Der Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" von David Sieveking ist ein zutiefst persönliches und bewegendes Porträt seiner an Alzheimer erkrankten Mutter Gretel. Der Film, der 2012 auf dem Festival del Film in Locarno ausgezeichnet wurde, begleitet Gretel und ihre Familie auf ihrem Weg mit der Krankheit und wirft gleichzeitig einen Blick auf die Familiengeschichte und die deutsche Vergangenheit.
Der Alltag mit der Demenz
David Sieveking kehrt in das Haus seiner Eltern zurück, um seinen Vater Malte bei der Pflege seiner Mutter Gretel zu unterstützen. Gretel leidet seit Jahren an Alzheimer und verliert zunehmend ihre Erinnerung und Orientierung. Der Film beobachtet, wie sich ihre Persönlichkeit verändert und sie immer mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist.
Sieveking fängt den mühsamen Alltag ein, in dem er versucht, seine Mutter zur Teilnahme am Leben zu animieren. Er dokumentiert die emotionalen Belastungen, denen die Familie ausgesetzt ist, und zeigt, wie sie versuchen, mit der Situation umzugehen - von der Betreuung durch eine junge Frau aus Osteuropa über den Aufenthalt in einem Heim bis hin zum Versuch, zu Hause optimale Bedingungen zu schaffen.
Die Reise in die Vergangenheit
Als David erkennt, dass sich seine Mutter am lebendigsten an ihre Vergangenheit erinnert, unternimmt er mit ihr eine Reise an Orte ihrer Jugend. Dabei entdeckt er neue Seiten an seiner Mutter: Er erfährt von ihrem politischen Engagement in den 1960er und 1970er Jahren und von den Krisen, die seine Eltern in ihrer "offenen Ehe" erlebt haben.
Die Reise in die Vergangenheit wird durch alte Fotografien und Archivaufnahmen von Demonstrationen der 68er-Bewegung ergänzt. Am Rande wird so auch ein Stück deutscher Geschichte beleuchtet, das sich in der Rekonstruktion der Vergangenheit der Eltern spiegelt.
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Eine neue Perspektive auf die Mutter
Durch die Dreharbeiten lernt David seine Mutter auf eine neue Weise kennen und schätzen. Er entdeckt eine starke Frau, die sich für Frauenrechte eingesetzt und in einer marxistischen Gruppierung engagiert hat. Er erfährt von ihren Eheproblemen und davon, wie sie sich in ihrer Rolle als Hausfrau unterfordert fühlte.
Trotz ihrer Krankheit entwickelt Gretel Lebensfreude und Eigeninitiative. Sie erlebt ausgelassene und heitere Momente und kommt ihrem Mann Malte wieder näher. Ohne den Ballast ihrer Erinnerungen bringt sie eine neue Intimität und Zärtlichkeit in ihre Beziehung.
Ein Liebesfilm trotz der Tragödie
"Vergiss mein nicht" ist mehr als eine Krankengeschichte. Es ist ein Liebesfilm, der mit melancholischer Heiterkeit erfüllt ist, wie David Sieveking selbst sagt. Der Film zeigt, wie die Demenzerkrankung die Familie enger zusammenrücken lässt und Gefühle öffnet, die vorher unterdrückt waren.
Sieveking scheut sich nicht, die schwierigen Aspekte der Krankheit zu zeigen, wahrt aber gleichzeitig die Würde seiner Mutter. Er thematisiert die Frage, ob er die Realität beschönigt, entscheidet sich aber für eine radikal subjektive Perspektive und erzählt eine Liebesgeschichte.
Aufklärung über Alzheimer
Mit seinem Film leistet Sieveking einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung über die weitgehend tabuisierte Krankheit Alzheimer. Er beobachtet den Verlauf der Krankheit genau und konfrontiert die Zuschauer offen mit ihren Auswirkungen. Er macht die emotionale Belastung der gesamten Familie deutlich und zeigt, wie sie versuchen, mit der Situation umzugehen.
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