Dopamin, oft als "Glückshormon" missverstanden, ist ein Neurotransmitter, der eine entscheidende Rolle in unserem Streben nach Zielen, unserer Motivation und unserer Fähigkeit zur Selbstkontrolle spielt. Es ist der Treibstoff für unsere Träume, kann aber auch die Quelle unserer Verzweiflung sein, wenn wir scheitern. Dopamin ist kein Glückshormon und auch kein Belohnungssystem. Das Hormon fordert uns vielmehr beständig auf, etwas Neues zu erreichen. Und wenn wir es erreicht haben - egal ob Sex, Status, Macht oder Geld - ist es längst nicht zufrieden. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte des Dopamin-Kontrollsystems, seine Auswirkungen auf unser Verhalten und wie wir lernen können, es zu nutzen, um ein erfülltes und ausgewogenes Leben zu führen.
Die Rolle von Dopamin im Gehirn
Dopamin ist ein Botenstoff, der die Kommunikation zwischen Nervenzellen im Gehirn ermöglicht. Es spielt eine zentrale Rolle im Belohnungssystem, das uns motiviert, bestimmte Verhaltensweisen auszuführen, die mit positiven Erfahrungen verbunden sind. Dopamin sorgt für Glücksgefühle und wird bei Bedürfnisbefriedigung ausgeschüttet. Je häufiger man also „schwach“ wird, desto eher wird ein Verhalten zur Gewohnheit und umso schwächer wird die Kontrollfunktion des PFC. Mit der Zeit kann eine Sucht entstehen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass Dopamin nicht nur für Glücksgefühle verantwortlich ist. Vielmehr ist es der Neurotransmitter der Belohnungserwartung. Es wird ausgeschüttet, wenn wir eine Belohnung erwarten, und motiviert uns, auf diese Belohnung hinzuarbeiten.
Das Belohnungssystem und seine Funktionsweise
Das Belohnungssystem im Gehirn ist ein weit verzweigtes Netzwerk aus Hirnarealen und Neuronen, das wie ein Schaltkreis funktioniert: In der Großhirnrinde entsteht ein Verlangen. Gibt man ihm nach, gehen Signale unter anderem an das limbische System und den Hippocampus und zuletzt an die Großhirnrinde - als Rückmeldung, dass der Befehl ausgeführt wurde. Wichtigster Mitspieler im System ist das Dopamin. Es generiert Verlangen und Belohnungserwartung und ist damit ein wichtiger Motivator.
Dopamin und Lernen
Der Neurophysiologe Wolfram Schultz von der Universität Cambridge hat diesen Zusammenhang genauer untersucht. Er studierte unter anderem Affen, die bei der Wahl bestimmter Bilder Belohnungen in Form von Futter oder Saft bekamen, bei anderen nicht. Die dopaminergen Neuronen in ihrem Mittelhirn reagierten dabei nur anfangs auf die Belohnung als solche. Später feuerten sie bereits, wenn der Affe das „richtige“, Belohnung versprechende Bild wählte. Blieb dann die Belohnung aus oder kam zu spät, verstummten die entsprechenden Neuronen. Gab es eine unerwartete oder besonders üppige Belohnung, feuerten sie stärker als gewöhnlich. Die Nervenaktivität ist also ein Maß für die Abweichung von der Erwartung und damit - so die Folgerung von Wolfgang Schultz - ein gutes Instrument, um den Erfolg, etwa bei der Nahrungssuche, mit der Zeit zu maximieren.
Dopamin und Motivation
Dopamin ist ein wichtiger Faktor für unsere Motivation. Es treibt uns an, Ziele zu setzen und diese zu erreichen. Ohne Dopamin würden wir morgens nicht einmal aus dem Bett kommen, da wir keinen Trieb, kein Verlangen nach Mehr hätten. Das aber ist entscheidend für unser Überleben sowie die Fortpflanzung der Menschheit. Dopamin hat seine Tücken, aber es ist eben auch der maßgebliche Treiber des Fortschritts, denn dabei geht es in aller Regel darum, mehr zu erlangen - mehr Macht, mehr Konsum, mehr von mehr!
