Umgang mit psychisch kranken Menschen: Ein umfassender Leitfaden für Angehörige und Betroffene

Psychische Erkrankungen stellen eine erhebliche Herausforderung dar, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für deren Angehörige. Der Alltag wird beeinträchtigt, Beziehungen verändert und das Verständnis füreinander auf eine harte Probe gestellt. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über den Umgang mit psychisch kranken Menschen geben, praktische Hilfestellungen anbieten und die Bedeutung von Abgrenzung und Selbstfürsorge hervorheben.

Einleitung

Psychische Erkrankungen sind vielfältig und komplex. Sie äußern sich in unterschiedlichen Symptomen und haben unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen und ihres Umfelds. Dieser Artikel soll Angehörigen und Betroffenen helfen, die Herausforderungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen besser zu verstehen und zu meistern.

Herausforderungen im Umgang mit psychisch kranken Menschen

Schweigepflicht und Kontaktbeschränkungen

Manchmal wünschen sich psychisch kranke Angehörige, dass ihre Erkrankung und Behandlung nicht mit anderen Familienmitgliedern geteilt werden oder dass diese nicht in die Behandlung einbezogen werden. Bei volljährigen Patienten gilt die Schweigepflicht, sodass Ärzte und Psychotherapeuten ohne ausdrückliche Zustimmung des Patienten keine Auskunft über dessen Befinden und Behandlung geben dürfen. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, dass ein Patient vorübergehend keinen oder wenig Kontakt zu seinen Angehörigen hat.

Umgang mit Kontaktbeschränkungen

Als Angehöriger können Sie mit jemandem vom Behandlungsteam sprechen, der Ihnen erklären kann, warum der Betroffene gerade keinen Kontakt möchte. Es ist weiterhin möglich, mit dem behandelnden Psychotherapeuten oder Arzt des Angehörigen in Kontakt zu treten, um eigene Beobachtungen zur Erkrankung mitzuteilen und allgemeine Fragen zu stellen. Die Behandler dürfen zwar keine persönlichen Informationen über den Patienten mitteilen, aber allgemeine Informationen über die Erkrankung, Therapiemöglichkeiten und einen geeigneten Umgang mit der Erkrankung geben.

Konkrete Hilfsangebote der Caritas

Die Caritas bietet vielfältige Hilfsangebote für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, die aus der Psychiatrie entlassen wurden oder eine Suchterkrankung hinter sich haben und Schwierigkeiten im Alltag haben.

Lesen Sie auch: Die Kraft der Walnüsse

Sozialpsychiatrischer Dienst

Der Sozialpsychiatrische Dienst des Caritasverbandes berät Betroffene und vermittelt den Kontakt zu weiteren Hilfsangeboten der Caritas und anderer Träger. Die Fachleute helfen bei Problemen mit dem Vermieter oder der Agentur für Arbeit und besuchen die Betroffenen auf Wunsch zu Hause oder begleiten sie bei Behördengängen. Die Unterstützung ist kostenlos.

Selbsthilfegruppen

In Selbsthilfegruppen unterstützen sich Betroffene und Angehörige untereinander. Die Caritas stellt die Räume bereit, vermittelt und berät, wenn es gewünscht ist.

Betreutes Wohnen

Die Caritas unterstützt psychisch kranke Menschen dabei, in ihrer eigenen Wohnung zu leben. Durch regelmäßige Besuche wird verhindert, dass jemand aufgrund seiner Krankheit wohnungslos wird. Einige Caritasverbände mieten Wohnungen an und statten sie für Wohngemeinschaften aus. Sozialarbeiter helfen dabei, dass das Zusammenleben klappt.

Wohnheime

Für Menschen, die sich ständig mit Selbstmordplänen tragen, Probleme mit der persönlichen Hygiene haben oder immer wieder mit anderen Menschen aneinander geraten, kann ein Platz in einem Wohnheim das Richtige sein. Dort gibt es eine Betreuung rund um die Uhr. Die Fachleute der Caritas arbeiten mit den Bewohnern an ihren Problemen.

