Spastik, oft im Zusammenhang mit chronischen neurologischen Störungen und Verletzungen des primären motorischen Kortex stehend, resultiert in einer Muskelhypertonie und einem erhöhten Widerstand bei der Dehnung, sodass die Muskeln kontinuierlich kontrahiert bleiben. Es wird geschätzt, dass weltweit zwölf Millionen Menschen an Spastik leiden, wobei die infantile Zerebralparese und die Multiple Sklerose die häufigsten Ursachen sind. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Spastik, insbesondere im Hinblick auf die Hand, und bietet einen umfassenden Überblick über Symptome, Ursachen, Diagnose und aktuelle Behandlungsstrategien.
Was ist Spastik?
Spastik (auch bekannt als Spasmus oder Spastizität) leitet sich von dem griechischen Wort „spasmós“ ab und bedeutet Krampf. Aus medizinischer Sicht handelt es sich um eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung (auch Muskeltonus bezeichnet). Die Ursache für eine Spastik ist eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Die überaktive Muskulatur führt zu dauerhaften Fehlstellungen von Bewegungsabschnitten, somit Bewegungseinschränkungen - so genannten spastischen Lähmungen. In welchem Ausmaß die Muskulatur und die Gliedmaßen betroffen sind, ist von der Grunderkrankung und der individuellen Ausprägung der Symptome beim Patienten abhängig. Eine spastische Bewegungsstörung ist in aller Regel mit Einschränkungen der Beweglichkeit verbunden.
Grundlagen einer Spastik
Eine Spastik ist keine Krankheit, sondern ein Symptom (Krankheitszeichen) einer Schädigung des zentralen Nervensystems, bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Ursachen für eine Spastik können beispielsweise ein Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma sein. Doch nicht nur plötzliche Traumata können die Ursache für eine Spastik sein, auch chronische neurologische Störungen können früher oder später zu spastischen Lähmungen führen. In jedem Fall ist es wichtig, dass der behandelnde Arzt die genaue Ursache für die Spastik diagnostiziert.
Eine Spastik kann für die Betroffenen mit starken Beeinträchtigungen ihres Alltags und einem hohen Leidensdruck verbunden sein. Nicht selten kommt es durch die Muskelsteifigkeit auch zu schmerzhaften und entstellenden Körperhaltungen.
Die Symptome der Spastik können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Verschiedene Betroffene können daher ähnliche Symptome aufweisen, aber völlig andere Einschränkungen in ihrem Alltag erleben. Eine individuelle Betrachtung der Symptome einer spastischen Lähmung ist somit unerlässlich.
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Spastik ist nicht gleich Spastik. Spastische Lähmungen können in unterschiedlichem Schweregrad und Ausmaß sowie mit unterschiedlichen Begleiterscheinungen auftreten. Dies ist bei jedem Betroffenen unterschiedlich und muss daher individuell untersucht werden. Da die Spastik mit einer Einschränkung der Beweglichkeit einhergeht, bezeichnet man sie auch als spastische Lähmung oder spastische Parese.
Eine spastische Lähmung kann sich als leichte Muskelsteifigkeit mit nur geringen Bewegungseinschränkungen oder als dauerhafte Muskelverkrampfung mit schweren Einschränkungen bis hin zur vollständigen Bewegungsunfähigkeit äußern. Der Schweregrad der Spastik hängt davon ab, wie stark die Bereiche des Gehirns bzw. des Rückenmarks geschädigt sind. Doch nicht nur die Stärke der Symptome einer Spastik sind davon abhängig. Auch die Verortung, also wo am Körper es zu den Verkrampfungen kommt, wird dadurch bestimmt.
Formen und Ursachen der Spastik
Die spastische Bewegungsstörung kann verschiedene Ursachen haben, die häufig in einer Schädigung des zentralen Nervensystems liegen. Die Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks kann zahlreiche Ursachen haben, z. B. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Multiple Sklerose, Zerebralparese, Rückenmarkverletzungen, Hirntumor.
