Plötzliche Besserung bei Demenz: Ursachen, Umgang und Perspektiven

Demenz ist ein fortschreitender Abbau der geistigen Fähigkeiten, der sich in verschiedenen Stadien manifestiert. Der Verlauf ist individuell, aber plötzliche Veränderungen, sowohl Verschlechterungen als auch scheinbare Besserungen, können auftreten und werfen Fragen auf. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für plötzliche Besserungen bei Demenz, gibt Hinweise zum Umgang mit solchen Situationen und zeigt Perspektiven für Betroffene und Angehörige auf.

Demenz: Einteilung in Stadien und individueller Verlauf

Demenzerkrankungen werden in Stadien eingeteilt, um den Verlauf besser zu verstehen und zu beschreiben. Die Stadieneinteilung ermöglicht den Vergleich verschiedener Fälle, die Verfolgung des Fortschritts und die Bewertung der Wirksamkeit von Behandlungen. Sie hilft bei der Prognose, erleichtert die Kommunikation und ermöglicht die Anpassung der Therapie.

Die Einteilung erfolgt anhand von Kriterien wie kognitiven Fähigkeiten, Alltagsfähigkeiten, Verhalten und psychischen Symptomen. Häufig verwendete Skalen sind die Reisberg-Skala und die Global Deterioration Scale (GDS). Der Verlauf ist jedoch individuell sehr unterschiedlich, und nicht jeder Erkrankte durchläuft alle Stadien. Auch können sich die Symptome zwischen den verschiedenen Demenzformen unterscheiden. Dennoch gelten bei einem Großteil aller Demenzkranken Gemeinsamkeiten, die sich in vier Stadien zusammenfassen lassen:

  • Leichte Demenz (frühes Stadium): Leichte Vergesslichkeit, Schwierigkeiten bei komplexen Aufgaben, Probleme mit der räumlichen Orientierung. Der Alltag kann meist noch selbstständig bewältigt werden, jedoch mit gelegentlicher Unterstützung. Stimmungsschwankungen und Rückzug aus sozialen Aktivitäten können auftreten.
  • Mittlere Demenz: Deutlichere kognitive Veränderungen, Gedächtnisstörungen, Wortfindungsstörungen und Orientierungslosigkeit. Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben wie Kochen, Einkaufen oder Körperhygiene ist notwendig. Zunehmend Stimmungsschwankungen, Ängste und Reizbarkeit.
  • Schwere Demenz: Stark eingeschränkte kognitive Fähigkeiten, manchmal Unfähigkeit, sich an Familienmitglieder zu erinnern. Vollständige Abhängigkeit von Pflege und Versorgung. Rückzug und Apathie.
  • Sehr schwere Demenz (Endstadium): Vollständiger Verlust der kognitiven Fähigkeiten, fehlende Kommunikationsfähigkeit, Bettlägerigkeit und absolute Hilfsbedürftigkeit. Körperliche Beschwerden wie Schluckstörungen, Inkontinenz und zunehmende körperliche Schwäche.

Plötzliche Verschlechterungen bei Demenz

Unter plötzlichen Verschlechterungen versteht man eine akute Veränderung des Verhaltens oder der kognitiven Fähigkeiten eines Menschen mit Demenz. Diese können sich äußern in:

  • Verwirrtheit und Desorientierung
  • Psychischen Problemen wie Ängsten, Unruhe und Aggressivität
  • Schlafstörungen
  • Veränderungen im Essverhalten
  • Körperlichen Beschwerden wie Fieber, Infekte oder Schmerzen

Ursachen für plötzliche Verschlechterungen

Plötzliche Veränderungen bei Demenzkranken können verschiedene Ursachen haben:

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  • Infektionen: Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen können den Gesundheitszustand verschlechtern.
  • Schmerzen: Oft spät erkannt und behandelt, äußern sie sich in Verhaltensänderungen.
  • Dehydration: Flüssigkeitsmangel kann zu Verwirrtheit führen.
  • Veränderungen: Umzüge oder andere Veränderungen können Unruhe und Desorientierung auslösen.

Es sollten also sowohl körperliche als auch psychische Symptome abgeklärt werden.

Unerwartete Besserungen: Ein Hoffnungsschimmer?

Während der Verlauf einer Demenz in der Regel durch einen kontinuierlichen Abbau gekennzeichnet ist, berichten Angehörige und Pflegekräfte manchmal von Phasen, in denen sich der Zustand des Betroffenen scheinbar verbessert. Diese "lichten Momente" können sich in unterschiedlicher Form zeigen:

  • Klarere Kommunikation: Plötzlich können sich Betroffene wieder besser verständigen, klarere Sätze formulieren oder sich an Details aus der Vergangenheit erinnern.
  • Verbesserte Orientierung: Die räumliche und zeitliche Orientierung scheint sich kurzzeitig zu verbessern. Betroffene erkennen ihre Umgebung wieder, wissen, welcher Tag ist, oder können sich an Ereignisse erinnern, die kurz zuvor vergessen schienen.
  • Gesteigerte Aktivität: Betroffene zeigen mehr Interesse an ihrer Umgebung, sind aktiver, unternehmen etwas oder beteiligen sich wieder an Gesprächen.
  • Verbesserte Stimmung: Eine positive Veränderung der Stimmungslage kann ebenfalls beobachtet werden. Betroffene wirken fröhlicher, ausgeglichener und weniger ängstlich oder reizbar.

