Demenz Netzwerk Uckermark: Stärkung von Betroffenen, Angehörigen und Pflegekräften

Die Diagnose Demenz stellt Betroffene, Angehörige und professionelle Pflegekräfte vor große Herausforderungen. Im Landkreis Uckermark leben mehr als 2500 Menschen mit Demenz, allein in Prenzlau über 500. Das Demenz Netzwerk Uckermark hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität dieser Menschen und ihrer Familien zu verbessern, indem es eine umfassende und vernetzte Versorgung sicherstellt.

Die Belastung der Pflege und die Notwendigkeit der Unterstützung

Pflege kostet Kraft. Wer schon einmal einen alten oder kranken Menschen betreut hat, weiß, wie anstrengend das sein kann. Professionelle Pflegende stehen dabei oft unter besonderem Druck und laufen Gefahr, irgendwann selbst auszubrennen. Nach einer Analyse des AOK-Bundesverbandes sind Pflegekräfte fast doppelt so häufig von Burnout betroffen wie Beschäftigte in anderen Berufen.

Dr. Jürgen Hein, Psychiater und Vorsitzender des Demenznetzwerkes Uckermark, betont: „Wir dürfen uns nicht dem Traum hingeben, Demenz oder Alzheimer heilen zu können. Aber wir können den Verlauf verlangsamen und Fähigkeiten erhalten. Dafür brauchen wir starke Angehörige und starke Pflegekräfte.“

Umso wichtiger ist es, dass auch die Helfenden Unterstützung erfahren. Das Demenznetzwerk Uckermark bietet daher verschiedene Angebote, die darauf abzielen, die Kompetenzen von Angehörigen und Pflegekräften zu stärken und sie vor Überlastung zu schützen.

Workshopreihe: Fallbesprechungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten

Ein wichtiger Baustein der Unterstützung ist die Workshopreihe „Durchführung von Fallbesprechungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten von Menschen mit Demenz“. Geleitet wird die Fortbildung von der Psychologin Christine Ilgert, M.Sc. Ziel ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu vermitteln, wie Teams schwierige Situationen gemeinsam reflektieren und Lösungsstrategien entwickeln können.

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„Diese Fallbesprechungen sind ein wertvolles Mittel, um in belastenden Momenten nicht alleine zu bleiben, sondern im Kollegenkreis einen guten Weg zu finden“, so Hein. Das helfe zugleich den Betroffenen wie den Pflegenden selbst.

Die Veranstaltungen finden im AWO-Seniorenhaus „Thomas Müntzer-Platz“ in Prenzlau statt. Beginn ist am 15. Oktober 2025, weitere Termine folgen am 12. November und 17. Dezember dieses Jahres sowie am 14. Januar 2026. Die Treffen dauern jeweils von 15 bis 18 Uhr. Eine Teilnahme ist nur an der gesamten Reihe möglich, die am Ende mit einem Zertifikat bestätigt wird. Die Kosten für die Teilnahme betragen 160 € für Mitglieder und 200 € für Nichtmitglieder.

Selbstfürsorge und der Netzwerkgedanke

„Selbstvorsorge heißt, nicht bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten, sondern rechtzeitig Pausen einzulegen oder das Gespräch zu suchen“, betont Hein. Denn fällt eine Pflegekraft aus, ist niemandem geholfen. Während es bundesweit neue Ideen wie die kostenlose Online-Schreibtherapie für Burnout-gefährdete Altenpflegekräfte des Universitätsklinikums Leipzig gibt, setzt man in der Uckermark bewusst auf den persönlichen Austausch in kleinen Gruppen - getragen vom Netzwerkgedanken, der seit Jahren das Demenznetzwerk prägt.

Das Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V.: Ein starkes Netzwerk für die Region

Das Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Der Vereinszweck ist die Schaffung einer optimalen Behandlung und Betreuung von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen im Landkreis Uckermark. Das Netzwerk will die an der Versorgung von Menschen mit Demenz beteiligten Akteure fachlich begleiten und deren Zusammenwirken optimieren. Die Netzwerkstruktur bietet die Chance, dass die tägliche Versorgung der Patienten durch die Leistungserbringer koordiniert und effizient in individuellen Behandlungsteams erfolgt.

