Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das lebenswichtige Funktionen im Körper steuert. Neurodegenerative Erkrankungen, die durch den fortschreitenden Verlust von Nervenzellen gekennzeichnet sind, stellen eine wachsende Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Schutzmaßnahmen, die darauf abzielen, die Gesundheit des Nervensystems zu erhalten und den Verlauf neurodegenerativer Prozesse zu verlangsamen.
Das Immunsystem und seine Rolle bei neurologischen Erkrankungen
Das Immunsystem verteidigt den Körper gegen äußere und innere Bedrohungen. Es patrouilliert unaufhörlich Blutgefäße und Organe. Erkennt das Immunsystem Moleküle, Zellen oder Gewebe als gefährlich, werden diese verfolgt und vernichtet. Es kann jedoch vorkommen, dass das Immunsystem versehentlich körpereigene Zellen angreift, was zu Autoimmunerkrankungen führt.
Menschen im hohen Norden sind eher von Autoimmunerkrankungen betroffen als Menschen in Äquatornähe, was auf den Einfluss von Sonnenlicht und Vitamin-D-Mangel in der Kindheit hindeutet. Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem fälschlicherweise gesunde Körperzellen an. Dies kann verschiedene Organe betreffen, einschließlich des Nervensystems.
Neurologische Autoimmunerkrankungen
Das Nervensystem ist normalerweise durch seine komplexe Funktionsweise und seine Entfernung von typischen Eintrittspforten für Erreger vor dem Immunsystem abgeschirmt. Dennoch kann es Ziel von Autoimmunangriffen werden. Jeder Teil des Nervensystems kann betroffen sein, was zu unterschiedlichen Symptomen führt.
Autoimmunentzündungen des ZNS
Multiple Sklerose (MS): Die häufigste neurologische Autoimmunerkrankung, bei der Immunzellen die weiße Substanz von Gehirn und Rückenmark angreifen. Die Immunzellen richten sich gegen die Myelinscheide, die Isolierung der Nervenfasern, was die Signalübertragung verlangsamt. Die Entzündungsreaktionen führen zu Entmarkungen, die narbig abheilen. Je nachdem, wo die Entzündung auftritt, können verschiedene Symptome auftreten, wie Seh-, Gefühls-, Blasen- oder Beweglichkeitsstörungen. Die MS beginnt in der Regel mit einem Schub der Entmarkung, wie einer Sehnervenentzündung oder einer Rückenmarksentzündung. Bei langem Krankheitsverlauf kann die schubförmige MS in eine chronisch fortschreitende MS übergehen.
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Akute, demyelinisierende Enzephalomyelopathie (ADEM): Tritt vor allem bei Kindern und jungen Menschen als Überreaktion auf eine fieberhafte Infektion auf. Immunzellen greifen das ZNS massiv an.
Neuromyelitis optica (NMO): Befällt den Sehnerv und das Rückenmark mit besonders schweren Schüben.
Entzündungen der grauen Substanz: Hier werden die "Rechenzentren" des Gehirns angegriffen. Je nachdem, welche Bereiche betroffen sind, spricht man von Autoimmun-Enzephalitis, limbischer Enzephalitis, Autoimmun-Cerebellitis oder Autoimmun-Rhombencephalitis. Ursachen können Antikörper gegen Oberflächenmoleküle oder Moleküle im Inneren der Nervenzellen sein, Überreaktionen auf Infektionen oder eine noch verborgene Krebserkrankung.
Autoimmunerkrankungen des PNS
Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Als Reaktion auf eine Infektion werden die Kabelisolierungen des peripheren Nervensystems demyelinisert. Binnen weniger Tage fallen immer mehr Nerven aus, was zu Lähmungen führen kann. Die Erkrankung muss im Krankenhaus behandelt werden.
Chronisch inflammatorische, demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Ähnelt dem GBS, verläuft jedoch schubweise oder schleichend über Monate bis Jahre. Es handelt sich gewissermaßen um eine MS des PNS.