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Dopamin und Sucht
Dopamin spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Suchtverhalten. Viele Menschen glauben, dass Dopamin glücklich macht. Das ist ein großes Missverständnis, denn das ist nicht der Fall. Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, also eine belohnungsankündigende Wirkung. Das spielt beim Belohnungslernen eine große Rolle. Wenn wir etwas Positives erleben - wenn wir zum Beispiel hungrig sind und etwas essen oder wenn wir Zuwendung von einem anderen Menschen bekommen - dann wird Dopamin ausgeschüttet und markiert diese Situation als wichtig. Situationen, die mit Belohnungen einhergehen, werden gewissermaßen durch das Dopamin gelikt und dann im Suchtgedächtnis abgespeichert als etwas, das mit Belohnung verbunden ist.
Wie soziale Medien unser Belohnungssystem ausnutzen
Soziale Medien nutzen unser Belohnungssystem des Gehirns und das kann in Extremfällen zu einer Ähnlichkeit mit klassischen Abhängigkeiten führen. Die sozialen Netzwerke nutzen unser Belohnungssystem des Gehirns und das kann in Extremfällen zu einer Ähnlichkeit mit klassischen Abhängigkeiten führen.
Dopamin-Detox
Menschen, die zu sich kommen wollen, müssen sich abschotten von äußeren Reizen. In der heutigen Welt gibt es besonders viele dieser Reize, gerade über die vielen Medien, die uns beschallen. Wenn sich Eremiten früher in die Einsamkeit zurückgezogen haben, war das letztendlich auch eine Form von Dopamin-Detox. Heute verzichtet man dann häufig auf sein Handy und andere Dinge, die einen ablenken. Das kann man auch Rückzug nennen. Wenn man sich von äußeren Triggern abschottet, dann reagiert das Dopamin nicht andauernd auf äußere Signale, es gibt keine Höhen und Tiefen. Das beste Beispiel dafür ist die Meditation. Das ist ein Zustand, den Menschen anstreben, um zu ihrem Inneren zu gelangen.
Das Dopamin-Kontrollsystem
Das Dopamin-Kontrollsystem ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Dopamin-Systems. Es hilft uns, unser Verlangen zu kontrollieren und langfristige Ziele zu verfolgen. Schon William James, der im 19. Dopamin muss zukunftsgerichtet gezähmt werden, wenn der Mensch über das pure Verlangen hinaus etwas planen und mit hoher Beharrlichkeit umsetzen können möchte. Wissenschaftler nennen diese Überzeugung Selbstwirksamkeit. Mit ihr können wir Meisterschaft erlangen oder zumindest die Fähigkeit, in einer spezifischen Dimension die größtmögliche Belohnung herauszuholen. Dabei pressen wir aus den bestehenden Ressourcen das Maximale an Dopamin heraus.
Der präfrontale Cortex (PFC) und seine Rolle
Der präfrontale Cortex (PFC) ist die Gehirnregion, die sich im vorderen Schädelbereich direkt hinter unserer Stirn erstreckt. Mittlerweile weiß man, dass der PFC der Sitz unserer Handlungsplanung und Impulskontrolle ist. Menschen mit Frontalhirnsyndrom, also einer Schädigung in diesem Bereich, werden impulsiv, , können sich schlecht auf eine Aufgabe konzentrieren und haben Probleme, komplexere Handlungen zu planen.
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Die Bedeutung des Dopamin-Kontrollsystems für Frauen
Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass das Dopamin-Kontrollsystem bei Frauen stärker ausgeprägt sein könnte als bei Männern. Wissenschaftliche Befunde legen nahe, dass Frauen besser sparen können als Männer. Bildgebungsstudien haben gezeigt, dass Frauen einen größeren Präfrontalen Kortex besitzen als Männer. Ein ausgeprägtes Kontrollsystem ermöglicht es, riskante und impulsive Käufe besser zu unterdrücken und somit Geld zu sparen.
Dopamin im Alltag: Wie wir das System für uns nutzen können
Wie können wir nun das Wissen über das Dopamin-Kontrollsystem nutzen, um unser Leben zu verbessern? Hier sind einige Tipps:
- Setzen Sie sich realistische Ziele: Dopamin wird ausgeschüttet, wenn wir eine Belohnung erwarten. Setzen Sie sich daher Ziele, die erreichbar sind, um Ihr Dopamin-System zu aktivieren und motiviert zu bleiben.
