Einführung
Diabetes mellitus Typ 1 und Multiple Sklerose (MS) sind beides Autoimmunerkrankungen, die vor allem junge Menschen betreffen. Es gibt bereits Berichte über individuelle und familiäre Zusammenhänge zwischen den beiden Krankheiten. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Verbindungen zwischen Typ-1-Diabetes und MS, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Studien. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis der komplexen Beziehung zwischen diesen beiden Erkrankungen zu vermitteln.
Autoimmunerkrankungen im Überblick
Der Begriff Autoimmunerkrankung beschreibt Krankheiten, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift. Normalerweise schützt das Immunsystem den Körper vor Infektionen, indem es Antikörper produziert, die gegen Bakterien, Viren und Parasiten vorgehen. Bei einer Autoimmunerkrankung kommt es jedoch zu einer Fehlprogrammierung der Abwehrkräfte, was zu schweren Entzündungen und Schädigungen der betroffenen Organe führen kann.
Mediziner zählen derzeit etwa 60 bis 65 verschiedene Krankheiten zu den Autoimmunerkrankungen. In Deutschland sind schätzungsweise vier bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen gehören:
- Typ-1-Diabetes
- Schuppenflechte (Psoriasis)
- Rheumatoide Arthritis
- Multiple Sklerose
- Hashimoto-Thyreoiditis
- Schmetterlingsflechte (Lupus erythematodes)
- Zöliakie
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa)
- Weißfleckenerkrankung (Vitiligo)
- Kreisrunder Haarausfall (Alopezia)
Autoimmunerkrankungen können in jedem Lebensalter auftreten, wobei Experten typische Altersgipfel beobachten. Beim Typ-1-Diabetes liegt das klassische Erkrankungsalter bei etwa acht und 13 Jahren, wobei neuerdings zusätzliche Erkrankungsgipfel bei vier- und 40-Jährigen auftreten.
Die Verbindung zwischen Typ-1-Diabetes und MS
Epidemiologische Hinweise
Mehrere Studien deuten auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Typ-1-Diabetes und MS hin. Eine dänische Kohortenstudie aus dem Jahr 2006 bestätigte einen solchen Zusammenhang. Die Studie nutzte Daten aus zwei Patientenregistern, um das gleichzeitige Auftreten der beiden Krankheiten bei einzelnen Patienten und deren Verwandten ersten Grades zu untersuchen.
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Die Ergebnisse zeigten, dass Typ-1-Diabetes-Patienten ein dreifach erhöhtes Risiko haben, eine MS zu entwickeln. Umgekehrt hatten Verwandte ersten Grades von MS-Patienten ein um 63 Prozent erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken. Interessanterweise ergab sich für Verwandte von Diabetes-Patienten ein auf 44 Prozent reduziertes Risiko. Diese Ergebnisse deuten auf ein intraindividuelles und ein, wenn auch schwächeres, intrafamiliäres Auftreten von MS und Typ-1-Diabetes hin.
Eine Kohortenstudie mit sardischen Patienten aus dem Jahr 2002 hatte bereits einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Diabetes und MS festgestellt. Diese Beobachtungen legen nahe, dass genetische und umweltbedingte Faktoren eine Rolle bei der Entstehung beider Erkrankungen spielen könnten.
Genetische Faktoren
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) identifizierte 29 neue Genvarianten, die mit der Entstehung von MS in Verbindung stehen. Auffällig ist, dass ein Drittel dieser Gene bereits für die Entstehung anderer Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn und Typ-1-Diabetes identifiziert wurden. Dies deutet darauf hin, dass gemeinsame genetische Grundlagen das Risiko für verschiedene Autoimmunerkrankungen erhöhen können.
Eine weitere Studie untersuchte die T-Zell-Reaktivität von Patienten mit MS, Kindern mit Typ-1-Diabetes und deren Verwandten. Es zeigte sich, dass die T-Zellen der MS-Patienten auch auf Autoantigene reagieren, die mit Diabetes assoziiert sind, und umgekehrt. Diese Ergebnisse deuten auf eine mögliche Kreuzreaktivität des Immunsystems bei beiden Erkrankungen hin.
Umweltfaktoren
Neben genetischen Faktoren werden auch Umweltfaktoren als mögliche Auslöser für Autoimmunerkrankungen diskutiert. Dazu gehören:
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- Viruserkrankungen: Bestimmte Virusinfektionen könnten das Immunsystem fehlleiten und Autoimmunreaktionen auslösen.
- Epigenetische Faktoren: Vitamin-D-Mangel in der Schwangerschaft könnte das Risiko für Autoimmunerkrankungen beim Kind erhöhen.
- Ernährungsfaktoren: Ein zu früher oder zu später Kontakt mit Gluten oder Milcheiweiß könnte eine Rolle spielen.