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Myasthenie: Hier werden die Übergänge zwischen den Nervenenden und der Muskulatur angegriffen. Typisch ist eine erhöhte Ermüdbarkeit der Muskeln, insbesondere im Bereich der Augen-, Gesichts- und Schlundmuskeln.
Myositis: Hier wird die Muskulatur selbst angegriffen, was zu zunehmenden Lähmungen führt.
Beteiligung des Nervensystems bei anderen Autoimmunerkrankungen
- Gefäßentzündungen: Entzündungen der Gefäße können zu Durchblutungsstörungen von Nerven, Auge oder Gehirn führen. Die häufigste dieser Erkrankungen ist die Riesenzell-Arteriitis, die unbehandelt zur Blindheit oder Schlaganfällen führen kann.
Neurodegenerative Erkrankungen und Magnetfeldexposition
Neurodegenerative Erkrankungen betreffen das zentrale oder periphere Nervensystem und führen zur Rückbildung und zum Absterben von Nervenzellen. Dies beeinträchtigt die Gehirnfunktionen und den Bewegungsapparat. Epidemiologische Untersuchungen deuten auf einen schwachen Zusammenhang zwischen Magnetfeldexposition und Alzheimer-Demenz bzw. Amyotropher Lateralsklerose hin.
Ob ein Zusammenhang zwischen neurodegenerativen Erkrankungen und Magnetfeldern oder Stromschlägen besteht, wird derzeit untersucht. Hierzu werden epidemiologische Daten analysiert und Tierstudien durchgeführt, um mögliche Wirkmechanismen zu überprüfen.
Präventionsstrategien für neurologische Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen stellen weltweit eine wachsende Herausforderung dar. Die Prävention bietet eine enorme Chance, diesen Trend zu bremsen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass gezielte Lebensstilmaßnahmen bis zu 45 % der Demenzfälle und 90 % der Schlaganfälle verhindern können.
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Die sechs Schlüssel zur neurologischen Gesundheit
Regelmäßige Bewegung: Moderate körperliche Aktivität reduziert Entzündungen und oxidativen Stress und fördert die Regeneration von Nervenzellen.
Mediterrane Ernährung: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, wenig Fett und Salz hat protektive Effekte auf das Nervensystem.
Genügend Schlaf: Schlaf ist essenziell für die Gehirnregeneration.
Soziale Kontakte: Soziale Isolation ist ein Risikofaktor für Demenz und Schlaganfall.
Vermeidung schädigender Substanzen: Alkohol, Tabak und Umweltgifte sind neurotoxisch.
Kontrolle von Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes und eine Hyperlipidämie erhöhen das Risiko für Schlaganfälle und Demenzen.
Praktische Tipps zur Umsetzung von Lebensstiländerungen
Experten empfehlen, mit ein bis zwei Veränderungen zu beginnen und diese konsequent in den Alltag zu integrieren. Hilfreich ist technische Unterstützung und das Schaffen von Anreizen durch Belohnungen.
Nahrungsergänzungsmittel und ihre potenzielle Rolle
Das Nervensystem ist täglich zahlreichen Belastungen ausgesetzt. Oxidativer Stress, Umweltfaktoren und anhaltende Entzündungsprozesse können langfristig die Funktion von Gehirn und Nerven beeinträchtigen. Einige Nahrungsergänzungsmittel werden zur Unterstützung des Nervensystems beworben.
EGCG: Datenerhebungen zeigen potenzielle Einflüsse von EGCG auf die Durchblutung des Gehirns.
Rutin: Erweist sich in Studien als potenziell hilfreich zum Erhalt einer normalen Funktion der Blutgefäße und in Hinblick auf die neuronale Signalübertragung.
Luteolin: Wissenschaftliche Untersuchungen deuten an, dass Luteolin eine hemmende Wirkung auf Mikroglia-Aktivierung ausüben könnte.
Resveratrol: Erwies sich in vielen Studien als potenziell hilfreich zum Schutz unserer Zellen vor oxidativem Stress und in Hinblick auf eine Unterstützung der Mitochondrien-Funktion.