Das Ziel ist klar: Menschen mit Demenz sollen so lange wie möglich zuhause leben können, betreut und gepflegt durch die Familie. „Dafür brauchen die Erkrankten und ihre Angehörigen multiprofessionelle und gleichzeitig individuelle Unterstützung“, sagt der Psychiater Dr. Jürgen Hein, Mitgründer und Vorsitzender des Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V.

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Die Unterstützung bietet das Netzwerk mit mehr als 45 Partnerinnen und Partnern. Mitglieder sind unter anderem Ärztinnen und Ärzte, Ergo- und Physiotherapeuten, ambulante und stationäre Pflegekräfte, Kliniken für Psychiatrie, Neurologie und Innere Medizin/Geriatrie, Apotheken, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Beratungsstellen und Pflegestützpunkten sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger.

Regionale Gruppen und individuelle Lösungen

Das Demenz-Netzwerk-Uckermark hat vier Regionalgruppen, die sich in den größeren Städten Prenzlau, Templin, Angermünde und Schwedt/Oder im Landkreis Uckermark gegründet haben. In den Regionalgruppen beraten die Mitglieder über die lokalen Versorgungsstrukturen, deren Verbesserung und tauschen sich auf Augenhöhe über ihre Patientinnen und Patienten aus. Gemeinsam entwickeln sie individuelle Lösungen für den Menschen mit Demenz und dessen Angehörige. „Immer mit dem Ziel, die Familien zu stärken und sie dabei zu unterstützen, auf ihre Kräfte zu achten“, sagt Jürgen Hein. „Wenn wir merken, dass es nicht mehr geht mit der ausschließlichen Betreuung zuhause, raten wir den Angehörigen zur Entlastung, beispielsweise durch Tagespflege.“

"Leben und sterben, wo ich hingehöre": Die Bedeutung des Zuhauses

„Leben und sterben, wo ich hingehöre“ - dieses Zitat eines Buchtitels des Psychiaters Klaus Dörner ist für Jürgen Hein wegweisend. Für die älteren Menschen ist es wichtig, zuhause wohnen zu bleiben. Dies gibt ihnen größtmögliche emotionale Kontinuität und Verbindung zu den Wurzeln ihrer Identität. Es sichert die Nutzung ihrer vorhandenen Fähigkeiten in einem vertrauten Rahmen. Hein beschreibt ein Beispiel dafür, wie Alltagsroutine Halt geben kann: „Ich hatte eine Patientin, der hatte ich geraten, in die Tagespflege zu gehen. Und deren Tochter sagte mir: „Das geht nicht. Meine Mutter besucht jeden Mittag den Fleischer, zusammen mit vier, fünf anderen Damen. Sie sitzen da und schwatzen, alle schwer dement, aber diesen Weg finden sie.“

Gesellschaftliche Verantwortung und Bewusstseinswandel

Die Gesellschaft müsse eine höhere Toleranz entwickeln gegenüber dem manchmal auffälligen Verhalten, das die Demenz mit sich bringe, betont Hein. Außerdem müsse ein Bewusstsein dafür entstehen, dass die Betreuung nicht nur in die Hände von Familie oder Pflegeprofis gehöre. Es sei wichtig, dass auch Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft dabei unterstützten. Beispielsweise indem Nachbarn Menschen mit Demenz mal zur Arztpraxis fahren, mit ihnen spazieren gehen oder für sie einkaufen.

Das Demenz-Netzwerk-Uckermark engagiert sich für diesen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft „ohne Moralkeule - eher als freundliche Einladung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, so Hein. Das Wahrnehmen und Versorgen von Menschen mit Demenz dürfe Hein zufolge nicht nur den pflegenden Angehörigen oder Pflegeprofis überlassen werden, sondern müsse eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden. Zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit organisiert das Netzwerk daher unter anderem Veranstaltungen - dieses Jahr beispielsweise zum Thema Alter, Demenz und Führerschein aus rechtlicher und medizinischer Sicht, zusammen mit dem Ordnungsamt des Landkreises Uckermark.

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Frühzeitige Diagnose und der Umgang mit Ablehnung

Es beginnt oft schleichend. Erst sind es die Schlüssel, die nicht mehr gefunden werden, dann werden Termine oder Treffpunkte vergessen und schließlich fehlt die Orientierung im eigenen Wohnzimmer. Was früher als normale Altersvergesslichkeit abgetan wurde, wird heute viel sensibler wahrgenommen. „Die Bereitschaft, sich frühzeitig untersuchen zu lassen, ist gewachsen. Und wir haben heute ganz andere Möglichkeiten, Demenz schon in frühen Stadien zu diagnostizieren“, sagt Dr. Jürgen Hein, Vorsitzender des Demenz-Netzwerks Uckermark e.V. und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Prenzlau.

