Liebe, von Goethe als „Glück ohne Ruh“ beschrieben, von Rilke als „Leuchten mit unerschöpflichem Öle“ und von Platon als „Geisteskrankheit“ bezeichnet, hat Dichter und Denker seit jeher beschäftigt. Doch nicht nur sie sind von diesem Gefühl fasziniert. Die Mehrheit der Deutschen glaubt an die große Liebe und mehr als die Hälfte der Singles ist davon überzeugt, dass es den einen Menschen gibt, mit dem sie Glück und Freude teilen können. Damit dies geschieht, muss die Chemie stimmen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Zusammenspiel von Hormonen und Neurotransmittern in der Liebe
Die Liebe ist ein komplexes Zusammenspiel von Hormonen und Neurotransmittern. Sexualhormone wie Testosteron und Östrogen spielen eine Rolle für die Lust, aber Liebe ist mehr als Sex. Sie ist Hochgefühl, Kribbeln, Leidenschaft, Vertrauen und eine Art Sucht. Dopamin, Oxytocin und Serotonin spielen eine zentrale Rolle bei all diesen Empfindungen, zusammen mit Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin. Neurotransmitter vermitteln als Boten zwischen den Nervenzellen, während Hormone an Organen im ganzen Körper wirken.
Professor Andreas Bartels, ein Neurowissenschaftler, hat zusammen mit seinem Kollegen Samir Zeki am University College London die Gehirne von Verliebten untersucht. Sie baten Paare, sich in einen Magnetresonanztomographen zu legen, während sie ein Foto ihres Partners oder ihrer Partnerin sahen. Dies aktivierte im Gehirn Areale, die für die Produktion eines chemischen Wohlfühlcocktails zuständig sind, insbesondere Oxytocin.
Oxytocin: Das Kuschelhormon
Oxytocin ist ein wichtiger Bestandteil dieses Wohlfühlcocktails. Es ist sowohl ein Hormon als auch ein Neurotransmitter und hat vielfältige Wirkungen. Es besteht aus neun Aminosäuren und wird von der Hirnanhangdrüse ins Blut abgegeben. Oxytocin sorgt für Wehen bei der Geburt und den Milcheinschuss und wird daher auch in der klinischen Geburtshilfe eingesetzt. Es fördert die Bindung zwischen Mutter und Kind und generell zwischen Menschen. Auf physiologischer Ebene reguliert Oxytocin den Blutdruck und den Cortisolspiegel, was bei der Stressbewältigung hilft.
Bartels und Zeki stellten fest, dass Mütter, die Fotos ihrer Kleinkinder ansahen, die gleichen Reaktionen zeigten wie verliebte Paare. Dies deutet auf einen generellen Bindungsmechanismus hin, bei dem die Biologie dafür sorgt, dass sich Individuen aneinander binden.
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Komplimente und das Emotionszentrum im Gehirn
Professorin Beate Ditzen, eine medizinische Psychologin, hat die Wirkung von Komplimenten untersucht. In einer Studie erarbeitete sie einen Fragenkatalog zu verschiedenen Aspekten des Beziehungslebens und bat Paare, sich zu überlegen, was sie einander Positives sagen könnten. Während die Paare einander Lob aussprachen, wurden ihre Gehirne mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) untersucht.
Die lobenden Sätze ließen Teile des Gehirns leuchten, die zum limbischen System gehören, einem Zentrum für Emotionen. Interessanterweise war dies nicht nur im Gehirn der Empfänger der Komplimente der Fall, sondern auch bei den Lobenden selbst. Dies deutet darauf hin, dass es nicht nur gut tut, Lob zu bekommen, sondern auch, es auszusprechen. Komplimente könnten in allen sozialen Beziehungen positive Wirkungen entfalten, vorausgesetzt, sie sind glaubwürdig.
Dopamin, Serotonin und Oxytocin: Ein Orchester der Glückshormone
Auch ohne Romantik lässt sich die körpereigene Apotheke des Glücks aktivieren. Alles, was Begeisterung auslöst, setzt im Gehirn Regelkreisläufe in Gang, die nicht nur Hochgefühle bescheren, sondern auch die Gesundheit fördern. Dopamin entsteht schon in Erwartung der guten Gefühle; wenn das Erhoffte eintritt, kommen auch Serotonin und Oxytocin hinzu. Zusätzlich kann der Körper Cannabinoide und Endorphine bilden, schmerzstillende, teils beruhigende, teils euphorisierende Stoffe, die aus tiefer Zufriedenheit über das Erreichte entstehen.
All diese verschiedenen Botenstoffe wirken in einem dynamischen, vernetzten System zusammen. Wie in einem Musikstück mit verschiedenen Instrumenten übernimmt jeder Stoff seinen Part.
Dopamin: Motivation und Belohnung
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der oft als „Glückshormon“ bezeichnet wird. Es sorgt für ein gutes Gefühl und wird mit Belohnung, Euphorie, aber auch Suchterkrankungen assoziiert. Dopamin entsteht dabei schon in Erwartung der guten Gefühle und treibt uns an, aktiv nach einer Belohnung zu suchen.
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Serotonin: Stimmungsregulation und soziales Verhalten
Serotonin ist ein weiteres wichtiges Glückshormon, das eine zentrale Rolle in der Regulierung unserer Stimmung spielt. Es trägt wesentlich dazu bei, wie wir uns fühlen und beeinflusst auch unseren Schlaf-Wach-Rhythmus und unsere Appetitkontrolle. Serotonin spielt auch eine Rolle in unserem Sozialverhalten.
