Eine Hypertonie, auch bekannt als Bluthochdruck, ist ein bedeutender und vermeidbarer Risikofaktor für die Entstehung von Demenzerkrankungen im Alter. Aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass ein erhöhter Blutdruck nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht, sondern auch die Entwicklung von Demenz begünstigen kann.
Der Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und Demenz
Studien haben gezeigt, dass Menschen mit chronisch erhöhten Blutdruckwerten häufiger an Demenz erkranken. Umgekehrt kann eine erfolgreiche medikamentöse Einstellung des Bluthochdrucks das Demenzrisiko potenziell senken. Eine Anfang 2020 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die erfolgreiche medikamentöse Einstellung eines Bluthochdrucks das Demenz-Risiko um 12 % und das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sogar um 16 % senkt. In Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Pro Jahr kommen schätzungsweise etwa 400.000 Betroffene neu hinzu. Die Demenz kann Ausdruck und Folge verschiedener Erkrankungen sein wie der Alzheimer-Krankheit, der Lewy-Körperchen-Demenz oder Folge gefäßbedingter Schädigungen im Gehirn (z. B. nach Schlaganfall, man spricht dann von vaskulärer Demenz). Mit einem Anteil von 60-70 % ist die Alzheimer-Demenz die häufigste Demenz-Form.
Bluthochdruck: Eine Volkskrankheit
Bluthochdruck ist eine noch viel häufigere Erkrankung. Eine Studie des Robert Koch-Instituts zeigte, dass fast jeder Dritte in Deutschland zu hohe Blutdruckwerte hat, der Anteil steigt mit dem Alter, bei Menschen über 60 Jahren ist es sogar schon jeder Zweite. Viele der Betroffenen merken nichts von ihrer Erkrankung, Bluthochdruck geht häufig völlig ohne Beschwerden einher, oft handelt es sich um einen Zufallsbefund beim Arztbesuch.
Wie Bluthochdruck das Gehirn schädigt
Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass Menschen mit Bluthochdruck häufiger im Alter eine Demenz entwickeln. Eine 2018 veröffentlichte Untersuchung zeigte, dass bereits ein systolischer Blutdruckwert von 130 mm Hg und darüber das Risiko für eine Demenz erhöhen kann, zumindest, wenn der Blutdruck über Monate und Jahre dauerhaft erhöht ist.
Der Grund dafür liegt in den schädlichen Auswirkungen des Bluthochdrucks auf die kleinen Blutgefäße im Gehirn. Nach und nach verschlechtern sich dadurch Durchblutung und Stoffwechsel, was zu einer Abnahme der Gedächtnisleistung führt. Auch bei Alzheimer-Patienten ist die Durchblutung des Gehirns deutlich verringert.
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Prävention durch Blutdrucksenkung
Um Gehirn und Gefäße langfristig gesund zu halten, ist die Senkung von erhöhten Blutdruckwerten also wichtig. Ende 2019 zeigte eine große Metaanalyse, dass die medikamentöse Bluthochdruck-Therapie vor Demenz schützt: Die Patienten, deren Bluthochdruck-Erkrankung behandelt wurde, hatten ein um 12 % geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken.
Substanzklassen von Blutdrucksenkern
Die gleiche Studie untersuchte darüber hinaus, ob bestimmte Substanzklassen von Blutdrucksenkern möglicherweise besser vor einer Demenz schützen als andere. Insgesamt wurden fünf verschiedene Substanzklassen untersucht: ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker, Beta-Blocker, Kalziumkanal-Blocker und Diuretika (sogenannte Wassertabletten). Im Ergebnis zeigte sich, dass der Effekt bei allen Substanzklassen gleich war, es also nicht auf die Substanz, sondern auf die erfolgreiche Blutdrucksenkung ankam.
Die "Insight 46"-Studie
Die „Insight 46“-Studie bestätigt die Ergebnisse nun für jüngere Menschen. Es handelt sich um eine Kohorte von anfangs 5 362 Briten des Jahrgangs 1946, die seit ihrem 36. Lebensjahr regelmäßig befragt und untersucht werden. 502 Teilnehmern (69 bis 71 Jahre) wurden mit MRT und Positronen-Emissionstomografie (PET) untersucht.
Im MRT korrelieren Hirnatrophie und „White Matter Lesions“ (WML) mit den zerebralen Durchblutungsstörungen, die die Kognition beeinträchtigen und Demenzen hervorrufen. Die PET weist zudem Beta-Amyloide als Kennzeichen einer Alzheimererkrankung nach.
Ein Team um Jonathan Schott vom University College London hat nun MRT- und PET-Befunde mit früheren Blutdruckwerten abgeglichen, die im Alter von 36, 43, 53, 60 bis 64 und 69 Jahren gemessen worden waren. Eine Hypertonie mit 53 Jahren und ein stärkerer Anstieg im Jahrzehnt davor korrelierten mit einer größeren WML-Ausdehnung im Alter zwischen 69 und 71.
