Demyelinisierende Schädigung der Zehen: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Die demyelinisierende Schädigung der Zehen, oft im Zusammenhang mit Polyneuropathie (PNP) auftretend, ist ein komplexes Krankheitsbild, das durch Schädigungen an den peripheren Nerven verursacht wird. Diese Nerven sind für die Weiterleitung von sensorischen Informationen wie Temperatur, Schmerz und Berührung sowie für die Steuerung der Muskeln und die Funktion der inneren Organe zuständig. Die Erkrankung kann verschiedene Ursachen haben und sich durch vielfältige Symptome äußern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der demyelinisierenden Schädigung der Zehen.

Das periphere Nervensystem und seine Bedeutung

Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst alle Nerven, die außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS) liegen, also außerhalb des Schädels und des Wirbelkanals. Funktionell ist das PNS jedoch eng mit dem ZNS verbunden. Es leitet Impulse vom Gehirn und Rückenmark zu den Organen und Geweben und ermöglicht so physiologische Reaktionen. Das PNS besteht aus zwei Hauptanteilen:

  • Somatisches Nervensystem: Steuert willkürliche Bewegungen und Reflexe. Die meisten Polyneuropathien betreffen Nerven dieses Systems.
  • Autonomes Nervensystem: Reguliert unbewusst die Funktion der inneren Organe.

Was ist eine Polyneuropathie?

Polyneuropathie (PNP) ist ein Oberbegriff für Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die mehrere Nerven betreffen. Je nach Ursache können motorische, sensible oder vegetative Nerven betroffen sein. Die Schädigung kann die Isolationsschicht der Nerven (Myelin) oder den Zellfortsatz (Axon) selbst betreffen. Die Symptome sind vielfältig und hängen von den betroffenen Nervenfasern und Körperregionen ab. Schätzungsweise erkranken etwa drei bis acht Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer PNP.

Ursachen der Polyneuropathie

Es gibt mehr als 200 bekannte Auslöser für Polyneuropathien. Die häufigsten Ursachen sind:

  • Erworbene Polyneuropathie: Entwickelt sich als Folge einer anderen Erkrankung oder durch externe Faktoren.
    • Diabetes mellitus: Schädigt die kleinen Gefäße, die die peripheren Nerven versorgen (diabetische Polyneuropathie). Diese beginnt oft in den Zehen und Füßen und ist durch Taubheitsgefühle und ein herabgesetztes Schmerz- und Temperaturempfinden gekennzeichnet.
    • Alkoholische Polyneuropathie: Chronischer Alkoholkonsum führt zu nervenschädigenden Wirkungen.
    • Critical-illness-Polyneuropathie: Das Immunsystem schädigt die Nerven des peripheren Nervensystems als Fehlreaktion, z. B. bei langwierigen intensivmedizinischen Behandlungen.
  • Angeborene Polyneuropathie: Relativ selten; basieren auf vererbbaren Krankheiten wie Enzymdefekten oder veränderten Proteinen.

Weitere mögliche Ursachen sind:

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  • Toxine (Alkohol, Medikamente, andere Giftstoffe)
  • Infektionskrankheiten (Mononukleose, Borreliose, AIDS)
  • Krebserkrankungen (als paraneoplastisches Syndrom oder Nebenwirkung der Chemotherapie)
  • Vitaminmangel (B1, B12, E)
  • Nierenerkrankungen
  • Lebererkrankungen
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Vaskulitis
  • Amyloidose
  • Vergiftungen (Cadmium, Thallium, Blei, Quecksilber)
  • Spinale Stenose im Bereich der Lendenwirbelsäule

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen von den betroffenen Nervenfasern ab:

