Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die nicht nur das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt, sondern auch die körperliche Funktion. Besonders im fortgeschrittenen Stadium der Demenz kann es zu einem Versagen der Beine und damit zu erheblichen Mobilitätseinschränkungen kommen, was die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigt. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Ursachen für dieses Phänomen und gibt Einblicke in mögliche Behandlungsansätze und Unterstützungsangebote.
Einführung
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken. In Deutschland leben etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Viele Menschen verbinden die Krankheit hauptsächlich mit Vergesslichkeit, aber je nach Stadium können auch andere Symptome auftreten. Gerade im fortgeschrittenen Stadium der Demenz können körperliche Symptome wie das Versagen der Beine die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Ursachen für das Versagen der Beine bei Demenz
Das Versagen der Beine bei Demenz kann verschiedene Ursachen haben, die oft ineinandergreifen:
- Neurologische Ursachen: Die Demenz selbst führt zu Veränderungen im Gehirn, die die Steuerung der Muskeln und die Koordination beeinträchtigen. Dies kann zu Muskelschwäche, Steifigkeit und unkontrollierten Bewegungen führen. Bei der Lewy-Körperchen-Demenz treten beispielsweise Parkinson-Symptome wie Muskelstarre, Muskelzittern und eine instabile Körperhaltung mit Schwankungs- und Sturzneigung auf.
- Muskuläre Ursachen: Im Alter kommt es häufig zu einem Abbau von Muskelmasse (Sarkopenie), was die Kraft und Ausdauer der Beine verringert. Dies kann durch mangelnde Bewegung und eine unzureichende Ernährung noch verstärkt werden.
- Sensorische Defizite: Eine beeinträchtigte Wahrnehmung der Körperposition im Raum (Propriozeption) und Gleichgewichtsstörungen können ebenfalls zu Gangunsicherheit und Stürzen führen.
- Kognitive Einschränkungen: Menschen mit Demenz haben oft Schwierigkeiten, sich zu orientieren und komplexe Bewegungsabläufe zu planen. Dies kann dazu führen, dass sie unsicher gehen und stolpern.
- Psychische Faktoren: Angst vor Stürzen und Depressionen können ebenfalls zu einer reduzierten Mobilität beitragen.
Detaillierte Ursachen und Zusammenhänge
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Obwohl die ALS eine eigenständige Erkrankung ist, die das motorische Nervensystem betrifft, kann sie ähnliche Symptome wie das Versagen der Beine bei Demenz verursachen. Bei der ALS verlieren die motorischen Nervenzellen, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind, fortschreitend ihre Funktion. Dies führt zu Kraftminderung, Muskelschwäche, Muskelschwund oder Steifigkeit.
Infektionen
Das Immunsystem von Menschen mit Demenz ist oft geschwächt, was sie anfälliger für Infekte macht. Insbesondere in der Phase der fortgeschrittenen Demenz können Infekte, die mit Fieber verbunden sind, die körperliche Verfassung zusätzlich schwächen und zu vorübergehendem oder dauerhaftem Versagen der Beine führen. Häufig sind es Infekte der Lunge bis hin zu Lungenentzündungen, die mit Luftnot einhergehen können. Auch Harnwegsinfekte kommen häufig vor und können starke Schmerzen auslösen.
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Schmerzen
Schmerzen treten bei Menschen mit Demenz häufig auf und können eine erhebliche Einschränkung der Mobilität verursachen. Ursachen können Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen durch Verschleißerkrankungen im Alter oder die mangelnde Bewegung durch Bettlägerigkeit, Zahnschmerzen, Harnblasenentzündungen oder Verstopfung sein. Die Einschätzung und Behandlung von Schmerzen bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz sind schwierig, da sie sich oft nicht mehr verbal mitteilen können.
Vaskuläre Demenz
Die vaskuläre Demenz ist die zweithäufigste Form der Demenz und wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht. Diese können dazu führen, dass Bereiche des Gehirns mit zu wenig Sauerstoff versorgt werden, was zu Schädigungen und Absterben von Hirnzellen führt. Zu Beginn können vor allem Probleme mit Aufmerksamkeit, verlangsamtem Denken sowie Persönlichkeitsveränderungen auftreten. Dazu können Gangstörungen oder Kontrollverluste der Blase sowie Probleme mit der Sprache kommen. Auch Gedächtnisstörungen können auftreten, stehen aber zu Beginn nicht immer im Vordergrund.
