Dissoziative Störungen sind komplexe psychologische Phänomene, die durch eine Störung der normalerweise integrierten Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität, der Emotionen, der Wahrnehmung, des Körperbildes, der Kontrolle motorischer Funktionen und des Verhaltens gekennzeichnet sind. Diese Störungen können erhebliche Verwirrung und Stress verursachen, da Betroffene oft erleben, dass ihre Wahrnehmung der Außenwelt verändert ist und sie sich von ihrem eigenen Körper oder ihrer Umgebung entfremdet fühlen. In diesem Artikel werden die verschiedenen Formen, Ursachen, Symptome, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze dissoziativer Störungen umfassend beleuchtet.
Was sind Dissoziative Störungen?
Dissoziation beschreibt einen Zustand, in dem es zu einer Trennung zwischen verschiedenen Aspekten des Bewusstseins kommt. Im ICD-11 werden dissoziative Störungen definiert als „eine unwillkürliche Unterbrechung oder Diskontinuität der normalen Integration eines oder mehrerer der folgenden Bereiche: Identität, Empfindungen, Wahrnehmungen, Affekte, Gedanken, Erinnerungen, Kontrolle über Körperbewegungen oder Verhalten“. Diese Symptome werden als unerwünschte Beeinträchtigung des Bewusstseins und des Verhaltens erlebt.
Die dissoziativen Störungen, wie sie im DSM-5 unterschieden werden (Dissoziative Identitätsstörung, Dissoziative Amnesie, Depersonalisations-/Derealisationsstörung, Andere näher bezeichnete Dissoziative Störung und die Nicht näher bezeichnete Dissoziative Störung), haben alle als Hauptmerkmal eine Störung in einem oder mehreren der fünf dissoziativen Symptomcluster.
Formen Dissoziativer Störungen
Dissoziation kann in verschiedenen Formen auftreten, die sich in ihren Symptomen und der Intensität unterscheiden:
- Depersonalisation: Ein Zustand, in dem Betroffene das Gefühl haben, von ihrem eigenen Körper oder ihren eigenen Gedanken losgelöst zu sein. Sie fühlen sich oft wie ein Beobachter ihres eigenen Lebens, als ob sie außerhalb ihres Körpers stehen und sich selbst zusehen.
- Derealisation: Ein Zustand, in dem die Außenwelt als unwirklich oder fremd wahrgenommen wird. Menschen mit Derealisation haben das Gefühl, dass ihre Umgebung sich verändert hat oder nicht real ist.
- Dissoziative Amnesie: Das Unvermögen, sich an wichtige persönliche Informationen oder Ereignisse zu erinnern, die zu umfangreich sind, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.
- Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung): Gekennzeichnet durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeitszuständen, die abwechselnd die Kontrolle über das Denken und Verhalten der betroffenen Person übernehmen.
- Dissoziativer Stupor: Ein Zustand, in dem eine Person für eine gewisse Zeit nicht auf äußere Reize reagiert und sich in einem tranceähnlichen Zustand befindet.
- Dissoziative Fugue: Eine seltene Form, bei der die betroffene Person plötzlich und unerwartet von ihrem üblichen Umfeld weggeht und dabei oft eine neue Identität annimmt und keine Erinnerung an ihre Vergangenheit hat.
- Dissoziative Bewegungsstörungen: Betroffene sind nicht mehr in der Lage, einen oder mehrere Körperteile willkürlich zu bewegen, ohne dass dafür eine organische Ursache vorliegt. Auch die Sprechmuskeln können davon betroffen sein.
- Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen: Entweder geht das normale Hautempfinden an bestimmten Körperstellen oder am ganzen Körper verloren, oder die Betroffenen sind nur noch teilweise oder gar nicht mehr zu Sinnesempfindungen (wie sehen, riechen, hören) fähig.
- Dissoziative Krampfanfälle: Psychogene Anfälle, die oft einen bestimmten situativen Auslöser haben (z.B. eine Stresssituation). Sie ähneln stark epileptischen Anfällen, unterscheiden sich von diesen aber in mehreren Punkten.
Ursachen und Risikofaktoren
Eine dissoziative Störung tritt meist im Zusammenhang mit traumatischen Lebenserfahrungen auf. Starke Belastungssituationen wie Unfälle, Naturkatastrophen oder Missbrauch überfordern die Psyche. Die Symptome der dissoziativen Störungen sind eine Stressreaktion auf diese Überforderung.
