Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) und die Polyneuropathie können die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten, wobei der Schwerpunkt auf der Dopamin-Polyneuropathie liegt.
Einführung
Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist durch einen unkontrollierbaren Drang gekennzeichnet, die Beine zu bewegen, oft begleitet von unangenehmen Empfindungen. Polyneuropathie hingegen ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven geschädigt sind, was zu einer Vielzahl von Symptomen wie Schmerzen, Taubheit und Schwäche führt. Beide Erkrankungen können einzeln oder zusammen auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Restless-Legs-Syndrom (RLS)
Diagnose des RLS
Die Diagnose basiert auf obligatorischen und fakultativen Kriterien. Ein Krankheitswert wird angenommen, wenn der Patient an mindestens zwei bis drei Tagen pro Woche Beschwerden hat und diese ihn in seiner Lebensqualität beeinträchtigen. Der Schweregrad bestimmt also, ob man behandeln muss. Am einfachsten ist, den Patienten zu fragen: «Denken Sie, dass Sie mit diesen Beschwerden leben können oder beeinflusst es Ihren Alltag so, dass wir eine Therapie erwägen sollten?»
Vier Minimalkriterien sichern die klinische Diagnose, wenn der Verdacht auf ein Restless-Legs-Syndrom besteht:
- Mißempfindungen wie Ziehen, Jucken, Brennen und Reißen in den Beinen, gelegentlich auch in den Armen.
- Beschwerden treten in Ruhe auf.
- Symptome bessern sich durch Bewegung.
- Beschwerden verschlechtern sich gegen Abend und vor allem im Lauf der Nacht.
Ursachen des RLS
Die Ursache des RLS ist bisher unbekannt. Es wird ein Zusammenhang mit einem gestörten Eisenstoffwechsel in bestimmten Regionen des Gehirns vermutet. Hier kommt es wahrscheinlich zu einer Störung des Stoffwechsels des Botenstoffs Dopamin, was dann die Symptome hervorruft. Der genaue Mechanismus ist bisher nicht bekannt. Manchmal tritt das RLS gemeinsam mit einer Blutarmut durch Eisenmangel (Eisenmangelanämie) oder bei Betroffenen mit Nierenfunktionsstörungen auf. Es kann auch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen und in der Schwangerschaft auftreten. Manchmal tritt das RLS gemeinsam mit einer Nervenschädigung an den Beinen (Polyneuropathie) auf. Bestimmte Medikamente können ein RLS begünstigen. Die Symptome des RLS werden durch Erschöpfung verstärkt. Außerdem besteht eine Tendenz zur Verschlechterung bei warmem Wetter im Sommer. Alkoholkonsum vor dem Schlaf kann die Symptome verstärken. Ein RLS tritt oft bei mehreren Mitgliedern einer Familie auf.
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Behandlung des RLS
Nicht-medikamentöse Behandlungen
Bevor Medikamente zum Einsatz kommen, sollten vor allem bei leichteren Beschwerden nicht-medikamentöse Maßnahmen versucht werden. Zu deren Wirksamkeit gibt es jedoch keine kontrollierten Studien. Manchen Patienten hilft ein Verzicht auf Genussmittel wie Alkohol, Coffein und Nikotin am Abend, da diese den Schlaf stören können. Auch regelmäßige Schlafenszeiten fördern die Schlafhygiene. Regelmäßige körperliche Aktivität wie Abendspaziergänge, Radfahren, Gymnastik und Dehnübungen können die Beschwerden lindern. Dies gilt auch für Entspannungstechniken und kognitives Verhaltenstraining. Weiterhin sollten Arzt und Apotheker die Medikamente des Patienten überprüfen, ob diese möglicherweise ein RLS auslösen oder verstärken können.
Medikamentöse Behandlungen
Zur symptomatischen Therapie stehen mehrere Wirkstoffgruppen zur Verfügung: dopaminerge Substanzen, Hypnotika, Antiepileptika, Antidepressiva und Opioide. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt vom Schweregrad, den Komorbiditäten und den zu erwartenden Nebenwirkungen ab.
