DIE NERVEN, gegründet 2010 in Esslingen bei Stuttgart, haben sich zu einer der prägendsten und einflussreichsten Bands der deutschen Musikszene entwickelt. Das Trio, bestehend aus Kevin Kuhn, Julian Knoth und Max Rieger, hat sich durch eine Mischung aus Post-Punk, Noise-Rock und deutschsprachigen Texten einen Namen gemacht. Ihre Musik zeichnet sich durch Intensität, Aufbegehren und eine düstere Atmosphäre aus.
Werdegang und Stil
Nach einer Phase kreativer Eigenständigkeit und zahlreichen digitalen Veröffentlichungen erschien 2012 ihr Album "FLUIDUM" auf Fin Du Monde/This Charming Man Records. 2014 folgte "FUN", das von Jan Wigger (Spiegel Online) als "eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts" bezeichnet wurde. DIE NERVEN blieben stets glaubwürdig und dem Underground verbunden und spielten in den folgenden Jahren in zahlreichen Clubs und auf Festivals, darunter Roskilde, Melt!, Appletree Garden, Sziget und Eurosonic. Sie unternahmen auch eine Israel-Tournee und veröffentlichten als erste deutschsprachige Band auf dem US-amerikanischen Label Amphetamine Reptile Records.
2015 veröffentlichten sie ihr drittes Album "OUT" (Glitterhouse Records) und gingen auf eine ausgedehnte Tournee, die sie weit über die Grenzen Deutschlands hinausführte. Im Juni 2017 erschien ihr erstes Live-Album "LIVE IN EUROPA". "FAKE" markierte dann mit Platz 13 einen Charterfolg für die Band. 2022 erschien ihr fünftes, selbstbetiteltes Album auf Glitterhouse Records, das auf Platz 17 der Top 100 Albumcharts einstieg und ausgiebig betourt wurde.
"FAKE": Ein Wendepunkt?
Am 20. April 2018 veröffentlichten DIE NERVEN ihr Album "FAKE" auf Glitterhouse Records. Die Band selbst bezeichnete es als ihr anspruchsvollstes Werk, das sie während des Entstehungsprozesses mehrfach an den Rand der Auflösung brachte. "FAKE" wurde von Fans und Kritikern gleichermaßen gefeiert. Die Süddeutsche Zeitung schrieb von einem "Manifest gegen die Arriviertheit", Spiegel Online urteilte, DIE NERVEN stemmten sich mit ihrem bisher wirkmächtigsten Album gegen das "Fake"-Zeitalter", und der Musikexpress sah in dem Album eine Art Sprengsatz in der ICH-MASCHINE. Die Intro nahm die Band sogar auf das Cover und bezeichnete "FAKE" als das beste deutsche Album des Jahres. Nach dem Einstieg von "FAKE" auf Platz 13 der Top 100 Albumcharts gingen DIE NERVEN im Oktober und November erneut auf Tour, um ihren Titel als beste deutsche Live-Band zu verteidigen.
Vielfalt und Produktion
Zwischen den Aufnahmen zu "OUT" und "FAKE" lagen fast drei Jahre mit unzähligen Konzerten, einer Theaterarbeit und diversen Songwriting-Sessions. Bereits während des Schreibens der Stücke legten DIE NERVEN mehr Wert auf Vielfalt als je zuvor. Jeder der zwölf Songs sollte sowohl im Albumkontext als auch für sich allein funktionieren. Zusammen mit Produzent Ralv Milberg und seinem mobilen Studio überquerten DIE NERVEN im September 2017 gleich zweimal die Alpen, um innerhalb von nur zwei Wochen ihr viertes Studioalbum in der Toskana aufzunehmen.