Mögliche Ursachen für plötzliche Besserungen

Die Gründe für diese unerwarteten Besserungen sind vielfältig und nicht immer eindeutig zu identifizieren. Einige mögliche Erklärungen sind:

  • Medikamentöse Anpassung: Eine Anpassung der Medikation kann in manchen Fällen zu einer vorübergehenden Verbesserung der Symptome führen.
  • Behandlung einer Begleiterkrankung: Die Behandlung einer Infektion, von Schmerzen oder anderen körperlichen Beschwerden kann sich positiv auf den kognitiven Zustand auswirken.
  • Reduktion von Stressfaktoren: Stress kann sich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken. Eine Reduktion von Stressfaktoren, wie z.B. eine ruhigere Umgebung oder eine vertraute Bezugsperson, kann zu einer vorübergehenden Besserung führen.
  • Sensorische Stimulation: Aktivierung der Sinne, zum Beispiel durch Musik, Düfte oder Berührungen, kann positive Effekte haben.
  • Erinnerungsarbeit: Das Wecken von Erinnerungen durch Fotos, Musik oder Gespräche über die Vergangenheit kann positive Emotionen auslösen und die Kommunikation fördern.
  • Tageszeitliche Schwankungen: Bei manchen Demenzformen, wie z.B. der Lewy-Körperchen-Demenz, können die Symptome im Tagesverlauf stark schwanken.
  • Spontane Remission: In seltenen Fällen kann es zu einer spontanen Remission kommen, bei der sich die Symptome ohne erkennbare Ursache vorübergehend bessern.
  • Klare Momente: Es gibt auch die Theorie der "klaren Momente", bei denen das Gehirn des Betroffenen für kurze Zeit wieder besser funktioniert.

Umgang mit plötzlichen Veränderungen

Pflegende Angehörige sollten bei plötzlichen Veränderungen ruhig bleiben und eine vertraute Umgebung schaffen. Gewohnte Strukturen und Routinen verleihen Sicherheit. Das Führen eines Pflegetagebuchs ist generell sinnvoll, um Symptome und Veränderungen zu notieren. In beiden Fällen sollte der Hausarzt oder Facharzt hinzugezogen werden. Die Zuordnung von Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten gehört in fachkundige Hände. Hilfreich ist das Mitteilen von Beobachtungen.

Was tun bei einer plötzlichen Besserung?

  • Freude zeigen und den Moment genießen: Es ist wichtig, die positiven Veränderungen anzuerkennen und die Zeit mit dem Betroffenen bewusst zu genießen.
  • Die Ursache erforschen: Versuchen Sie, die Ursache für die Besserung zu identifizieren. Gab es eine Veränderung in der Medikation, der Umgebung oder der Betreuung?
  • Ärztliche Rücksprache: Informieren Sie den behandelnden Arzt über die Besserung. Er kann beurteilen, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind.
  • Realistische Erwartungen: Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu haben und sich bewusst zu sein, dass die Besserung möglicherweise nur vorübergehend ist.
  • Dokumentation: Dokumentieren Sie die Veränderungen im Verhalten und den kognitiven Fähigkeiten, um dem Arzt ein genaues Bild zu vermitteln.

Die Bedeutung der Pflege und Betreuung

Eine plötzliche Verschlechterung geht immer mit einem höheren Bedarf im Bereich der Pflege und Versorgung einher. Pflegende Angehörige sollten möglichst früh darüber nachdenken, sich professionell unterstützen zu lassen.

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Professionelle Unterstützung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der professionellen Unterstützung:

  • 24-Stunden-Betreuung: Betreuungskräfte mit Know-how und Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken können eine vorzeitige Unterbringung im Pflegeheim verhindern und Angehörige entlasten.
  • Ambulante Dienste: Sie bieten Unterstützung bei der Körperpflege, der Medikamentengabe und anderen Aufgaben.
  • Tagespflege: Sie ermöglicht Demenzkranken, den Tag in einer Gruppe zu verbringen und soziale Kontakte zu pflegen.
  • Selbsthilfegruppen: Sie bieten Angehörigen die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und Unterstützung zu finden.

Symptomlinderung in der letzten Lebensphase

In den letzten Wochen, Tagen und Stunden können belastende Beschwerden auftreten. Diese können meist gemildert oder vorbeugend verhindert werden.

