Migräne durch Kälte: Ursachen, Auswirkungen und Präventionsmaßnahmen

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der weltweit über eine Milliarde Menschen betroffen sind. In Deutschland leiden etwa 8 bis 10 Prozent der Männer und 10 bis 25 Prozent der Frauen an Migräne. Die Symptome reichen von Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zu pulsierenden, halbseitigen und heftigen Kopfschmerzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Migräne als eine der am stärksten behindernden Erkrankungen ein.

Genetische Ursachen und Kälteanpassung

Eine mögliche Erklärung für die unterschiedliche Verbreitung von Migräne in verschiedenen Regionen der Welt liefert ein Team um den Evolutionsgenetiker Felix Key vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Ihre Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine genetische Variante, die eine wichtige Rolle bei der Anpassung an kälteres Klima spielt, auch mit Migräne in Verbindung gebracht wird.

In den vergangenen 50.000 Jahren gab es Wanderungsbewegungen, in deren Verlauf Menschen aus Afrika in kältere Breitengrade Europas und Asiens umsiedelten. Diese Kolonisierung könnte durch genetische Anpassungen begleitet worden sein, die den frühen Menschen halfen, mit den niedrigeren Temperaturen umzugehen. Die Wissenschaftler nahmen das Gen TRPM8 in den Fokus, das die Bauanleitung für einen Kälterezeptor ist. Sie entdeckten, dass eine Variante dieses Gens in den vergangenen 25.000 Jahren bei Bevölkerungsgruppen im Norden immer häufiger wurde. Während nur fünf Prozent der Menschen mit nigerianischen Vorfahren über diese Genvariante verfügen, sind es 88 Prozent der Menschen mit finnischer Abstammung.

Diese Genvariante wurde aber bereits mit Migräne-Kopfschmerzen in Verbindung gebracht. Die Autoren der Studie vermuten, dass die Anpassung an kalte Temperaturen früher menschlicher Populationen bis zu einem gewissen Grad beeinflusst, wie häufig Migräne heute in den jeweiligen Regionen vorkommt.

Familiäre Häufung und Polygenie

Migräne tritt nicht nur in bestimmten Breitengraden häufiger auf, sondern auch in einigen Familien. Eine weitere aktuelle Studie des Teams um Aarno Palotie von der Universität Helsinki und dem US-amerikanischen Broad-Institut in Cambridge zeigt, warum manche Familien anfällig für die Kopfschmerzattacken sind und wie die Gene beeinflussen könnten, welche Art der Migräne sie bekommen.

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Die Forscher untersuchten, ob die Weitergabe von Migräne den Mendelschen Erbregeln folgt oder ob mehrere Gene an der Ausbildung beteiligt sind (Polygenie). Sie analysierten die medizinischen und genetischen Daten von 1589 Familien, bestehend aus 8319 Einzelpersonen, bei denen Migräne bekannt war. Die polygenen Varianten erhöhten das Risiko, an Migräne zu erkranken, erheblich. Umgekehrt spielten einzelne Gene eine geringere Rolle als erwartet. Laut Palotie sind nun weitere Genomsequenzierungen und größere Studien nötig, um mehr Genvarianten zu finden, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sind.

Kältebedingte Kopfschmerzen: Arten und Symptome

Die Internationale Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3) differenziert die kältebedingten Kopfschmerzen hinsichtlich eines durch äußere Kältereize ausgelösten oder durch Ingestion von kalten Speisen ausgelösten Kopfschmerzes. Die Symptome variieren in Abhängigkeit von individuellen Faktoren sowie dem auslösenden Reiz.

Kopfschmerzen durch äußere Kältereize

Diese Kopfschmerzen (IHS 4.5.1) treten nach Kontakt des Kopfes mit einer sehr niedrigen Umgebungstemperatur auf (kaltes Wetter, Eintauchen in kühles Wasser, Kryotherapie). Bei einigen Menschen können dann starke, kurz anhaltende, stechende, ein- oder beidseitige Kopfschmerzen auftreten, die temporal, frontal oder retroorbital lokalisiert sind. Der Kopfschmerz bildet sich innerhalb von 30 Minuten nach Ende der Exposition zurück.

Kopfschmerzen durch Einnahme oder Inhalation von Kältereizen (Ice Cream Headache)

Diese Kopfschmerzen (IHS 4.5.2), typischerweise ausgelöst durch Eiscreme oder kalte Getränke, haben eine Prävalenz zwischen 8 % und 51 %, bei Studenten sogar bis zu 62 %. Eine Komorbidität zur Migräne konnte nicht bestätigt werden. Es zeigt sich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Die Kopfschmerzen sind typischerweise von mittlerer Intensität, frontal oder temporal lokalisiert sowie meist beidseitig. Der Kopfschmerz verschwindet innerhalb von 10 Minuten nach Entfernung des Kältereizes. Auch Kinder und Jugendliche können einen CSH bekommen. Dieser tritt bei ihnen sogar häufiger, aber mit geringerer Intensität als bei Erwachsenen auf.

Der genaue Mechanismus des CSH ist noch unbekannt. Lokale und zerebrale Gefäßveränderungen und die direkte Stimulation von Kälterezeptoren sind zwei mögliche Aspekte. Jedoch scheinen auch Veränderungen der zerebralen Durchblutung ursächlich zu sein.

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Kälte als Migräne-Trigger

Kälte kann nicht nur direkte Kopfschmerzen verursachen, sondern auch als Trigger für Migräneattacken wirken. Im Winter kann der Ortswechsel von beheizten Innenräumen zu einer deutlich kälteren Außentemperatur bei manchen Menschen plötzliche Kopfschmerzen hervorrufen. Durch kühlen Wind und Kälte verkrampft sich die Kopfmuskulatur und kann in Verbindung mit weiteren Ursachen, wie zum Beispiel einer Entzündungsreaktion im Gehirn, schlimmstenfalls einen Migräneanfall hervorrufen.

