Das Menschenbild in der Neurologie: Eine interdisziplinäre Betrachtung

Die Neurologie, als ein zentrales Fachgebiet der Medizin, befasst sich mit dem Nervensystem und seinen Erkrankungen. Ihre Entwicklung ist untrennbar mit den Fortschritten der Hirnforschung verbunden, die in den letzten Jahren faszinierende Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns ermöglicht hat. Diese Erkenntnisse werfen jedoch auch grundlegende Fragen nach unserem Selbstverständnis, unserem Menschenbild und den ethischen Konsequenzen dieser Entwicklung auf.

Fortschritte der Hirnforschung und ihre Implikationen

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Sie gilt als die spannendste und ertragreichste Forschungsrichtung der kommenden Jahrzehnte. Durch moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) können wir dem Gehirn bei der Arbeit zusehen und neuronale Prozesse in Echtzeit beobachten. Dies ermöglicht es uns, immer besser zu verstehen, wie Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln im Gehirn entstehen.

Die Neurowissenschaften als neue Leitdisziplin?

Die Neurowissenschaften haben sich in den letzten Jahren zu einer zentralen Disziplin im wissenschaftlichen Diskurs entwickelt. Eine Vielzahl neuer Disziplinen wie Neuroinformatik, Neurolinguistik, Neuropsychologie und Neuropädagogik hat sich etabliert und gewinnt zunehmend an Einfluss. Als Naturwissenschaft des Geistes liefern diese Disziplinen anscheinend „harte“ Fakten über das menschliche Bewusstsein. Es ist unbestreitbar, dass neurowissenschaftliche Untersuchungen uns über zahlreiche kausale Zusammenhänge zwischen Geist und Gehirn aufgeklärt haben. Wir wissen jetzt nicht nur, dass und wie mentale Zustände abhängig sind von Gehirnaktivität; dank modernster bildgebender Verfahren wird dieses Wissen zugleich zu einer faszinierend anschaulichen Wirklichkeit - es scheint, als könnten wir dem Geist bei der Arbeit zuschauen. Unter diesen Voraussetzungen erscheinen die Neurowissenschaften als neue Leitdisziplinen für Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, für Philosophie und Anthropologie. Sie bieten offenbar eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die alte religiöse und philosophische Frage, wer oder was der Mensch sei.

Die Frage nach dem freien Willen

Eine der zentralen Fragen, die sich aus den Erkenntnissen der Hirnforschung ergibt, ist die nach dem freien Willen. Können wir tatsächlich frei entscheiden, oder sind unsere Handlungen durch neuronale Prozesse determiniert? Diese Frage hat weitreichende Konsequenzen für unser Rechtssystem, das auf dem Prinzip der Schuldfähigkeit basiert. Können Menschen wegen Straftaten verurteilt werden, wenn sie gar nicht frei sind zu entscheiden?

Aus neurobiologisch-psychologischer ebenso wie aus philosophischer Sicht hat dieser Begriff von Willensfreiheit erhebliche und in der Strafrechtstheorie seit langem bekannte Schwächen. Erstens unterstellt er, dass Willensfreiheit zwar kausal das Handeln steuert, seinerseits aber nicht kausal determiniert wird, sondern "frei" ist. Es ist bisher keinem Vertreter dieser Sicht gelungen, plausibel zu machen, wie so etwas funktionieren soll. Entsprechend wird "Willensfreiheit" als metaphysische Entität angesehen, die sich der Sicht der Naturwissenschaften entzieht. Zweitens kann man leicht nachweisen, dass eine Person, die der Neigung bzw. Versuchung zu einer bestimmten rechtswidrigen Tat widersteht, dies nur dann tun kann, wenn ein noch stärkeres Motiv sein Handeln bestimmt, z.B.