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Traumata und Belastungen
Traumatische Ereignisse, insbesondere in der Kindheit, sind eine der häufigsten Ursachen für Dissoziation. Sexueller Missbrauch, physischer Missbrauch und emotionaler Missbrauch werden häufig von DIS-Patienten berichtet. Chronischer oder intensiver Stress kann ebenfalls Dissoziation auslösen. Wenn der Stresspegel so hoch ist, dass die Bewältigungsmechanismen überfordert sind, kann der Geist dazu übergehen, sich von der belastenden Realität abzutrennen.
Individuelle Eigenschaften und Umweltfaktoren
Nicht jeder Mensch reagiert auf Belastungssituationen mit einer Dissoziation. Die individuelle Persönlichkeit und Umweltfaktoren haben einen Einfluss auf die Entstehung dissoziativer Störungen. Unter anderem beeinflusst die Bindung zu den Eltern, wie widerstandsfähig Kinder gegenüber Stress sind. So sind Kinder, denen die notwendige Sicherheit und Geborgenheit im Elternhaus fehlt, anfälliger für dissoziative Störungen.
Forscher gehen auch von einer angeborenen Neigung zu dissoziativen Störungen aus. Die Rolle der Gene konnte aber bisher nicht eindeutig geklärt werden.
Neurobiologische Aspekte
Negativen Erfahrungen können zudem biologische Auswirkungen haben: Starker Stress kann Strukturen im Gehirn verändern. Ein Zuviel des Stresshormons Cortisol schädigt beispielsweise den Hippocampus, der wesentlich für unsere Erinnerungen ist.
Kürzlich konnten einzigartige Konnektivitätsmarker identifiziert werden, die die DIS mit dem zentralen exekutiven Netzwerk (CEN) in Verbindung bringen, was auf Veränderungen in den exekutiven Funktionen bei DIS-Patienten hindeuten könnte.
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Risikofaktoren
Die Anfälligkeit für eine dissoziative Störung erhöht sich, wenn der Körper nicht ausreichend mit allem Nötigen versorgt wird. Eine dissoziative Störung kann deshalb durch Schlafmangel, zu wenig Trinken oder Bewegungsmangel ausgelöst werden.
Symptome und Anzeichen
Dissoziative Störungen können sich je nach Form und oft auch von Patient zu Patient unterschiedlich äußern. Die Symptome können sich zudem bei ein- und derselben Person von einem Moment auf den anderen verändern und je nach Tagesform unterschiedlich schwer ausfallen. Belastende Situationen können eine dissoziative Störung verschlimmern.
Häufige Symptome
- Gedächtnislücken: Schwierigkeiten, sich an wichtige persönliche Informationen oder Ereignisse zu erinnern.
- Depersonalisation: Das Gefühl, von seinem eigenen Körper oder seinen eigenen Gedanken losgelöst zu sein.
- Derealisation: Das Gefühl, dass die Außenwelt unwirklich oder fremd ist.
- Identitätsprobleme: Schwierigkeiten, ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten.
- Bewegungsstörungen: Lähmungen einzelner oder mehrerer Gliedmaßen, unsicherer Gang, Unfähigkeit, freihändig zu stehen oder zu gehen.
- Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen: Verlust des normalen Hautempfindens oder der Fähigkeit zu Sinnesempfindungen.
- Dissoziative Krampfanfälle: Ähnlichkeit mit epileptischen Anfällen, aber ohne krankhafte elektrische Entladung im Gehirn.
Auswirkungen auf das tägliche Leben
Dissoziative Zustände können erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben haben:
- Konzentrationsprobleme: Schwierigkeiten, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, was zu Leistungsproblemen in Schule, Studium oder Beruf führen kann.
- Emotionale Belastungen: Angst, Depression und Isolation.
- Beziehungsprobleme: Schwierigkeiten, Emotionen zu empfinden und auszudrücken, was zu Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen führen kann.
- Selbstschädigendes Verhalten: Manche Patienten fügen sich beispielsweise Schnitt- oder Brandwunden zu, um sich aus dem dissoziativen Zustand in die Realität zurückzuholen.
Diagnose
Die Diagnose einer dissoziativen Störung erfordert eine sorgfältige und umfassende Untersuchung durch einen erfahrenen Psychiater oder Psychotherapeuten.