- Dopaminerge Substanzen: Bei ein- bis zweimal pro Woche Beschwerden kann L-Dopa in Reserve und maximal 2x 250mg pro Woche verschrieben werden. L-Dopa sollte man aber auf keinen Fall als Dauertherapie einsetzen, weil das bei 80 Prozent der Patienten zu einer Augmentation führt. Dopamin-Agonisten eignen sich gut, wenn der Patient gleichzeitig unter Depressionen leidet, da diese Präparate auch leicht antidepressiv wirken. Leidet ein Patient aber unter kompulsivem Verhalten, rate ich von einem Dopamin-Agonisten ab, denn dieser kann als Nebenwirkung ein derartiges Verhalten auslösen oder verstärken.
- Alpha-Delta-Liganden: Gabapentin oder Pregabalin kommen hauptsächlich infrage bei schmerzhafter Form des RLS, wenn der Patient zusätzlich eine Polyneuropathie hat. Weil Pregabalin auch angstlösend wirkt, eignet sich das Medikament bei zusätzlicher Angststörung. Genauso wie die Dopamin-Agonisten sollte man die Antiepileptika langsam aufdosieren, dann verträgt der Patient sie besser. Älteren Patienten gebe ich diese Substanzen aber nicht so gerne, weil diese das Risiko für Stürze erhöhen und die Gefahr einer Gewichtszunahme sollte beachtet werden.
- Opioide: Codein-Präparate werden heute nur noch als zweite oder dritte Wahl verwendet. Als Reservemedikament oder in Kombination mit Dopamin-Präparaten kann es aber auch heute noch gute Dienste leisten. In sehr schweren Fällen kann eine Behandlung mit Opiaten inklusive Methadon erwogen werden, insbesondere bei schmerzhaften Formen des RLS.
Augmentation
Das Risiko einer Augmentation ist besonders bei kurzwirksamen Dopamin-Präparaten erhöht. Die RLS-Symptome treten wieder auf oder verschlechtern sich rasch innert Wochen - es ist eine paradoxe Nebenwirkung aller dopaminerger Präparate. Bestand das Unruhegefühl in den Beinen früher erst am Abend im Bett, treten die Symptome wegen der Augmentation schon beim Nachtessen auf und im weiteren Verlauf schon beim Mittagessen. Zusätzlich breiten sich die Symptome von den Unterschenkeln nach proximal aus oder sogar bis in die Arme. Oft ändert sich auch der Charakter: Die Beschwerden sind jetzt schmerzhafter oder es treten mehr unwillkürliche Zuckungen auf.
Um die Augmentation in den Griff zu bekommen, kann man es entweder mit einem Dopamin- Agonisten mit längerer Wirkungsdauer wie dem Rotigotin-Pflaster versuchen oder mit Pregabalin. Meist muss man aber vorübergehend und überlappend ein Opiat dazugeben, um die Beschwerden erträglich zu gestalten. Wenn die Augmentation behoben ist, kann man das Opiat später eventuell wieder ausschleichen.
Polyneuropathie
Ursachen der Polyneuropathie
Die Ursachen für Polyneuropathie sind vielfältig. Am häufigsten sind dies ein Eisenmangel, eine Polyneuropathie oder auch bestimmte Medikamente. Je nach Ursache, also zum Beispiel Vitamin B12 substituieren, den Blutzucker gut einstellen oder eine Schilddrüsenunterfunktion behandeln. Bei jedem Zweiten finden wir allerdings keine Ursache für die Polyneuropathie - das ist ziemlich frustrierend und dann bleibt einem nur übrig, die Symptome zu behandeln. Neuroleptika können ein RLS auslösen, auch Betablocker, Antidepressiva oder Kalzium-Antagonisten.
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Behandlung der Polyneuropathie
Die Behandlung der Polyneuropathie zielt in erster Linie auf die Linderung der Symptome ab, da eine Heilung oft nicht möglich ist.