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Neurobiologie und Handlungspsychologie gehen von einem Motiv-Determinismus aus: Unser Handeln wird davon bestimmt, welches unter den gerade herrschenden Motiven sich durchsetzt. Diese Motive mögen "angeboren" sein, aus frühkindlichen oder sonstigen Erfahrungen oder aus der gerade vorliegenden Bedürfnislage resultieren. Sie können unbewusst, als Gefühle oder als rationale Erwägungen auftreten. Sie werden in ganz unterschiedlichen Bereichen unseres Gehirns, im überwiegend unbewusst arbeitenden limbischen System bzw. in der bewusstseinsfähigen Großhirnrinde verarbeitet und dann im Handlungssteuerungssystem zusammengebracht, das seinerseits bewusste und unbewusste Anteile hat. Es ist also nicht notwendig so, dass das Gehirn "schon längst entschieden hat", ehe das bewusste Ich davon erfährt. Dies ist nur bei automatisierten oder hoch emotionalen Entscheidungen der Fall, und hier erleben wir zuweilen drastisch, dass irgendetwas "in uns" ist, das entscheidet und wogegen wir machtlos sind. Bei komplexen Entscheidungen hingegen kommt dem bewussten Ich eine bedeutende Rolle zu, nämlich als "Bühne" des Abwägens von Handlungsalternativen und ihrer jeweiligen Konsequenzen. Ob und in welcher Weise wir diesen bewussten Abwägungen folgen, hängt wiederum von der Motivlage ab, und manchmal rät der Verstand, etwas zu tun - allein, wir tun dann doch etwas anderes und wundern uns.

Woher kommt dann aber das Gefühl, aus freiem Willen heraus zu handeln? Das unabweisbare Gefühl der "freien Willensentscheidung" haben wir, wenn wir keinem äußeren oder inneren Zwang unterliegen und die realistische Möglichkeit haben, eine bestimmte Sache tun oder auch lassen zu können. Ich möchte jetzt Kaffee trinken, eine Tasse Kaffee steht vor mir, und in einem bestimmten Moment greife ich nach der Tasse. Ich könnte die Bewegung früher oder später ausführen oder sie auch ganz sein lassen. Ich tue genau davon eines, und ich bin dabei frei in dem Sinne, dass es nur von mir und von niemandem sonst abhängt, was ich tue. Selbstverständlich werde ich dabei immer auch von unbewussten Motiven bestimmt, aber es sind Motive, die aus meiner Lebenserfahrung stammen, und solche, die durch Gegenmotive "überstimmt" werden können. Willensfreiheit in diesem Sinne drückt sich meist darin aus, dass wir eine bestimmte Sache "gern" tun - wir stehen dahinter, hätten aber auch anders handeln können, wenn wir nur anders gewollt hätten. Wir sehen also, dass Determiniertheit durch Motive und Willensfreiheit keine Gegensätze sind, sondern das eine sich aus dem anderen ergibt.

Die Bedeutung des Gehirns für unser Selbstverständnis

Die Fortschritte der Bildgebung in den Neurowissenschaften treiben die Hirnforschung voran. Der Deutsche Ethikrat befasste sich mit der Frage, inwiefern Bilder vom Gehirn unser Menschenbild beeinflussen. Die modernen bildgebenden Verfahren gelten als Fenster zum Gehirn. Zu verstehen, wie 86 Milliarden Nervenzellen mit ihren Verschaltungen zusammenwirken, gilt als große Herausforderung für die Grundlagenforschung, in die in Europa und in den USA Milliarden investiert werden.

In den zahlreichen Vorträgen und Diskussionsrunden wurde deutlich, dass die Neurobildgebung wertvolle Ergebnisse zu jenen Vorgängen im menschlichen Gehirn liefert, die mit emotionalen und kognitiven Funktionen einhergehen. Für derartige Verfahren muss jedoch ein ethischer Rahmen geschaffen werden, um insbesondere mit prädiktiven Aussagen verantwortungsvoll umgehen zu können.

Die Frage nach der Bedeutung des Gehirns für unser Menschenbild führte zu der Erkenntnis, dass die bildgebenden Verfahren zu Erkenntnissen und Eingriffsmöglichkeiten führen können, die die Wissenschaften und die Gesellschaft dringend überdenken müssen.

