Antonio Damasio unternimmt einen neuen Erklärungsversuch des Seelischen, des Geistes und der Subjektivität aus den Strukturen und Funktionsweisen des Nervensystems. Sein Ziel ist es, den philosophischen Subjekt-Objekt-Widerspruch im Sinne der materialistischen Lösung zu überwinden: Zuerst ist die Substanz, die Natur, das Sein, dann das Denken, Fühlen, Empfinden, Bewusstsein, das Selbst, die Subjektivität. Obwohl er sich selbst nicht als Materialisten bezeichnet, leistet Damasio als Neurologe und Neurowissenschaftler wesentliche naturwissenschaftliche Beiträge zur Lösung des erkenntnistheoretischen Problems.
Die Kritik an Descartes' Dualismus
Damasio kritisiert Descartes' tiefgreifende Trennung von Körper und Geist, von greifbarem, ausgedehntem, mechanisch arbeitendem, unendlich teilbarem Körperstoff auf der einen Seite und dem ungreifbaren, ausdehnungslosen, nicht zu stoßenden und zu ziehenden, unteilbaren Geiststoff auf der anderen Seite. Descartes' Irrtum besteht laut Damasio in der Annahme, dass Denken, moralisches Urteil und Leiden unabhängig vom Körper existieren, insbesondere in der Trennung der höchsten geistigen Tätigkeiten vom Aufbau und der Arbeitsweise des biologischen Organismus.
Damasio stellt dem cartesischen Dualismus drei Thesen entgegen:
- Die Vernunft hängt von unserer Fähigkeit ab, Gefühle zu empfinden.
- Empfindungen sind Wahrnehmungen der Körperlandschaft.
- Der Körper ist das Bezugssystem aller neuronalen Prozesse.
Die Rolle des Stirnlappens und der Emotionen
Patienten mit Verletzungen des Stirnlappens zeigten auffällige Veränderungen ihrer Persönlichkeit, obwohl ihre intellektuellen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt schienen. Sie waren unfähig, ihr Leben zu organisieren, Entscheidungen zu treffen oder begonnene Sachen zu vollenden. Erst nach der Entwicklung neuer Testmethoden wurde deutlich, dass ihre Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, weitgehend zerstört war. Statt nun besonders rationale Entscheidungen zu treffen, konnten diese Menschen sich gar nicht mehr entscheiden.
Damasio entwickelt aus diesen Erfahrungen seine Überlegungen zum Zusammenwirken von Körper und Geist. Er postuliert, dass im Stirnlappen drei Fähigkeiten lokalisiert sind: zielorientiertes Denken, Entscheidungsfindung und Körperwahrnehmung. Letztere, eine Art Momentaufnahme dessen, was im Körper vor sich geht, ist der Hintergrund aller geistigen Operationen. Je nachdem, wie der Körper auf äußere Wahrnehmungen reagiert, verändert sich auch die Körperwahrnehmung. Sie begleitet unsere Vorstellungsbilder und markiert sie als angenehm oder unangenehm.
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Somatische Marker als Grundlage von Entscheidungen
Die Fähigkeit, Körperwahrnehmungen - Damasio nennt sie "somatische Marker" - mit Wahrnehmungen zu verknüpfen, ist uns teils angeboren, teils entwickelt sie sich im Zuge der Sozialisation. Die somatischen Marker sind nach Damasio die Grundlage unserer Entscheidungen. Sie helfen uns beim Denken, indem sie Vorentscheidungen treffen und uns in eine bestimmte Richtung drängen, vor Dingen warnen, mit denen wir schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben, oder die Aufmerksamkeit auf etwas Wichtiges lenken. Auf diesem Weg beeinflussen sie eben auch das abstrakte Räsonieren, das wir als gefühlsneutral erleben.
Somatische Marker sind also Signale des Unbewussten, die körperlich bewusst wahrgenommen werden können und das Annäherungs- und Vermeidungsverhalten steuern. Sie sind weder richtig noch falsch und werden auf der körperlichen Ebene als angenehmes oder unangenehmes Gefühl wahrgenommen, das sehr rasch alles, was einem widerfährt, aus dem Wohlbefinden als zu- oder abträglich bewertet.