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Das Album "Out"
"Out" wird oft als poetischer Realismus für dunkle Zeiten beschrieben. Das Album bringt den Unmut der Band über Phrasendrescherei und Eskapismus zum Ausdruck. Es ist rau wie ein Felsen, berstend wie ein Vulkan und treffend wie ein Kugelhagel. Ähnlich wie die Band Messer verfügen DIE NERVEN über analytische Sprachgewalt und scheren sich wenig um Genres oder musikalische Schubladen. Trotz der Eigenständigkeit ihrer Tracks lassen sich Einflüsse von Postpunk, Noise-Attacken und Postrock erkennen. Besonders hervorgehoben wird der variable Bass von Julian Knoth, der von Bauhaus bis Big Black eine erstaunliche Bandbreite bietet. Auch die Verwandtschaft zu Bands wie EA80 und Razzia ist unverkennbar.
Die Texte des Trios sind anregend und regen zum Nachdenken an. Sie werfen Fragen auf und lassen den Hörer weder philosophisch noch emotional kalt. Apathie, Beobachtung und Zorn verschmelzen zu einem komplexen Bildersturm auf Deutschlands Gegenwart. Obwohl das Album überdurchschnittlich gut ist, gibt es Raum für Verbesserungen. Das Songwriting könnte pointierter sein und die Refrains prägnanter. Auch der Sprechgesang von Knoth/Rieger könnte mehr Nuancen und Charisma vertragen.
"Wir waren hier": Eine Abrechnung und ein Neubeginn
"WIR WAREN HIER" ist der Titel des sechsten Albums des Trios. Der Titeltrack des Albums beschreibt die Schande der Verschwendung und der rücksichtslosen Vergiftung der Welt. DIE NERVEN wollen jedoch nicht moralisieren, da es für einen Menschen unmöglich sei, alles richtig zu machen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die Schönheit, die in der Welt noch vorhanden ist. Das Album thematisiert auch das Verschwinden als Glück, das man empfindet, wenn man an Orte flieht, an denen die Hässlichkeit der Realität aufgehoben ist, wie zum Beispiel an Orte der Freundschaft.
Die neuen Songs entstanden in einer vierwöchigen Session in einem ehemaligen Sterne-Restaurant am Stuttgarter Schlossgarten. Die Band betont, dass die Songs wie von selbst entstanden sind und sich Leitmotive gebildet haben, die alle Songs miteinander verbinden. "WIR WAREN HIER" fängt die Aura ihrer Live-Auftritte besser ein als jedes andere Studioalbum zuvor.
Der Titel "WIR WAREN HIER" könnte auch als Hinweis auf das mögliche Ende der Band interpretiert werden. DIE NERVEN sehen das jedoch anders: "Es ist das erste Album, das wir machen, das sich nicht so anfühlt wie unser letztes Album. Und das ist gut so." Die Band hat einen Zustand erreicht, in dem sie einander so sicher sind, dass sie wissen, dass sie nach all der Zeit miteinander weitermachen und sich weiterentwickeln können. Ihre Musik ist immer noch zornig, laut, dramatisch und nihilistisch, aber es handelt sich um einen reiferen Nihilismus als bisher. In ihrer Musik fliegen sie immer noch über Halden voll Schrott, über dürre Heiden, wüste Länder und öde Städte. Aber es schillern nun auch schöne Klangtupfer über der Szene wie von den letzten Sonnenstrahlen vor einer ewigen Nacht oder von einem bunt schillernden Ölfilm auf einer verdreckten See.
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Einfluss und Nebenprojekte
DIE NERVEN sind aus der Musikwelt nicht mehr wegzudenken. Sie befeuern und prägen sie. Und das nicht nur durch die Band selbst: Kevin Kuhn, einer der melodischsten und eigenständigsten Schlagzeuger der Gegenwart, trommelt auch bei Gordon Raphael und Wolf Mountains, Julian Knoth legt mit dem Peter Muffin Trio und Yum Yum Club beeindruckende, wuchtige und der Avantgarde nahe Platten vor, und Max Rieger (u.a. All diese Gewalt) produziert sich mit Casper, Drangsal, Die Selektion, Friends Of Gas, Ilgen-Nur, Jungstötter, Stella Sommer etc. an die Spitze der deutschen Musikindustrie jenseits vorhersehbarer Plastikwerke.
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