Auch wetterbedingte Veränderungen können laut der Mayo Clinic Migräne auslösen. Dazu gehören trockene Luft (also Heizungsluft), extreme Kälte und windiges oder stürmisches Wetter. Wetterumschwünge - und die mit dem Winter einhergehenden weniger werdenden Sonnenstunden - können auch zu einem Ungleichgewicht von chemischen Stoffen im Gehirn wie Serotonin führen, was bei manchen Menschen zu Migräneanfällen beitragen kann.

Prävention und Behandlung

Allgemeine Maßnahmen

  • Kopfbedeckung tragen: Bei winterlichen Minusgraden ist es ratsam, eine wärmende Kopfbedeckung zu tragen, um die Kopfmuskulatur vor Kälte zu schützen. Mützen und Schals können ein Stück weit vor der Schmerzentstehung schützen.
  • Anpassungsfähigkeit verbessern: Die eigene Anpassungsfähigkeit an das Wetter kann verbessert werden, indem man so oft wie möglich wetterunabhängig im Freien spazieren geht. Sportarten wie Bergwandern, Walken, Radfahren oder Langlaufen sind optimal.
  • Gefäße trainieren: Saunagänge in Kombination mit Wechselduschen trainieren die Gefäße, damit diese wieder rasch auf unterschiedliche Temperaturreize reagieren.
  • Starke Temperaturschwankungen meiden: Menschen, die im Winter auf die Kälte besonders empfindlich reagieren und zu Kopfschmerzen neigen, sollten starke Temperaturschwankungen möglichst meiden.
  • Luftfeuchtigkeit erhöhen: Um die trockene Luft zu bekämpfen, empfiehlt die American Migraine Foundation die Menge an Wasser zu erhöhen, die man trinkt. Man sollte auch versuchen, einen Luftbefeuchter in seinen Wohnräumen aufzustellen, um die heizungsbedingte Trockenheit auszugleichen.
  • Regelmäßiger Tagesablauf: Dr. Murinova rät vor allem dazu, seinen Tagesablauf während des Winters so konstant wie möglich zu halten.

Bei akuten Beschwerden

  • Wärme: Wärme und leichte Massagen können helfen, die verkrampften Muskeln wieder zu lockern. Bei akuten Kopfschmerzen durch Kälte helfen vor allem Wärme und Entspannung: Ein warmes Bad, eine heiße Dusche oder ein Wärmekissen im Nacken lösen verspannte Muskeln und können den Schmerz deutlich lindern.
  • Schmerzmittel: Leichte und mittelschwere Migräneattacken können mit herkömmlichen Kopfschmerzmitteln behandelt werden. Bei Bedarf können die Betroffenen auch auf frei verkäufliche Schmerzmittel mit den klassischen Wirkstoffen wie ASS oder Ibuprofen zurückgreifen, um die Beschwerden zu lindern. Wurde durch die Kälte ein Migräneanfall ausgelöst, können die Schmerzen unter Umständen über Stunden andauern.
  • Langsame Erwärmung: Ist der Kältekopfschmerz schon eingetreten, kann man durch langsames Aufwärmen und mit leichter Massage gegen die Schmerzen arbeiten.

Kopfschmerztagebuch

Bei häufigen Problemen mit Kopfschmerzen ist das Führen eines Kopfschmerztagebuchs hilfreich, um Zusammenhänge mit Auslösefaktoren zu identifizieren. In einem Tagebuch können jeweils Stärke, Dauer, Beschaffenheit und Begleitbeschwerden sowie mögliche Auslöser der Schmerzen notiert werden. Auch sämtliche Medikamente, die eingenommen wurden, sollten vermerkt werden, um die Einnahme von Schmerzmitteln effektiv kontrollieren zu können.

Ärztliche Abklärung

Wichtig bei Kopfschmerzen ist grundsätzlich, dass sie fachärztlich abgeklärt werden, um eine gezielte Behandlung oder auch Prophylaxe vornehmen zu können. Treten Kopfschmerzen bei Kälte plötzlich, sehr stark oder völlig ungewohnt auf, sollte möglichst bald eine Arztpraxis aufgesucht werden. Das gilt vor allem, wenn der Schmerz „wie aus heiterem Himmel“ einschießt, wenn er sich trotz Ruhe, Wärme und einfachen Schmerzmitteln nicht bessert oder über mehrere Tage anhält. Ein Warnsignal sind Begleitsymptome: Kopfschmerzen kombiniert mit Fieber, Nackensteifigkeit, starker Übelkeit, Sehstörungen, Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen, starker Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörungen gelten als Notfall und sollten umgehend in einer Praxis oder Klinik abgeklärt werden.

Medikamentöse Behandlung und Ergänzungsmittel

Sprich mit deinem Arzt darüber, welche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Migränemedikamente lassen sich grob in zwei Hauptkategorien einteilen: präventive Medikamente, die verhindern, dass du überhaupt einen Migräneanfall bekommst, und abortive Medikamente, die einen Migräneanfall schneller beenden, wenn du doch einen bekommst.

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Auch Ergänzungsmittel wie Magnesium, Vitamin B2 (Riboflavin) und Coenzym Q10 haben sich in Studien als hilfreich bei der Vorbeugung von Migräne erwiesen. Wie bei allen anderen Nahrungsergänzungsmitteln solltest du mit deinem Arzt sprechen, um die Dosierung festzulegen und sicherzustellen, dass das Präparat keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hat oder andere gesundheitliche Probleme beeinflusst.

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