Lewy-Körperchen-Demenz
Die Symptome der Lewy-Körperchen-Demenz ähneln denen der Alzheimer- und der Parkinson-Krankheit. Betroffen sind zunächst die Alltagsfähigkeiten, die mit dem Planen, Organisieren und Orientieren zusammenhängen. Insbesondere Aufmerksamkeit und Konzentration sind gestört. Charakteristisch dabei ist, dass die geistige Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf sehr stark schwanken kann. Zu Beginn der Erkrankung treten oft Halluzinationen und Wahnvorstellungen auf. In der Regel sind diese Sinnestäuschungen optischer Natur und die Betroffenen sehen Menschen, Tiere oder Dinge, die nicht da sind. In seltenen Fällen treten auch akustische Halluzinationen auf. Typisch für die Lewy-Körperchen-Demenz sind auch Parkinson-Symptome wie Muskelstarre, Muskelzittern und eine instabile Körperhaltung mit Schwankungs- und Sturzneigung.
Medikamente
Einige Medikamente können als Nebenwirkung die Mobilität beeinträchtigen. Dies gilt insbesondere für Beruhigungsmittel, Antidepressiva und Antipsychotika. Es ist wichtig, die Medikation regelmäßig zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.
Weitere Faktoren
Weitere Faktoren, die zu einem Versagen der Beine bei Demenz beitragen können, sind:
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- Mangelernährung: Eine unzureichende Zufuhr von Nährstoffen kann die Muskelkraft und die Knochendichte verringern.
- Dehydration: Flüssigkeitsmangel kann zu Schwindel und Schwäche führen.
- Umgebungsfaktoren: Stolperfallen in der Wohnung, schlechte Beleuchtung und ungeeignetes Schuhwerk können das Sturzrisiko erhöhen.
Diagnostisches Vorgehen bei Gangunsicherheit und Schwindel
Um die Ursachen für Gangunsicherheit und Schwindel im Alter zu ermitteln, ist ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen erforderlich. Dieses umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden. Dabei ist es wichtig, die Art des Schwindels (Dreh-, Schwank-, Benommenheitsschwindel), die Auslöser, die Dauer und die Begleitsymptome zu erfragen.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung der neurologischen Funktionen, des Gleichgewichtssinns, der Muskelkraft und der Gelenkfunktion.
- Funktionstests: Durchführung von standardisierten Tests zur Beurteilung der Gangsicherheit und des Gleichgewichts, wie z.B. der Timed Up & Go Test oder der Romberg-Test.
- Zusätzliche Untersuchungen: Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. eine Blutuntersuchung, eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns oder eine Untersuchung des Gleichgewichtsorgans.
Wichtige Differenzialdiagnosen
Bei der Abklärung von Gangunsicherheit und Schwindel im Alter müssen verschiedene Differenzialdiagnosen berücksichtigt werden, darunter:
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV): Eine häufige Ursache für Schwindel, die durch eine Ablösung von Otokonien im Innenohr verursacht wird.
- Bilaterale Vestibulopathie: Eine beidseitige Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans.
- Zentraler Schwindel: Schwindel, der durch Läsionen im Gehirn verursacht wird.
- Polyneuropathie: Eine Erkrankung der peripheren Nerven, die zu Sensibilitätsstörungen und Muskelschwäche führen kann.
- Orthostatische Dysregulation: Ein Blutdruckabfall beim Aufstehen, der zu Schwindel führen kann.
- Angststörungen: Angst vor Stürzen kann zu Gangunsicherheit und Vermeidungsverhalten führen.
Behandlung und Interventionen
Die Behandlung des Versagens der Beine bei Demenz zielt darauf ab, die Mobilität zu erhalten oder zu verbessern, Stürze zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhöhen. Die Behandlung sollte individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Betroffenen abgestimmt sein und kann folgende Elemente umfassen:
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung der Muskeln, Verbesserung der Koordination und des Gleichgewichts.
- Ergotherapie: Anpassung der Wohnumgebung, um Stolperfallen zu beseitigen und die Selbstständigkeit zu fördern.
- Medikamentöse Therapie: Behandlung von Schmerzen, Infektionen und anderen Grunderkrankungen. Gegebenenfalls Anpassung der Medikation, um Nebenwirkungen zu minimieren.
- Hilfsmittel: Einsatz von Gehhilfen, Rollatoren oder Rollstühlen, um die Mobilität zu unterstützen.
- Psychologische Unterstützung: Behandlung von Angst und Depressionen.
- Soziale Unterstützung: Teilnahme an Gruppenaktivitäten und Förderung sozialer Kontakte.
- Ernährungsberatung: Sicherstellung einer ausgewogenen Ernährung und ausreichenden Flüssigkeitszufuhr.
Spezifische Therapieansätze
Vestibuläres Training
Bei Patienten mit bilateraler Vestibulopathie ist ein gezieltes Gleichgewichtstraining mit aktiver Gang- und Standschulung wichtig. Ziel des vestibulären Trainings ist die Verbesserung vestibulo-okulärer und vestibulo-spinaler Reflexe zur Haltungsregulation.