Doch was passiert, wenn Menschen mit Demenz Hilfe brauchen, diese aber vehement ablehnen? Wenn das Recht auf Selbstbestimmung und die Pflicht zur Fürsorge unlösbar scheinen? Für Hein ist klar: „Das ist kein Spezialproblem der Uckermark. Diese Fragen stellen sich überall in Deutschland - vom Dorf in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern bis in die Großstadt Berlin.“

Ethische Fragen und moralische Konflikte

Ein Beispiel, das sich überall so abspielen könnte: Eine 77-jährige Frau, verwitwet, dement, Pflegestufe vier. Ihre Töchter haben ihr hoch und heilig versprochen, dass sie bis zum Lebensende in ihrem Zuhause bleiben darf. Doch mit nächtlichen Orientierungsstörungen und gefährlichen Situationen im Haushalt wird das Versprechen für die Familie zur Zerreißprobe. „Irgendwann geraten Angehörige in einen moralischen Konflikt, in dem sie sich zwischen Loyalität, Schuldgefühlen und ihrer eigenen Überlastung aufreiben“, so Hein.

Für Dr. Hein sind solche Situationen Paradebeispiele dafür, dass ethische Fragen selten eindeutige Antworten liefern. „Moralische Entscheidungen sind kein Kochrezept. Es geht immer um das Aushandeln von Perspektiven.“ Er erinnert an Immanuel Kants Grundsatz, den Menschen niemals als bloßes Mittel zum Zweck zu behandeln. „Aber was, wenn das Festhalten an diesem Prinzip andere Menschen krank macht?“

Hier beginnt das ethische Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge. „Die Selbstbestimmung eines Menschen endet dort, wo sie das Leben und die Gesundheit anderer gefährdet“, erklärt Hein. Im Fall der alten Dame bedeute das: Natürlich dürfe sie den Wunsch äußern, zu Hause zu bleiben. Aber wenn sie die Gefahren - etwa das Einschalten eines Föhns in der Badewanne - nicht mehr erfassen kann, verliert ihr Wille an Gewicht.

Hein betont: „Wir dürfen nicht der Illusion verfallen, dass es in solchen Fällen ein klares Richtig oder Falsch gibt. Es geht um Abwägen, um Zuhören, um gemeinsames Ringen um eine Lösung.“

Fürsorge als gesellschaftliche Haltung

Gerade in einer alternden Gesellschaft wie Deutschland ist laut Hein Fürsorge keine Frage von Paragraphen, sondern eine gesellschaftliche Haltung. „Es geht um dieses kleine Wort: Kümmern. Das fängt an der Supermarktkasse an, wenn wir jemandem helfen, der nicht mehr weiß, wo die Brötchen liegen, und hört in der Altenpflege noch lange nicht auf.“

Hein warnt vor einer Gesellschaft, die sich hinter dem Schlagwort der Selbstbestimmung versteckt. „Manchmal ist es auch eine moralische Unterlassungssünde, wenn wir uns nicht kümmern, weil wir sagen: Das muss er oder sie selbst entscheiden.“ Dabei sei Hilfeleistung kein Zwang, sondern eine Einladung zum Mitgestalten.

Unterstützung für Angehörige und die Bedeutung von Netzwerken

Wichtig sei auch, dass Angehörige wissen: Sie müssen solche Entscheidungen nicht allein treffen. Beratungsstellen, Netzwerke und Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung an. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Prenzlau ist unter der Telefonnummer 03984 833655 erreichbar.

Die Netzwerkarbeit und ihre Auswirkungen auf die Patientenversorgung

Da die Zahl demenzkranker Menschen in den kommenden Jahren weiter steigen wird, wird auch ihre Versorgung an Bedeutung zunehmen. In sogenannten Demenznetzwerken haben sich verschiedene Akteure zusammengeschlossen, die an der Behandlung der Demenzkranken beteiligt sind: neben Haus- und Fachärzten auch Kliniken oder Ergotherapeuten.