Medikamentöse Behandlung
- Gabapentin und Pregabalin: Sie sind die Mittel der ersten Wahl für die Behandlung der Polyneuropathie. Eine zufriedenstellende Schmerzreduktion, also um mindestens die Hälfte, erreichen beide Substanzen aber nur bei 30 bis 40 Prozent der Behandelten. Die Nebenwirkungsrate liegt aber bei 40 bis 60 Prozent.
- Tricyclische Antidepressiva und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: Sie gelten als Mittel der ersten Wahl. Sie kommen zum Beispiel dann in Frage, wenn Gabapentin und Pregabalin als Option ausscheiden.
- Topisches Capsaicin und Opioide: Mittel der zweiten Wahl sind topisches Capsaicin als Pflaster in hoher Dosierung (8 Prozent!) oder Opioide. Am besten scheint Tramadol zu wirken.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Physikalische Therapien: Man sollte sich auf die physikalischen Therapien, das heißt die Trainings- und Übungsbehandlungen und gegebenenfalls auch die Elektrotherapie konzentrieren und nicht versuchen, das während der Chemotherapie mit Medikamenten zu beeinflussen.
- Ergotherapie: Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten fokussieren darauf, Patientinnen und Patienten mit funktionalen Defiziten durch regelmäßige und wiederholte Anwendung ergotherapeutischer Maßnahmen dahingehend zu helfen, dass sie in ihrem täglichen Alltag, sprich Zuhause, in der Hausarbeit, im Berufsleben und im Privatleben optimal zurande kommen. Dies geschieht durch teilweise motorische Anwendungen. Unter anderem spielt bei der Polyneuropathie die Gangsicherheit eine Rolle, Gangsicherheit, Sturzprävention, aber auch das Thema medizinische Trainingstherapie, Aufbau von Kraft, von Ausdauer, Erhalt derselben. Im Bereich Polyneuropathie speziell hat sie unter anderem den Sinn, etwaige Schmerzen, die Polyneuropathie ist ja auch ein Schmerzsyndrom, besser bewältigen zu können - also Schmerzbewältigung.
- Rehabilitation: Im Reha-Aufenthalt erhalten die Patienten neben der ärztlichen und pflegerischen Betreuung Therapien nicht nur zur Behandlung der Polyneuropathie, sondern auch zu anderen Beschwerden, die oft auch ebenfalls als Folge der Chemotherapie aufgetreten sind. Dazu gehören eine ganze Reihe von Einzelbehandlungen in Ergotherapie und Physiotherapie, aber auch Teilnahme an Gruppen: die Handfunktionsgruppe zum Beispiel, die Gruppe für die Behandlung von Polyneuropathie der Füße. Sie werden Physiotherapie-Bewegungsabläufe trainieren, Sie werden unter anderem zum Beispiel eine Vibrationstherapie bei uns erhalten, einem Gerät, das Galileo heißt. Dazu kommen verschiedene Formen der Elektrotherapie.
Spezielle Situationen
RLS in der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft ist die Behandlung eine Herausforderung, da für alle üblicherweise eingesetzten Präparate nicht genügend Daten zur Sicherheit für das Ungeborene vorliegen. Deshalb kann hier neben einer guten Schlafhygiene die orale Substitution eines Eisenmangels, allenfalls Magnesium versucht werden. Wirkt das nicht, kann man ein Benzodiazepin oder ein dopaminerges Präparat überlegen. Es schadet sicherlich nichts, die Eisenreserven vor einer Schwangerschaft gut aufzufüllen.
Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie
Bei der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie ist es häufig notwendig, dass man die Chemotherapie entweder pausiert oder die Dosis reduziert, wenn die Nebenwirkungen zu stark sind. Man hat früher versucht, durch Medikamente, die während der Chemotherapie gegeben wurden, das Voranschreiten zu verhindern.
Leben mit Polyneuropathie und RLS
Die Polyneuropathie hat mein Leben schon verändert, wobei ich auch gelernt habe, dass es Einschränkungen gibt, die im Kopf sind. Ich lasse mich nicht davon abhalten, in die Oper zu gehen, nur weil ich am Abend vielleicht besser mit zwei Stöcken unterwegs bin.
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