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Die Suche nach dem "Ich" im Gehirn

Auch die Frage nach dem "Ich" beschäftigt die Neurowissenschaften. Wo ist unser Selbst lokalisiert? Ist es ein einheitliches Zentrum im Gehirn, oder ist es ein Produkt des Zusammenspiels verschiedener Hirnregionen? Die Forschung hat gezeigt, dass verschiedene Aspekte unseres Selbstempfindens mit unterschiedlichen Hirnregionen in Verbindung stehen.

Als erstes ist das Körper-Ich zu nennen, d.h. das Gefühl, dass dasjenige, in dem ich "stecke" und das ich zu beherrschen scheine, mein Körper ist. Eng damit verbunden sind das Verortungs-Ich, d.h. das Bewusstsein, dass ich mich gerade an diesem Ort und nicht woanders befinde, sowie das perspektivische Ich, d.h. der Eindruck, dass ich der Mittelpunkt der von mir erfahrbaren Welt bin. Alle diese Ich-Empfindungen haben mit Funktionen des Scheitellappens zu tun. Ein anderer Typ ist das Erlebnis-Ich, d.h. das Gefühl, ich habe diese Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle und nicht etwa ein anderer. Damit verwandt sind das Autorschafts- und Kontroll-Ich, d.h. das Gefühl, dass ich Verursacher und Kontrolleur meiner Gedanken und Handlungen bin, und das autobiographische Ich, d.h. das Gefühl der Kontinuität in meinen verschiedenen Empfindungen. Das Erlebnis-Ich ist vornehmlich eine Funktion des Schläfenlappens und des Übergangs zum Scheitellappen, wo Sehen, Hören und Fühlen zusammenkommen. Das Autorschafts-Ich ist gebunden an die Tätigkeit motorischer Kortexareale in Zusammenarbeit mit Scheitellappen und präfrontalem Kortex. Das autobiographische Ich hat mit einer Region am vorderen Rand des Schläfenlappens und im Bereich des unteren Stirnhirns (orbitofrontaler Kortex) zu tun. Schließlich gibt es das selbstreflexive Ich, d.h. das Nachdenken über sich selbst, das sprachliche Selbst und das ethische Ich oder Gewissen, also eine Instanz, die mir sagt oder befiehlt, was ich zu tun und zu lassen habe. Das erstere hat mit Funktionen des präfrontalen Kortex zu tun, das sprachliche Ich mit dem Wernicke- und dem Broca-Sprachzentrum. Das ethische Ich schließlich ist vornehmlich eine Funktion des orbitofrontalen Kortex; Patienten mit Schädigungen in diesem Bereich verhalten sich typisch "unmoralisch" bzw.

Die Rolle von Genen und Umwelt

Ein drittes Herzstück unseres herkömmlichen Menschenbildes ist die Frage, ob menschliches Handeln hauptsächlich von "angeborenen Faktoren" (Genen) bestimmt ist oder von Lernen, Erziehung und damit von Umwelteinflüssen. Lange Zeit haben sich unterschiedliche Sichtweisen abgewechselt. Seit den 1970er Jahren herrscht bei uns unter dem Einfluss der behavioristischen Psychologie ein Erziehungsoptimismus vor, der nur langsam schwindet. Dies ergibt sich unter anderem aus der Erkenntnis, dass es nicht einzelne Gene sind, die ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Persönlichkeitseigenschaft bestimmen, sondern dass viele Gene beteiligt sind, und dies meist indirekt, über komplexe Hirnentwicklungsprozesse, die je nach Umwelteinflüssen in unt…

Ethische Herausforderungen und der Ruf nach einem "Neurorecht"

Die Erkenntnisse der Hirnforschung werfen eine Reihe ethischer Fragen auf. Dürfen wir das Gehirn manipulieren, um beispielsweise die Leistungsfähigkeit zu steigern oder das Verhalten zu beeinflussen? Wie gehen wir mit den Möglichkeiten der Neurobildgebung um, die es uns erlauben, in die Gedanken und Gefühle anderer Menschen einzudringen? Diese Fragen erfordern eine gesellschaftliche Debatte und die Entwicklung ethischer Richtlinien.