Vitamin D fungiert als Modulator des Immunsystems und könnte vor Typ-1-Diabetes, MS und Hashimoto-Thyreoiditis schützen. Eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung könnte daher ein wichtiger Schutzfaktor sein.
Studien haben auch den Einfluss der Ernährung auf das Risiko für Typ-1-Diabetes untersucht. So wurde festgestellt, dass eine Beikost mit Gluten vor dem dritten oder nach dem sechsten Lebensmonat mit einem erhöhten Risiko einhergeht. Auch die Stilldauer könnte eine Rolle spielen, wobei längeres Stillen möglicherweise das Erkrankungsrisiko verringert.
Darmgesundheit und Autoimmunerkrankungen
Eine viel diskutierte Theorie ist das gemeinsame Auftreten von Darmproblemen bei Menschen mit Autoimmunerkrankungen. Im Dünndarm sitzen vermutlich 80 Prozent des Immunsystems. Es wird vermutet, dass eine Autoimmunreaktion gegen Gliadin (eine Proteinfraktion des Weizenglutens) die Darmwand durchlässiger machen könnte. Dadurch könnten unverträgliche Nahrungspartikel und Giftstoffe leichter in den Blutkreislauf gelangen, was eine Immunreaktion auslösen könnte (Leaky-Gut-Syndrom).
Die wissenschaftliche Beweislage für diese Theorie ist jedoch noch dünn. Es gibt derzeit nicht genügend eindeutige Belege, um eine glutenfreie Ernährung für alle Autoimmunerkrankten zu empfehlen.
Auswirkungen von Begleiterkrankungen auf MS
Menschen mit MS leiden häufig auch an Begleiterkrankungen (Komorbiditäten). Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 zeigte, dass MS-Patienten gehäuft Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Erkrankungen (Depression, Ängste) und weitere Autoimmunerkrankungen aufweisen. Auch Migräne, das Restless-Legs-Syndrom (RLS) und Epilepsie treten bei MS-Patienten häufiger auf.
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Für metabolische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Hyperlipidämie und Insulinresistenz gibt es Hinweise, dass erhöhte Blutzuckerspiegel und Insulinresistenz mit dem Behinderungsgrad bei MS und einer Erhöhung von Entzündungsmarkern im Blut zusammenhängen könnten.
Eine italienische Studie fand Hinweise darauf, dass Typ-1-Diabetes den Verlust von Hirnvolumen bei MS-Patienten beeinflussen kann. Dies könnte zukünftig bedeuten, dass die Begleiterkrankung bei der Therapieauswahl stärker berücksichtigt werden sollte. Möglicherweise könnten Patienten mit MS und Diabetes Typ 1 von Neurorehabilitation oder kognitivem Training profitieren.
Therapie und Management von Autoimmunerkrankungen
Bis heute gibt es keine Therapie, die ein fehlgeleitetes Abwehrsystem wieder auf die richtige Bahn bringt. Die Behandlung von Autoimmunerkrankungen zielt daher darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Viele Symptome wie Verstimmungen, Gewichtszunahme, Bauchschmerzen oder eine verminderte Beweglichkeit lassen sich durch Sport und Bewegungstherapien wirksam verbessern. Auch eine Umstellung der Ernährung kann hilfreich sein. Der Verzicht auf Arachidonsäure aus Fleisch und Eiern kann die Produktion von Entzündungsstoffen hemmen. Der Einsatz von hochwertigen pflanzlichen Ölen oder Fisch mit einem hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren kann ebenfalls helfen, Entzündungsreaktionen zu lindern.
Stressabbau und Entspannungstechniken können ebenfalls positiv wirken, da die psychische Stärkung der Betroffenen das Immunsystem günstig beeinflusst. Ein Austausch mit anderen Betroffenen kann ebenfalls hilfreich sein.
Ein wichtiger Punkt in der Beratung und Therapie ist, dass bei Erkrankten immer auch an weitere Autoimmunerkrankungen gedacht werden muss. So sollten beispielsweise bei schwankenden Blutzuckerwerten auch Antikörper gegen die Schilddrüse und Zöliakie getestet werden. Gerade Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen und zusätzlichem Typ-1-Diabetes haben Schwierigkeiten, die richtige Dosierung von Insulin zur Mahlzeit vorzunehmen. Eine gute Ernährungsberatung ist für Betroffene in diesem Fall sehr hilfreich.
Mütter mit Autoimmunerkrankungen oder einer genetischen Veranlagung dazu sollten ihre Kinder möglichst lange stillen (mindestens sechs Monate) und glutenhaltige Beikost frühestens zum Ende des vierten Lebensmonats einführen. Des Weiteren scheinen ausreichende Vitamin-D-Spiegel wichtig für die Prävention zu sein.