Eine Spastik kann somit sowohl im Erwachsenen- als auch im Kindes- und Jugendalter auftreten. In Deutschland sind schätzungsweise 800.000 Personen betroffen, darunter ca. 50.000 Kinder. Die Spastik kann zeitnah oder mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten nach der eigentlichen Schädigung des Zentralnervensystems auftreten. Eine sehr häufige Ursache für eine Spastik ist ein Schlaganfall bzw. Hirninfarkt. In Deutschland erleiden jährlich 250.000 Menschen einen Schlaganfall (Stiftung dt. Schlaganfall-Hilfe). Bei mehr als einem Viertel entwickelt sich nach einer Zeitspanne von ca. 3-6 Monaten eine Spastik (auch als spastische Lähmung oder Spastizität bezeichnet).
Klassifikation der Spastik nach Ausmaß
Spastische Lähmungen können einzelne Muskeln oder ganze Körperbereiche betreffen. Dabei unterscheidet man bei dem Ausmaß der Spastik zwischen zwei Kategorien: fokale Spastik und generalisierte Spastik.
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- Fokale Spastik: Die Spastik ist auf eine einzelne Körperregion, beispielsweise das Handgelenk, den Fuß oder die Zehen, begrenzt.
- Multifokale Spastik: Die Spastik betrifft zwei oder mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen, die nicht dicht beieinanderliegen, zum Beispiel Arm und Bein.
- Generalisierte Spastik: Die Spastik betrifft den ganzen Körper.
Je nach Verteilung über den Körper unterscheidet man:
- Hemispastik: Von der Lähmung sind sowohl ein Bein als auch ein Arm einer Körperseite betroffen.
- Paraspastik: Die Spastik betrifft beide Beine. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie.
- Tetraspastik: Beide Beine und Arme sind von der Spastik betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.
Weitere Symptome einer Spastik
Eine Spastik kann von weiteren Symptomen begleitet sein, die ebenfalls durch die Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks verursacht sind:
- Schmerzen und / oder Sensitivitätsstörungen
- Insbesondere bei einer Spastik nach Schlaganfall kommt es neben der spastischen Lähmung häufig zu einer halbseitigen schlaffen Lähmung, die den Arm und das Bein einer Körperhälfte betrifft.
Die Symptome einer Spastik hängen damit zusammen, wo und wie stark das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) geschädigt ist. Dementsprechend können die damit verbundenen funktionellen Beeinträchtigungen von nur leichten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bis zu einer vollständigen körperlichen Behinderung reichen.
Symptome der Spastik in der Hand
Das zwanghafte Beugen und Verkrampfen von Fingern, Händen und Ellenbogen ist charakteristisch für eine spastische Bewegungsstörung. Oft tritt in diesem Zusammenhang eine Steifheit auf, die die Beweglichkeit einschränkt. Die dauerhafte Muskelanspannung macht es beispielsweise schwierig, die Hand zu öffnen und zu schließen.
Eine Armspastik äußert sich an den Schulter- sowie Ellbogen-, Hand- und Fingergelenken.
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Wie fühlt sich eine Spastik an?
Als Spastik bezeichnet man eine erhöhte Muskelspannung, die durch eine fehlerhafte Übertragung der Nervenimpulse an die Muskulatur zustande kommt. Der Muskel spannt sich bei Aktivität zu stark an und die Anspannung ist nicht so fein dosierbar wie normal. Manchmal werden zudem Gegenmuskeln mitangespannt, was zu weiteren Problemen führt. Die Spastik kann ganz plötzlich eintreten und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Im Rahmen einer Spastik können auch rhythmische Zuckungen auftreten. Diese sogenannten Kloni, die oft ein Bein betreffen, können Sie nicht willentlich unterdrücken. Lähmungen der Arme oder Beine sind in einem frühen Krankheitsstadium meist nur leicht ausgeprägt.
Anzeichen einer Spastik
Damit eine spastische Lähmung frühzeitig erkannt und behandelt werden kann, ist es wichtig, auf bestimmte Anzeichen zu achten, die auf eine Spastik hinweisen.
Sie selbst können eine Spastik erkennen, wenn Sie bemerken, dass:
- Ihre Muskeln häufiger verhärtet sind oder verkrampfen,
- die Kraft einzelner Muskeln schwächer ist,
- Ihre „Geschicklichkeit“ im Alltag nachlässt,
- Sie sich morgens nicht erholt fühlen.