Im Vordergrund der Netzwerkarbeit steht die Gestaltung und Pflege der Kommunikation zwischen den Akteuren in der täglichen Versorgung. Zudem wurden Behandlungspfade geschaffen, die den Patienten den Weg durch die Versorgung ebnen. Wenn ein Verdacht auf Demenz vorliegt, führt der Hausarzt zum Beispiel ein Screening durch. Sind die Ergebnisse positiv, fasst er die Daten zusammen und überweist den Patienten zum Facharzt. Dort wird eine erweiterte Diagnostik vorgenommen.

Ist die Diagnose klar, erhält der Patient einen Termin bei der Demenzberatung, später zum Beispiel beim Ergotherapeuten. Ist die Diagnose unklar, wird er zur weiteren Abklärung in eine der Kliniken überwiesen. Für jeden Patienten gibt es ein virtuelles Behandlungsteam. Hat zum Beispiel der Ergotherapeut eine Frage zum Patienten, kann er direkt bei dessen Hausarzt anrufen. Oder stellt der ambulante Pflegedienst eine psychische Auffälligkeit fest, erfährt der Hausarzt sofort davon. Manchmal ist die Ursache dann schnell klar, zum Beispiel eine Neigung zu Entzündungen.

Beim Erstkontakt wird zudem eine umfangreiche Verhaltensanamnese durchgeführt, deren Ergebnisse dem gesamten Behandlungsteam zur Verfügung stehen. So erfährt der Ergotherapeut zum Beispiel auch davon, welche Musik der Patient gerne hört oder was er gerne isst und kann darauf reagieren. Eine gute Versorgung erfordert einen schnellen Informationsfluss. Das ist das A und O.

Patienten, die von Netzwerkakteuren betreut werden, profitieren von zielgenauen Interventionen der verschiedenen Fachgruppen. Dadurch können typisch negative Entwicklungen wie krisenhafte Zuspitzungen abgefangen werden. So wird ein längerer Verbleib in der Häuslichkeit ermöglicht, und die Belastung der pflegenden Angehörigen als ein noch oft unterschätzter Prognoseparameter kann reduziert werden.

Herausforderungen und zukünftige Perspektiven

Die Anzahl der Demenzkranken in Deutschland wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter ansteigen. Aus der Versorgungsperspektive besteht das Hauptproblem in der Frage: Wer wird die Pflege der Menschen mit Demenz leisten? Einfache Hochrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung und die Realität der Pflegedienste vor Ort zeigen, dass der Menge der zu pflegenden Menschen in der Relation immer weniger Pflegende gegenüberstehen werden. Es ist bereits jetzt schwierig, genügend qualifiziertes Personal für die entstehenden Einrichtungen zu finden.

Das Gesundheitswesen muss seine Effizienz steigern. Damit die Ressourcen für möglichst viele Patienten reichen, muss im Bereich der professionellen Hilfe also der Maßstab angelegt werden: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich Hilfe zu leisten, um die bestehenden familiären und sozialen Systeme der Menschen mit Demenz zu stabilisieren.

In diesem Zusammenhang wird der entscheidende gesellschaftliche Wandel darin bestehen, dass die Delegation der Altenpflege an Institutionen nur noch begrenzt möglich sein wird und dass das soziale Umfeld diese Aufgabe von den Institutionen wieder zurück übernehmen muss. Dieser geradezu paradigmatische Wechsel der Auffassung der Aufgabenverteilung in der Fürsorge und Pflege der älteren Menschen allgemein und insbesondere der Menschen mit Demenz wird eine große Herausforderung sein.

Die Bedeutung der Zusammenarbeit und der Unterstützung durch den Landkreis

Eine wichtige Erfahrung des Demenz-Netzwerks Uckermark war die Teilnahme an zwei Förderprogrammen des Bundesgesundheitsministeriums: das „Leuchtturmprojekt Demenz“ und die „Zukunftswerkstatt Demenz“. Dies hat unter anderem gelehrt, dass die Zusammenarbeit mit den kommunalen Verantwortungsträgern, insbesondere der Kreisverwaltung, vertieft werden muss.

Dank der Förderung der Wohlfahrtspflege durch den Landkreis erhält das Netzwerk eine finanzielle Unterstützung, die es ermöglicht, die Schreibtischarbeit und die Organisation im Hintergrund zu professionalisieren.

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