Tagesstätten

Die Tagesstätten der Caritas sind offene Treffpunkte für alle. Hier wird gemeinsam gekocht, gespielt, geklönt und vieles mehr. Auf dem Veranstaltungsprogramm stehen Ausflüge, Vorträge, Kreativ- und Wellnessangebote. Die Tagesstätten helfen, den Tag zu strukturieren.

Lesen Sie auch: Gehirnvitamine: Ein detaillierter Überblick

Werkstätten

Die Werkstätten der Caritas bieten chronisch kranken Menschen eine breite Palette an Tätigkeiten. Dort können sie Qualifikationen erwerben oder eine komplette Ausbildung in einem Helferberuf machen. Die Fachkräfte für berufliche Integration der Caritas gehen auf Arbeitgeber zu und organisieren Praktika in der freien Wirtschaft. Die Bundesagentur für Arbeit hat verschiedene arbeitsmarktpolitische Instrumente zur Verfügung, um chronisch kranken Menschen den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Zehn Grundregeln im Umgang mit psychisch kranken Familienmitgliedern

Fragen zum "richtigen" Umgang mit psychisch kranken Familienmitgliedern sind oft der erste Anlass, wenn sich Ratsuchende an Beratungstelefone, Landesverbände der Angehörigen oder örtliche Selbsthilfegruppen wenden. Es gibt keine einfache Formel zur Lösung der Probleme, aber man kann von den Erfahrungen anderer in ähnlichen Situationen profitieren. Im Folgenden sind die wichtigsten dieser Angehörigen-Erfahrungen zu zehn Grundregeln zusammengefasst.

  1. Informationen sammeln: Informieren Sie sich umfassend über die Erkrankung Ihres Angehörigen. Je besser Sie die Krankheit verstehen, desto besser können Sie damit umgehen.
  2. Professionelle Hilfe suchen: Zögern Sie nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ärzte, Psychotherapeuten und Beratungsstellen können Ihnen und Ihrem Angehörigen helfen.
  3. Geduld haben: Die Behandlung einer psychischen Erkrankung braucht Zeit. Haben Sie Geduld und geben Sie nicht auf.
  4. Akzeptanz zeigen: Akzeptieren Sie die Erkrankung Ihres Angehörigen. Das bedeutet nicht, dass Sie alles gutheißen müssen, aber Sie sollten versuchen, die Situation anzunehmen.
  5. Unterstützung anbieten: Bieten Sie Ihrem Angehörigen Unterstützung an, aber überfordern Sie sich nicht.
  6. Grenzen setzen: Setzen Sie klare Grenzen und achten Sie auf Ihre eigenen Bedürfnisse.
  7. Kommunizieren: Sprechen Sie offen mit Ihrem Angehörigen über seine Erkrankung und Ihre Gefühle.
  8. Selbstfürsorge betreiben: Achten Sie auf Ihre eigene Gesundheit und Ihr Wohlbefinden.
  9. Sich austauschen: Suchen Sie den Kontakt zu anderen Angehörigen oder Selbsthilfegruppen.
  10. Hoffnung bewahren: Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Viele psychische Erkrankungen sind gut behandelbar.

Gesetzesreform in Niedersachsen

Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen arbeitet nach dem Fall Friedland verstärkt an einer Gesetzesreform, um den Umgang mit psychisch kranken Menschen, die sich oder andere gefährden, zu verbessern. Ziel ist die bessere Vernetzung von Kliniken, Polizeidienststellen und sozialpsychiatrischen Diensten, um sensible Informationen über Patienten weitergeben zu können. Dabei muss jedoch der Datenschutz und die Gefahr der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen berücksichtigt werden.

Abgrenzung und Liebe: Kein Widerspruch

Der akut psychisch Kranke

In dramatischen Situationen, in denen ein akut psychisch Erkrankter mit Blaulicht und Polizeieskorte in die Klinik gebracht wird, können Schuldgefühle bei den Angehörigen entstehen. Sie fragen sich, ob sie den Kranken verraten haben. Auch bei depressiv Kranken, die von Angehörigen in die Psychiatrie gebracht werden, können Schuldgefühle und Verzweiflung entstehen.