Die Bedeutung des Unbewussten und der Emotionen
Aktuelle neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Gehirn als selbstorganisierender Erfahrungsspeicher arbeitet. Erlebte Gefühle werden unter anderem als körperliche Signale gespeichert und spielen bei Bewertungs- und Entscheidungsprozessen eine wichtige Rolle. Das Gehirn bewertet, was dem Individuum widerfährt, als positiv oder negativ, d.h. dem Wohlbefinden zu- oder abträglich. Alle gemachten Erfahrungen werden gespeichert und bilden die Grundlage für künftige Bewertungen und Entscheidungen. Dieser Bewertungsprozess findet unbewusst statt und läuft sehr schnell ab, viel schneller als der Verstand etwas einordnen kann.
Emotionen sind erlebniszentrierte Antworten des Organismus, welche die Relevanz eines Erkenntnisgegenstandes für die Befriedigung von Bedürfnissen widerspiegeln und verschiedene kognitive und motivationale Systeme im Sinne einer optimalen Bedürfnisbefriedigung aktivieren oder hemmen. Sie sind eine biologische Funktion des Nervensystems, die in Jahrmilliarden der biologischen Evolution entstanden sind. Nicht alle Gefühle sind dem Bewusstsein zugänglich, aber sobald sie auftreten, werden sie zu mächtigen Motivatoren künftigen Verhaltens.
Die Kritik an gängigen neurowissenschaftlichen Mythen
In den letzten Jahren wurden die Neurowissenschaften in der Öffentlichkeit stark gehypt, wobei das Gehirn oft als Schlüssel zum Bewusstsein angesehen wird. Es gibt jedoch keine einheitliche wissenschaftliche Theorie zur Funktionsweise unseres Gehirns, und viele populäre Vorstellungen sind irreführend oder schlichtweg falsch.
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Der 10%-Mythos
Die Vorstellung, dass wir nur 10 % unseres Gehirns nutzen, ist weit verbreitet, aber falsch. Bildgebende Verfahren zeigen, dass alle Areale im Gehirn die ganze Zeit aktiv sind. Evolutionswissenschaftlich gesehen, hätte der Mensch diese 90 % ungenutzte Gehirnmasse abbauen müssen, da kleiner und effizienter für das Überleben.
Der Triune-Brain-Mythos
Die Drei-Gehirn-Theorie von Paul MacLean, die das Gehirn in Reptiliengehirn, limbisches System und Neocortex unterteilt, wird wissenschaftlich nicht ernst genommen. Das menschliche Gehirn ist ein hoch entwickeltes Organ, das aus mehreren miteinander vernetzten und interagierenden Regionen besteht.
Der Hirnhälften-Mythos
Die Vorstellung, dass die rechte Gehirnhälfte kreativ und die linke logisch ist, ist eine Vereinfachung. Es gibt keine Gehirnhälfte oder -Areale, die nur für bestimmte Aufgaben zuständig sind - alles ist vernetzt.
Der Struktur-Funktions-Mythos
Die Theorie, dass bestimmte Gehirnareale für bestimmte Aufgaben zuständig sind (Lokalismus), ist unzulänglich. Zum Beispiel sind beim Sehen über 30 verschiedene Hirnareale und rund 900 Verbindungswege beteiligt.
Der Persönlichkeits-Mythos
Persönlichkeitstests sind oft nicht aussagekräftig und beruhen auf einfachen Vorstellungen. Sie bieten einen scheinbar direkten Zugang zur Selbstreflexion und zur Einschätzung von Charaktereigenschaften, sind aber oft nicht wissenschaftlich fundiert.
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Der Hormon-Mythos
Die Vorstellung, dass Serotonin glücklich und Dopamin berauscht macht, ist eine Vereinfachung. Wir haben nur ein extrem begrenztes Wissen über die genaue Chemie im Gehirn, und die Wirkung von Neurotransmittern auf das Wohlbefinden ist nicht so geradlinig, wie oft vermittelt wird.
Der Mythos vom weiblichen und männlichen Gehirn
Es gibt keine eindeutigen biologischen Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen, da beide Geschlechter unterschiedlichen Lernumwelten ausgesetzt sind.
Der Computer-Gehirn-Mythos
Die Vorstellung, das Gehirn funktioniere wie ein Computer, ist ein Missverständnis. Das Gehirn speichert nicht einfach Daten, sondern verknüpft Wissen und Bedeutung mit einer Vielzahl von Assoziationen, Körperempfindungen und Gefühlszuständen.
Der Mythos vom determinierten Willen
Die Behauptung, die Willensfreiheit sei eine Illusion, wird oft mit dem Libet-Experiment begründet. Die Frage nach dem freien Willen bzw. wie sehr unser Unterbewusstsein unsere Entscheidungen beeinflusst, ist jedoch komplex und wird in der Philosophie seit Jahrhunderten diskutiert.