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Bei der Hirnatrophie zeigt sich dieser Einfluss sogar in noch früheren Jahren. Eine Hypertonie im Alter von 43 Jahren und ein stärkerer Anstieg im Alter von 36 bis 43 ging mit kleineren Hirnvolumen im Alter zwischen 69 und 71 Jahren einher.
Für Schott zeigt das, dass das Alter zwischen 36 und 53 Jahren eine „sensible“ Phase für eine Hypertonie-bedingte demenzielle Entwicklung darstellt. Und es könnte ein Therapiezeitfenster („window of opportunity“) sein, in dem durch eine Blutdruckkontrolle die größte protektive Wirkung gegen eine spätere Demenz erzielt werden kann.
Eine klinische Konsequenz wäre, mit dem Hypertoniescreening nicht erst - wie heute üblich - mit 40 Jahren, sondern früher zu beginnen und gegebenenfalls konsequent zu behandeln.
Die Rolle des Blutdrucks bei verschiedenen Demenzformen
Ein Einfluss des Blutdrucks auf die Amyloid-Ablagerungen in der PET war übrigens nicht erkennbar. Dies spricht dafür, dass der Blutdruck die Entwicklung eines Morbus Alzheimer nicht direkt beeinflusst. Jede Gehirnaktivität verbraucht Sauerstoff, der durch das Blut ins Gehirn gelangt. Der Blutfluss ist dabei genau reguliert - sobald in einer Hirnregion die Aktivität steigt, wird genau dieser Bereich stärker durchblutet. Ist die Regulation des Blutflusses gestört, kann das zu einer vaskulären Demenz führen - einer Erkrankung, die vor allem durch eine Verlangsamung der geistigen Aktivitäten gekennzeichnet ist. Aber auch bei anderen Demenzerkrankungen besteht ein Zusammenhang zwischen Hirndurchblutung und dem Verlauf der Erkrankung.
Blutdruck-Zielwerte und Therapie
Wissenschaftler sind sich einig: Ein normaler Blutdruck schützt definitiv das Gehirn vor einem Schlaganfall. Dementsprechend wird versucht, erhöhte Werte konsequent unter 140/90 mmHg - am besten auf 120/70 mmHg - zu senken. Bereits das medikamentöse Absenken des Blutdrucks um 10 mmHg systolisch und 4 mmHg diastolisch kann das Demenz-Risiko um über zehn Prozent verringern. Und: Je ausgeprägter die Blutdrucksenkung war, desto mehr wurde das Risiko einer Demenz vermindert. Dieser lineare günstige Effekt war bis zu einem Blutdruck von 100/70 mmHg nachweisbar.
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Blutdruckmessung und -kontrolle
Um den Blutdruck effektiv zu kontrollieren und das Demenzrisiko zu senken, ist eine regelmäßige Messung und Überwachung des Blutdrucks unerlässlich. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt, den Blutdruck selbst regelmäßig zu messen. Werden dabei erhöhte Werte festgestellt, es liegen aber keine weiteren Risikofaktoren vor, die eine therapeutische Intervention erfordern, sollte eine Langzeitblutdruckmessung erfolgen, um den Blutdruck therapeutisch zu regulieren, und innerhalb des Jahres eine Nachkontrolle erfolgen. Auch ist es möglich, eine Messwoche pro Monat einzurichten. Bluthochdruckpatienten messen dabei eine Woche lang morgens und abends den Blutdruck. Der Durchschnittswert aus allen Werten der Woche gibt dann Aufschluss, ob der Blutdruck passt.
Maßnahmen bei Bluthochdruckkrise
Sind bei einem merklich erhöhten Wert (über 200/100 mmHg) keine Beschwerden vorhanden oder nur leichte Symptome wie unspezifische Kopfschmerzen oder Schwindel, reicht es oftmals, sich zunächst hinzulegen und Ruhe zu bewahren. Nach etwa 15 bis 30 Minuten sollte der Blutdruck nochmal nachgemessen werden. Meist wird sich der Blutdruck spontan wieder gebessert haben. Nach einer Bluthochdruckkrise sollten Patienten ihren Blutdruck die nächsten Tage besonders sorgfältig überwachen. Bei unverändert hohen Blutdruckwerten sollte man sofort zur Behandlung zum Arzt oder in eine Klinik-Ambulanz.
Hohe Blutdruckwerte von über 180/100 mmHg, die mit Symptomen wie Schmerzen im Brustkorb, Atemnot oder verschwommenes Sehen einhergehen, müssen im Krankenhaus behandelt werden. Im schlimmsten Fall kann es zum Schlaganfall und anderen Hirnkomplikationen (Hirnödem) kommen.
Weitere Risikofaktoren für Demenz
Neben Bluthochdruck gibt es eine Reihe weiterer Risikofaktoren, die das Demenzrisiko erhöhen können. Dazu gehören:
- Erhöhtes Cholesterin
- Anhaltende Niedergeschlagenheit
- Schwere oder wiederholte Kopfverletzungen
- Bewegungsmangel
- Typ-2-Diabetes
- Rauchen
- Übergewicht
- Hoher Alkoholkonsum
- Soziale Isolation
- Feinstaubbelastung
- Unbehandelte Sehschwächen
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