Liebe und Abgrenzung gehören zusammen

Liebe und Abgrenzung stehen nicht im Widerspruch. Es ist wichtig, sich als Angehöriger rechtzeitig abzugrenzen, auch wenn es wehtut. Nach einer erfolgreichen Behandlung kann die Familie wieder zueinanderfinden. Im Nachhinein kann der Kranke vieles als notwendig einsehen.

Lesen Sie auch: Walnüsse: Ein Superfood für Ihr Gehirn

Der chronisch Leidende

Bei chronisch psychisch Kranken, die depressiv bleiben, apathisch und antriebsschwach sind, entstehen für die Angehörigen Probleme: Dürfen sie sich etwas leisten, während der Kranke leidet? Dürfen sie zu Veranstaltungen gehen, obwohl sie mit dem Kranken auffallen? Es ist wichtig, dass Angehörige dafür sorgen, dass es ihnen hinreichend gut geht, um eine wirkliche Stütze zu sein.

Der mich ausnutzende Kranke

Kranke können ihre Erkrankung ausnutzen und ihre Angehörigen regelrecht "verschlingen". Es ist wichtig, Klarheit im täglichen Zusammensein anzustreben, inwiefern Hilfe notwendig ist oder ob man sich verweigern, sich schützen, klare Forderungen stellen muss. Angehörige, die sich nur ausgenutzt fühlen, sind irgendwann ausgebrannt und können den Kranken nicht mehr lieben.

Suizidversuch bzw. Suizid

Nach einem Suizidversuch oder Suizid eines Angehörigen entstehen Entsetzen, Verzweiflung, Schmerz und Schuldgefühle. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass man auch Bitterkeit fühlen und vorwurfsvoll denken darf. Man darf die Frage stellen, ob auch der Verstorbene Fehler und Schwächen hatte. Abgrenzung bedeutet hier auch: Selbst wenn man irgendwie mitschuldig ist, selbst wenn man es möglicherweise hätte verhindern können - das alles weiß man erst hinterher. Es gibt keinen perfekten Menschen. Trotz allen Bemühens sind Fehler mitunter nicht vermeidbar. Versöhnen Sie sich mit dem, der sich das Leben nahm. Versöhnen Sie sich mit sich selbst. Dann können Sie den Anderen trotz allem in liebender Erinnerung behalten und - nach der Zeit des Schmerzes und der Trauer - auch wieder Freude am Leben finden.

Gefühle, die Abgrenzung ermöglichen und behindern

Ohnmacht und Hilflosigkeit

Ohnmacht und Hilflosigkeit sind Gefühle, die Angehörige oft kennen. Diese Gefühle zuzulassen hilft uns jedoch, den Moment zu erkennen, wann wir kapitulieren müssen, wann wir das Schicksal des Kranken aus der Hand geben sollten.

Schuldgefühl

Schuldgefühle ketten uns immer fest an den Kranken. Anhaltende, nicht verarbeitete Schuldgefühle haben jedoch so gut wie immer negative Auswirkungen auf das Zusammenleben. Schuldgefühle bedürfen der Aussöhnung, der Vergebung - wenn es sich um echte Schuld handelt. Entspringen sie jedoch verkehrten Ansichten und sind unbegründet, bedürfen sie des Freispruchs.

Trauer

Trauer gehört immer zum Schicksal der Angehörigen. Sie kommt nach schlimmen, verletzenden, katastrophalen Ereignissen, aber auch, wenn chronisch Kranke sich verändern, nicht wieder die "Alten" werden. Vermeidung von Trauer ist eine Klammer, die uns an die schönen Zeiten der Vergangenheit kettet. Angehörige, die nicht trauern können, führen oft einen immer aussichtsloseren Kampf um Dinge, die nicht erreichbar sind.

Depression: Eine besondere Herausforderung

Die Krankheit Depression kann einen Menschen völlig verändern. Angehörige entwickeln oft selbst Schuldgefühle oder gar Ärger über den erkrankten Menschen. Hält die depressive Phase länger an, können sich bei den Angehörigen Überlastung und Erschöpfung einstellen, weil sie dem Betroffenen eine Vielzahl alltäglicher Aufgaben abnehmen müssen.