- Belohnen Sie sich für Ihre Erfolge: Wenn Sie ein Ziel erreicht haben, belohnen Sie sich dafür. Dies verstärkt das positive Gefühl und motiviert Sie, weiterhin auf Ihre Ziele hinzuarbeiten.
- Finden Sie gesunde Wege, Ihr Dopamin-System zu aktivieren: Es gibt viele gesunde Möglichkeiten, Ihr Dopamin-System zu aktivieren, wie z.B. Sport, Meditation, Zeit mit Freunden und Familie verbringen oder Hobbys nachgehen.
- Vermeiden Sie Suchtverhalten: Suchtverhalten kann Ihr Dopamin-System aus dem Gleichgewicht bringen und zu negativen Folgen führen. Seien Sie sich der Risiken bewusst und suchen Sie bei Bedarf Hilfe.
- Achten Sie auf Ihre Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann dazu beitragen, dass Ihr Dopamin-System optimal funktioniert. Essen Sie viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte und vermeiden Sie stark verarbeitete Lebensmittel.
- Schlafen Sie ausreichend: Schlaf ist wichtig für die Regeneration Ihres Gehirns und die Aufrechterhaltung eines gesunden Dopamin-Systems.
- Trainieren Sie Ihre Verhaltenskontrolle: Das Gehirn ist plastisch und die Vernetzung der Nervenzellen verändert sich ständig entsprechend den Umweltanforderungen. Auch unsere Verhaltenskontrolle können wir trainieren. Andersherum gilt: „Use it or loose it“ - Verbindungen zwischen Nervenzellen bilden sich zurück, wenn sie nicht genutzt werden.
Dopamin und die Pubertät
In der Pubertät wird das Gehirn re-organisiert. Es entsteht im Gehirn tatsächlich eine Baustelle, was der etwas lapidare, aber klare Spruch des Familientherapeuten Jesper Juul „Vorsicht Pubertät! Wegen Umbau vorübergehend geschlossen!“ verdeutlicht. Unbenutzte Nervenregionen werden abgebaut, Nervenbahnen im Dauereinsatz hingegen stärker vernetzt. Die Entwicklung der Großhirnrinde ist noch nicht komplett abgeschlossen. Der Stirnlappen, der über die Folgen des Handelns nachdenkt, reift als letztes heran. Risikoabschätzung von Entscheidungen fällt schwer. Dagegen ist das limbische System, die Gehirnregion für Emotionen und Belohnung, deutlich weiter gereift und regiert über das frontale Kontrollsystem. Jugendlichen ist es schon möglich, rationale Entscheidungen zu treffen, jedoch setzt die Vernunft in besonders emotionalen Situationen oder bei Aussicht auf Belohnung aus (Mutprobe zur Aufnahme in die Peergroup, Gruppe der Gleichaltrigen). Rückenwind bekommt das limbische System durch den Mangel an Dopamin-Rezeptoren. Zu Beginn der Pubertät wird die Reifung der sekundären Geschlechtsmerkmale über die Sexualhormone gesteuert. Auch im Gehirn formen diese das Netzwerk um und führen zu Verhaltensänderungen.
Dopamin und das Alter
Auch im Alter wandelt sich die Reaktion des Gehirns auf Dopamin. Das zeigen Studien von Jean-Claude Dreher vom französischen Institute des Sciences Cognitives in Bron und Karen Berman vom amerikanischen National Institute of Mental Health in Bethesda. Die Forscher ließen Probanden im Alter von 25 und 65 Jahren zu einem Spiel antreten, bei dem man finanzielle Belohnungen gewinnen konnte, und untersuchten dabei deren Gehirnaktivität per Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Dabei zeigte sich, dass zwar in beiden Altersgruppen je nach Belohnung etwa gleich viel Dopamin ausgeschüttet wurde. Das Gehirn der älteren Teilnehmer reagierte darauf aber weniger intensiv als das der jüngeren. Vor allem der präfrontale Cortex antwortete auf das Dopamin in sehr unterschiedlicher Weise. Bei den jüngeren Probanden nahm die Aktivität in diesem Bereich mit steigender Dopamin-Ausschüttung zu. Bei den älteren beobachteten die Forscher den gegenteiligen Effekt: Je höher der Dopaminspiegel, desto weniger aktiv war der präfrontale Cortex.
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