Vitamin E: Hilft die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Informationen keinen Ersatz für die professionelle Behandlung neurologischer Auffälligkeiten darstellen.
Forschungsergebnisse zu Entzündungsprozessen im Gehirn
Forschende haben herausgefunden, dass es schon lange vor dem Auftreten von Demenz Anzeichen für eine erhöhte Aktivität des Immunsystems des Gehirns gibt. Diverse Proteine im Nervenwasser dienen als Biomarker, die auf Entzündungsprozesse hinweisen. Manche dieser Moleküle sind offenbar Teil eines Programms des Immunsystems zur Schadensbegrenzung.
Studien haben gezeigt, dass manche Entzündungsmarker schon dann auffällig sind, wenn es noch keine Symptome von Demenz gibt. Insbesondere Proteine der „TAM-Rezeptor-Familie“ scheinen mit einem Schadensbegrenzungsprogramm zusammenzuhängen. Denn bei Studienteilnehmenden mit besonders hohen Werten dieser Marker war das Hirnvolumen vergleichsweise groß und die kognitiven Funktionen gingen im zeitlichen Verlauf langsamer zurück.
Entzündungsprozesse sind per se nicht schlecht, sondern vor allem zu Beginn eine normale, schützende Reaktion des Immunsystems auf bedrohliche Reize. Aber sie dürfen nicht zu lange andauern, dafür müssen sie reguliert werden. Die Unterstützung dieser Schutzfunktion wäre ein interessanter Ansatzpunkt für die Pharma-Forschung.
Neuroprotektion durch Functional Medicine
Die Functional Medicine beleuchtet die Tatsache, dass Neuronen-Erkrankungen wie z. B. Alzheimer, Parkinson und MS oft durch Umweltgifte und Nährstoffmängel beeinflusst werden. Der Aufbau und die Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn ist in großem Umfang vom Nährstoffstatus und der Menge an oxidativen Radikalen abhängig. Bei den meisten neurodegenerativen Erkrankungen spielen freie Radikale eine entscheidende Rolle.
Auf der Basis dieser Erkenntnisse wird der Sinn einer präventiv-medizinischen Diagnostik und Mikronährstoff-Therapie deutlich, besonders wenn man bedenkt, dass bei einer neurodegenerativen Erkrankung wie z.B. Alzheimer bereits 20-30 Jahre vor der Diagnose erste Veränderungen im Gehirn stattfinden.
Schädigung und Regeneration von Nervenfasern
Nach einer Verletzung können Neurone des ZNS geschädigte Nervenfasern nicht mehr regenerieren, sodass sie dauerhaft von ihren Zielgebieten abgeschnitten bleiben. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig und liegen sowohl an den Neuronen selbst als auch an einer inhibitorischen Umgebung im verletzten ZNS.
Schädigungen von Nervenfasern im Gehirn oder Rückenmark führen daher in der Regel immer zu irreversiblen Funktionsverlusten. Ein Forschungsschwerpunkt liegt daher auf der Entwicklung von neuen gentherapeutischen sowie pharmakologischen Ansätzen zur Förderung der axonalen Regeneration und somit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.
Der Sehnerv enthält die Nervenfasern der Ganglienzellen der Retina und leitet die Sehinformation aus dem Auge in das Gehirn weiter. Schädigungen des Sehnervs machen sich durch pathologische Gesichtsfeldausfälle bemerkbar. Da der Sehnerv zum zentralen Nervensystem gehört, ist eine Regeneration der Nervenfasern im Sehnerv nicht möglich. Zahlreiche Erkrankungen können eine Schädigung des Sehnervs zur Folge haben, z.B. der Grüne Star (Glaukom), die diabetische Retinopathie, Sehnerventzündungen, Tumore am Sehnerv, Unfälle oder ein Gefäßverschluss.
