Die dominante Hemisphäre des Gehirns: Funktion, Lateralisierung und Implikationen

Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus zwei Hemisphären besteht, der linken und der rechten. Lange Zeit ging man davon aus, dass die beiden Hälften lediglich als redundante Systeme fungieren. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass die Hemisphären unterschiedliche Funktionen und Schwerpunkte haben. Bei den meisten Menschen dominiert die linke Hemisphäre, aber die rechte Hemisphäre spielt eine entscheidende Rolle bei Kreativität, Intuition und emotionaler Verarbeitung.

Funktionelle Asymmetrie: Lateralisierung des Gehirns

Neurowissenschaftler untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, die als Lateralisierung bezeichnet werden. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. Beide Gehirnhälften sind immer aktiv. Die rechte Gehirnhälfte ist stärker an der Verarbeitung von menschlichen Bewegungen beteiligt als die linke. Dank bildgebender Verfahren beobachten sie die Aktivität in beiden Hirnhälften und berechnen das Verhältnis von links zu rechts, den Lateralitätsindex. Sie sehen also, welche Seite dominanter für eine Funktion ist. Das kann sich allerdings von Mensch zu Mensch unterscheiden! Außerdem ist diese Dominanz spezifisch für eine Aufgabe oder Fähigkeit.

Die Lateralisierung des Gehirns ermöglicht eine effizientere Aufgabenverteilung und erweitert das gesamte Aufgabenspektrum. Die linke Hemisphäre ist in der Regel für sprachliche und logische Funktionen zuständig und verarbeitet Informationen sequenziell und analytisch. Die rechte Hemisphäre hingegen ist eher für räumliche, kreative und intuitive Funktionen zuständig und verarbeitet Informationen ganzheitlich.

Die linke Hemisphäre: Sprache, Logik und Analyse

Die linke Gehirnhälfte ist zuständig für Sprache, Lesen und Rechnen. Sie arbeitet nach Regeln und Gesetzen und konzentriert sich auf einen Punkt. Die linke Gehirnhälfte nimmt Details wahr und denkt in logischen Schritten. Sie verarbeitet verbale und mathematische Informationen und steuert die mündliche Darstellung sowie Grammatik und Wortstellung. Das Broca-Areal, welches gemeinsam mit dem Wernicke-Zentrum für die Sprachproduktion und -verarbeitung verantwortlich ist, befindet sich in der Großhirnrinde der dominanten Gehirnhälfte, der linken Hemisphäre.

Die rechte Hemisphäre: Kreativität, Intuition und Emotionen

Die rechte Gehirnhälfte ist zuständig für Körpersprache, Bildersprache und Intuition. Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko. Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich. Sie kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik und steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen. Die rechte Hemisphäre ist deutlich stärker als die linke mit dem limbischen System und den Mechanismen des autonomen und verhaltensbezogenen Arousals verbunden.

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Interhemisphärische Kommunikation und Konnektivität

Die beiden Hirnhälften sind über dicke Nervenfaserbündel, die sogenannten Kommissuren, miteinander verbunden. Das Großhirn gliedert sich in zwei Hälften, die Hemisphären, die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind. Diese Verbindungen ermöglichen die Kommunikation und Koordination zwischen den Hemisphären, sodass Informationen ausgetauscht und integriert werden können. Eine funktionierende interhemisphärische Kommunikation ist entscheidend für komplexe kognitive Prozesse und das reibungslose Funktionieren des Gehirns.

Auswirkungen einer gestörten interhemisphärischen Kommunikation

Eine posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) bewirkt häufig einen Verlust des Austauschs von Informationen zwischen den Hemisphären. In Zuständen starker emotionaler oder kognitiver Belastung werden auch bei neurologisch intakten Menschen Ereignisse in der rechten Hemisphäre durch Hemmung der Übertragung zwischen den Gehirnhemisphären funktionell von der linken getrennt.

Eine Trennung der Gehirnhemisphären bewirkt neben Alexithymie einen subtilen Verlust emotionaler Fähigkeiten, z.B. hinsichtlich symbolischer Vorstellungskraft. Eine Störung der Asymmetrie von Katecholaminen könnte zu einem Versagen der interhemisphärischen Kommunikation und einer Isolierung des HPA-Achse führen.

Entwicklung der hemisphärischen Dominanz

Die Dominanz einer Gehirnhälfte entwickelt sich erst im Laufe der Jahre und ist demnach nicht angeboren. Mit dem Alter werden manche Asymmetrien schwächer, andere stärker. Manche kehrten sogar die Richtung um. Insgesamt waren die Effektgrößen sowohl für Alterseffekte als auch für Geschlechtsunterschiede gering. Störungen der Bindung zwischen Säugling und Mutter können daher Entwicklungsstörungen der rechten Gehirnhemisphäre verursachen, die die Erregungsmodulation und die Regulation der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin beeinflussen.

Klinische Implikationen der hemisphärischen Dominanz

Aphasie

Aphasien sind erworbene sprachsystematische Störungen, die bei Läsionen der dominanten Hirnhemisphäre auftreten.

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Neglect

Die Zeichnungen stammen von Menschen, die eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, erlitten haben. Seitdem zeigen sie einen sogenannten Neglect. Bei diesem Krankheitsbild passiert etwas, das für Außenstehende schwierig nachzuvollziehen ist: Die linke Hälfte der Welt wird normal wahrgenommen, aber kaum verarbeitet und deshalb ignoriert.

Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect.

Die linke Gehirnhälfte wiederum steuert (die meisten) Bewegungen und Wahrnehmungen der rechten Körperhälfte. Trotzdem folgt auf eine Schädigung der linken Gehirnhälfte nur selten ein rechtsseitiger Neglect. Forscher:innen schließen daraus, dass die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz hat für die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und zwar sowohl nach links als auch nach rechts.

ADHS

Diffusionsbildgebungsstudien bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben Veränderungen in anatomischen Hirnverbindungen aufgezeigt, beispielsweise in der frontoparietalen Verbindung, die als superiorer Längsstrang (SLF) bekannt ist. ADHS wird als Entwicklungsstörung des Gehirns im Sinne einer Entwicklungsverzögerung beschrieben. Vielfache Untersuchungen bestätigen, dass frühkindliche Stresserfahrungen derartige Veränderungen des Verhaltens und der Neurotransmitter bewirken können. Viertens sind Gen-Umwelt-Interaktionen gerade in Bezug auf die wichtigen Genkandidaten für ADHS DRD4-7R, COMT und MAO-A bekannt.

Depression

Auf der Suche nach der Ursache für Depressionen haben Forscher:innen die Valenzhypothese vorgeschlagen. Die Idee ist, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führe, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patient:innen häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands. Das könnte erklären, wieso depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.

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Training und Förderung der Gehirnleistung

Um exzellente und kreative Denkleistungen zu erbringen, müssen beide Gehirnhälften des Großhirns gut zusammenarbeiten und sich ergänzen. Die Vorstellung, dass das Gedächtnis in erster Linie ein Speicher für Wissen und objektive Fakten sei, wird durch die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse widerlegt. Es ist daher ratsam, das Gehirn durch verschiedene Lern- und Denkprozesse zu fordern und zu trainieren, um eine bessere Vernetzung der gespeicherten Informationen zu erreichen. Eine Möglichkeit hierfür ist beispielsweise das Lernen durch Visualisierung und Assoziation.

Möglichkeiten zur Stärkung der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften

  • Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
  • Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
  • Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition.
  • Verwendung von Mind Maps oder anderen visuellen Techniken.

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