Tipps für den Umgang mit Depressionen in der Familie

  • Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung: Professionelle Hilfe ist wichtig.
  • Ergreifen Sie die Initiative: Vereinbaren Sie für den Betroffenen bzw. die Betroffene einen Arzttermin.
  • Signalisieren Sie, dass Sie für ihn/sie da sind: Geben Sie nicht nach dem ersten Versuch auf.
  • Besorgen Sie Informationen zur Erkrankung: Sie können auch auf die Online-Foren Depression verweisen.
  • Haben Sie Geduld: Erinnern Sie ihn/sie stets daran, dass die Depression eine Erkrankung ist, die vorübergeht und sich gut behandeln lässt.
  • Seien Sie zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen: Raten Sie dem Betroffenen auch nicht, „sich zusammenzunehmen“.
  • Verschieben Sie, wenn möglich, wichtige Entscheidungen: Berücksichtigen Sie dies, wenn möglich, in allen Angelegenheiten, die die private oder berufliche Zukunft betreffen.
  • Achten Sie auf sich selbst: Bauen Sie zu Ihrer Unterstützung ein Netzwerk von Freunden und Bekannten auf oder organisieren Sie sich auf andere Weise Hilfe.

Umgang mit Suizidalität

Manchmal erscheint einem schwer depressiv erkrankten Menschen seine Situation so hoffnungslos, dass er nicht mehr leben will. Es ist wichtig, die Alarmzeichen ernst zu nehmen und schnell zu reagieren.

Neue Ansätze der hessischen Polizei

Die hessische Polizei beschäftigt sich unter dem Gefährdungslagenmanagement (GLM) mit Personen, von denen ein erhöhtes Risikopotential ausgeht. Ergänzend dazu hat die Task Force PAVG (Psychisch Auffällige / Vielschreiber / Gewalttäter) ihre Arbeit aufgenommen. Ziel ist es, die Gefahrenprognose zu verbessern, damit frühzeitig zielgenaue Maßnahmen ergriffen werden können.

Kommunikationstechniken im Umgang mit psychisch kranken Angehörigen

Die Kommunikation spielt im Leben eines jeden Menschen eine große Rolle, auch im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen. Es ist wichtig, sich der eigenen Rolle bewusst zu sein und zu erkennen, wann man in andere Rollen schlüpft, die die Kommunikation erschweren.

Basiswissen Kommunikation

  • Wertschätzung statt Abwertung: Sowohl gegenüber mir selbst als auch gegenüber dem Partner.
  • Selbst Verantwortung für die Befriedigung meiner Bedürfnisse übernehmen: Ich sollte sagen, was ich mir wünsche.
  • Balance halten: Zwischen dem Blick für mich selbst und meine Bedürfnisse und dem Blick und der Rücksichtnahme auf den anderen und seine Bedürfnisse.
  • Orientierung und Suche nach einer Lösung: Statt Suche nach einem Schuldigen.

Kommunikationstypen

  • Recht durchsetzen: Berechtigte Forderungen beim Gegenüber stellen und diese auch durchsetzen.
  • Beziehungen klären: Unterschiedliche Interessen miteinander aushandeln.
  • Um Sympathie werben: Kontaktaufnahme oder Folgen eines Fehlers lindern.

Kommunikationstechniken

  • Aktives Zuhören: Dem anderen das Gefühl geben, verstanden zu werden.
  • Ich-Botschaften senden: Eigene Gefühle und Bedürfnisse mitteilen.
  • Konkret und klar formulieren: Missverständnisse vermeiden.
  • Nachfragen: Sicherstellen, dass man den anderen richtig verstanden hat.
  • Pausen machen: Zeit zum Nachdenken geben.
  • Sich auf das Wesentliche konzentrieren: Nicht in Nebensächlichkeiten verlieren.

tags: #die #sind #vollig #duch #mit #ihrem