Medikamentöse Therapie bei zentralem Schwindel
Die Therapie zentraler Schwindelformen richtet sich nach der Ursache. So können erworbene Nystagmusformen nach Schlaganfall oder nach entzündlichen Hirnstammläsionen medikamentös reduziert werden, beispielsweise mit Memantin oder Gabapentin. Patienten mit Kleinhirnerkrankungen profitieren von gezielter Krankengymnastik mit Gleichgewichtstraining und von einer symptomatischen medikamentösen Therapie, beispielsweise mit Aminopyridinen oder Acetyl-DL-Leucin.
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Behandlung des benignen paroxysmalen Lagerungsschwindels (BPPV)
Die Therapie erfolgt mit spezifischen Befreiungsmanövern, deren Wirksamkeit in kontrollierten Studien gut belegt ist.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben den genannten spezifischen Therapieansätzen spielen auch allgemeine nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle:
- Regelmäßige Bewegung: Spaziergänge, Tanzen oder andere moderate körperliche Aktivitäten können die Muskelkraft und die Ausdauer verbessern.
- Sturzprophylaxe: Beseitigung von Stolperfallen in der Wohnung, gute Beleuchtung, rutschfeste Teppiche und das Tragen von geeignetem Schuhwerk können das Sturzrisiko verringern.
- Hilfe bei der Körperpflege: Unterstützung beim An- und Ausziehen, Waschen und Toilettengang kann die Selbstständigkeit erhalten und Stürze vermeiden.
- Anpassung der Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Muskelkraft und die Knochendichte.
Unterstützung und Entlastung für Angehörige
Die Pflege von Menschen mit Demenz und Mobilitätseinschränkungen ist eine große Herausforderung für Angehörige. Es ist wichtig, sich frühzeitig Unterstützung zu suchen und Entlastungsangebote in Anspruch zu nehmen. Dazu gehören:
- Pflegedienste: Ambulante Pflegedienste können bei der Körperpflege, der Medikamentengabe und anderen Aufgaben im Alltag helfen.
- Tagespflege: Die Tagespflege bietet Menschen mit Demenz die Möglichkeit, tagsüber in einer Gruppe betreut zu werden.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein.
- Beratungsstellen: Beratungsstellen informieren über Unterstützungsangebote und helfen bei der Organisation der Pflege.
- Kurzzeitpflege: Die Kurzzeitpflege bietet die Möglichkeit, den Menschen mit Demenz für einen begrenzten Zeitraum in einer stationären Einrichtung unterzubringen, z.B. während des Urlaubs der Angehörigen.
Palliativversorgung in der letzten Lebensphase
In der letzten Lebensphase von Menschen mit Demenz rückt die Palliativversorgung in den Vordergrund. Ziel ist es, die Lebensqualität zu erhalten und Leiden zu lindern. Dazu gehört eine umfassende Betreuung, die sowohl körperliche, psychische, soziale als auch spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt.
Belastende Symptome am Lebensende
In den letzten Wochen, Tagen und Stunden können belastende Beschwerden auftreten, die jedoch meist gemildert oder vorbeugend verhindert werden können. Zu den häufigsten Beschwerden gehören:
- Schmerzen: Schmerzen treten häufig auf und sollten frühzeitig erkannt und behandelt werden.
- Luftnot: Luftnot kann sehr belastend und ängstigend sein. Die Behandlung der Ursache ist nicht immer möglich, aber die Schwere der Luftnot kann meist gemildert werden.
- Unruhe und Angst: Besonders am Lebensende kann sich eine starke Unruhe entwickeln. Die engmaschige Begleitung durch vertraute Personen, Berührungen und Massagen oder auch Musik können sehr beruhigend wirken.
- Akute Verwirrtheit: Unter einer Demenz kann es neben den Zeichen der Erkrankung zu einer akuten Verwirrtheit kommen. Auch hier können Schmerzen die Ursache sein.
Sterbeort und Todesursachen
Die meisten Menschen mit Demenz werden zu Hause von den Angehörigen betreut und haben den Wunsch, auch dort zu sterben. Mit Fortschreiten der Erkrankung wird häufiger eine Pflegeeinrichtung das neue Zuhause. Überwiegend versterben die Menschen mit fortgeschrittener Demenz jedoch an den Folgen oder Komplikationen der Demenz. Eine der häufigsten Todesursachen ist die Lungenentzündung (Pneumonie).
Anzeichen des nahenden Todes
Steht der Tod unmittelbar in den nächsten Tagen oder Stunden bevor, können typische Anzeichen auftreten:
- Verändertes Bewusstsein
- Erhöhter Herzschlag und sinkender Blutdruck
- Blasse oder wächserne Hautfarbe
- Veränderte Atmung
- Rasselatmung
Umgang mit dem Tod
Nach dem Tod muss eine Ärztin oder ein Arzt den Tod bestätigen sowie den Totenschein ausfüllen. Nach dem Tod kann die oder der Verstorbene aufgebahrt werden und die Nahestehenden haben Zeit sich zu verabschieden.