Zögern Sie nicht, solche Beschwerden Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt oder dem Behandlungsteam gegenüber zu äußern. Nur eine genaue Diagnostik kann zeigen, ob eine Spastik vorliegt. Und nur dann kann die Therapie früh beginnen.
Diagnose einer Spastik
Wie wird eine Spastik vom Arzt diagnostiziert? Zur Diagnose einer Spastik untersucht der Arzt den Patienten zunächst körperlich. Zusätzlich wird er wahrscheinlich einige neurologische Tests durchführen und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) anwenden.
Wichtige Informationen, um die Diagnose Spastik stellen zu können, liefern die Patient*innen selbst. Richten Sie sich für Ihr Gespräch mit Ihrer Ärztin bzw. Ihrem Arzt nach folgenden Fragen:
- Seit wann haben Sie die Beschwerden?
- Wie äußern sich die Beschwerden?
- Sind die Beschwerden plötzlich oder langsam entstanden?
- Gibt es bestimmte Auslöser, die die Beschwerden verstärken?
- Leiden Sie unter weiteren Beschwerden?
- Nehmen Sie Medikamente ein?
Die Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen. Ferner kann anhand von Bewertungsskalen das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden.
Objektive Beurteilung
Die Untersuchung und Einschätzung übernehmen meist Physiotherapeut*innen.
- Muskeltonus (Messung des Grades der Anspannung der Muskulatur z.B. Die Schmerzintensität
- (Modifizierte) Ashworth-Skala (MAS): Diese Methode kann die Spastizität von Muskeln beurteilen. Solche Skalen erlauben, dass alle Beteiligten die Ausprägung einer Spastik besser einschätzen und bezeichnen können. Die NRS wird auch eingesetzt, um die Stärke von Schmerzen zu erfassen.
Die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987) ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.
Differentialdiagnose: Rigor vs. Spastik
Rigor ist ein Begriff aus der Medizin und bedeutet, dass Muskeln stark angespannt sind. Rigor: Der Widerstand der Muskeln bleibt gleich - egal, wie stark oder schnell die Muskeln bewegt werden.
Behandlung von Spastik
Spastik kann nicht geheilt werden, aber sie kann behandelt werden. Die Prävention ist sehr wichtig, um größere Störungen wie dauerhafte Kontrakturen oder Knochendeformationen zu vermeiden. Für die Behandlung gibt es Therapien mit und ohne Medikamente. Für die Auswahl einer medikamentösen Behandlung ist entscheidend, wo die Spastik am Körper vorkommt und ob sich eine zugrundeliegende Schädigung im Rückenmark oder im Gehirn befindet. Vor diesem Hintergrund müssen Nutzen und Nebenwirkungen, Akzeptanz und Umsetzbarkeit einer Behandlung gründlich abgewogen werden.
Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze
- Positionierung: Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Das Prinzip dahinter beruht darauf, dass sich ein Muskel bei Kontraktion in einen „Muskelbauch“ zusammenzieht, wie es etwa bei einem angespannten Bizeps sichtbar wird. Durch gezielte Streckung wird dieser Muskelbauch minimiert, was eine Kontraktion erschwert und spastische Reaktionen hemmt. Studien zeigen, dass eine optimierte Positionierung der Gliedmaßen nicht nur die Spastik reduzieren, sondern auch die allgemeine Mobilität und Stabilität der Betroffenen verbessern kann.
- Physio- und Ergotherapie: Hauptansprechpartner hierfür sind Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Diese zeigen Ihnen, wie Sie z. B. durch aktives und passives Bewegen der Muskulatur der Spastik entgegenwirken können. Bewährt haben sich dabei Fahrrad- und Laufbandtraining. Teilweise kann das Training auch motorgetrieben ohne Widerstand erfolgen. Auch spezielle neurophysiologische Behandlungen, wie etwa die PNF-, Bobath- oder Vojta-Therapie, wirken unterstützend. Besonders wichtig sind zudem gezielte krankengymnastische Übungen, damit Sie eine Fehlstellung der Gelenke und Schmerzen vermeiden. Physio- und Ergotherapien können dafür sorgen, dass die Beweglichkeit gefördert und Kontrakturen vermieden werden. Ziel der Ergotherapie ist es zudem, die Feinmotorik zu verbessern, damit der Alltag leichter bewältigt werden kann. Günstige Effekte auf Spastik haben systematisches Arm-Basis-Training, häufige Wiederholungen und die Kombination mit muskulärer Elektrostimulation. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie. Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.