  • Sensible Beschwerden:
    • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen in Fingern, Händen, Zehen und Füßen
    • Fehlempfindungen (pelziges Gefühl, Jucken, Brennen, Stechen)
    • Schmerzlose Wunden
    • Verfälschte Temperaturwahrnehmung
    • Extreme Schmerzen bei leichten Berührungen
  • Motorische Beschwerden:
    • Muskelzuckungen und -krämpfe
    • Muskelschwäche und -lähmungen
    • Schwindende Muskelmasse
    • Ermüdung
  • Autonome Beschwerden:
    • Übermäßiges oder vermindertes Schwitzen
    • Ohnmachts- und Schwindelanfälle
    • Herzrasen oder zu langsamer Herzschlag
    • Schluckbeschwerden
    • Völlegefühl, Verstopfung oder Durchfall
    • Erschwertes oder ungewolltes Wasserlassen
    • Wassereinlagerungen und Hautveränderungen an den Füßen
    • Erektionsstörungen
    • Fehlende Pupillenbewegungen

Demyelinisierende Polyneuropathie

Bei der demyelinisierenden Polyneuropathie zerfällt die Isolationsschicht (Myelin) um die Nervenfasern, was die Weiterleitung elektrischer Impulse stört. Dies kann zu Muskelschwäche, Taubheitsgefühlen und Koordinationsproblemen führen.

Diagnose der demyelinisierenden Schädigung der Zehen

Die Diagnose einer Polyneuropathie erfordert Erfahrung und eine sorgfältige Anamnese und Untersuchung.

Anamnese

Der Arzt wird Sie nach Ihrer medizinischen Vorgeschichte, der Art, Intensität und Dauer der Beschwerden sowie nach möglichen Ursachen (z. B. Diabetes, Alkoholkonsum, Medikamenteneinnahme) befragen. Auch die berufliche Tätigkeit, Ernährungsweise und Stressfaktoren sind wichtige Anhaltspunkte.

Klinische Untersuchung

Der Neurologe prüft die Funktion der Nerven, z. B. durch:

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  • Testen von neurologischen Reflexen
  • Feststellen von motorischen oder sensorischen Defiziten
  • Prüfen des Schmerz- und Temperaturempfindens
  • Untersuchung des Lageempfindens
  • Vibrationsprüfung mit einer Stimmgabel
  • Koordinations- und Gleichgewichtsübungen

Technische Untersuchungen

  • Blutuntersuchung: Zum Ausschluss von Infektionen, Mangelerscheinungen, Stoffwechselstörungen und anderen Erkrankungen.
  • Elektroneurografie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Schädigungen der Nerven und demyelinisierende Erkrankungen festzustellen.
  • Elektromyografie (EMG): Messung der Muskelaktivität, um Schäden an den Nerven, die die Muskeln versorgen, zu erkennen.
  • Bildgebende Verfahren (MRT, CT): Zum Ausschluss von Erkrankungen der Gelenke, Wirbelsäule oder Tumoren.
  • Nerven-Muskel-Biopsie: Entnahme einer Gewebeprobe zur Untersuchung unter dem Mikroskop.
  • Liquoruntersuchung: Untersuchung des Nervenwassers, um entzündliche Ursachen auszuschließen.

Untersuchung des Vibrationsempfindens mit der Stimmgabel

Die massive Metall-Stimmgabel nach Rydel und Seiffer hat eine Frequenz von 128 Hz, die durch zwei aufschraubbare Metallblöcke auf 64 Hz reduziert ist. Auf den Metallblöcken befinden sich zwei spitzwinklige Dreiecke, die sich beim Schwingen der Gabel überschneiden und mit Hilfe einer Skala mit acht Unterteilungen erlauben, die Stärke der Schwingung zu ermitteln, bis zu der der Patient die Vibration noch wahrnimmt. Während der Schwingung wandert ein virtuelles Dreieck von 0/8 nach 8/8. Normal ist bis zum 50. Lebensjahr bis 6/8, über dem 50. Lebensjahr bis 5/8. Bei geringerer oder fehlender Wahrnehmung besteht der Verdacht einer Polyneuropathie.

Untersuchung mit dem Monofilament nach Semmes-Weinstein

Dabei handelt es sich um einen Nylonfaden, der durch Verbiegen einen definierten Druck von 0,1 Newton ausübt. Das Filament wird z. B. auf den Fußballen zwischen dem ersten und zweiten Zehengrundgelenk aufgesetzt. Der Patient wird zunächst aufgefordert, die Augen zu schließen und die Lokalisation der Berührung anzugeben. Bei fünf Berührungspunkten sollten mindestens drei korrekt angegeben werden.