Belastende Symptome

  • Schmerzen: Treten häufig auf und werden oft nicht erkannt. Ursachen können Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Zahnschmerzen, Harnblasenentzündungen oder Verstopfung sein. Die Einschätzung und Behandlung sind schwierig. Schon kleine Verhaltensänderungen können Hinweise auf Schmerzen sein. Zur Behandlung können Schmerzmittel eingesetzt werden. Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Ergotherapie oder Physiotherapie können Schmerzen mindern.
  • Infekte: Das Immunsystem ist geschwächt. Insbesondere in der Phase der fortgeschrittenen Demenz erleben die Betroffenen immer wieder Infekte, die mit Fieber verbunden sein können. Häufig sind es Infekte der Lunge bis hin zu Lungenentzündungen, die mit Luftnot einhergehen können. Auch Harnwegsinfekte kommen häufig vor und können starke Schmerzen auslösen.
  • Luftnot: Kann sehr belastend und ängstigend sein. Sie tritt besonders häufig am Lebensende auf und wird oft nicht erkannt. Die Ursachen und damit verbundene Behandlungsoptionen sind vielfältig. Eine Infektion der Lunge, eine Blutarmut oder weitere Erkrankungen können Ursache der Luftnot sein.
  • Unruhe und Angst: Besonders am Lebensende kann sich eine starke Unruhe entwickeln. Diese kann sich durch starke körperliche Unruhe mit immer wiederkehrenden Bewegungen zeigen. Die Menschen versuchen eventuell immer wieder aufzustehen und drohen dabei durch fehlende Kraft zu stürzen. Ein unruhiges Verhalten kann ein Zeichen für Schmerzen sein, bei gut behandelten Schmerzen verschwindet die Unruhe dann wieder.

Angst kann ebenfalls Unruhe auslösen. Die engmaschige Begleitung durch vertraute Personen, Berührungen und Massagen oder auch Musik können sehr beruhigend wirken und Medikamente verzichtbar machen.

Sterbeort und Todesursachen

Die meisten Menschen mit Demenz werden zu Hause von den Angehörigen betreut sowie versorgt und haben den Wunsch, auch dort zu sterben. Mit Fortschreiten der Erkrankung wird häufiger eine Pflegeeinrichtung das neue zu Hause.

Menschen mit fortgeschrittener Demenz versterben an unterschiedlichen Ursachen. Sie können wie andere Menschen auch, an einer Erkrankung versterben, die nicht mit der Demenz in Verbindung steht. Überwiegend versterben die Menschen mit fortgeschrittener Demenz jedoch an den Folgen oder Komplikationen der Demenz. Eine der häufigsten Todesursachen ist die Lungenentzündung (Pneumonie).

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Die letzte Lebensphase und Sterbephase

In den letzten Lebensmonaten kommt es bei Menschen mit Demenz meist zu einer starken Verschlechterung des Zustandes und zunehmenden Einschränkungen. Oft haben die Betroffenen häufige Infekte, die sie weiter schwächen. Sie sind zunehmend abhängig von der Unterstützung anderer.

Steht der Tod unmittelbar in den nächsten Tagen oder Stunden bevor, können typische Anzeichen auftreten:

  • Verändertes Bewusstsein
  • Erhöhter Herzschlag, sinkender Blutdruck
  • Blasse oder wächserne Hautfarbe
  • Veränderte Atmung

Trauerphase

Der Tod einer oder eines Nahestehenden ist mit tiefen Emotionen verbunden. Jeder Mensch trauert auf seine eigene Weise und erlebt eine unterschiedlich intensive oder lange Phase der Trauer. Hinterbliebene müssen nicht allein mit ihrer Trauer bleiben, vielen hilft es sich mit anderen darüber auszutauschen. Hospizdienste bieten Unterstützung in dieser Lebensphase an.

Demenzformen und ihre Besonderheiten

Rund 80 Prozent aller Demenzen werden durch Krankheiten des Gehirns hervorgerufen, bei denen Nervenzellen allmählich verloren gehen. Die Alzheimer-Krankheit ist mit 60-70 Prozent aller Fälle die häufigste Erkrankung. Daneben sind vaskuläre (gefäßbedingte) Demenzen, die Lewy-Körperchen-Krankheit, die Demenz bei Morbus Parkinson sowie die Frontotemporale Demenz am häufigsten.

  • Alzheimer-Demenz: Degenerative Erkrankung des Gehirns, bei der Nervenzellen irreversibel zerstört werden. Charakteristisch ist ein schleichender Beginn mit Gedächtnislücken, Stimmungsschwankungen und Sprachschwierigkeiten.
  • Vaskuläre Demenz: Entsteht infolge von Durchblutungsstörungen des Gehirns, die zum Absterben von Nervengewebe führen. Die Symptome ähneln denen der Alzheimer-Demenz, oftmals kommen jedoch körperliche Beschwerden hinzu.
  • Lewy-Körperchen-Demenz: Ähnelt der Alzheimer-Krankheit, aber mit starken Schwankungen der geistigen Leistungsfähigkeit, optischen Halluzinationen und leichten Parkinsonsymptomen.
  • Demenz bei Morbus Parkinson: Kann im späten Stadium der Parkinson-Krankheit auftreten.
  • Frontotemporale Demenz: Betrifft vor allem das Verhalten und die Persönlichkeit.

Neue Therapieansätze bei Alzheimer

Seit diesem Jahr stehen zwei Antikörper zur ursächlichen Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz zur Verfügung. Ursächlich bedeutet: Sie bauen aktiv Amyloid-Plaques ab. Das sind Eiweißablagerungen im Hirn, die bei der Entstehung der Krankheit eine zentrale Rolle spielen.

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