- Hilfsmittel: Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
- Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw. Electroacupuncture erzielt.
- Magnetstimulation und Stoßwellentherapie: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS). Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
- Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie z. B. Progressive Muskelentspannung.
- Bewegung und Sport: Trainieren Sie Ihre Muskulatur (z. B. mit Yoga).
Medikamentöse Behandlung
Die Verabreichung von verschriebenen Medikamenten wie Baclofen, Benzodiazepinen, Dantrolen oder Tizanidin. Obwohl diese Therapie wirksam ist, hat sie verschiedene Nebenwirkungen, wie Schläfrigkeit, Übelkeit oder Müdigkeit. Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie.
- Dantrolen: Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel. Dantrolen sollte wegen der potenziell toxischen Leberschädigung und der Verstärkung bestehender Lähmungen nur eingesetzt werden, wenn es keine bessere Alternative gibt und die Symptome es wirklich erfordern.
- Sativex®: Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen.
- Botulinumtoxin (BoNT): Bei fokaler Spastik (ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente sind betroffen, z. B. BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren. Schließlich mehren sich Daten, dass sich eine Spastik nach Schlaganfall durch eine frühzeitige Injektion in reduzierter Dosis vermeiden lässt. Nebenwirkungen sind unter BoNT in den empfohlenen Dosisbereichen pro Muskel und Injektionssitzung selten. Es kann zu Lähmungen kommen (wenn der falsche Muskel getroffen oder zu viel BoNt gespritzt wird). Möglich sind auch Effekte wie Mundtrockenheit oder eine allgemeine Schwäche und lokalen Problemen (Bluterguss und lokale Schmerzen). Bei wiederholtem Einsatz können neutralisierende Antikörper im Blut von Betroffenen können die Wirkung von BoNT abschwächen oder aufheben. Das kommt bei etwa 6 Prozent der Patienten mit Spastik-Behandlung vor. Das Risiko für das Auftreten neutralisierender Antikörper steigt mit der langjährigen Gesamtdosis und wenn das Behandlungsintervall kürzer als drei Monate ist.
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal). Typische und erfolgversprechende Fälle sind Betroffene mit schwerer Spastik nach Rückenmarksverletzungen oder Hirnschädigung, Menschen mit Paraspastik oder multisegmentaler Spastik sowie Hemispastik mit einschießenden Tonussteigerungen. Patienten mit länger zurückliegendem Schlaganfall und Spastik profitieren von einer ITB im Vergleich zur Therapie mit Tabletten und Spray. Auch für Querschnittgelähmte ist die gute Wirksamkeit belegt. Die Indikation für eine ITB sollte erst erfolgen, wenn andere Behandlungen nicht zufriedenstellend waren. Unerwünschte Wirkungen können Infektionen und lokale Flüssigkeitsansammlungen (Serome) beinhalten. Die Diagnose und Betreuung bei Patienten mit ITB sollte daher von einem interdisziplinären Team mit ausgewiesener Kompetenz erfolgen. Die Abklärung und Behandlung von Nebenwirkungen und Komplikationen sollte zu jeder Zeit gewährleistet sein. Leichtere Nebenwirkungen in der Test- und Einstellungsphase verschwinden im Verlauf meist von alleine. Schwere Nebenwirkungen und Komplikationen können im Einzelfall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
Spastik-Medikamente, die im Zentralnervensystem wirken, führen dosisabhängig relativ häufig zu Müdigkeit, Antriebsminderung oder einer störenden Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Erhöhung der Dosis vorsichtig erfolgen. Die Verbesserungen einer Spastik mit Tabletten und Spray sind zwar messbar, werden von Betroffenen aber nicht immer im Alltag wahrgenommen. Für Tolperison gegenüber Baclofen und für Tizanidin gegenüber Diazepam wurden jedoch auch Alltagsvorteile für Schlaganfall-Betroffene beschrieben.