Therapie der demyelinisierenden Schädigung der Zehen

Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache und dem Beschwerdebild.

Ursachenspezifische Therapie

  • Diabetes mellitus: Optimale Blutzuckereinstellung.
  • Alkoholismus: Alkoholverzicht und Vitamin-B1-Verabreichung.
  • Infektionen: Behandlung mit Antibiotika (z. B. bei Borreliose).
  • Medikamente: Umstellung der Therapie, falls Medikamente die Ursache sind.
  • Umweltgifte: Meiden des Kontakts mit den entsprechenden Substanzen.
  • Autoimmunerkrankungen: Immunmodulierende Therapien (z. B. Immunglobuline, Plasmaaustausch).
  • Vitaminmangel: Ausgleich des Mangels durch entsprechende Präparate

Symptomatische Therapie

  • Schmerztherapie:
    • Pregabalin oder Gabapentin
    • Duloxetin oder Amitriptylin
    • In schweren Fällen Opioide
    • Lidocain-Pflaster bei lokalisierten Schmerzen
    • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
    • Medizinisches Cannabis (in bestimmten Fällen)
  • Physio- und Ergotherapie: Stärkung geschwächter Muskelgruppen, Verbesserung der Koordination und Feinmotorik.
  • Medizinische Fußpflege: Regelmäßige Pflege zur Vermeidung von Verletzungen und Entzündungen.

Weitere Maßnahmen

  • Regelmäßige Bewegung: Fördert die Durchblutung und Regeneration der Nerven.
  • Ausgewogene Ernährung: Versorgung des Körpers mit allen notwendigen Nährstoffen.
  • Vermeidung von Alkohol: Bei alkoholbedingter Polyneuropathie.
  • Hilfsmittel: Gehhilfen, Rollstühle zur Unterstützung der Mobilität.
  • Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen.

Tipps für den Alltag

  • Achten Sie auf kleine, häufigere Mahlzeiten, um Völlegefühl und Übelkeit vorzubeugen.
  • Nehmen Sie viel Flüssigkeit und ballaststoffreiche Lebensmittel zu sich, um Verstopfungen entgegenzuwirken.
  • Wählen Sie eine Schlafposition mit erhobenem Oberkörper und tragen Sie auch nachts Stützstrümpfe, um Schwindelgefühle beim Aufstehen zu reduzieren.
  • Testen Sie warme, kalte oder Wechselbäder, um Schmerzen und Fehlempfindungen zu lindern. Auch warme oder kalte Umschläge können eine wohltuende Wirkung haben.
  • Gewöhnen Sie sich einen routinemäßigen Gang zur Toilette alle drei Stunden an, um einem veränderten Harndrang zu begegnen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden.
  • Lassen Sie sich bei Erektionsstörungen oder trockener Vaginalhaut ärztlich beraten. Eine Vakuumpumpe oder Gleitmittel können hier sehr hilfreich sein.
  • Entfernen Sie Stolperfallen und schaffen Sie eine barrierefreie Umgebung, um die Sturzgefahr zu mindern.

Prognose

Die Heilungschancen einer Polyneuropathie hängen von der Ursache, dem Zeitpunkt der Diagnose und dem Ausmaß der Nervenschädigung ab. Einige Polyneuropathien können geheilt werden, während andere einen chronischen Verlauf haben. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität zu verbessern. Polyneuropathien beeinflussen für gewöhnlich die Lebenserwartung nicht direkt, jedoch kann die Lebensqualität durch Symptome wie Schmerzen, verminderte Mobilität und die damit verbundene erhöhte Sturzgefahr eingeschränkt sein.

Rehabilitation

Ein Reha-Aufenthalt kann eine sinnvolle Ergänzung zur Therapie sein, insbesondere wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben. Physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sind als langfristige Behandlungen am effektivsten.

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