Einführung
Eric Kandel, ein amerikanischer Neurowissenschaftler österreichischer Herkunft, erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine bahnbrechenden Forschungen zum Gedächtnis. Seine Arbeit hat unser Verständnis davon, wie das Gehirn lernt, erinnert und wie diese Prozesse durch biochemische Veränderungen beeinflusst werden, grundlegend verändert. Dieser Artikel beleuchtet Kandels Leben, seine wissenschaftlichen Beiträge und seine Sicht auf die Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wobei die Schwerpunkte auf seinen Wiener Wurzeln und seinem bleibenden Einfluss liegen.
Kindheit in Wien und Flucht vor dem Nationalsozialismus
Eric Kandel wurde 1929 in Wien geboren. Seine Kindheit wurde jedoch von den zunehmenden antisemitischen Übergriffen überschattet. Die Pogromnacht im Jahr 1938 und die darauffolgenden Ereignisse zwangen seine Familie zur Flucht. 1939 emigrierte er zusammen mit seinem Bruder in die Vereinigten Staaten, während seine Eltern einige Monate später folgten. Diese traumatischen Erfahrungen prägten Kandels Interesse am menschlichen Geist und den Mechanismen des Erinnerns und Vergessens nachhaltig.
Studium und Hinwendung zur Neurobiologie
In den USA angekommen, studierte Kandel zunächst europäische Geschichte und Literatur an der Harvard University. Ein Stipendium ermöglichte ihm dieses Studium. Doch das Interesse einer Kommilitonin an der Psychoanalyse weckte in ihm das Interesse an der Psychiatrie. Er begann mit 23 Jahren ein Studium an der New York University. Dort faszinierte ihn die junge Wissenschaft der Molekularbiologie, was ihn schließlich zur Neurobiologie führte. Er erkannte, dass die Erforschung des Gehirns ein direkterer Weg sei, um mentale Prozesse zu verstehen, als die Analyse von Patienten.
Forschung zum Gedächtnis und der Nobelpreis
Kandels wissenschaftliche Karriere konzentrierte sich auf die Erforschung der molekularen Grundlagen des Gedächtnisses. Er suchte nach einem einfachen Modellsystem, um die komplexen Prozesse im Gehirn zu untersuchen. Fündig wurde er in der Meeresschnecke Aplysia, deren Nervenzellen besonders groß und leicht zugänglich sind.
An Aplysia konnte Kandel zeigen, dass Lernen und Gedächtnis mit Veränderungen an den Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, einhergehen. Kurzzeiterinnerungen basieren auf funktionellen Veränderungen in der Art und Weise, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, während Langzeiterinnerungen eine Veränderung der Genexpression und einen Anstieg synaptischer Verbindungen erfordern.
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Diese Entdeckungen waren bahnbrechend und brachten ihm im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein. Seine Arbeit hat gezeigt, dass Denken und Erinnerung von biochemischen Prozessen getrieben werden, dass Geist also aus Materie besteht.
Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit interessiert sich Kandel auch für die Verbindung von Kunst und Wissenschaft. In seinem Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis" untersucht er den Dialog zwischen Medizin und Kunst im Wien um 1900. Er argumentiert, dass Künstler wie Gustav Klimt, Artur Schnitzler und Sigmund Freud Erkenntnisse der beginnenden Gehirnwissenschaft und der Emotionsforschung aufgriffen und in ihren Werken verarbeiteten.
Kandel glaubt, dass dieser Dialog beiden Seiten zugutekommt. Die Kunst kann Erkenntnisse der Wissenschaft integrieren, während die Wissenschaft von den Hinweisen der Kunst lernen kann. Er betont, dass Künstler und Wissenschaftler gleichermaßen Reduktionisten sind, die die Welt auf unterschiedliche Weise erfahren und erklären.
Kandels Sicht auf die Psychoanalyse
Kandel hat eine besondere Beziehung zur Psychoanalyse. Ursprünglich wollte er Psychoanalytiker werden, bevor er sich der Neurobiologie zuwandte. Er sieht in der Psychoanalyse eine Weltanschauung, der eine tiefe Wahrheit zugrunde liegt. Sie hat die Gesellschaft grundlegend verändert und unser Verständnis von Träumen und unbewussten Prozessen geprägt.
Gleichzeitig betont Kandel, dass die Psychoanalyse sich wieder der Biologie zuwenden muss, um ihre Erkenntnisse wissenschaftlich überprüfbar zu machen. Er glaubt, dass die Neurobiologie in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Integration verschiedener Disziplinen spielen kann, einschließlich der Psychoanalyse, Ökonomie und Kunst.
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Gedächtnisverlust im Alter und die Suche nach einer Gedächtnispille
Kandel beschäftigt sich auch mit dem Thema Gedächtnisverlust im Alter. Er forscht an Medikamenten, die den altersbedingten Gedächtnisschwund aufhalten oder sogar umkehren können. Er hat gezeigt, dass bei älteren Mäusen mit Gedächtnisproblemen der Spiegel des Botenstoffs Cyclic AMP reduziert ist. Die Erhöhung dieses Spiegels kann das Gedächtnis verbessern.
Kandel ist optimistisch, dass es in Zukunft eine Pille gegen Gedächtnisverlust geben wird. Er betont jedoch, dass die beste Methode, das Gedächtnis zu verbessern, das Lernen ist. Außerdem empfiehlt er eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und soziale Kontakte, um das Gehirn fit zu halten.
Kandels Vermächtnis
Eric Kandel ist einer der bedeutendsten Hirnforscher unserer Zeit. Seine bahnbrechenden Entdeckungen haben unser Verständnis vom Gedächtnis revolutioniert und neue Wege für die Behandlung von neurologischen Erkrankungen eröffnet. Darüber hinaus hat er sich intensiv mit der Verbindung von Kunst und Wissenschaft auseinandergesetzt und einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Forschung geleistet.
Kandels Leben ist ein Beispiel für die Bedeutung von Neugier, Leidenschaft und Ausdauer in der Wissenschaft. Trotz seiner traumatischen Kindheit hat er sich nicht entmutigen lassen und einen bedeutenden Beitrag zur Wissenschaft geleistet. Seine Arbeit inspiriert weiterhin Forscher und Wissenschaftler auf der ganzen Welt.
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