Endorphine: Schmerzlinderung und Wohlbefinden
Endorphine sind körpereigene Chemikalien, die als natürliche Schmerzmittel wirken. Sie werden insbesondere in Situationen freigesetzt, die unser Wohlbefinden gefährden könnten, wie zum Beispiel bei körperlicher Anstrengung, Stress oder Verletzungen.
Die gesundheitlichen Vorteile der Liebe und positiven Gefühle
Liebe fördert Lebenslust und Freude und hat positive Auswirkungen auf das körperliche und psychische Wohlbefinden. Positive Gefühle sind ein Mechanismus, mit dem wir Stress abbauen und wieder in Balance kommen. Emotionales Wohlergehen geht mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher. Die Schlafqualität verbessert sich, die Stresshormone sinken und die Chance auf ein längeres Leben wächst.
Der Einsatz von Oxytocin in der Medizin und die Grenzen der Supplementierung
Die pharmazeutische Industrie und die Medizin nutzen das Wissen um den gesundheitlichen Nutzen der Wohlfühl-Chemikalien. Moderne Antidepressiva zielen darauf ab, die Konzentration des Botenstoffs Serotonin an den Kontaktstellen der Nervenzellen im Gehirn wieder anzuheben. Zur Kreislaufstabilisierung werden Medikamente eingesetzt, die den Dopaminspiegel erhöhen. Oxytocin wird genutzt, um Wehen einzuleiten oder zu verstärken.
Inzwischen versucht die Forschung, mit dem Bindungshormon noch deutlich mehr anzufangen. Psychische Leiden, die von sozialen Defiziten geprägt sind, stehen dabei im Mittelpunkt: Menschen mit Autismus, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie soll das Kuschelhormon helfen, mit anderen mitzufühlen oder angstfrei Kontakte zu knüpfen.
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Allerdings ist es schwierig, das fein abgestimmte Zusammenspiel des Hormons mit anderen Botenstoffen durch die tägliche Gabe eines Sprühstoßes in die Nase nachzuahmen. Studien haben gezeigt, dass Oxytocin nicht immer die erwarteten positiven Auswirkungen hat und sogar negative Auswirkungen haben kann, wie z.B. die Verstärkung von Verlustängsten bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder die Erhöhung der Bereitschaft, Außenstehende zurückzuweisen.
Daher ist Oxytocin noch kein verwendbares Supplement und es gibt es auch noch nicht zu kaufen! Zwar verkaufen zahlreiche Anbieter Oxytocin in Form von Nasenspray, aber hier gilt: Finger weg! Zum einen ist bei diesen Nasensprays die Wirkstoffzusammensetzung nicht genau nachzuvollziehen und zum anderen steckt die Forschung, wie beschrieben, immer noch in den Kinderschuhen.
Wege zum Glück ohne Supplemente: Natürliche Strategien zur Förderung von Glückshormonen
Für Gesunde ist es einfacher, auf ganz natürliche Weise in den Genuss der Wohlfühlstoffe zu kommen. Eine schöne Unternehmung, die Spaß macht, kann die Bildung nicht nur des Kuschelhormons, sondern auch all der anderen Wohlfühlhormone anregen.
Körperkontakt und soziale Interaktion
Ein fester Händedruck zur Begrüßung, eine tröstende Umarmung zwischen Freunden oder der innige Kuss zweier frisch Verliebter: Berührungen sind fester Bestandteil des Lebens. Körperkontakt führt dazu, dass man sich dem anderen Menschen näher fühlt und erzeugt eine positive Atmosphäre, die zur Ausschüttung von Dopamin und Oxytocin führt. Auch der Blickkontakt kann ein Gefühl der Liebe auslösen und ein besonderes Gefühl von Verbundenheit entstehen lassen.
Haustiere
Der Mensch liebt seine Tiere. An Hunden konnte gezeigt werden, dass schon der Anblick, aber auch Berührungen und Streicheln bei den Besitzerinnen und Besitzern die Produktion von Oxytocin ankurbeln. Vergleichbares gilt vermutlich für Katzen und andere Haustiere. Der Stress lässt nach, der Blutdruck sinkt; und wer fleißig Gassi mit dem Vierbeiner geht, tut sowieso etwas für die Gesundheit.
Meditation und Achtsamkeit
Mentales Training kann Stress nachhaltig reduzieren. Haaranalysen belegen, dass das Level des Stresshormons Cortisol durch regelmäßige Übungen dauerhaft sinkt. Man fühlt sich wohler und ausgeglichener. Mit dem Stress sinkt das Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Kochen und Ernährung
Ein mit Freude gekochtes Essen ist generell beglückend. Kocht man mit Hühnchen, Soja, Avocado oder anderen Tryptophan-haltigen Lebensmitteln, liefert man seinem Körper den Grundstoff für das Glückshormon Serotonin gleich mit. Fett, Zucker und Stärke treiben den Serotoninspiegel hoch. Aber Achtung: So viel Genuss ist nur in Maßen gesund. Eine ausgewogene Ernährung kann die Produktion von Glückshormonen erheblich beeinflussen.
Arbeit im Freien und Nervenkitzel
Im Freien zu arbeiten ist befriedigend und manchmal sogar aufregend. Gemeinsam erlebter Nervenkitzel kann die Anziehungskraft des Gegenübers stärken. Die Kombination aus Adrenalin und gemeinsamem Spaß könnte das besondere Extra schaffen.
Freundlichkeit und soziales Engagement
Freundlichkeit ist eine wahre Superkraft, denn sie wirkt nicht nur direkt auf die eigene Gesundheit, sondern steckt gleichzeitig andere an. Helfe ich anderen oder zeige Mitgefühl, dann führt das zu einer Ausschüttung eines ganzen Hormoncocktails. Freundliches Verhalten stärkt das Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit und wirkt positiv auf unsere Lebenszufriedenheit.