Die Fortschritte vor allem in der medizinischen Bildgebung, etwa durch die funktionelle Kernspintomographie (fMRT), und in der Computertechnik ermöglichen neue Erkenntnisse, die - so scheint es - auch unser Menschenbild verändern könnten. Was lässt sich mittels Neurobildgebung über die Persönlichkeit eines Menschen, sein Erleben und sein Verhalten erfahren? Ist Neurobildgebung bei der Diagnose von psychischen Erkrankungen und bei der Beurteilung von Straftätern hilfreich? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der Herbsttagung des Deutschen Ethikrates Ende 2013 in Düsseldorf.

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Dass die Neurobildgebung zum Zwecke der Verteidigung in strafrechtliche Verfahren Eingang finden wird - etwa zur Lügendetektion, zur Feststellung der Schuldfähigkeit oder mit Blick auf eine Sicherungsverwahrung für eine Gefährlichkeitsprognose von Straftätern - zeichnet sich nach Meinung von Prof. Dr. Reinhard Merkel, Universität Hamburg, bereits ab.

Die ethische Problematik einer prognostischen Bildgebung erörterte Prof. Dr. med. Alexander Drzezga, Universität Köln, anhand der Alzheimer-Demenz. Den Chancen einer sehr frühen Diagnose stehen damit Risiken wie die eingeschränkten therapeutischen Optionen, die psychische Belastung der betroffenen Personen und viele Missbrauchsmöglichkeiten gegenüber.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt Drzezga, dass Anwendungen der Amyloid-PET-Bildgebung als „prognostisches Instrument“ sehr reglementiert und die Indikation klar umgrenzt sein müssen. „Ein Screening außerhalb klinischer Studien ist sicherlich nicht sinnvoll.“ Die sorgfältige Aufklärung und Begleitung Amyloid-positiver Personen seien zudem wichtig.

Einige Juristen fordern sogar ein spezielles "Neurorecht", das die rechtlichen Konsequenzen der Hirnforschung berücksichtigt. Dieses soll beispielsweise den Schutz der Privatsphäre des Gehirns gewährleisten und den Einsatz von Neurotechnologien regulieren.

Neurologie als Heilkunst und die Grenzen des Wissens

Die Neurologie als Heilkunst orientiert sich am Menschenbild, und das ist offenbar nicht stabil, sondern abhängig von der Kultur einer Zeit. Die Hirnforschung gehört zu dieser Kultur. Wohin also sind wir geraten mit der Hirnforschung, und in welche Richtung geht es weiter mit der Neurologie?

Die Neurologie will Therapie. Für sie ist Hirnforschung, neben anderen, eine unterstützende und notwendige Hilfswissenschaft. Grundlagenforschung und Klinik werden zusammenwachsen, denn die Klinik stellt die Fragen an die Forscher und verwendet deren Ergebnisse.

Die Entwicklung der Neurologie beruhte und beruht nach wie vor auf der Entfaltung der Hirnforschung und auf den Quantensprüngen ihrer Erkenntnisse, die sie oft durch die Entwicklung neuer Methoden erfährt.