Anamnese und klinisches Interview
Ein ausführliches Gespräch mit dem Betroffenen (Anamnese) ist von zentraler Bedeutung. Der Arzt/Therapeut kann gezielt Fragen stellen, zum Beispiel:
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- Fehlen Ihnen Erinnerungen an bestimmte Abschnitte Ihres Lebens?
- Finden Sie sich manchmal an Orten wieder, ohne zu wissen, wie Sie dort hingekommen sind?
- Haben Sie manchmal den Eindruck, etwas getan zu haben, an das Sie sich nicht erinnern können?
- Haben Sie manchmal das Gefühl, eine völlig andere Person zu sein?
Hilfreich können auch Hintergrundfragen sein, etwa zur aktuellen Lebenssituation, zum familiären Hintergrund und zu möglichen psychischen Problemen in der Familie. Informationen von dritter Seite (z.B. frühere Arztbefunde, bei Minderjährigen: Berichte von Eltern und Lehrern) können die Diagnosefindung ebenfalls unterstützen.
Diagnostische Tests und Fragebögen
Der Arzt/Therapeut kann im Anamnesegespräch auch auf spezielle Fragebögen oder vorgegebene Gesprächsleitfäden ("diagnostische Interviews") zurückgreifen. Standardisierte Fragebögen und Tests, wie die „Dissociative Experiences Scale“ (DES), können verwendet werden, um das Ausmaß der Dissoziation zu messen. Um „imitierende“ Personen, die davon überzeugt sind, dass sie eine dissoziative Störung haben, aber in Wirklichkeit die diagnostischen Kriterien nicht erfüllen, von Personen mit dissoziativen Störungen zu unterscheiden, sind strukturierte klinische Interviews wie das SCID-D essentiell.
Ausschluss organischer Ursachen
Eine dissoziative Störung kann nur dann diagnostiziert werden, wenn sich organische Ursachen für die Symptome ausschließen lassen. Denn Anzeichen wie Krampfanfälle, Bewegungsstörungen oder Störungen der Sinnesempfindung können beispielsweise auch durch Epilepsie, Migräne oder Hirntumoren ausgelöst werden. Deshalb prüft der Arzt zum Beispiel die Seh-, Geruchs- und Geschmacksnerven sowie die Bewegungsabläufe und Reflexe des Patienten. In manchen Fällen werden zusätzlich mithilfe einer Computertomografie (CT) detaillierte Schnittbilder des Gehirns angefertigt. Bei Minderjährigen sucht der Arzt unter anderem auch nach möglichen Anzeichen von Misshandlung oder Missbrauch.
Differentialdiagnose
Die Symptome dissoziativer Störungen können denen anderer psychischer Erkrankungen ähneln, was die Diagnose kompliziert machen kann. Dazu gehören:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
- Schizophrenie
- Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)
Eine sorgfältige und umfassende Diagnostik ist entscheidend, um die richtige Behandlung für dissoziative Störungen zu finden.
Behandlung
Dissoziative Störungen werden im Rahmen einer Psychotherapie behandelt. Ziele beziehungsweise Inhalte der Behandlung sind eine Stabilisierung des Patienten, eine Verringerung der dissoziativen Symptome und die Bearbeitung von traumatischen Erlebnissen. Je nach Schweregrad, Dauer und Ausprägung der Symptome werden Patienten mit dissoziativen Störungen ambulant, teilstationär oder stationär behandelt.
Stabilisierung und Symptomreduktion
Zu Beginn der Therapie klärt der Therapeut den Patienten ausführlich über das Krankheitsbild der dissoziativen Störung auf (Psychoedukation). Im weiteren Verlauf lernt der Patient, seine Gefühle bewusst wahrzunehmen und Spannungszustände rechtzeitig abzubauen. Um dissoziative Symptome zu reduzieren, erarbeitet der Therapeut mit dem Patienten Strategien, die ihm bei der Stressbewältigung helfen. Außerdem lernt der Patient, Hinweise auf kommende dissoziative Symptome rechtzeitig zu bemerken und dagegen vorzugehen. Fällt der Patient dennoch in einen dissoziativen Zustand, bringt ihn der Therapeut mithilfe von Atem- und Gedankenübungen zurück. Es werden auch starke Gerüche oder laute Musik eingesetzt, um den Patienten wieder in die Realität zu holen.