Chirurgische Verfahren
Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
MyoPro® Orthese
Eine unbehandelte spastische Lähmung kann zu weiteren Schädigungen führen. Diese können den Körper auf lange Sicht zusätzlich behindern, da sich die Muskeln verkürzen, die Beweglichkeit eingeschränkt werden und auch die Gelenke in eine dauerhafte Fehlstellung geraten können. Daraus kann eine Unselbstständigkeit resultieren, die die Betroffenen im Alltag stark einschränken kann. Beispielsweise kann das eigene Ankleiden, Kochen, Körperhygiene oder andere alltägliche Aufgaben nur schwer oder gar nicht alleine bewältigt werden. Unterstützung durch Außenstehende kann das Erledigen der Aufgaben erleichtern. Nicht jeder Betroffene möchte jedoch auf Hilfe von außen angewiesen sein. Aus diesem Grund hat Myomo die MyoPro® Orthese entwickelt. Sie kann bei einer spastischen Lähmung in Hand und Arm unterstützen und dadurch eine Beidhändigkeit ermöglichen, sodass Kochen, Essen, Ankleiden und andere Aufgaben wieder selbstständig erledigt werden können. Durch die sich wiederholenden Bewegungen kann die myoelektrische Orthese zudem eine Fehlstellung der Gelenke sowie Verkürzung der Muskeln vorbeugen.
Faktoren, die eine Spastik verstärken
Eine Spastik kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst und/oder verschlimmert werden. Typische Trigger sind: Emotionale Anspannung wie Angst, Wut, Stress, Verzweiflung oder Trauer, Schmerzen, Entzündungen/Infekte (Erkältung, Harnwegsinfekt), Erhöhte Körpertemperatur, Fieber, Kälte, Stuhl- und Harndrang, Verdauungsstörungen, Zu enge Kleidung oder Schuhe, Abrupte Bewegungsänderungen, Immobilität, Schlechte Körperhaltung, zum Beispiel durch falsch angepasste Hilfsmittel (Orthesen, Rollstuhl), Thrombosen, Frakturen und Dekubitalulzera.
Die spastikverstärkenden Faktoren sind individuell verschieden. Zuweilen ist trotz ausführlicher Anamnese kein eindeutiger Grund feststellbar.
Leben mit Spastik: Tipps und Strategien
- Frühzeitige Diagnose und Behandlung: Die Nachsorge nach einem Schlaganfall dient zum einen der frühzeitigen Erkennung und Behandlung einer möglichen Spastizität. Zum anderen werden auch Risikofaktoren identifiziert, die zu einem Schlaganfall geführt haben. So soll weiteren Schlaganfällen vorgebeugt werden. Die meisten SchlaganfallpatientInnen durchlaufen eine stationäre neurologische Rehabilitation. Wichtig ist nach der Akutversorgung ein langfristiges Behandlungskonzept. Infolge einer Spastik kommt es zunehmend zu einer Veränderung von Muskeln und Gewebe. Dies führt zur eingeschränkten Beweglichkeit und Fehlhaltungen der Gelenke. Um die Muskeln und Bewegungsfähigkeiten zu erhalten, ist es wichtig eine Spastik frühzeitig zu erkennen.
- Selbstmanagement: Machen Sie sich Ihre aktuelle Situation klar. Ordnen Sie Ihre Anspannung auf eine Skala von 1-10 ein. Was könnte der Auslöser sein? Hängt ihre Anspannung mit bestimmten Tageszeiten oder Orten zusammen? Atemübungen für 1 Minute können überall und jederzeit durchgeführt werden. Nehmen Sie bewusst Anspannung und Entspannung in Ihrem Körper wahr.
- Achten Sie auf Veränderungen: Im Laufe der Erkrankung können sich Ihre Symptome verändern. Sowohl in ihrer Ausprägung als auch in der Häufigkeit. Achten Sie auf Veränderungen und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie dies bemerken. Zu einer langsam fortschreitenden Krankheitsverschlechterung kann es beispielsweise kommen, wenn eine schubförmige MS (RRMS) in eine sekundär progrediente MS (SPMS) übergeht.