Was also ist unter dem Strich bei all der Forschung für die großen Hirnkrankheiten gewonnen worden? Es ist viel, sogar sehr viel! Und das in erstaunlich kurzer Zeit. Der Mensch kann seit maximal 150 000 Jahren sprechen, seit maximal 3000 Jahren schreiben. Er forscht seit etwa 200 Jahren über das Gehirn und hat besonders in den vergangenen 100 Jahren in der Nervenheilkunde viel erreicht: Bei der Akutbehandlung von Schlaganfällen werden Blutgerinnsel, die Hirngefäße verstopfen, enzymatisch aufgelöst oder über feinste Katheter, die in das betroffene Hirngefäß gebracht werden, herausgezogen. Wenn das frühzeitig geschieht, sind die verbleibenden Schäden im Gehirn gering. Bei der Vorbeugung des Schlaganfalls hat man durch Mittel, die erhöhten Blutdruck senken, die die Zusammenballung von Blutplättchen hemmen, die die Blutfette senken und die die Gerinnselbildung erschweren, das Schlaganfallrisiko drastisch um bis zu achtzig bis neunzig Prozent gesenkt. Beim Schlaganfall ist Prophylaxe damit wichtiger geworden als Therapie. Etwa fünfzig Prozent der Epilepsie- Kranken werden nach Behandlung mit einem geeigneten Medikament anfallsfrei, weitere zehn bis fünfzehn Prozent durch Zugabe eines zweiten Wirkstoffes. Bei dem verbleibenden Drittel wird Anfallsfreiheit in sechzig bis siebzig Prozent der Fälle erreicht, wenn es gelingt, den Krampfherd zu lokalisieren und operativ zu entfernen oder zu isolieren. Bei einzelnen Patienten gelingt es bereits nach genetischer Typisierung, personenbezogen maßgeschneidert zu behandeln, etwa bei angeborener Anomalie eines Ionenkanals in den Nervenzellmembranen. Bei der Behandlung der multiplen Sklerose sind zumindest für die schubförmigen Verläufe und für die Zeit bis zu einer möglichen Verschlechterung anhaltender Symptome ganz wesentliche Fortschritte erzielt worden. Da allerdings die Medikamente größtenteils noch nicht ausreichend lange auf dem Markt sind, gibt es nur für die Interferone den Nachweis einer positiven Langzeitwirkung. Die Behandlung der bösartigen Hirntumore zeigt dagegen nur geringe Fortschritte bei der Überlebensdauer, obschon die Entwicklung der Neurochirurgie Operationserfolge und Lebensqualität deutlich verbessert hat. Bei den Neurodegenerationen sind mit Ausnahme der Parkinson-​Erkrankung und, weniger deutlich, der Gedächtnisstörung bei der Alzheimer-​Erkrankung die Erfolge eindeutig, aber unbefriedigend. Es ist davon auszugehen, dass erst die rasch voranschreitende Grundlagenforschung neue, wirkungsvolle Behandlungsmöglichkeiten bieten wird.

Neurotheologie: Die Suche nach Gott im Gehirn

Neben den ethischen und rechtlichen Fragen hat die Hirnforschung auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Religion und Spiritualität. Die Neurotheologie versucht, die neuronalen Grundlagen religiöser Erfahrungen zu erforschen. Können wir Gotteserfahrungen im Gehirn lokalisieren? Sind mystische Erlebnisse lediglich das Ergebnis neuronaler Prozesse?

Persinger nimmt das Vorkommen von Gotteserfahrungen bei Schläfenlappenepileptikern als Ausgangspunkt und behauptet, dass Ähnliches in schwächerer Form bei jeder Gotteserfahrung vorkomme. Seine These lautet, dass es sich bei jeder Gotteserfahrung um einen kleinen epileptischen Anfall im Schläfenlappen handelt. Eine solche Erfahrung ist nach Persinger von kurzer Dauer, sie kommt bei normalen Personen nur einmal in ein paar Jahren vor und ist meist mit euphorischen und positiven Emotionen und mit einer Reduktion der Todesangst verbunden.

Newberg und d’Aquili deuten ihre Ergebnisse also nicht religionskritisch wie der deutsche Titel „Der gedachte Gott“ vermuten lässt, sondern sprechen sich eher für eine Art neurologischer Plausibilisierung des religiösen Glaubens aus. Daher trägt die amerikanische Originalausgabe auch den treffenderen und provozierenderen Titel „Why God Won’t Go Away“.

Allerdings stehen auch Newberg und d’Aquili vor dem Problem, dass sich die religiösen Deutungen dieser Erfahrungen stark unterscheiden. So beschreibt der Buddhist Robert den Höhepunkt der Meditation als ein Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Schöpfung, wohingegen die Franziskanerinnen von einer Nähe oder Verschmelzung mit Gott berichten.

Die Neurotheologie kann daher, so das Versprechen, die biologischen Grundlagen religiöser Erfahrung erkennen und erklären. Religiöse Erfahrung wird von Newberg in Analogie zur Sinneswahrnehmung verstanden. Newberg stützt seine Theorie der religiösen Erfahrung daher, anders als Persinger, nicht auf die Beobachtung pathologischer Phänomene wie der Schläfenlappenepilepsie, sondern betrachtet sie als normale psychische Erlebnisse.

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