Auseinandersetzung mit dem Trauma
Liegen traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit vor, werden sie in der Therapie bearbeitet. Sind sie für den Patienten stark belastend, achtet der Therapeut auf eine schrittweise Auseinandersetzung mit dem Thema, um den Betroffenen nicht zu überfordern. Damit Patienten während einer Traumabearbeitung nicht erneut in eine Dissoziation fallen, setzt der Therapeut verschiedene Techniken ein. Dazu soll der Betroffene zum Beispiel auf einer wackligen Unterlage stehen, während er von den Erinnerungen erzählt. Um verborgene Erinnerungen (etwa bei einer dissoziativen Amnesie) an die Oberfläche zu holen, kann der Therapeut den Patienten hypnotisieren. Sobald ein Zugang zu den verschütteten Erinnerungen geschaffen ist, kann der Betroffene mithilfe des Therapeuten beginnen, das Trauma aufzuarbeiten.
Weitere Therapieansätze
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): Eine Methode, um die unterschiedlichen Symptome der Dissoziationen und deren Auslöser bewusst zu machen.
- Tierbegleitete und Tiergestützte Therapie: Der Umgang mit Tieren kann helfen, Gefühle von Entfremdung und Isolation zu mildern, Stress zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern.
- Kreativ- und Kunsttherapie: Ermöglicht es den Patienten, durch kreative Ausdrucksformen ihre inneren Erlebnisse zu verarbeiten und auszudrücken.
- Musik- und Stimmtherapie: Nutzt musikalische Elemente, um emotionale und psychologische Heilungsprozesse zu unterstützen.
- Entspannungsverfahren: Techniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson und geleitete Imagination können dazu beitragen, dissoziative Episoden zu reduzieren, indem sie den Betroffenen helfen, einen Zustand der Ruhe und des Wohlbefindens zu erreichen.
Umgang mit Dissoziativen Zuständen im Alltag
Der Umgang mit dissoziativen Zuständen im Alltag kann eine Herausforderung darstellen, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihre Angehörigen und Freunde.
Strategien für Betroffene
- Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit: Regelmäßige Achtsamkeitsübungen können helfen, Symptome frühzeitig zu erkennen und bewusst damit umzugehen.
- Strukturierter Tagesablauf: Ein gut strukturierter Tagesablauf kann helfen, Unsicherheit und Stress zu reduzieren.
- Erinnerungshilfen: Gedächtnislücken können durch den Einsatz von Erinnerungshilfen besser kontrolliert werden.
- Therapie und Unterstützung: Der regelmäßige Besuch bei einem Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe kann emotionale Unterstützung bieten und neue Bewältigungsstrategien vermitteln.
Unterstützung für Angehörige und Freunde
- Verständnis und Geduld: Dissoziative Zustände sind oft schwer nachvollziehbar.
- Offene Kommunikation: Eine offene und ehrliche Kommunikation ist essenziell.
- Stabile Umgebung bieten: Eine stabile und sichere Umgebung kann helfen, die Symptome zu reduzieren.
- Ermutigung zur Selbstfürsorge: Angehörige können Betroffene ermutigen, auf ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu achten.
Prävention und Selbstfürsorge
Die Prävention von dissoziativen Zuständen und die Förderung der Selbstfürsorge sind entscheidend, um das Wohlbefinden zu verbessern und das Risiko für schwere dissoziative Episoden zu verringern.
Stressmanagement
Ein effektives Stressmanagement kann helfen, das Auftreten von Dissoziation zu verhindern oder zu minimieren. Strategien hierfür sind:
- Zeitmanagement: Ein strukturierter Zeitplan kann helfen, den Alltag zu organisieren und Stress zu reduzieren.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, sich zu erholen und neue Energie zu tanken.
- Körperliche Aktivität: Regelmäßige sportliche Betätigung hilft, Stress abzubauen und die psychische Gesundheit zu fördern.
Achtsamkeit
Achtsamkeit kann helfen, das Bewusstsein für den gegenwärtigen Moment zu schärfen und dadurch dissoziative Symptome zu verringern. Regelmäßige Achtsamkeitsübungen fördern die Selbstwahrnehmung und das emotionale Gleichgewicht.
Gesunder Umgang mit Belastenden Situationen
Der Umgang mit belastenden Situationen auf eine gesunde Weise ist essenziell, um Dissoziation zu verhindern. Regelmäßige Selbstfürsorge, ein starkes soziales Netzwerk und das Erkennen und Respektieren persönlicher Grenzen spielen hierbei eine wichtige Rolle.
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