Erwachsenenalter: Stabilität und Spezialisierung
Mit Anfang 30 kommt das Gehirn in das »Erwachsenenalter«. Diese Phase hält rund drei Jahrzehnte an und in ihr passiert - verglichen mit den anderen - nur wenig. Die einzelnen Areale teilen sich stärker auf, sonst bleiben Intelligenz und auch Persönlichkeit in dieser Phase relativ stabil.
Die frühe Reife und das gehobene Alter: Umorganisation und Abbau
Mit Mitte 60 beginnt schließlich die »frühe Reife« des Gehirns. Es organisiert sich allmählich wieder um, womöglich, um sich an den Alterungsprozess und den zunehmenden Verlust an Nervenzellverbindungen anzupassen. Hinzu kommen in diesem Alter häufig Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, die sich ebenfalls auf das Gehirn auswirken können. Mit 83 Jahren erreicht das Gehirn sein »gehobenes Alter«. Die Aktivität beschränkt sich zunehmend auf einzelne Hirnregionen, während globale Verknüpfungen zwischen Arealen immer weiter abnehmen.
Der Einfluss von Proteinen auf die Gehirnentwicklung: Der Fall TKTL1
Der moderne Mensch ist vor allem wegen seines leistungsstarken Gehirns so erfolgreich geworden. Doch was macht den Unterschied aus zu unseren ausgestorbenen Verwandten, den Neandertalern? Wie eine neue Studie zeigt, hat womöglich ein einziger Proteinbaustein einen entscheidenden Unterschied in der Gehirnentwicklung des Menschen gemacht. Obwohl der Neandertaler vor rund 40.000 Jahren ausstarb, sind die modernen Menschen von heute ihm erstaunlich ähnlich, und das bis hinunter auf eine molekulare Ebene. So gibt es etwa nur bei wenigen Proteinen Unterschiede in der Abfolge der Aminosäuren - den Bausteinen der Proteine. Die biologische Bedeutung dieser Unterschiede für die Entwicklung des Gehirns des modernen Menschen ist weitgehend unbekannt. Ebenfalls offen ist die Frage, ob die ähnlich großen Gehirne von Neandertaler und modernem Mensch auch ähnliche viele Nervenzellen hatten.
Die Wissenschaftler haben sich ein spezielles Protein angeschaut, das bei allen modernen Menschen im Vergleich zu den Neandertalern eine einzige Aminosäureveränderung aufweist: das Protein Transketolase-like 1 (TKTL1). Bei modernen Menschen enthält es an der betreffenden Sequenzposition ein Arginin, während es bei Neandertalern die verwandte Aminosäure Lysin an derselben Stelle enthält. Das untersuchte Protein ist besonders in der Großhirnrinde stark vertreten, also dem evolutionsgeschichtlich jüngsten Teil des Gehirns, dem viele kognitive Fähigkeiten des modernen Menschen zugeschrieben werden, wie die Fähigkeit zu Sprache und logischem Denken.
In den Versuchen zeigte sich, dass die Gliazellen mit der Moderne-Menschen-Variante von TKTL1 vermehrt wurden, mit der Neandertaler-Variante jedoch nicht. Infolgedessen enthielten die Gehirne von Mausembryonen mit Moderne-Menschen-TKTL1 mehr Nervenzellen als die mit dem Neandertalerprotein. Die Forscher fanden heraus, dass mit dem Neandertaler-Typ der Aminosäure in TKTL1 weniger basale radiale Gliazellen produziert wurden als mit dem Moderne-Menschen-Typ, und folglich auch weniger Nervenzellen.
Der frühe Homo sapiens außerhalb Afrikas: Neue Erkenntnisse aus Israel
Ausgerechnet jenes Land, das die Bibel als das Gelobte preist, erweist sich damit als Schicksalsregion der Menschheitsgeschichte. Hier, am Scharnier zwischen afrikanischem und eurasischem Kontinent, tauchten über die Jahrtausende hinweg vermutlich immer wieder afrikanische Steinzeitmenschen auf, die nach neuem Lebensraum suchten. Dem kann Gerhard Weber nur beipflichten. "Das Ding ist supermodern", sagt der österreichische Anthropologe, der das Fundstück gemeinsam mit Hershkovitz untersucht hat und ein Pionier auf dem Gebiet der virtuellen Anthropologie ist. "Wer Ahnung von der Materie hat, erkennt sofort, worum es sich handelt", sagt Weber.
Drei verschiedene Datierungsmethoden hatten übereinstimmend ein Alter von etwa 180.000 Jahren geliefert - und das ist mindestens 60.000 Jahre älter als jeder andere moderne Menschenknochen, der außerhalb Afrikas gefunden wurde. Schon vor 180.000 Jahren unternahm er einen Vorstoß in die Welt jenseits seines Heimatkontinents; und weil stets nur ein winziger Bruchteil aller Knochen erhalten bleibt, scheint es sehr wahrscheinlich, dass es weitere Exkursionen gab, von denen nur bisher kein Zeugnis gefunden wurde.