Das Glaukom umfasst eine Reihe von Augenerkrankungen, die zum Verlust von Nervenfasern führen. Ursächlich ist ein erhöhter Augeninnendruck, bzw. ein ungünstiges Verhältnis zwischen Augeninnendruck und Durchblutung des Sehnervs. Das Glaukom ist weltweit die häufigste Erblindungsursache. Die Behandlung erfolgt durch Absenken des Augeninnendrucks, sofern dieser erhöht ist bzw. einer Wiederherstellung der physiologischen Druckverhältnisse.
Schädigung des Rückenmarks
Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal und stellt die Verbindung zwischen Gehirn und Extremitäten her. Liegen hier Störungen vor, z.B. durch eine traumatische Verletzung des Rückenmarks, gelangen keine sensorischen Informationen mehr ins Gehirn und umgekehrt gelangen auch keine Signale über die Axone der Motoneurone zu den Muskeln. Es kommt zu Ausfallerscheinungen und Lähmungen. Auch neurodegenerative Erkrankungen, Infektionen oder Kompressionen können zum Absterben von Neuronen im Rückenmark und damit einhergehenden Funktionsverlusten führen.
Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
Eine Verletzung des Gehirns durch traumatische Krafteinwirkung wird Schädel-Hirn Trauma (SHT) genannt. Die Schädigung des Gehirns bei einem SHT erfolgt in zwei Phasen: Die erste Phase umfasst die direkte Schädigung durch den Unfall, die nicht therapierbar ist. In der zweiten Phase treten sekundäre Schädigungen auf, die prinzipiell therapierbar sind, sofern sich die pathophysiologischen Prozesse z.B. medikamentös beeinflussen lassen. Primäres Ziel ist es die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns aufrechtzuerhalten, um möglichst viele Neurone vor sekundären Schäden zu retten.
Neurodegenerative Erkrankungen im Überblick
Bei den neurodegenerativen Erkrankungen handelt es sich um eine Vielzahl von Krankheiten, bei denen nach und nach Neurone des ZNS absterben. Die häufigsten Erkrankungen sind Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington. Die Ursachen für die Erkrankungen können sowohl genetisch als auch sporadisch sein und sind nicht immer bekannt. Allerdings wurden einige zelluläre Mechanismen identifiziert, die bei den meisten Erkrankungen zur Zellschädigung beitragen. Dazu gehören Störungen der Proteinhomöostase, erhöhter oxidativer Stress, Störungen der Mitochondrien oder des intrazellulären Transports und Entzündungsreaktionen.
Die Symptome können abhängig von der Erkrankung und der betroffenen Hirnregion sehr vielfältig sein und umfassen Gedächtnisstörungen, motorische Störungen, Orientierungsprobleme, Persönlichkeitsveränderungen und Änderungen im Verhalten. Bisher gibt es keine Ursachen-Therapie, sondern nur symptomatische Behandlungen.
Schlaganfall
Beim Schlaganfall kommt es zu einer plötzlich auftretenden Störung des Blutflusses im Gehirn und dadurch zur Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen. Das Gehirn wird lokal geschädigt und es kommt zu einem Verlust von Neuronen. Die Therapie hat das Ziel, die korrekte Durchblutung möglichst schnell wiederherzustellen, um eine weitere Schädigung von Neuronen zu verhindern.
Bestimmte Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einen Schlaganfall zu erleiden, dazu gehören zu hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und zu hohe Cholesterinwerte. Da die Neurone im Gehirn nicht regenerieren, ist die Schädigung der betroffenen Zellen irreversibel. Allerdings können Physiotherapie und Ergotherapie dazu beitragen, dass andere Hirnareale die Funktionen zumindest teilweise übernehmen.
Multiple Sklerose (MS)
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung. Es entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark Entzündungsherde, in denen das körpereigene Immunsystem die Myelinschicht attackiert. Die Zerstörung der Myelinschicht führt dazu, dass die Signalweiterleitung entlang der Axone nicht mehr korrekt erfolgt, was letztendlich zu den Symptomen der MS führt.
Die gängigen Behandlungen der MS zielen in erster Linie auf eine Modulation des Immunsystems ab, um weitere Schübe zu verhindern bzw. zu reduzieren.
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